„Ich habe gedacht, ich breche zusammen und werde ohnmächtig“

Eine Frau sagt, sie sei von ihrem Fahrlehrer sexuell belästigt worden. Er streitet das ab. Vier Jahre danach arbeitet er noch immer in demselben Beruf. Sie will sich nicht damit abfinden. Wie findet man Gerechtigkeit, ohne ein Gerichtsverfahren? Und wie kann man heilen, wenn man dem mutmaßlichen Täter immer wieder begegnet?

    „Ich habe gedacht, ich breche zusammen und werde ohnmächtig“

    Eine Frau sagt, sie sei von ihrem Fahrlehrer sexuell belästigt worden. Er streitet das ab. Vier Jahre danach arbeitet er noch immer in demselben Beruf. Sie will sich nicht damit abfinden. Wie findet man Gerechtigkeit, ohne ein Gerichtsverfahren? Und wie kann man heilen, wenn man dem mutmaßlichen Täter immer wieder begegnet?

    Eine Fahrstunde:

    „Das ist aber arschkalt heute“, sagt Hannah.

    „Komm mal hoch“, sagt der Fahrlehrer und hält seine Hand unter sie.

    „Was denn?“, fragt sie.

    „Ich wollte mal unter deinen Arsch fassen, ob er schon kalt ist.“

    Der Mann, der das gesagt haben soll, führt eine große Fahrschulkette in Braunschweig. 2014 war er drei Monate lang Hannahs Fahrlehrer. Immer wieder hätten sie und andere Fahrschülerinnen sich während dieser Zeit solche Sprüche anhören müssen. Mindestens einmal habe er sie auch angefasst, sagt Hannah, die aus Angst vor einer Verleumdungsklage nur unter geändertem Namen in diesem Artikel erscheinen will.

    Seit vier Jahren kämpft Hannah dafür, dass ihr ehemaliger Fahrlehrer keine Fahrschülerinnen mehr unterrichten darf – ohne Erfolg. Andere Fahrlehrer haben ihn bereits mehrmals wegen verschiedener Verstöße angezeigt. Einige von ihnen fühlen sich von ihm bedroht. Doch bisher sieht die Staatsanwaltschaft keinen Anlass für Ermittlungen.

    Auf Anfrage von BuzzFeed News schreibt der Mann: „Grundsätzlich nehmen wir zu den von Ihnen angeführten Vorwürfen keine Stellungnahme mehr.“ Die Vorwürfe seien allesamt bereits von verschiedenen Medien aufgegriffen worden. Weiter heißt es in der E-Mail: „Alle gegen mich gerichteten Anschuldigungen wurden von den zuständigen Behörden (Straßenverkehrsamt, Finanzamt und Generalstaatsanwaltschaft) überprüft und sind allesamt eingestellt worden, da Ermittlungen die entsprechenden Vorwürfe nicht bestätigt haben.“

    Nach Informationen von BuzzFeed News hat es wegen sexueller Belästigung allerdings nie eine Anzeige gegen den Fahrlehrer gegeben – und damit auch keine Ermittlungen, welche die Vorwürfe entkräftet haben könnten.

    Und so hat er hat noch immer viele Fahrschulen in Braunschweig. Sie ekelt sich noch heute jedes Mal, wenn sie ihn sieht.

    Er schickte ihr eine Unterlassungsaufforderung. Sie sucht nach weiteren Frauen, die von ihm belästigt worden sein sollen.

    Er zeigte sie wegen Verleumdung an. Eine Sachbearbeiterin der Stadt drohte, ihr den Führerschein wegzunehmen.

    Hannahs Geschichte mag ein Einzelfall sein. Aber sie zeigt, welche langfristigen Konsequenzen auch andauernde verbale Belästigung für Betroffene haben kann. Und wie schwer es ist, sich gegen sexuelle Belästigung zur Wehr zu setzen.

