27. Nov. 2018

    80 Journalistinnen haben BuzzFeed News in einer Umfrage von Belästigungen bei der Arbeit berichtet

    „Der Kollege kam in mein Zimmer, fasste mir unter den Rock. Ich sagte, dass ich das nicht wolle. Er drohte, er werde nachts in mein Zimmer eindringen.“

    Patrick Herzog/AFP / Getty Images

    In einer Umfrage von BuzzFeed News Deutschland geben über 80 deutsche Journalistinnen und Medienmacherinnen an, während ihrer Arbeit sexuell belästigt worden zu sein.

    Der überwiegende Teil hat verbale Belästigung erlebt. Rund 20 Prozent schreiben, dass sie sexuell genötigt wurden. Täter sind nach Angaben der Befragten vor allem Vorgesetzte oder Kollegen, seltener auch Interviewpartner.

    „Die Ergebnisse sind ein weiteres Indiz dafür, dass das Ausmaß von sexueller Belästigung und Alltagssexismus im Medienbereich offensichtlich massiv unterschätzt wurde“, schreibt Anna-Maria Wagner, Referentin für Chancengleichheit und Diversity beim DJV BuzzFeed News.

    Rebecca Beerheide, Vorsitzende des Journalistinnenbundes fordert eine unabhängige Beschwerdestelle, die auch für freie Journalisten und Journalistinnen zugänglich sein müsse.


    „Der Kollege kam in mein Zimmer, fasste mir unter den Rock. Ich sagte, dass ich das nicht wolle. Er drohte, er werde nachts in mein Zimmer eindringen, er habe einen Schlüssel (was er nicht tat).“ - freie Journalistin, arbeitet für verschiedene Medien


    „Kollege versucht mich auf der Weihnachtsfeier vor allen zu küssen, als ich mich entziehe: 'Komm schon, auf einer Weihnachtsfeier kann man schon mal rumknutschen!'“ - freie Journalistin, arbeitet vor allem für Printmedien


    „Ein Kollege hat mich während meines Volontariats und auch danach (dann per Mail) immer wieder auf mein Aussehen angesprochen, wie viele Freunde ich hatte, welche Sexualpraktiken ich bevorzuge, ob ich gerne nackt bin, er wollte sich gern mit mir treffen...“ - freie Journalistin, arbeitet vor allem für Printmedien


    „Ein Ressortleiter bei der Deutschen Welle sagte mir, bei einem Bewerbungsgespräch, er habe keine Stelle für mich. Aber er hätte am Wochenende Dienst und da könnten wir in Ruhe mal prüfen, ob wir zusammenpassen und ob sich etwas finden ließe.“ - Volontärin, Printmedium


    „Ein Kollege schrieb mir über einige Wochen E-Mails und fragte, was ich anhabe, ob mein Sexleben erfüllend sei und sagte, er könne sich kaum auf die Arbeit konzentrieren, weil er so erregt sei, wenn ich in der Nähe sei.“ - Volontärin, Printmedium


    BuzzFeed News/ Pascale Müller

    Die Ergebnisse der Umfrage sind nicht repräsentativ. Nicht alle Fragen wurden von gleich vielen Personen beantwortet. Möglicherweise haben sich verstärkt Menschen gemeldet, die von sexueller Belästigung betroffen sind oder waren (siehe auch Hinweis zur Transparenz am Ende des Artikels).

    Auf die Frage, wie häufig sie solche Erfahrungen machen, antworten viele der 80 Befragten mit: „mehrfach“, „regelmäßig“ oder „die ganze Zeit“. Mehr als die Hälfte gibt an, dass ihre Arbeit dadurch beeinflusst wird.

    Eine Journalistin schreibt: „Der Vorfall [...] hat mich tief verunsichert und mich mit Angst und Anspannung zur Arbeit gehen lassen.“ Eine andere: „Jeden Tag fühle ich mich unwohl, zur Arbeit zu kommen.“ Eine dritte schreibt: „Angst auf die Arbeit zu gehen, Angst dort zu sein, Angst mit dieser Person alleine zu sein.“

    Außerdem geben mehrere Frauen an, dass sie negative Konsequenzen erlebten, nachdem sie einen Vorgesetzten zurückgewiesen hätten. Eine Person, die sich auf ein Praktikum beworben hatte, schreibt: „Der Chefredakteur der Zeitung, bei der ich mich beworben hatte, sagte mir zu, unter der Bedingung, dass ich mich mit ihm zu einem Abendessen treffe. Ich habe abgelehnt, das Praktikum kam nicht zustande.“

    BuzzFeed News/ Pascale Müller

    So auch im Fall von Theresa, mit der sich BuzzFeed News zu einem Interview getroffen hat. Theresas Name ist geändert, weil sie fürchtet, dass ihr ehemaliger Chef ihr auch heute noch schaden kann.

