Verschossen, verschwiegen, verstrahlt?

Vor zwanzig Jahren verschoss die NATO im Kosovo-Krieg Uranmunition: Projektile, bestückt mit einem giftigen und radioaktiven Schwermetall. Die Sorge um die auf dem Balkan stationierten Bundeswehrsoldaten war groß. Was wurde aus ihnen? Und wieso kommt die Waffe trotz aller Warnungen bis heute zum Einsatz? Eine Spurensuche.

    Verschossen, verschwiegen, verstrahlt?

    Vor zwanzig Jahren verschoss die NATO im Kosovo-Krieg Uranmunition: Projektile, bestückt mit einem giftigen und radioaktiven Schwermetall. Die Sorge um die auf dem Balkan stationierten Bundeswehrsoldaten war groß. Was wurde aus ihnen? Und wieso kommt die Waffe trotz aller Warnungen bis heute zum Einsatz? Eine Spurensuche.

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    Fotos von zerschossenen Panzern. Fotos von Kindern mit Missbildungen. Der Schreibtisch ist bereits bedeckt mit unzähligen Fotos und Untersuchungsberichten, aber Professor Peter Horn holt immer mehr Kisten und Schuhkartons aus den Schränken. Mehrere Stunden sichten wir Berichte und Analysen. Und immer mehr Fotos. Viele davon zu brutal, um sie sich anzuschauen.

    „Besser, sie öffnen die Foto-Dateien gar nicht. Aber nehmen Sie sie mit – vielleicht brauchen Sie die später mal“, kommentiert Horn mit einem Seitenblick. Selber hält er sich damit nicht auf. Er schaut auf seine Tabellen und Statistiken. Seitenlange Analysen von Staub, Haaren und Bärten. Es ist Frühling in München, April 2016. Seit Jahren versucht Horn zu verstehen, wie sich Uranoxid – extrem feine, radioaktive und chemotoxische Staubpartikel – auf den menschlichen Körper auswirkt.

    Dafür analysiert der Geochemiker Proben von Soldaten. Genauer: Proben von Soldaten, die in Kriegsgebieten eingesetzt waren, in denen Uranmunition verschossen wurde. Die Soldaten, deren Proben Horn untersucht, waren auf dem Balkan eingesetzt. Auch dort wurde die Munition verschossen: 1995 in Bosnien und 1999 in Kosovo, Serbien und Montenegro. Überall, wo die Waffe zum Einsatz kam, klagen Menschen über Krankheitsbilder wie Krebs und Fehlbildungen bei Neugeborenen.

    Christian Werner

    Auch die Bundeswehrsoldaten, deren Proben Professor Horn untersucht, hegen den Verdacht, dass die Munition sie krank gemacht habe. Horn geht einer Frage nach, die von den Verteidigungsministerien in Berlin und Washington kategorisch verneint wird: Gibt es einen Zusammenhang zwischen dem Einsatz von Uranwaffen und dem Auftreten bestimmter Erkrankungen?

    Kurze Zeit nach unserem Besuch in seinem Büro erhalten wir eine Email von Familie Horn: Peter Horn ist verstorben. Von unseren Gesprächen bleiben etliche Notizen und eine Tonaufzeichnung von einem unserer Interviews mit ihm. Außerdem finden wir auf dem USB-Stick dutzende Analyseergebnisse und Gutachten zu seinen Untersuchungen, die er an den Proben der Bundeswehrsoldaten vorgenommen hat. Die Fragmente seiner Forschung stellen uns vor Rätsel, denen wir nachgehen wollen.

    Dies ist die Geschichte einer vermeintlichen Wunderwaffe, vor deren Gesundheitsgefahren Kritiker und Wissenschaftler seit Jahrzehnten warnen – und die trotz ihrer Gefahren für Mensch und Umwelt bis heute verschossen wird.

    Uranwaffen, das sind sogenannte Wuchtgeschosse mit einem Kern aus abgereichertem Uran. Das Material ist ein Abfallprodukt der Atomindustrie. Atommüll. Abgereichertes Uran – Englisch depleted uranium oder kurz DU genannt – hat eine extrem hohe Dichte. Geschosse mit einem DU-Kern durchdringen selbst Panzer und Stahlbeton mühelos. Noch dazu kommen sie ohne Sprengladung aus. Es genügt die Reibungshitze, die beim Aufprall entsteht, um Panzer explodieren zu lassen. Eine gewaltige Hitzewelle entzündet den Treibstoff oder die Munition.

    Um die Folgen dieser vermeintlichen Wunderwaffe besser zu verstehen, haben wir in den vergangenen sechs Jahren mit dutzenden Menschen gesprochen: mit Armee-Vertretern und Soldaten, mit Angehörigen und Bewohnern der beschossenen Gebiete, mit Wissenschaftlern, Ärzten, Kampfmittelräumtrupps, Politikern, Anwälten und Völkerrechtlern. Die Recherche führte uns quer durch Deutschland und mehrfach auf den Balkan – in den Kosovo, nach Bosnien und Serbien –, in den Irak und nach Italien. Weitere Informationen haben wir aus den USA, Großbritannien und der Schweiz zusammengetragen.

    Für BuzzFeed News Deutschland haben wir Dutzende bisher nicht veröffentlichte Dokumente ausgewertet, die wir in dieser Geschichte – soweit möglich – frei zugänglich machen.

    Diese Recherche zeigt:

    • Der Einsatz von Uranwaffen kann für Umwelt und Menschen schwere langfristige Folgen haben. Das zeigt eine Vielzahl neuer Untersuchungen, die BuzzFeed News gemeinsam mit Experten ausgewertet hat. Dennoch wird Uranmunition bis heute verschossen.

    • Auch deutsche Soldaten sind potentiell mit gesundheitsschädlichen Rückständen aus Uranmunition in Berührung gekommen, zum Beispiel im Kosovo. Dies belegt ein Bericht aus dem Kosovo, dem zu entnehmen ist, dass die Bundeswehr schon im Oktober 1999 über den Einsatz von Uranmunition gewusst haben muss. Dennoch seien die Soldaten dem Bericht zufolge nicht ausreichend unterrichtet worden.