    Hannah hat alles getan, was Experten in einen solchen Fall empfehlen. Sie hat sich nach den Fahrstunden Notizen gemacht. Sie hat versucht, weitere Betroffene zu finden. Sie hat in den Medien darüber gesprochen und mit Politikern. Sie hat mit dem Fahrlehrerverband Niedersachsen und mit Vertretern der Stadt gesprochen. Und trotzdem ist er immer noch da. Jedes Mal, wenn sie ihn in Braunschweig trifft, wird sie daran erinnert.

    Ein ständig wiederkehrendes Gefühl der Ohnmacht

    Es ist ein heißer Sommernachmittag im Juni 2018, als Hannah mit dem Yorkshire-Terrier ihrer Nachbarin Gassi geht. Da biegt ihr ehemaliger Fahrlehrer mit seinem Auto in die Straße vor ihr ein. Sie bekommt sofort Angst. Ihr Herz beginnt schneller zu schlagen. Der Hund bleibt stehen. Der Fahrlehrer in seinem Auto auch. Er steigt aus, geht an Hannah vorbei und überquert die Straße. Die Begegnung dauert nur wenige Minuten. Und trotzdem wirft sie Hannah völlig aus der Bahn.

    Sie spürt einen Adrenalinstoß. Ein Gefühl, dass sich von der Mitte der Brust ausbreitet und in den ganzen Körper strahlt, gegen das sie sich nicht wehren, dass sie nicht kontrollieren kann. Es fühlt sich an, als stehe sie unter Strom. Gleichzeitig fühlt sie sich schwach. Ihr Körper spielt verrückt, schaltet in den Kampfmodus. „Ich habe da gedacht, ich breche zusammen und werde ohnmächtig“, sagt Hannah BuzzFeed News Deutschland kurz danach in einer Sprachnachricht. Der Mann geht weiter. Sie bleibt aufgewühlt zurück.

    Begegnungen wie diese bringen all die Erinnerungen wieder und wieder hoch, sagt sie. Erinnerungen daran, wie ihr Fahrlehrer sie erniedrigt haben soll. Hannah fällt mehrfach durch die Prüfung, weil sie sich nicht konzentrieren kann. Als sie sagt, dass sie Angst vor der Prüfung habe, sagt er angeblich:

    „Dann schlafe ich heute bei dir, dann geht es dir morgen besser.“

    Nach der Begegnung auf der Straße nimmt Hannah eine WhatsApp-Nachricht auf, die sie an BuzzFeed News schickt. Sie sagt darin: „Es sitzt halt noch ganz tief in mir drin irgendwie.“ Aus ihrem Umfeld heißt es immer wieder: Lass es gut sein. Du hast doch deinen Führerschein. Er hat dich doch nicht vergewaltigt. Hannah macht das wütend. „Das müsste man ihm ja eigentlich sagen, dass es langsam mal gut ist. Nicht mir.“

    Menschen, die ihr nahestehen, können nicht nachvollziehen, warum die verbale Belästigung sie so mitgenommen hat und immer noch mitnimmt. Dabei ist das, was Hannah erlebt und fühlt, überhaupt nicht ungewöhnlich. Wie bei vielen Menschen, die Belästigung erlebt haben, reagiert ihr Körper mit Stress, wenn sie sich an die Situation erinnert fühlt oder ihren ehemaligen Fahrlehrer sieht. Es ist ein immer wiederkehrendes Gefühl der Ohnmacht.

    Hannahs Mutter sagt: „Dein ganzer Kampf hat sich zwar gelohnt, aber du siehst, es bringt nicht wirklich viel. Wir können ihn nicht zu Fall bringen.“

    Deshalb spricht Hannah vier Jahre später mit BuzzFeed News, über Monate, immer wieder. Teilt ihre Tagebucheinträge von damals, schickt Dutzende E-Mails, WhatsApp- und Sprachnachrichten, vermittelt Gespräche mit ihrer besten Freundin, ihrer Mutter, anderen Fahrlehrern in Braunschweig, der Frauenberatung.

