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Updated on 19. März 2019. Posted on 8. März 2019

Die Opfer des Wirtschaftswunders: Wie Asbest auch heute noch tausende Menschen tötet

Recherchen von BuzzFeed News Deutschland zeigen: Industrie und Politik haben über Jahrzehnte dafür gesorgt, dass weiter Menschen an dem tödlichen Stoff sterben – bis heute.

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Afp / AFP / Getty Images

Dieser Stoff ist extrem gefährlich: Rohes Asbest. Eine Faser kann schon reichen, um Krebs zu verursachen. Trotzdem ist Asbest über Jahrzehnte in zahlreichen Produkten verbaut worden.

Er tötet seit Jahrzehnten. Leise. Zuverlässig. Und in aller Öffentlichkeit. Er tötet langsam. Manchmal sehr qualvoll. Er tötet in Deutschland mindestens vier Menschen am Tag – offiziell. Vermutlich sind es sehr viel mehr.

Asbest ist der Killer Nummer eins unter den Berufskrankheiten. Keiner tötet mehr.

Es geht um hunderttausende Menschen. Menschen, die unter anderem unsere Häuser gebaut und unsere Dächer gedeckt haben, die unsere Bremsen am Auto gewechselt und unsere Bäder gefliest haben. Menschen, die Deutschland zu einem der wirtschaftlich stärksten Länder der Welt gemacht haben. Auch danke Asbest, denn Asbest war überall. Mit Asbest wurde Deutschland aufgebaut. Nun sind diese Menschen krank. Weil sie über Jahrzehnte hinweg in ihren Berufen mit Asbest in Kontakt gekommen sind – bis es 1993 verboten wurde.

Jedes Jahr sterben Tausende von ihnen an den Folgen. Obwohl schon vor mehr als hundert Jahren klar war, wie gefährlich Asbest ist. Obwohl Asbest seit einem Vierteljahrhundert in Deutschland verboten ist. Bis heute kämpfen viele dieser Betroffenen vergeblich um ihre Entschädigung. Wie kann das sein?

Das wollte ein Rechercheteam für BuzzFeed News Deutschland herausfinden. Und hat jahrelang recherchiert. In vertraulichen Akten. Bei Opfern, Anwälten, Wissenschaftlern. Bei Behörden und in Archiven. In ganz Deutschland.

Wir hatten keine Ahnung, wie viel Sprengstoff in diesem Thema steckt. Wir dachten: Asbest, das sei vorbei, ein Thema der Achtziger, mit dem bestenfalls unsere Eltern etwas zu tun hatten. Weit gefehlt.

Wir fanden heraus, wie Industrie und Politik bis heute gemeinsam dafür sorgen, dass sterbende Menschen nicht entschädigt werden. Wie mit viel Geld auch Wissenschaftler und Gutachter gekauft wurden. Wie viele Opfer und Angehörige vor Gericht keine Chance haben gegen die reiche und mächtige Industrie-Lobby. Wie bis heute Menschen vor Gericht scheitern, die eigentlich entschädigt werden müssten. Wie wir alle dafür bezahlen, jeden Tag.

Und wie in Zukunft noch mehr Menschen sterben könnten – auch an Asbest.

Du möchtest diese Recherche hören? Mit noch mehr Informationen und Einblicken in unsere mehrjährige Recherche? Wir haben für diese Recherche fünf Sonderfolgen unseres Podcasts „Unterm Radar“ produziert. Hier kannst du sie hören.


Die Opfer

Zur Verfügung gestellt von Helga Schwab.

Anna und Philipp Greb.

Philipp Greb hat Rückenschmerzen. Mal wieder. Es ist das Jahr 1981, der Wirtschaft geht es gut. In der Gegend um Ulrichstein im hessischen Vogelsbergkreis, wo Greb lebt, gibt es viele Schuppen mit maroden Dächern. Philipp Greb, 51 Jahre alt, ist Dachdecker. Er hat gut zu tun und er arbeitet hart. Dass er da über Rückenschmerzen klagt: nichts Besonderes. Doch sein Hausarzt wird hellhörig. Er kennt die Gegend und die Dächer. Und er weiß, womit diese gedeckt sind: Asbestplatten.