    • BuzzFeed News liegen Untersuchungsergebnisse von vier Bundeswehrsoldaten vor, die ungewöhnlich hohe Werte für Schwermetalle in ihren Körpern belegen. Das Verteidigungsministerium lehnte die Untersuchung der Fälle mehrfach ab.

    • Das NATO-Partnerland Italien hat zahlreiche Soldaten mit Millionen Euro entschädigt. Diese waren, ebenso wie deutsche Soldaten, im Westen des Kosovo stationiert.

    Ihr habt selbst als Bundeswehrsoldat*in in betroffenen Gebieten gearbeitet und wollt mit unseren Reporter*innen darüber sprechen? Ihr erreicht uns am Besten über recherche@buzzfeed.com oder anonym über unseren sicheren Briefkasten unter tips.buzzfeed.com.

    Peter Horn war einer der wenigen Wissenschaftler, die sich seit vielen Jahren mit dem Thema beschäftigen. Horn lehrte Biotechnologie an der Ludwig-Maximilians-Universität München und war als Experte im Bereich Isotopengeochemie für die Internationale Atomenergiebehörde (IAEA) tätig. Ihn ließ der Verdacht nicht los, dass Soldaten im Kosovo durch Uranmunition zu Schaden gekommen sein könnten.

    Für Peter Horn begann die Suche im Jahr 2000. Medien in mehreren europäischen Ländern berichten von Krebserkrankungen unter Soldaten, die im Kosovo stationiert waren. Einige sterben rasch. Bald darauf melden sich zudem Soldaten, die ab 1994 in Bosnien im Einsatz waren. Auch sie klagen über ähnliche Krankheitsbilder: starker Husten, teils mit Blut, Schwächeanfälle. Medien berichten über auffällig viele Krebserkrankungen unter den Bosnien-Veteranen. Als Ursache der Leiden gerät Uranmunition in Verdacht.

    BuzzFeed News / Marcus Engert

    Ungeschützte deutsche Soldaten arbeiteten in mit Uran-Munition beschossenen Gebieten

    Erst angesichts des starken öffentlichen Drucks gibt die NATO öffentlich bekannt, dass die US-Luftwaffe alleine im Kosovo nach eigenen Angaben mindestens 31.000 Uran-Projektile verschossen hat. Das entspricht etwa zehn Tonnen abgereichertem Uran. In den übrigen Einsatzgebieten auf dem Balkan – in Bosnien, Serbien und Montenegro – waren es laut NATO weitere drei Tonnen.

    Das deutsche Verteidigungsministerium weist jede Verantwortung von sich. Der Krieg im Kosovo war der erste Auslandseinsatz deutscher Soldaten seit dem Zweiten Weltkrieg. Während der Einsatz von Uranmunition in der Öffentlichkeit kritisch diskutiert wird, betont Verteidigungsminister Scharping, dass die Bundeswehr selbst nicht über Uranmunition verfüge. Der Einsatz von Uranwaffen auf dem Balkan fand unter dem Kommando der US-Luftwaffe statt.

    Christian Werner

    Aktivist Bilal Ghalib nimmt Proben auf einem ehemaligen Militärgelände bei Prizren, Kosovo.

    Doch nach dem Ende der Luftschläge waren auch Bundeswehrsoldaten in den Gebieten im Einsatz. Dies belegt ein Bericht, der BuzzFeed News exklusiv vorliegt. Schon im Jahr 1999 sind gut ausgerüstete deutsche ABC-Truppen in Gebieten des Kosovo unterwegs, die mit Uranmunition beschossen wurden. Zeitgleich leisten andere, ungeschützte Soldaten in denselben Gebieten ihre Arbeit.

    Und das, obwohl im September 1999 der damalige Bundesverteidigungsminister Rudolf Scharping warnt: „ein Gesundheitsrisiko (....) wäre nicht auszuschließen.“

    Ein Verdacht überschattete nun den ersten Auslandseinsatz der Bundeswehr: Gefährdete die uranhaltige Munition die Gesundheit der Soldaten? Was ist aus Ihnen geworden?

    Gedächtnisverlust, Krebs, Missbildungen: Die Angst vor der Wunderwaffe

    Die Deutschen waren nicht die ersten, die sich diese Frage stellten. Schon einige Jahre zuvor hatten sich viele US-amerikanische Veteranen des Golfkriegs gefragt, wie gefährlich der Einsatz der Uranwaffen für ihre Gesundheit war. Das Umweltprogramm der Vereinten Nationen (UNEP) schätzt, dass die US-Armee im Irak zusammen mit ihren Verbündeten Großbritannien und Frankreich bis zu 2000 Tonnen DU-haltiger Munition verschoss. Oftmals genügte ein einziges Projektil, um einen von Saddam Husseins Panzern zu zerstören.

    Doch die Begeisterung wich bald der Furcht, dass die „Wunderwaffe“ krank machen könnte. Viele Veteranen kehrten mit Atemproblemen, Gedächtnisverlust und Muskellähmungen aus dem Krieg zurück. Einige erkrankten später an Krebs oder zeugten Kinder mit Missbildungen. In den USA wurden die vielfältigen Leiden der Soldaten unter dem Begriff „Golfkriegssyndrom“ zusammengefasst. Fast die Hälfte der 700.000 alliierten Golfkriegsoldaten begab sich nach dem Einsatz wegen diverser Symptome in Behandlung.

    Inzwischen haben Studien vielfältige gesundheitliche Probleme unter Golfkriegveteranen nachgewiesen: So berichten sie fast doppelt so oft von Fehlgeburten wie ihre Kameraden, die nicht im Irak oder in Kuwait gedient hatten – wobei die Forscher dieser Studie betonten, dass weitere medizinische Untersuchungen notwendig seien. Belegt ist, dass Kinder von Golfkriegveteranen auffällig häufiger mit Fehlbildungen zur Welt kommen als Kinder anderer Soldaten.

    Zwei weitere Studien wiesen jeweils unter Soldaten aus den USA und Großbritannien nach, dass Golfkriegveteranen vermehrt an Unfruchtbarkeit litten. Eine Auswertung von 21 epidemiologischen Studien kam 2017 zu dem Ergebnis, dass US-Soldatinnen, die im Golfkrieg gedient hatten, vermehrte Tot- oder Fehlgeburten erlitten.