    Dieses Durchhaltevermögen hat sie sich hart erarbeiten müssen. 2014 war sie keine besonders selbstbewusste junge Frau. Das sagen Freunde und ihre Mutter. Eher still, schüchtern, unauffällig mit ihren langen blonden Haaren und der Brille.

    Heute aber will sie nicht akzeptieren, dass ihr Leben davon bestimmt wird, was ihr vor vier Jahren geschah – und der Fahrlehrer weiter machen darf wie vorher.

    Es ist ihr Versuch, die Kontrolle wiederzuerlangen. Während der Recherche meldet sie sich dutzende Male bei BuzzFeed News. Wenn ihr noch etwas eingefallen ist, wenn sie ihren Fahrlehrer getroffen hat, wenn sie etwas richtig stellen will. „Ach wie schön“, sagt sie jedes Mal laut, wenn sie anruft und klingt dann ganz wie ihre Mutter.

    21. September, Betreff: Noch ein paar Infos

    25. September, Betreff: Noch eine Sache

    25. September, Betreff: Vielleicht findest du das auch wichtig

    Oft schreibt sie: Ich hoffe, ich nerve dich nicht. Bei den Treffen strahlt sie eine unglaubliche Kraft und Geduld aus. Übergibt Kopien von Anwaltsschreiben, ordnet ein, erklärt. Erzählt, dass sie bald selbst als Frauenberaterin arbeiten will, dass die Erfahrung sie nicht nur verletzt, sondern auch stark gemacht habe. Weil sie heute weiß, dass sich niemand für sie einsetzen wird, wenn sie es nicht selbst tut. Sie sagt: „Ich glaube, ganz abschließen kann ich nur, wenn er nicht mehr arbeitet und wenn er aufhört, Frauen das Leben zur Hölle zu machen.“

    Auch nach MeToo müssen sich Betroffene oft damit abfinden, dass sie den Männern, von denen sie belästigt wurden, weiter ausgesetzt sind

    Pascale Müller/BuzzFeed News

    Die MeToo-Debatte ist ein Jahr her. Immer wieder hieß es seitdem: Schon Vorwürfe sexueller Belästigung würden Karrieren der mutmaßlichen Täter zerstören. „MeToo darf nicht zur Hexenjagd werden“, titelt die Augsburger Allgemeine Zeitung. Im Fall des Braunschweiger Fahrlehrers gab es nichts davon: Weder eine sogenannte Hexenjagd noch ein Karriereende, und erst recht keine Aufarbeitung. Es scheint, als hätten die Vorwürfe ihm gar nichts angehabt. Er ist nicht der Einzige.

    MeToo-Fälle wurden auch in Deutschland öffentlich. Ernsthafte Konsequenzen gab es für die wenigsten. Gegen Regisseur Dieter Wedel ermittelt die Münchner Staatsanwaltschaft wegen einer nicht verjährten Sexualstraftat. Der ehemalige Leiter des Weißen Rings muss sich wegen Körperverletzung und sexueller Nötigung vor dem Landgericht Lübeck verantworten.

    Im Gegensatz dazu musste zum Beispiel der WDR die Kündigung gegen den Ex-Fernsehspielchef Gebhard Henke wegen sexueller Belästigung ultimativ zurücknehmen, obwohl der Sender die Schilderungen von Frauen für glaubwürdig hielt.

    Oft müssen sich Betroffene damit abfinden, dass sie den Männern, von denen sie belästigt wurden, weiter ausgesetzt sind. Sie treffen sie an ihrem Arbeitsplatz, im Freundeskreis oder wie Hannah beim Spazierengehen in der Stadt. Momente, in denen die Betroffenen immer wieder herausgerissen werden aus ihrem Heilungsprozess. Jede Begegnung ist ein Schritt zurück.

    „Wenn du morgen nicht bestehst, versohl' ich dir deinen blanken Arsch“

    Herbst 2014. Hannah steht am Fenster und wartet auf ihren Fahrlehrer. Zwanzig Minuten noch. Eine Viertelstunde. Zehn Minuten. Unruhig sei sie gewesen, sagt ihre Mutter. Sie habe „ganz dolle angespannt“ gewirkt. Und traurig.