Der Hausarzt sollte Recht behalten: Philipp Greb hat Lungenkrebs. Schon im nächsten Sommer ist er tot. Er hinterlässt seine Frau und vier Kinder. Seine jüngste Tochter Helga ist damals 18 Jahre alt. Sie bleibt auch nach dem Schulabschluss zuhause wohnen. Sieben Jahre lang – obwohl sie da schon verheiratet ist. Sie bleibt wegen ihrer Mutter, die weder berufstätig ist, noch einen Führerschein hat.

Die Mutter von Helga ist – wie so viele Frauen in dieser Zeit – abhängig vom Einkommen ihres Mannes, jetzt von der Witwenrente. Doch auch die Witwenrente „hat zum Leben einfach nicht gereicht“, erinnert sich Helga mehr als 30 Jahre später im Gespräch mit BuzzFeed News. Gemeinsam mit ihrem Mann und ihrer Mutter hält Helga den landwirtschaftlichen Betrieb am Laufen – „eine Überlebensfrage“.

Das Geld ist knapp und so entscheidet sich Tochter Helga, eine Hinterbliebenenrente für ihre Mutter bei der Berufsgenossenschaft zu beantragen. Doch der Antrag wird abgelehnt.

Sechs Jahre später empfiehlt ihnen ihr Hausarzt, sich an einen Düsseldorfer Anwalt zu wenden. Wenn schon keine Rente, dann könnten sie von der Berufsgenossenschaft wenigstens eine Entschädigung bekommen. Schließlich sei Philipp Greb an einer Berufskrankheit verstorben, das heißt, sein Beruf hat ihn krank gemacht. Davon sind sie überzeugt. Doch damit nimmt eine Odyssee ihren Lauf.

36 Jahre später wohnt Philipp Grebs Tochter immer noch im mittelhessischen Vogelsbergkreis, gemeinsam mit ihrem Mann. Sie heißt heute Helga Schwab, hat mittlerweile selbst Kinder – und: Helga streitet noch immer für ihren Vater vor Gericht.

Hat Asbest den Krebs ausgelöst – oder etwas anderes?

2008 ist auch die Mutter von Helga Schwab gestorben. Eine Entschädigung für den frühen Tod ihres Mannes hat sie nie erhalten. Die Berufsgenossenschaft sagte, es sei nicht zweifelsfrei zu klären, ob ihr Mann tatsächlich durch seine Arbeit mit Asbest an Lungenkrebs erkrankt sei – oder etwas anderes den Krebs ausgelöst habe. Ein Problem, das tausende andere todkranke Menschen teilen. Helga Schwab will das nicht akzeptieren. Auch drei Jahrzehnte später nicht.

Ihr habt Hinweise auf schlechte Arbeitsbedingungen oder Missstände im Arbeitsschutz? Diese Recherche ist der Auftakt zu unserem Schwerpunkt „Krank durch Arbeit“. Wir recherchieren weiter. Meldet Euch bei uns unter daniel.drepper@buzzfeed.com.

Ihr Anwalt erklärt ihr, dass sie auch als Tochter weiter klagen könne. Helga Schwabs drei Geschwister wollen nicht mitmachen und so klagt Schwab, als jüngste Tochter, alleine weiter. Sie ist damals, als der Vater stirbt, die Einzige, die noch zuhause wohnt, die den Vater täglich leiden sieht und die das Überleben der Mutter sichert. Viel Verantwortung für eine 18-Jährige und eine Erfahrung, die Helga Schwab bis heute prägt.

Daniel Drepper / BuzzFeed News

Helga und Erwin Schwab kämpfen seit mehr als 30 Jahren gegen die Berufsgenossenschaft Bau.

„Der Vater hat trotzdem gefehlt: Ich habe meinen Führerschein alleine machen müssen, musste mein Haus allein bauen. Es hat mir gefehlt“, berichtet Schwab im Sommer 2017 unter Tränen, als BuzzFeed News sie zum Gespräch in ihrem Haus in Ulrichstein trifft. Und genau deshalb klagt Helga Schwab weiter, bis heute, denn das Verfahren läuft noch immer.