    Bereits im Jahr 2003 untersuchte ein internationales Team mit Beteiligung der Universität Bremen britische Soldaten nach deren Rückkehr aus uranbelasteten Gebieten. Dabei stellten die Wissenschaftler auffällige Chromosomenaberrationen fest. Diese sind anerkannt als ein erstes Anzeichen für mögliche Krebserkrankungen.

    Irakische Totengräber erzählen von Kindern mit Rattenschwänzen

    Ähnliche Erkrankungen häufen sich seit dem Krieg auch unter irakischen Soldaten, die im Golfkrieg kämpften, und in der irakischen Zivilbevölkerung. Die Totengräber von Basra erzählen von Kindern mit Rattenschwänzen. Kindern mit nur einem Auge. Kindern mit zusammengewachsenen Beinen. Viele Mütter in Basra fragen nicht mehr, ob es ein Junge oder ein Mädchen wird. Sie fragen: Doktor, wird es normal?

    Die Zahl der angeborenen Missbildungen in Basra hat sich zwischen 1994 und 2003 versiebzehnfacht. Nirgendwo auf der Welt kommen so viele Babys mit offenem Rücken auf die Welt. Auch die Zahl von Hydrozephalus-Fällen, dem sogenannten Wasserkopf, ist unter Neugeborenen in Basra sechsmal so hoch wie etwa in den USA, heißt es in einer Studie. Viele Kinder werden ohnehin tot geboren.

    Es sind Fotos von solchen Missbildungen, die Professor Horn in seinem Archiv lagerte. Aufnahmen, wie sie auch unser Kollege Christian Werner bei seiner Recherche im Irak in den Städten Basra und Falludscha gemacht hat.

    Christian Werner

    Welche Rolle spielt der Einsatz von Uranmunition bei den Krankheiten? Korrelation ist nicht Kausalität, Krebs und andere Erkrankungen lassen sich nicht auf eine bestimmte Ursache zurückführen. Im Krieg wurden Chemiedepots bombardiert, brennende Ölfelder hüllten Basra und andere Städte tagelang in eine Wolke krebserregender Stoffe. Der Abschlussbericht einer vom US-Kongress eingesetzten Untersuchungskommission benannte 2008 letztlich zwei Hauptursachen für das Golfkriegssyndrom: Pestizide und Tabletten, die die Soldaten prophylaktisch gegen befürchtete Giftgasattacken Saddam Husseins geschluckt hatten.

    Aber damit ist die Munition nicht entlastet. Dass abgereichertes Uran gesundheitsschädlich wirken kann, hat eine Vielzahl von Studien nachgewiesen. Die „Internationalen Ärzte für die Verhütung des Atomkrieges“ haben zahlreiche unabhängige wissenschaftliche Studien zusammengetragen.

    Die Alpha-Strahlung von DU-Munition durchdringt nicht einmal ein Blatt Papier oder die menschliche Haut. Von intakter DU-Munition geht deshalb keine Gefahr aus. Gefährlich wird es, wenn abgereichertes Uran in Waffen zum Einsatz kommt. Denn beim Aufprall der Munition wird ein Teil des Urans pulverisiert. Es entsteht Uranoxid: jener Staub, für den sich der Geochemiker Professor Horn in München so interessierte.

    Die Nanopartikel verteilen sich in der Umgebung. Gelangen die Partikel in den Körper, kann Uranoxid die Gesundheit auf zweierlei Weise schädigen: Als Schwermetall ist es chemisch giftig, als sogenannter radioaktiver Alphastrahler kann es krebserregend wirken und die Erbinformation schädigen. Außerdem kann Uranmunition Spuren von Plutonium enthalten, das als hoch radioaktives Schwermetall besonders giftig und krebserregend wirkt. Die US-Armee warnte ihre Soldaten in Schulungsvideos explizit vor eben diesen Gefahren.

    Die US-Armee warnt vor den Gefahren von Uranwaffen im Kosovo

    Nach dem Kosovo-Krieg gibt die NATO nach außen Entwarnung: Uranmunition sei unbedenklich. Intern hingegen verschickt die US-Armee Schreiben, in denen sie vor Gefahren nach dem Einsatz von Uranwaffen im Kosovo warnt. Auch die Bundeswehr erhält die Warnungen der US-Amerikaner. Doch diese Warnungen erreichen offenbar vor allem zu Beginn des Einsatzes auf dem Balkan nicht alle Soldaten. Der deutsche Bundeswehrverband kritisiert später, die deutschen Soldaten hätten in den ersten Monaten des Kosovo-Einsatzes keine ausreichende Sicherheitsinstruktionen erhalten. So hätten Soldaten ohne Schutzkleidung zerstörte Fahrzeuge geräumt.

    Viele Bundeswehrsoldaten sind beunruhigt. Angesichts des enormen öffentlichen Interesses setzt der damalige Verteidigungsminister Rudolf Scharping 2001 eine Untersuchungskommission ein. In ihrem Abschlussbericht gibt diese Kommission Entwarnung: „Was die Uranmunition anbelangt, so läuft der Befund auf Entlastung hinaus.“

    Zur Entlastung wird vor allem eine Untersuchungsreihe angeführt: Das GSF-Institut des bundeseigenen Helmholtz Zentrum München hatte Urinproben von Soldaten, während und nach dem Einsatz im Kosovo auf Rückstände von abgereichertem Uran untersucht. Ergebnis: negativ, kein Uran im Urin. Kritiker wie die Gesellschaft für Strahlenschutz bemängeln die Urin-Untersuchungen wegen „schwerwiegender methodischer Mängel“. Begründung: Neun von 43 Proben wurden nicht ausgewertet. „Es wäre zwingend zu klären, ob durch diese Ausfälle (immerhin 21 % der Probanden) eine Verzerrung des Ergebnisses zustande gekommen sein könnte“, kommentierte das Fachblatt „Strahlentelex“.