    „Ist alles okay?“, fragt ihre Mutter.

    „Ja Mama, alles okay“, sagt Hannah.

    Und steht weiter am Fenster. Nur beim Gedanken an die Fahrstunde hat sie Bauchschmerzen. Vielleicht hat sie Angst vorm Autofahren, denkt die Mutter. Hannah sei ein schüchternes Mädchen gewesen. Nach den Fahrstunden sei Hannah sofort in die Badewanne gegangen. Lange. Hannah versucht, das Erlebte wegzuwaschen, abzuspülen.

    Hannahs Notizen über eine abendliche Autobahnfahrt:

    Ich sage: „Darf ich hier 130 fahren?“

    Er: „Ja, warum sagst du das jetzt?“

    Ich: „Ich wollte nur sicher gehen…“

    Er: „Oh du bist so lieb!“

    Dann soll der Mann sie am Kopf angefasst haben, schreibt Hannah weiter. Es können nur wenige Sekunden gewesen sein, aber für sie habe es sich länger angefühlt. Sie habe Angst bekommen, sei wie gelähmt gewesen, allein mit ihm im Auto auf der Autobahn. Sie habe nicht anhalten, nicht aussteigen können.

    Sean Gallup / Getty Images

    Autobahn nahe Braunschweig (Symbolbild).

    Sie sei nicht mehr an sie herangekommen, sagt die Mutter. „Da hab ich sie gelassen, ich wusste ja nicht, was der Hintergrund war.“

    In der Schule kann Hannah sich nicht mehr richtig konzentrieren. Fühlt sich, als ob sie gar nicht richtig anwesend ist. Ihre Mitschüler sprechen sie darauf an. Warum sie so angespannt sei, so aggressiv, fragen sie. Hannah weiß damals selbst nicht genau, was mit ihr los ist. Nur, dass es mit ihrem Fahrlehrer zu tun hat.

    Der zu ihr gesagt haben soll: „Wenn du morgen nicht bestehst, versohl ich dir deinen blanken Arsch.“ Oder: „...du würdest doch auch mit mir schlafen.“ Der ihr in die Haare gefasst haben soll. So schildert es Hannah.

    BuzzFeed News hat den Fahrlehrer mehrfach gebeten, etwas zu diesen Vorwürfen zu sagen, doch der lehnte ab.

    Warum hast du ihm nicht gesagt, dass du das nicht möchtest? Das hört Hannah in den folgenden Jahren oft. In Gesprächen mit BuzzFeed News sagt sie: „Ich habe ihm gesagt, ich wünschte, ich könnte jetzt eine Mauer zwischen uns hochziehen.“ Wie viel deutlicher muss ein Nein sein, damit es als Nein gilt?

    „Sexismus? Ich wusste nicht, was das ist“

    Dass das, was ihr passiert ist, sexuelle Belästigung ist, versteht Hannah erst sehr viel später. „Mit Sexismus habe ich mich bis dahin noch nie auseinander gesetzt, ich wusste nicht, was das ist, ich konnte das nicht definieren“, sagt Hannah vier Jahre später. Sie sitzt in einem Kaffee in Braunschweig, isst ein großes Stück Torte. Sie ist mit dem Fahrrad gekommen.

    Es habe sich angefühlt, als ob sie auf einmal eine schwere Krankheit befallen hätte, sagt sie. Auch das hat sie mit vielen, vor allem jungen Betroffenen von sexualisierter Belästigung und Gewalt gemeinsam, die oft nicht einordnen können, was mit ihnen passiert. Stattdessen schämen sie sich, denken, sie trügen eine Mitschuld.