Helga Schwab und der Kampf um die Entschädigung ihres Vaters sind ein Extremfall. Doch wie ihnen geht es vielen Menschen, die im Beruf mit Asbest gearbeitet haben. Heute leiden sie an Lungenkrebs, Rippenfellkrebs oder Tumoren in der Lunge. Und viele haben nur noch wenige Monate zu leben. Sie beantragen zwar Entschädigungen von den Berufsgenossenschaften. Doch sie haben das Gefühl, ihnen werden dabei viele Steine in den Weg gelegt.

„Wir haben nicht gewusst, es hat uns niemand darauf aufmerksam gemacht, dass das krebserregend ist, tödlich ist oder Krankheiten hervorruft. Wir haben weder Arbeitsschutz noch Arbeitskleidung noch Handschuhe - wir sind durch Asbest gewatet - das war manchmal wirklich 20 Zentimeter hoch. Die haben wir dann abends mit dem Besen zusammengekehrt.” – Hannelore Ehlers, ehemalige Angestellte in der Spinnerei der Deutschen Asbestwerke.

„Ja ohne Wenn und Aber, das war für uns wie für den Maurer der Sand. Es wusste ja keiner, wie gefährlich das war. Regelmäßig waren wir bei uns voll im Asbest drin.“ – Dieter Wickert, ehemaliger Angestellter am Kraftwerk bei Preußen Elektra.

„Die Anerkennung war gleich null. Mein Mann ist an einem Mesotheliom gestorben. Ich habe eindreiviertel Jahre um meine Rente kämpfen müssen wie eine Löwin, das war ich meinem Mann schuldig. Der ist nicht umsonst gestorben.“ – Hildegard Best, Witwe des an Asbestfolgen verstorbenen Kaufmanns Heinrich Best.

„Das ist ein frustrierender Prozess. Das kann ich wirklich sagen. Weil einfach die gesamtgesellschaftliche Unterstützung fehlt. Das ist kein Thema, über das man redet.“ – Evelyn Glensk, wissenschaftliche Angestellte am Zentralinstitut für Arbeitsmedizin und Maritime Medizin.

Zur Verfügung gestellt von Hildegard Best.

Hildegard Best, seit 18 Jahren Witwe des an Asbestfolgen gestorbenen Kaufmanns Heinrich Best.

Die erste Asbestfabrik in Deutschland produziert schon ab 1871 in Frankfurt am Main. Der Aufstieg von Asbest ist steil. Das Mittel ist ein Superstar – schon bald wird es für fast alles verwendet: Kleidung für Feuerwehrmänner, Dachschindeln, Blumentöpfe, Telefon-Gehäuse, Bremsen und sogar Knöpfe. Als in Hollywood 1939 „Der Zauberer von Oz“ verfilmt wird, regnet es sogar Kunstschnee aus Asbestfasern. Asbest ist das Wundermittel unter den Werkstoffen, das „Mineral der tausend Möglichkeiten“. Kein Wunder, schließlich ist es hitzebeständig, leicht und vor allem: günstig.

In den Nachkriegsjahren ist der Bedarf an günstigen Baustoffen in Deutschland groß. Asbest ist gefragt wie nie und durch den Wirtschaftsaufschwung in den 1960er und 1970er Jahren kommen laut Schätzungen des Arbeitsmediziners und Asbest-Experten Hans-Joachim Woitowitz rund zwei Millionen Menschen mit dem todbringenden Stoff in Kontakt. Der bedenkenlose Umgang mit dem Wunderstoff Asbest wird Jahrzehnte später hunderttausende Arbeiter schwer krank machen – und viele von ihnen auch töten.


Die Asbest-Lobby

Die potenzielle Gefahr von Asbest erkannten Ärzte und Wissenschaftler schon sehr früh. Schon um die Jahrhundertwende gab es erste Untersuchungen zu möglichen Spätfolgen. In einer Londoner Asbestfabrik sterben um 1900 kurz hintereinander zehn junge Arbeiter. Der britische Arzt Montague Murray wird misstrauisch, untersucht die Arbeiter und sagt vor einer Entschädigungskammer für Berufskrankheiten aus.