    In der öffentlichen Debatte in Deutschland setzt sich jedoch die Aussage des Bundeswehrberichts durch: Die von der NATO auf dem Balkan verschossene Uranmunition stelle „weder für Soldaten noch für die Zivilbevölkerung eine gesundheitliche Gefahr dar“. Damit war das Thema Uranmunition für die Bundeswehr vom Tisch.

    Für Peter Horn aber blieb die Frage: Welchen Risiken waren deutsche Soldaten bei ihrem Einsatz auf dem Balkan ausgesetzt? Er suchte hartnäckig weiter – und erhielt für seine Forschung unerwartetes Untersuchungsmaterial. Kosovo-Veteranen der Bundeswehr schickten ihm Jahre nach ihrem Einsatz auf dem Balkan Proben: Fingernägel, Haare, Bartstoppeln aus ihrem Rasierapparat, Staub aus ihren Uniformen. Horn untersuchte die Proben auf Rückstände von Uranoxid und andere Schwermetallpartikel. „Ungewöhnlich, es ist einfach ungewöhnlich“, sagte Horn bei unserem Treffen in München im Frühjahr 2016. „Jedes Analyseergebnis wirft neue Fragen auf.“

    229 Bundeswehr-Soldaten stellten Antrag auf Wehrdienstbeschädigung

    Da ist etwa der Fall eines Soldaten, der nach seinem Einsatz im Kosovo ein Kind mit Behinderungen zeugte. Auch dieser Soldat schickte Horn Proben mit der Bitte, diese zu untersuchen. In seinem Analysebericht, der BuzzFeed News vorliegt, schrieb Horn: „Der Soldat stellte im Jahr 2012 Fingernägelabschnitte von ihm selbst, sowie Staub aus seiner Ausrüstung zur Verfügung und erhofft sich von den Ergebnissen unserer Analytik Informationen darüber, ob die Missbildung seines/ihres Kindes evtl. auf DU oder andere mögliche Kosovo-kriegsbedingte Einflüsse zurückgehen könnte.“ Horn kam zu dem Ergebnis, „dass die von uns analytisch vorgefundenen Blei- und weiteren Schwermetallkonzentrationen ungewöhnlich und ungesund hoch sind.“

    Diese Untersuchungsergebnisse liegen dem Verteidigungsministerium, dem Wehrbeauftragten der Bundeswehr und dem Sanitätsdienst seit 2013 vor. Auf Anfrage von BuzzFeed News teilt ein Sprecher des Bundesamts für Ausrüstung, Informationstechnik und Nutzung der Bundeswehr mit: „Bitte haben Sie Verständnis, dass wir uns grundsätzlich nicht zu konkreten Personalangelegenheiten äußern.“

    Bei der Bundeswehr haben in den Jahren bis 2008 insgesamt 229 Bundeswehrsoldaten nach ihrem Einsatz im Kosovo einen Antrag auf Wehrdienstbeschädigung gestellt. Das geht aus der Antwort der Bundesregierung auf eine Kleine Anfrage der Partei Die Linke hervor. Im Jahr 2016 haben wir zum ersten Mal beim Bundesverteidigungsministerium nachgefragt. Dessen Sprecherin schreibt am 23. Mai 2016: „Für deutsche Soldatinnen und Soldaten gab es im Kosovo keine Tätigkeiten und Umgebungssituationen, die mit einer erhöhten Uranoxid-Exposition oder einer erhöhten Exposition mit anderen Schwermetallen wie Blei verbunden waren.“

    Nur in einem einzigen Fall bewilligte die Bundeswehr demnach den Antrag – unter anderem wegen „der geltend gemachten Einwirkung durch Munition mit abgereichertem Uran“. Sieben Anträge wurden abgelehnt, die übrigen 221 Anträge wurden ohne Entscheidung abgeschlossen, weil „keine Erkrankungen aufgrund DU-Munition festgestellt werden“ konnten.

    Was wurde aus diesen 221 Soldaten? Befinden sich unter ihnen weitere potentiell durch DU-Munition Geschädigte?

    Mehrfach richten wir uns an das Bundesverteidigungsministerium und an das Bundesamt für Ausrüstung, Informationstechnik und Nutzung der Bundeswehr mit der Bitte um Aufklärung. Bis zur Veröffentlichung dieses Textes wurden unsere Fragen nicht abschließend beantwortet.

    Nach Veröffentlichung dieses Textes meldete sich der Pressesprecher des Bundesamtes noch einmal mit einem allgemeinen Statement zur Thematik. Die Bundeswehr, so das Statement, nehme ihre Fürsorgepflicht sehr ernst. „Um Gesundheitsgefährdungen aufgrund von uranhaltiger Munition, die von anderen Konfliktparteien verschossen worden sein könnte, auszuschließen, wurden umfangreiche medizinische Untersuchungen durchgeführt. Keine von diesen kam zu dem Ergebnis, dass Soldatinnen oder Soldaten der Bundeswehr während des Einsatzes im Kosovo Uranoxid aufgenommen haben könnten.“

    Nach Ansicht von Professor Horn lässt sich dagegen nicht ausschließen, dass auch deutsche Soldaten durch Uranmunition erkrankt sein könnten. Am Ende unseres Treffens überreicht er uns einen Stapel Unterlagen und einen USB-Stick mit weiteren Daten. „Wenn Sie recherchieren, dann werden Sie die brauchen.“

    Verdächtige Proben von vier deutschen Soldaten

    Von vier Soldaten kennen wir aus Horns Unterlagen die vollen Namen. Wir hatten Horn vor seinem Tod gebeten, Kontakt zu diesen Soldaten herzustellen. Doch die meisten wollen anonym bleiben und nicht an die Presse treten. Einige von ihnen dienen nach wie vor in der Bundeswehr und fürchten negative Konsequenzen.

    Von einem der Soldaten wissen wir, dass er 1999 während seines Wehrdienstes im Kosovo verstarb. Seinen Vater haben wir mehrfach getroffen. Er ist überzeugt, dass sein Sohn an den Folgen des Uranwaffeneinsatzes verstorben sei. Der Vater vermutet, dass sein Sohn, der als Mechaniker arbeitete, den giftigen Staub eingeatmet hat, den die Fahrzeuge von den Kriegsschauplätzen in die Werkstatt getragen hätten. Beweisen lässt sich das anhand der uns vorliegenden Dokumente nicht. Auch in den Gewebeproben dieses Soldaten fand Professor Horn zwar erhöhte Bleiwerte, aber kein Uran.