    Während einer Dienstreise habe ihr Vorgesetzter, ein Verlagsleiter, sie sexuell belästigt, sagt sie. Es sei eine Reise gewesen, auf der „viel getrunken“ wurde, der Mann sei bereits auf einer Taxifahrt zurück zur gemeinsamen Unterkunft übergriffig geworden. „Dann vor dem Schlafengehen hat er sich schwer getan mich ins Bett gehen zu lassen und hat versucht, mich zu küssen.“ Das habe sie versucht abzuwehren. „Weil ich mich sehr für ihn geschämt habe“, sagt sie. Der Mann ist verheiratet. Auch deshalb möchte sie seinen Namen nicht öffentlich machen. Sie hat Bedenken, eine Familie zu zerstören.

    Später in dieser Nacht sei sie aufgewacht, weil der Vorgesetzte nackt in ihrem Bett gelegen habe. Sie habe laut gehustet, um ihn aufzuwecken und außerdem sofort mehreren Freundinnen geschrieben. BuzzFeed News liegen Screenshots dieser Nachrichten vor.

    „Ich hab mich sehr sehr geschämt für ihn und war gleichzeitig sehr wütend auf mich, weil ich in Frage gestellt habe, ob ich mich irgendwie falsch verhalten habe“, sagt sie. Sie habe daraufhin mit Kolleginnen gesprochen, die ihr alle gesagt hätte, dass sie keine Schuld trage. Einige dieser Kolleginnen hätten aus ähnlichen Gründen den Verlag verlassen. Auch Theresa kündigt letztendlich. Vor allem wegen dieses konkreten Vorfalls. Heute arbeitet sie als freie Journalistin.

    Ein Einzelfall sei das Verhalten ihres ehemaligen Chefs aber nicht geblieben. „Ich habe schon den Eindruck, das kommt häufiger vor“, sagt sie. Deshalb habe sie auch angefangen, mit Freundinnen und Freunden darüber zu sprechen. „Da habe ich gemerkt, wie vielen sowas passiert. Also eigentlich allen Kolleginnen. Und eigentlich hat keine mit jemandem darüber gesprochen, bevor ich das angesprochen habe. Deshalb glaube ich, dass man sich dazu durchringen muss.“

    In unserem Podcast „Unterm Radar“ könnt ihr mehr über diese Recherche erfahren

    In Deutschland hat es bisher kaum Berichterstattung über Fälle von Machtmissbrauch und sexueller Belästigung in der Medienbranche gegeben. Auch deshalb widmet sich BuzzFeed News diesem Thema in den kommenden Monaten verstärkt. In den USA und Großbritannien wurden zahlreiche prominente Journalisten und Redakteure im vergangenen Jahre aufgrund von Vorwürfen sexueller Belästigung entlassen.

    Hier könnt ihr an unserer Umfrage teilnehmen

    Das Recherchebüro Correctiv und das Magazin Stern hatten in den vergangenen Monaten zwei Fälle sexueller Belästigung beim WDR aufgedeckt. In beiden Fällen nannten die Medien den Namen des Beschuldigten nicht. Correctiv schrieb über einen der Journalisten, er berichte bis heute für die ARD. Eine Umfrage des Fachmagazins Journalist hatte außerdem gezeigt, dass es auch bei anderen Sendern Fälle sexueller Belästigung gegeben hat.

    Bereits 2013 machte die Journalistin Laura Himmelreich Sexismus in der Branche zum Thema. In dem Artikel „Der Herrenwitz“ beschrieb sie, wie der FDP-Politiker Rainer Brüderle sie belästigt hatte. Der Beitrag löste unter dem Hashtag #Aufschrei eine landesweite Debatte aus.

    Hermann Pentermann / picture alliance / dpa

    Der damalige Vorsitzende der FDP-Fraktion im Bundestag, Rainer Brüderle, zusammen mit der damaligen „Stern“-Redakteurin Laura Himmelreich.

    Fünf Jahre später gibt es in den meisten Verlagen und Redaktionen allerdings nach wie vor keine Beschwerdestellen oder konkrete Ansprechpartner. Eine Ausnahme ist der Spiegel, der sich mit dem Thema als erster Verlag auseinandergesetzt und im Sommer ein Gesprächsangebot für Betroffene von Sexismus oder sexualisierter Gewalt eingerichtet hatte.