    Ihre Mutter denkt lange: Meine Tochter ist einfach schüchtern. Sexuelle Belästigung, darauf wäre sie nicht gekommen. „Man denkt nicht, dass das einen betrifft“, sagt sie heute. „Man sieht das im Fernsehen, aber man denkt: Hier gibt es das nicht.“

    Eine der ersten, mit der Hannah darüber spricht, ist ihre Freundin Desirée. Die beiden kennen sich über den Tierschutz. Auch Desirées Name ist geändert. „Ich habe gesagt: Das ist etwas, das darfst du dir nicht gefallen lassen. Das ist widerlich“, erinnert Desirée sich. Die beiden telefonieren häufig und lang. Oft habe Hannah geweint. „Ich muss auch gestehen, ich war auch sehr wütend auf ihre Eltern“, sagt Desirée. Weil die die Situation nicht erkannt hätten. „Ich habe ihr gesagt: Niemand hat das Recht, so mit dir zu reden“, sagt Desirée.

    Erst nachdem sie ihre Führerscheinprüfung hinter sich hat, stößt Hannah im Internet auf einen Text der Feministin Anne Wizorek. Und auf ein Wort: #Aufschrei. Unter dem Hashtag hatte Wizorek 2013 Frauen dazu aufgerufen, ihre Erfahrungen mit sexueller Belästigung und Sexismus zu teilen. Hannah liest und versteht plötzlich, was mit ihr passiert ist. Über einen Artikel in der Vice kommt sie mit Wizorek in Kontakt.

    „Mama, warum hast du nichts gemerkt?“

    Stephanie Pilick/dpa

    Die Initiatorin der Kampagne #Aufschrei, Anne Wizorek während der Re:publica 2013 in Berlin.

    „Natürlich ist das erst einmal schmerzhaft, wenn man dann merkt: Das, was ich erlebt habe, das war ein sexueller Übergriff“, sagt Anne Wizorek in einem Telefonat mit BuzzFeed News. „Das ist mir auch so gegangen, als ich begonnen habe, mich mit Feminismus zu beschäftigen. Aber es kann auch eine Stärke darin liegen, wenn jemand etwas in Worte fasst, das du eh schon als Bauchgefühl hattest und dir dann einfach mal glaubt.“

    Auch Hannah will, dass ihr geglaubt wird. Und sie will reden. „Es war teilweise so, wir konnten eigentlich den ganzen Tag über nichts anderes sprechen“, sagt ihre Mutter. Gleichzeitig sei sichtbar geworden, wie traumatisch das Erlebte für ihre Tochter war. Sie habe Angst gehabt, einkaufen zu gehen. Weil der Fahrlehrer immer in den nahegelegenen Supermarkt gehe und sie sich davor gefürchtet habe, auf ihn zu treffen.

    „Mama, warum hast du nichts gemerkt?“, habe Hannah sie vor einiger Zeit gefragt. Das fragt sich die Mutter selbst. Anderen Eltern rät sie, viel hellhöriger zu sein. Sobald man merke, dass das Kind sich unwohl fühle, solle man sofort die Fahrschule wechseln.

    „Muss erst etwas passieren?“, fragt sie sich. „Muss erst jemand vergewaltigt werden?“

    Auch verbale Belästigung kann traumatisieren und verletzen

    An Hannahs Geschichte zeigt sich auch, wie schwierig es für Betroffene ist, ihrer Umwelt klar zu machen: auch nicht-körperliche Übergriffe verletzen.

    Anne Wizorek sagt: „Ein sexualisierter Übergriff muss nicht erst eine Vergewaltigung sein, um zu erniedrigen, zu traumatisieren und zu verletzen. Gewalt hat viele Formen. Gerade solche Hashtags wie #MeToo und #Aufschrei sind ja nötig, damit ein Bewusstsein dafür hergestellt wird.“

    Seit November 2016 gilt sexuelle Belästigung in Deutschland als eigener Straftatbestand. Die Anzeigen solcher Delikte sind seitdem deutschlandweit gestiegen. Hannah hat ihren Fahrlehrer nie angezeigt – auch, weil das 2014, unter dem alten Gesetz, vermutlich nichts gebracht hätte.