    Christian Werner

    Kriegsschäden an einem Haus in Sarajevo, Bosnien-Herzegowina.

    Andere Soldaten kennen wir aus Horns Untersuchungspapieren nur als Kürzel aus den Anfangsbuchstaben ihrer Vor- und Nachnamen. Eigentlich hätte die Recherche an dieser Stelle zu Ende sein können.

    Doch dann hören wir von ähnlichen Fällen aus Italien. Dort wurden Soldaten, die ebenfalls im Kosovo eingesetzt waren, entschädigt. Die Begründung lässt uns aufhorchen: Italienische Gerichte haben die Erkrankungen dieser Soldaten als Folge des Kontakts mit Uranmunition anerkannt. Auch bei ihnen hat man vor allem hohe Bleikonzentration gefunden, aber kein Uran. Trotzdem wurden sie entschädigt. Wir reisen nach Italien.

    In Italien werden zahlreiche Soldaten entschädigt

    Als Oberst des Italienischen Roten Kreuzes war Emerico Maria Laccetti in den 90er Jahren zunächst in Bosnien und später im Kosovo im Einsatz. Häufig war er nach einem Angriff einer der ersten vor Ort und atmete Staub und andere Partikel direkt nach dem Beschuss mit Uranmunition ein. So erzählt er es im Herbst 2017 im Gespräch mit BuzzFeed News. Wir treffen ihn im Innenministerium in Rom, mitten in der Stadt, unweit des Pantheon. Nach zahlreichen Sicherheitskontrollen betreten wir das große Büro. Der massive Schreibtisch, hinter dem Laccetti sitzt, schafft Distanz. Sehr unaufgeregt berichtet Laccetti von seinen Erfahrungen in Bosnien und dem Kosovo.

    Wenige Monate nach seiner Rückkehr nach Rom wurde ein Tumor in Laccettis Lunge diagnostiziert. Eine Biopsie brachte die Diagnose: Non-Hodgkin-Lymphom. Der Tumor muss unerwartet schnell gewachsen sein, denn Laccetti wurde als Blutspender und Militärangehöriger regelmäßig untersucht. Vor dem Kosovo-Einsatz sei er kerngesund gewesen, sagt Laccetti.

    Entgegen der Prognose der Ärzte, die ihm nur geringe Überlebenschancen einräumten, besiegte Laccetti den Tumor. Und zog danach vor Gericht, weil er überzeugt ist, dass sein Tumor durch Uranstaub ausgelöst wurde. Er bekam Recht: Das zuständige Gericht erkannte seine Erkrankung als Folge des Kontaktes mit DU-Munition an. Laccetti erhielt eine teilweise Entschädigung.

    Besonders interessant ist Laccettis Fall, weil er als Opfer von Uranmunition anerkannt wurde, obwohl in seinem Körper nie Uran nachgewiesen wurde – wie bei den deutschen Soldaten, deren Gewebeproben Peter Horn untersucht hat. Stattdessen fällte das Gericht sein Urteil aufgrund einer Gewebeprobe, die unter einem Elektronenmikroskop untersucht wurde. Darin fanden sich kreisrunde Schwermetallpartikel.

    Laut der Untersuchung der italienischen Experten ist dabei die Form der Partikel entscheidend, die so in der Natur nicht vorkommt. Kreisrunde Nanopartikel entstehen nur unter dem Einfluss extrem hoher Temperaturen. Die einzige Waffe, die beim Aufprall derart hohe Temperaturen erzeugt, ist Uranmunition.

    Seit dem Kosovo-Einsatz 1999 wurden in Italien insgesamt fünf Untersuchungskommissionen zu den Folgeschäden von Uranmunition eingesetzt. Im Jahr 2007 gab es dann eine richtungsweisende Entscheidung: „Da anhand der Studien und verfügbaren Daten weder bestätigt noch ausgeschlossen werden konnte, dass zwischen den untersuchten Erkrankungen und der Belastung durch abgereichertes Uran beziehungsweise andere Schadstoffe eine Verbindung bestand, ersetzte der Untersuchungsausschuss das Kriterium des Kausalzusammenhangs durch das Wahrscheinlichkeitskriterium.“ Im Klartext: Die Soldaten sind nicht mehr in der Beweispflicht. Es reicht, wenn es wahrscheinlich ist, dass sie durch Uranmunition erkrankt sind.

    Die Folge: die italienische Regierung musste einen Entschädigungsfonds bereitstellen. Laut Domenico Leggiero von der NGO „Osservatore Militare“ sind in Italien angeblich mehr als 350 Soldaten wegen des Einsatzes von Uranmunition gestorben. Insgesamt seien mehr als 3000 Soldaten wegen der Uranmunition erkrankt.

    Auch in Großbritannien ist ein Veteran entschädigt worden

    Ähnlich urteilte bereits im Jahr 2004 ein britisches Gericht. Der Richter sah es als erwiesen an, dass der Soldat Kenny Duncan im Golfkrieg 1991 durch abgereichertes Uran verseucht wurde und in der Folge drei missgebildete Kinder zeugte. Nach Ansicht des Gerichtes sind die Erkrankungen der Kinder auf genetische Schäden durch abgereichertes Uran zurückzuführen. Das Gericht sprach dem Veteranen eine Pension zu.

    Das Urteil im Fall Kenny Duncan

    BuzzFeed News Deutschland

    Die deutschen Soldaten, die Professor Peter Horn um Untersuchungen ihrer Proben baten, hofften wohl ebenfalls, in ihren Haare und Uniformen Gewissheit zu finden. Bisher ohne Erfolg – und ohne Unterstützung des deutschen Verteidigungsministeriums.