    Auf eine Anfrage von BuzzFeed News teilten neun der größten Zeitungsverlage und Medienunternehmen im Juni mit, dass man auch nach der MeToo-Debatte keinen Anlass für Veränderungen sehe. Rebecca Beerheide vom Journalistinnenbund kritisiert das: „Ich glaube nicht, dass man sagen kann, nur weil wir in der Verlagsspitze nichts gehört haben, gibt es das nicht im Verlag. Ich glaube schon, dass es sinnvoll ist, dass Verlage eine anonyme Umfrage unter Mitarbeiterinnen machen.“ Die Umfrage von BuzzFeed News weise darauf hin, dass dabei unbedingt auch freie Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen miteinbezogen werden müssten.

    Wo es keine Meldestellen gibt, kann auch das Ausmaß des Problems nicht erfasst werden. 63 Prozent der Frauen in unserer Umfrage geben an, dass sexuelle Belästigung, von der sie in ihrer Redaktion oder deren Umfeld erfahren haben, nirgendwo gemeldet wurde. Weitere 28 Prozent sagen, sie wüssten nicht, ob der Vorfall gemeldet wurde oder nicht.

    Auch deshalb hält Rebecca Beerheide eine Beschwerdestelle für notwendig. „Es muss eine Anlaufstelle geben die auch für Freie zuständig ist. Das ist ein blinder Fleck. Freie Kolleginnen sind aber potentiell gefährdeter, auch weil die wirtschaftliche Abhängigkeit größer ist.“

    In vielen Fällen bleibt den Journalistinnen nur die Möglichkeit, Kontakt mit bestimmten Vorgesetzten, Kollegen oder Quellen zu meiden – etwa, indem sie bestimmte Aufträge nicht mehr annehmen. Eine Handvoll Befragte gibt auch an, aus diesem Grund gekündigt zu haben oder zumindest vorübergehend nicht mehr in die Redaktion gekommen zu sein. „Wenn Journalistinnen wegen sexualisiertem Machtmissbrauch in ihrer Karriereentwicklung behindert werden, ist das doppelt bitter“, schreibt auch Anna-Maria Wagner vom DJV. „Wir können alle Betroffenen nur ermutigen, sich nicht unterkriegen zu lassen.“ Auch die DJV-Landesverbände verstünden sich als Anlaufstelle und böten ihren Mitgliedern in solchen Fällen Rechtsschutz.

    Wagner rät Betroffenen sich Verbündete zu suchen, mit dem Personalrat oder der Gleichstellungsbeauftragten über die Vorfälle zu sprechen oder zu erwägen Anzeige zu erstatten.


    So haben wir unsere Ergebnisse ermittelt und genutzt

    BuzzFeed News hat einen Google-Fragebogen veröffentlicht. An dieser Umfrage haben 160 Personen teilgenommen (Stand: 26.11.2018). 7 Fragebögen haben wir in der Auswertung nicht berücksichtigt, weil sie offensichtlich dazu dienten, das Ergebnis zu manipulieren.

    Die Ergebnisse der Umfrage sind nicht repräsentativ. Nicht alle Fragen wurden von gleich vielen Personen beantwortet. Die meisten Fragen wurden von rund 80 Personen beantwortet. Die prozentualen Angaben beziehen sich nur auf die Antworten der jeweiligen Fragen, nicht auf die Anzahl der 160 Befragten insgesamt.

    Möglicherweise haben sich verstärkt Menschen gemeldet, die von sexueller Belästigung betroffen sind oder waren – auch deshalb sind unsere Ergebnisse nicht repräsentativ. Gleichzeitig ist die Menge der Antworten ein Hinweis darauf, dass es von Betroffenen Gesprächsbedarf gibt und das Problem in der Öffentlichkeit zu wenig Aufmerksamkeit erfährt.

    BuzzFeed News wird weiter zu dem Thema recherchieren. Habt ihr einen Hinweis für uns? Dann meldet euch bei unserer Reporterin Pascale Müller.


    Hier findest Du alle Beiträge von BuzzFeed News Deutschland. Mehr Recherchen von BuzzFeed News Deutschland findest Du auch in unserem Podcast, auf Facebook und Twitter oder im RSS-Feed.

    Mehr Informationen über unsere Reporterinnen und Reporter, unsere Sicht auf den Journalismus und sämtliche Kontaktdaten – auch anonym und sicher – findest du auf dieser Seite.


    Darum wie schwer es ist sich gegen sexuelle Belästigung zur Wehr zu setzen, geht es auch in unserem Podcast „Unterm Radar“. Hier hören:



    Pascale Müller ist Reporterin für Politik und sexualisierte Gewalt. Kontakt: Pascale.mueller@buzzfeed.com

    Contact Pascale Müller at pascale.mueller@buzzfeed.com.

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