    Stattdessen schickt ihr der Anwalt des Fahrlehrers im Juli 2016 eine Unterlassungserklärung zu. BuzzFeed News liegt das Dokument vor. Hannah soll nicht mehr behaupten, dass der Mann sich übergriffig verhalten habe, wird darin gefordert. „Sie rief mich total verheult an, hat sich total unter Druck gesetzt gefühlt“, erinnert sich Hannahs Freundin Desirée. „Ich hab ihr gesagt, atme tief durch, such dir einen Anwalt.“ Hannah nimmt das Schreiben und geht mir ihrer Mutter zu einer Frauenberatungsstelle in Braunschweig.

    „Es war eigentlich in der Sommerpause, aber es klingelte jemand Sturm“, sagt Roswitha Gemke, die später Hannahs Prozessbegleiterin wird. „Und dann machte ich auf und es stand ein Häufchen Elend vor der Tür.“ Hannah habe vor lauter Weinen erst mal gar nicht sagen können, worum es gehe.

    Es folgt ein monatelanger Kampf.

    Hannah ruft beim Fahrlehrerverband an, erst noch mit unterdrückter Nummer, weil sie Angst hat. Dieter Quentin geht ran, der Vorsitzende. Er will Hannah helfen, aber ohne eine Anzeige oder Vorwürfe von Seiten der Stadt könne er nichts tun. Keines von beiden kann Hannah vorlegen.

    In einem Telefonat mit BuzzFeed News sagt Quentin über den Fall: „Ich habe versucht, nach bestem Wissen und Gewissen zu helfen. Aber wo kein Kläger, da kein Richter.“ Persönlich wäre es ihm lieber, wenn der Fahrlehrer lieber heute als Morgen aus dem Verkehr gezogen würde. Eigentlich sei die Straßenverkehrsabteilung Braunschweig dafür zuständig – aber: „Der hat Narrenfreiheit“, so Quentin.

    Stattdessen schickt die Behörde Hannah zeitgleich mit der Unterlassungsaufforderung des Anwalts einen zumindest unüblichen Brief. Der kommt von einer Frau T., Sachbearbeiterin im „Fachbereich Bürgerservice und Öffentliche Sicherheit“. Auch dieser Brief liegt BuzzFeed News vor.

    Frau T. schreibt darin:

    „In meiner Funktion als Fahrlehrer- und Fahrschulaufsicht ist mir bekannt geworden, dass Sie [...] Herrn [Name von der Redaktion gelöscht] massiv in Misskredit bringen bzw. der sexuellen Belästigung beschuldigen. [...] Ich habe aufgrund dieser schwerwiegenden falschen Behauptungen Herrn [Name von der Redaktion gelöscht] geraten, Strafanzeige wegen Verleumdung und Rufmord gegen Sie zu stellen [...]. Sollte es zu einer Verurteilung Ihrerseits kommen, werde ich prüfen, ob ich eignungsüberprüfende Maßnahmen gemäß § 11 Abs. 2 S. 1 Fahrerlaubnisverordnung gegen Sie einleiten muss.“

    Das Schreiben liest sich für Hannah wie eine Drohung. Wenn Hannah weiter öffentlich über ihren Fahrlehrer redet, soll ihr der Führerschein abgenommen werden.

    Der zuständige Dezernent Claus Ruppert entschuldigt sich im Februar 2017 in einem persönlichen Gespräch für das Schreiben und sagt, die Sachbearbeiterin arbeite nicht mehr für die Stadt. Eine schriftliche Entschuldigung gibt es nicht.