    Die mögliche Schädigung von Soldaten ist das eine – noch weniger untersucht sind allerdings die Auswirkungen auf die Zivilbevölkerung. Die Kommission, die 2001 im Auftrag des Verteidigungsministeriums mögliche Gefahren durch den Uranwaffeneinsatz auf dem Balkan untersucht hatte, schreibt in ihrem Bericht: „Die 31.000 amerikanischen DU-Geschosse, die 1999 im Kosovo eingesetzt wurden, stellen weder für Soldaten noch für die Zivilbevölkerung eine gesundheitliche Gefahr dar.“ Im nächsten Satz aber heißt es: „Es bleibt theoretisch ein minimales Restrisiko künftiger Grundwasserverseuchung.“ Die Gefahr steckt noch immer im Boden.

    Erhöhte Uranwerte in der Luft – noch zwei Jahre nach Ende des Kosovo-Krieges

    Die Bordkanone des Kampfflugzeugs A-10 Thunderbolt feuert bis zu 3900 Geschosse pro Minute, jedes fünfte bestückt mit abgereichertem Uran. Die Projektile schlagen eine hunderte Meter lange Schneise, wobei mehr als 90 Prozent ihr Ziel verfehlen. Wegen dieser Blindgänger, die metertief in den Boden eindringen, warnte das Umweltprogramm der Vereinten Nationen (UNEP) nach dem Kosovo-Krieg: „Es besteht ein Risiko, dass in der Zukunft das Grundwasser und nahegelegene Trinkwasserbrunnen verseucht werden könnten.“

    Christian Werner

    Kinder stehen auf der Straße in Mitrovica, Kosovo - einem Gebiet, in dem Uranmunition eingesetzt wurde.

    Deshalb forderte UNEP, die Munition aus dem Boden zu holen, etwa im Zuge der systematisch angelegten Minenräumungen. Doch die Rufe verklangen ungehört.

    Zwei Jahre nach Ende des Krieges entsandte UNEP ein Forschungsteam, um elf Angriffsziele der NATO auf Umweltbelastungen durch den Uranwaffeneinsatz zu untersuchen. An einigen der Kriegsschauplätze fanden die Forscher vereinzelte DU-Projektile. Andere Angriffsziele konnte das Team nicht betreten, da die Umgebung noch immer vermint war. In ihrem Bericht schrieben die Forscher, dass sie keine großflächigen DU-Kontaminationen feststellen konnten. Über einige Messergebnisse waren sie dennoch erstaunt: "Das Team war überrascht, zwei Jahre nach dem Ende des Konflikts noch immer DU-Partikel in der Luft zu finden", erklärte Pekka Haavisto, der Vorsitzende des UNEP-Teams.

    Der UNEP-Bericht empfiehlt, die betroffenen Regionen zu untersuchen. Weiter heißt es: „Kontaminierte Punkte sollten, soweit machbar, dekontaminiert werden, insbesondere, wenn sie nah an bewohnten Gegenden liegen.“ Daran sollen sich auch die NATO und die internationalen Soldaten der KFOR (Kosovo Forces) beteiligen.

    Wir wollen wissen: Wer hat wann, wo genau im Kosovo wie viel Uranmunition geräumt? Die Antworten fallen wortkarg aus. Die Kosovo Forces (KFOR), an denen sich auch die Bundeswehr bis heute beteiligt, verschicken auf Anfrage per Email zunächst lediglich Jahre alte Pressemitteilungen, die Gefahren durch Uranmunition verneinen. Auf Nachfrage teilt die KFOR-Pressestelle mit, ihr lägen keine Kenntnisse über etwaige DU-Räumungen vor.

    Artur Tigani räumt im Auftrag des britischen Unternehmens Mine and Action Training (MAT) Minen und Munition im Kosovo. Der ehemalige UCK-Kämpfer war einer der ersten, der gemeinsam mit den Truppen der UN nach dem Krieg angefangen hat, den Kosovo von Minen und Blindgängern zu befreien. Seit fast zwanzig Jahren leitet er Einsätze mit dem Ziel, das Leben für die Zivilbevölkerung wieder sicher zu machen. Dass irgendjemand im Kosovo jemals Uranmunition geräumt hätte ist ihm nicht bekannt – weder private Unternehmen, noch Armeeangehörige. Den einen fehle dazu der bezahlte Auftrag, sagt Tigani, den anderen der politische Wille. Bis heute gibt es keine international verbindlichen Standards für die Räumung von DU-Munition. Geschweige denn eine Vereinbarung, die Kriegsparteien dazu verpflichtet, die Überreste ihres Uranwaffeneinsatzes aufzuräumen.

    Christian Werner

    Das UNEP-Team, das 2001 Proben im Kosovo entnahm, bleibt bei seinen Gefahreneinschätzungen vage. Ein Beispiel ist das Dorf Planeja. Die A-10 Flugzeuge der US-Luftwaffe verschossen hier 970 Schuss DU-Munition. Bei der Ortsbegehung fand das UNEP-Team fünfzig Meter von einem Brunnen entfernt ein DU-Geschoss. Wie schnell verrostet das Geschoss und wie bald würde das dadurch freigesetzte abgereicherte Uran über das Grundwasser in den Brunnen sickern? Das UNEP-Team schreibt in seinem Bericht, es werde “schätzungsweise zwischen 36 Tage und 312 Jahre dauern, bis das lokale Grundwasser die Brunnen der Farmen entlang des Bergkamms erreichen wird.” Eine Frage von Wochen – oder doch Jahrhunderten? Die Einschätzung der UNEP zeigt: Es gibt kaum aussagekräftige Untersuchungen und Informationen für die Bevölkerung in den betroffenen Gebieten.

    Die fragwürdigen Untersuchungen der Behörden

    Beqir Mezelxhiu ist der Leiter der staatlichen Einrichtung für Strahlenforschung und den Schutz der Bevölkerung im Kosovo. Mezelxhiu sagt, dass Proben die Reinheit von Wasser und Boden belegt hätten. Wir besuchen Mezelxhiu im Frühjahr 2018 in der Hauptstadt Pristina. Das Institut ist auch für die Entnahme und die Untersuchung von Wasserproben zuständig: fünf Bodenproben im Jahr und ungefähr zehn Wasserproben – im ganzen Kosovo.

    Wir fragen nach: Wieso haben die staatlichen Wissenschaftler im Westen und Süden des Kosovo – also jene Regionen, die am heftigsten mit Uranmunition beschossen wurden – keine genaue Untersuchungen vorgenommen? Mezelxhiu klagt: fünf Mitarbeiter beschäftigt sein Institut. Zu wenige Angestellte für zu viel Arbeit. Für vieles sei man auf die Hilfe der EU angewiesen.

    Ächtung? Deutschland enthält sich bei UN-Antrag

    Die NATO lehnt bis heute jede Diskussion über Gefahren durch Uranwaffen kategorisch ab. Nachdem das Militärbündnis den Einsatz von Uranmunition auf dem Balkan eingestanden hatte, erklärt NATO-Pressesprecher Mark Laity: „DU ist nicht illegal. Es ist eine legale Kriegswaffe. Ende der Geschichte. Wir haben sie benutzt, sie ist legal.“

    Tatsächlich ist der Einsatz von DU-Waffen bis heute nicht explizit geregelt. Als die Genfer Kriegsrechtskonventionen nach Ende des Zweiten Weltkriegs verabschiedet wurden, waren DU-Waffen schlicht noch nicht im Einsatz.

    „Das entscheidende, auch rechtliche Argument im Hinblick auf den Einsatz von Uranwaffen und dessen Folgen findet sich im precautionary approach, auf Deutsch: Vorsorge- oder Vorsichtsansatz“, sagt Manfred Mohr, Völkerrechtler und Sprecher der Internationalen Koalition zur Ächtung von Uranwaffen (ICBUW). „Dieser Ansatz ist sowohl im Humanitären Völkerrecht wie im Umweltrecht verankert und untersagt den Einsatz von riskanten Stoffen und Techniken, ohne dass darüber endgültige wissenschaftliche Klarheit herrscht.“

    Eine Ächtung von Uranwaffen wird seit Jahren diskutiert. Doch das Gegenteil ist bis heute der Fall: Uranmunition kommt weiterhin zum Einsatz.

    Erst im vergangenen Jahr gab die US-Armee zu, 2015 bei Luftschlägen gegen den IS in Syrien Uranmunition verschossen zu haben.

    Die US-Armee gibt zu, in Syrien Uranmunition verschossen zu haben.

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    Offiziell bestätigt hat die US-Armee damit den Einsatz von Uranwaffen im Irak, im Kosovo und in Syrien.

    Darüber hinaus gibt es jedoch Indizien – ähnliche Krankheitssymptome, Einschusscharakteristika, Strahlungsmessungen und verdächtige Dokumente von US-Armee und Bundeswehr – die weitere Uranwaffeneinsätze plausibel erscheinen lassen: in Somalia, Tschetschenien, Afghanistan, Süd-Ossetien, Libanon, in Libyen und aktuell im Jemen.

    Das EU-Parlament rief bereits 2008 in einer Resolution zur Ächtung von Uranwaffen auf. Und auch die Vereinten Nationen debattieren seit mehr als zehn Jahren das Thema DU-Waffen. Zuletzt haben sich 2018 in der Vollversammlung der Vereinten Nationen 140 Länder für eine Resolution ausgesprochen. Diese fordert unter anderem, betroffene Länder bei der Dekontamination zu unterstützen. Deutschland enthielt sich.

    Das Auswärtige Amt schreibt auf Anfrage von BuzzFeed News per Email: „Eine Zustimmung Deutschlands würde voraussetzen, dass die Resolution Untersuchungen des Umweltprogramms der Vereinten Nationen, der Internationalen Atomenergiebehörde, der Weltgesundheitsorganisation und der Europäischen Union sowie weiterer aktueller Forschungsstudien besser widerspiegelt.“ Zur Erinnerung: Das Umweltprogramm der Vereinten Nationen hatte bereits vor 18 Jahren Dekontaminationsmaßnahmen im Kosovo gefordert. Zu diesem Widerspruch will sich das Auswärtige Amt auch auf mehrfache Nachfrage nicht öffentlich äußern.

    Bei früheren Abstimmungen hatte Deutschland dem Resolutionsentwurf zugestimmt. Völkerrechtler Mohr kann diesen Sinneswandel nicht verstehen. „Die Änderung des Abstimmungsverhaltens ist – leider – Beleg für ein widersprüchliches, letztlich obstruktives Verhalten Deutschlands, das selbst über keine Uranwaffen verfügt, aber offenkundig Rückendeckung für die NATO-Partner USA und Großbritannien bietet, die diese Waffen eingesetzt haben. Es zeigt auch, dass die deutsche Regierung das Thema Uranmunition nicht ernst nimmt, trotz gegenteiliger Behauptungen.”

    Ohne Resolution gibt es für betroffene Länder wie Kosovo oder Irak keine Unterstützung. Die Abrüstungsagentur der Vereinten Nationen (UNODA) empfiehlt betroffenen Staaten zwar „solch simple Maßnahmen wie das Einsammeln, Lagern und Entsorgen der Munitionsreste“. Wie genau derartige Aufräumarbeiten aussehen könnten weiß indes niemand.

    Christian Werner

    Im Stadtviertel Hurriya in Baghdad schaut eine Frau aus dem Fenster. Die Fassade ihres Hauses ist von Schusslöchern durchsiebt.

    Und wo anfangen? Für den Irak hat die US-Armee immer noch nicht öffentlich gemacht, welche genauen Angriffsziele sie mit DU-Munition beschossen hat. Das pulverisierte Uranoxid wird im knochentrockenen Klima des Irak ohnehin vom Wind in alle Himmelsrichtungen verteilt, während auf dem Balkan Schnee und Regen den Giftstaub längst in den Erdboden gespült haben. Und selbst für die Räumung der Munitionsreste gibt es bis heute bloß erste Machbarkeitsszenarien, aber keinerlei verbindliche Standards, geschweige denn erprobte Methoden – weder auf Truppenübungsplätzen, noch an ehemaligen Kriegsschauplätzen.