    Auf Anfrage von BuzzFeed News schreibt ein Pressesprecher der Stadt Braunschweig: „Die Stadtverwaltung Braunschweig hält das damalige Schreiben für unangemessen und bedauert außerordentlich, dass es so herausgegangen ist. Sie kann nachvollziehen, dass ein solches Schreiben in einer für die junge Frau emotional sehr belastenden Situation zusätzlich erschwerend war, und es bei ihr Unverständnis und Verärgerung hervorgerufen hat.“

    Es handele sich um ein Schreiben, dass die zuständige Mitarbeiterin nicht mit ihren Vorgesetzten abgestimmt habe. Die Mitarbeiterin sei seit Juli 2017 nicht mehr bei der Stadt Braunschweig beschäftigt, da sie sich selbst bei einem anderen Dienstherren beworben habe und dorthin gewechselt ist. Eine nachvollziehbare Begründung für ihr Vorgehen habe die Mitarbeiterin nicht gegeben.

    Im September 2016 dann, nur zwei Monate später, zeigt der Fahrlehrer Hannah tatsächlich wegen Verleumdung auf sexueller Grundlage an. Sie soll behauptet haben, ihr Fahrlehrer habe ihr an die Brust gefasst, habe es in der Anzeige geheißen, sagt Hannah. Das habe sie aber nie getan, sagt sie. Das Verfahren wird eingestellt. Die Einstellungsverfügung vom Dezember 2016 liegt BuzzFeed News vor.

    Vor allem der Brief der Stadt habe sie schockiert, sagt Hannah. „Ich war auf diese Frau, die ich bis heute nicht gesehen habe, so so wütend, noch wütender als auf meinen Fahrlehrer, weil die unterstellt ja einer 19- oder 20-jährigen, dass sie eine Lügnerin sei“, sagt sie. Zurück bleibt bei Hannah das Gefühl, zutiefst ungerecht behandelt worden zu sein. Immer wieder muss sie sich vor Dritten rechtfertigen. Vielleicht ist es auch deshalb schwer für sie, mit der Erfahrung abzuschließen.

    Im Nachhinein habe sie von vielen Leuten gehört, dass das schon lange so gehe, sagt Hannahs Mutter. Auch Hannah bekommt mit, wie der Fahrlehrer mit anderen jungen Frauen spricht, die im Auto sitzen.

    Zu einer soll er gesagt haben: „Du hast morgen um 7 Uhr Prüfung, da musst du die Hand mal früher aus der Hose nehmen.“

    Zu einer anderen: „Nimmst du eigentlich viel, wenn du auf den Strich gehst?“

    Auf Anfrage von BuzzFeed News hat der Fahrlehrer sich auch zu diesen Vorwürfen nicht geäußert.

    Die Angst, dass er möglicherweise auch anderen Frauen schaden könnte, ist auch vier Jahre danach noch Antrieb für ihr Tun, sagt Hannah. Das sei typisch, so Anne Wizorek: „Ich sehe da etwas, was ich bei vielen betroffenen Frauen sehe. Es geht dann nicht mal zwingend um sie persönlich, sondern vor allem darum, dass er das nicht noch anderen antut.“

    „Sie war damals schon da, diese Wut“, sagt Roswitha Gemke von der Frauenberatungsstelle. Hannah sagt, für sie sei es die beste Therapie, alles dafür zu tun, dass der Mann nicht mehr arbeiten dürfe. Immer wieder sucht sie auch nach anderen betroffenen Frauen, ist frustriert, wenn einige sich zwar an sexistische Sprüche des Fahrlehrers erinnern, aber diese nicht als Problem wahrnehmen.

    Nicht nur Hannah ist wütend. Auch ihre Eltern sind es. Aber sie wissen nicht, was sie tun können. Am liebsten, sagt die Mutter, würde sie dem Fahrlehrer ins Gesicht schlagen. Einmal habe sie an der Supermarktkasse im Edeka gestanden, mit einer Bekannten. Und er vor ihr in der Schlange. „Das Schwein“, habe sie gesagt. So laut, dass alle es hätten hören können. „Der belästigt die Mädchen immer noch.“ Danach sei es ihr besser gegangen.

    „Wir sind langsam am Ende“

    Gemeinsam mit BuzzFeed News fährt Hannah Ende August 2018 zum ersten Mal seit vier Jahren wieder auf den Parkplatz beim TÜV Braunschweig, mit der Straßenbahn. Auf diesem Parkplatz saß sie immer in dem blau-gelben Auto des Fahrlehrers.