    Die Unsicherheit bleibt: auch in Deutschland

    Anfang Oktober untersuchten Einsatzkräfte der Bundeswehr in der Umgebung der Wehrtechnischen Dienststelle (WTD) 91 bei Meppen im Emsland Luft, Boden und Wasser auf radioaktive Strahlung. WTD 91 ist das größte militärische Übungsareal Westeuropas. Dort wurden seit der Kaiserzeit Bomben, Raketen und Munition aller Art verschossen. Und eben dort lagerte auch Uranmunition. Wochenlang kämpften hier bis zu 2000 Einsatzkräfte gegen die Flammen eines Moorbrandes, der Brandgeruch zog über hunderte Kilometer bis nach Hamburg und Bremen. Anwohner und Einsatzkräfte fürchteten, das Feuer könnte Schadstoffe aus Munitionsrückständen freisetzen.

    Nach mehreren Anfragen im Bundestag musste das Verteidigungsministerium im Herbst 2018 zugeben, dass in den 70er Jahren und in den 90er Jahren Uranmunition auch in Meppen gelagert war.

    Ilja Derstroff/Bundeswehr/dpa

    Rauch steigt von den verbrannten Flächen auf dem Gelände der Wehrtechnischen Dienststelle 91 (WTD 91) in Meppen auf, nachdem dort ein großflächiger Moorbrand ausgebrochen ist.

    Einen Einsatz der Geschosse schließt das Ministerium jedoch aus. Stattdessen sei die Munition „an die Firma Rheinmetall für Beschussversuche übergeben worden“. Schon 2001 bestätigte Rheinmetall auf dem firmeneigenen Gelände in Unterlüß (Landkreis Celle) Uranmunition getestet zu haben.

    In der Vergangenheit hat das Verteidigungsministerium Vorfälle mit Uranmunition in Deutschland gegen besseres Wissen ignoriert oder geleugnet. Bereits Mitte der 90er Jahre lag eine Liste der US-Armee vor. Aufgeführt waren „Vorfälle“ mit Uranmunition in Deutschland: Drei Waffentests, bei denen „irrtümlich“ DU-Munition verschossen worden sei, sowie sechs Vorfälle, in denen mit Uranmunition bestückte US-Panzer ausgebrannt seien.

    Trotz dieser Informationen bestritt die Bundesregierung noch bis 2001, dass in Deutschland je DU-Munition verschossen worden sei – auch auf Nachfrage von Bundestagsabgeordneten.

    Warum kümmert sich niemand um die Dekontamination betroffener Gebiete? „Dekontamination in Verbindung mit den Einsatzfolgen ist ein kompliziertes Thema“, sagt Völkerrechtler Manfred Mohr von der ICBUW. „Selbst wenn nur auf hot spots begrenzt, ist sie äußerst kostspielig und letztlich kaum effektiv.“ Insbesondere betroffene Regionen hätten dafür oft nicht genug Geld. „Es bleibt nur, auf den Einsatz dieser teuflischen Waffe zu verzichten, will man Schaden für Mensch und Umwelt auch lange nach dem Kriegsgeschehen vermeiden“, sagt Mohr.

    Die Kosten für eine Sanierung der betroffenen Gebiete gehen in die Milliarden

    Wie teuer und aufwändig die Räumung kontaminierter Gebiete ist, zeigt das Beispiel Montenegro: Auf der Halbinsel Lustica an der Adria-Küste, einem beliebten Touristenziel, verschoss die Nato am 29. und 30. Mai 1999 bei zwei Angriffen auf eine feindliche Flugabwehrkanone am Kap Arza insgesamt 300 Schuss Uranmunition. Nach dem Krieg führte die Regierung Dekontaminationsmaßnahmen durch.

    Recherchen von BuzzFeed News zufolge ist dies weltweit nur einer von zwei ehemaligen Kriegsschauplätzen, an denen Dekontaminationsmaßnahmen durchgeführt wurden. Zusätzlich wurden nur in Serbien auf einer Fläche von von rund 30.000 Quadratmetern etwa 10.000 Kilo Erde abgetragen und als radioaktiv belastet entsorgt. In Montenegro suchten bis zu 25 Spezialisten, ausgerüstet mit Atemmasken, Schutzanzügen und Handschuhen, eine Fläche von rund 30.000 Quadratmetern ab. Die Arbeiten kosteten umgerechnet fast 280.000 US-Dollar und dauerten fast zehn Monate – viel Aufwand für 300 DU-Projektile, die binnen geschätzter zwölf Sekunden verschossen worden waren. Einige der Projektile wurden nie gefunden. Und: nach Abschluss der Räumungsarbeiten waren die gemessenen Strahlungswerte am Kap Arza noch immer doppelt so hoch wie die natürliche Umgebungsstrahlung.

    Wie die Verantwortlichen auf eigenem Boden mit den Risiken der Uranwaffen umgehen, lässt ein Blick in den US-Bundesstaat Indiana erahnen. Hier hatte die Armee rund 100 Tonnen der Munition auf einem Übungsplatz getestet. Mitte der Neunziger Jahre gab das Pentagon den Standort auf. Bereits damals warnten zwei Wissenschaftler in einem von der US-Armee beauftragten Bericht, dass das Gelände nicht mehr für landwirtschaftliche Zwecke nutzbar sei, da von einer Kontamination des Grundwassers auszugehen sei.

    Die Räumung des Stützpunktes sollte ersten Schätzungen zufolge bis zu 7,8 Milliarden Dollar kosten. Räumung hätte bedeutet: Das Erdreich mit speziell gepanzerten Bulldozern neun Meter tief abzutragen. Nicht im Preis inbegriffen ist die Lagerung des Abraums in riesigen Spezialcontainern.

    Pentagon und Atomaufsichtsbehörde streiten sich bis heute um den langfristigen Umgang mit dem kontaminierten Übungsplatz. Zwischenzeitlich wurde diskutiert, das Gelände zur „nationalen Opferfläche“ zu erklären. Das hätte bedeutet: Zutritt verboten. Für immer.

    UPDATE

    In einer ersten Version dieser Recherche hatten wir geschrieben, dass Montenegro der einzige ehemalige Kriegsschauplatz ist, an dem Dekontaminationsmaßnahmen durchgeführt wurden. Das ist nicht richtig, auch in Serbien sind solche Maßnahmen durchgeführt worden. Wir haben die Passage entsprechend ergänzt. Danke für den Hinweis an die aufmerksame Leserin.


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