    Hannah ist nervös. Sie sagt: „Ich weiß nicht, wie sich das für mich anfühlen wird.“ Dort angekommen, geht sie um die Garagen und bleibt stehen. Das blau-gelbe Auto fährt auf den Platz, hält an, Hannah steht ein Stück entfernt. Darin sitzt eine Fahrschülerin und der Sohn des Fahrlehrers. Er steigt aus, schaut kurz in Hannahs Richtung. Hannah geht. Später sagt sie: „Es war gar nicht mehr schlimm.“ Ein kleiner Triumph. Ein Schritt nach vorne.

    Vor dem Gebäude des TÜV stehen weiße Plastikzelte. Die Fahrschulgemeinschaft Braunschweig macht hier heute eine Infoveranstaltung für Schulklassen. Eines der Themen ist sexuelle Belästigung. Hannahs Fall hat in der Stadt viel ausgelöst.

    Eine Gruppe von Fahrlehrern steht in einer Garage. Es gibt Filterkaffee, sie ziehen die Tür zu, damit sie ungestört reden können. Alle hier kennen Hannahs Fall und alle wissen, wer der beschuldigte Fahrlehrer ist.

    Bernd Blonsky führt selbst eine Fahrschule in Braunschweig. Er sagt, dass er den Mann mehrfach wegen verschiedener Verstöße angezeigt hat, etwa wegen angeblich ungenehmigter Schulungen. Passiert sei bisher nichts. „Wir sind langsam am Ende“, sagt Blonsky. „Was wir uns wünschen würden, ist, dass die Staatsanwaltschaft wegen der Sache umfassend ermittelt.“ Der Fahrlehrer schreibt auf Anfrage von BuzzFeed News: „Alle gegen mich gerichteten Anschuldigungen wurden von den zuständigen Behörden [...] überprüft und sind allesamt eingestellt worden, da Ermittlungen die entsprechenden Vorwürfe nicht bestätigt haben.“

    Von der Stadtverwaltung heißt es, man habe die Vorwürfe durch externe Gutachter prüfen lassen, dabei jedoch keine Verstöße festgestellt. „Vorwürfe, die Stadt Braunschweig würde ihrer Aufsichtspflicht nicht nachkommen, weisen wir also zurück“, so der Pressesprecher. Die Staatsanwaltschaft Braunschweig gibt BuzzFeed News gegenüber keine Auskunft über Anzeigen oder laufende Ermittlungsverfahren gegen den Fahrlehrer und verweist auf den Schutz der Persönlichkeitsrechte.

    Sexuelle Belästigung, das sagen alle in der Garage, sei nur ein Vorwurf unter vielen. Die Fahrschulgemeinschaft setzt sich jetzt dafür ein, dass Frauen wie Hannah die Fahrschule schneller wechseln können, wenn sie sich nicht wohl fühlen. Auch soll es bald Selbstverteidigungskurse geben.

    Auf dem Rückweg vom TÜV sitzt Hannah in der Tram. Eine seiner Fahrschulen zieht am Fenster vorbei. Sie sagt: „Ich fühle mich fast wieder gesund.“

    Einen Monat später schreibt sie eine Email: „Heute Morgen um 7 Uhr: ich radle zur Arbeit. Er fährt langsam an mir vorbei. Ich erschrecke mich. Meine Beine beginnen zu zittern. Dann stehe ich an einer roten Ampel, er neben mir.“

    Von Kopf bis Fuß habe er sie gemustert. Es habe sich beschissen angefühlt, ekelhaft. Genau wie vor vier Jahren.


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    Auch in unserem Podcast „Unterm Radar“ geht es um Hannahs Geschichte. Hier könnt ihr euch die Folge anhören:

    Pascale Müller ist Reporterin für Politik und sexualisierte Gewalt. Kontakt: Pascale.mueller@buzzfeed.com

    Contact Pascale Müller at pascale.mueller@buzzfeed.com.

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