Und tatsächlich: Er kann nachweisen, dass ein 35-jähriger Arbeiter nur an den Folgen der Asbestexposition gestorben sein konnte. Zum ersten Mal wird entschieden: Asbest hat eine Berufskrankheit verursacht. Zur gleichen Zeit gehen deutsche Firmen und Arbeiter weiterhin bedenkenlos mit Asbest um.

Ausgerechnet die Nationalsozialisten schenken dem Thema in Deutschland erstmals mehr Beachtung. Untersuchungen belegen, was bisher nur vermutet wurde: Asbest fördert Lungenkrebs. Daraufhin führt Deutschland Mitte der 1930er Jahre erstmals Lüftungssysteme an den Asbestarbeitsplätzen ein – ein erster Schritt in Richtung Arbeitsschutz. Zudem wird die Asbestose, die sogenannte Asbest-Staublunge, 1936 als Berufskrankheit anerkannt. Ein erster Erfolg für die Opfer. Bevor jedoch weiter geforscht werden kann, beginnt Deutschland den Zweiten Weltkrieg. Alle weiteren Untersuchungen und Schutzmaßnahmen sind erstmal auf Eis gelegt.

Nach dem Bauboom der Nachkriegsjahre wird die Forschung zu den Spätfolgen von Asbest wieder aufgenommen. Doch bis zu einem Verbot dauert es lange. Auch, weil die Industrie mit allen Mitteln dagegenhält.

AP Photo / The Pantagraph

Wie gefährlich der Kontakt mit den feinen Asbestfasern sein kann, untersuchte der Hamburger Lungenspezialist und Experte für Asbesterkrankungen Ernst Hain Ende der 1960er Jahre an seinen eigenen Patienten. Er beschreibt in seiner veröffentlichten Studie: Alleine die Wohnungsnähe zu Asbestfabriken in Hamburg führt dazu, dass die Menschen ein höheres Risiko haben, an Krebs zu erkranken. Der Hauptverband der gewerblichen Berufsgenossenschaften reagiert auf die Studienergebnisse und wiegelt ab: Es sei notwendig, „dass die Öffentlichkeit zum gegenwärtigen Zeitpunkt nach Möglichkeit nicht alarmiert wird.“ So steht es in einem internen Protokoll von Mai 1970. Stattdessen wolle man Arbeitsstoffe besser kennzeichnen und eine langjährige, nachgehende ärztliche Kontrolle etablieren. Das sollte reichen, um den Problemstoff Asbest in den Griff zu bekommen.

Nachdem mehrere wissenschaftliche Studien belegen, wie gefährlich Asbest ist, hält die Asbestlobby mit eigenen Veröffentlichungen dagegen. International unterstützen sich die Asbestverbände gegenseitig. Sie beraten auf Konferenzen darüber, wie man kritische Medienberichte kontert und welche Maßnahmen man treffen kann, um Asbest weiter auf dem Markt zu halten. Dass Asbesterkrankungen erst nach Jahrzehnten ausbrechen und damit die Folgen ihrer Lobbyarbeit wohl erst in 30 oder 40 Jahren zu sehen sind, wissen die Asbestverbände da bereits. Trotzdem machen sie weiter.

Ohne Asbest kein wirtschaftlicher Aufschwung?

Mit einer simplen, aber effektiven Strategie schafft es die Industrie, ein Verbot des tödlichen Asbest jahrzehntelang hinauszuzögern: alles verharmlosen. Ob mit einseitigen Artikeln in Fachzeitschriften oder in Schreiben an die Bundesregierung, der Wirtschaftsverband Asbest argumentiert immer gleich: Asbest ist nicht gefährlich. Und falls doch, dann sicher nur unter ganz bestimmten Bedingungen. Und erforscht sei das alles ohnehin noch nicht.

Die Interessenverbände haben damals ein Totschlagargument für die wirtschaftlich aufstrebende Bundesrepublik auf ihrer Seite. „Asbesthaltige Produkte sind wichtige und unverzichtbare Glieder der volkswirtschaftlichen Leistungskette“ und Asbest sei als Werkstoff „unter vertretbarem Kostenaufwand“ nicht zu ersetzen. So argumentieren sie 1977 in einem vertraulichen Schreiben an den Fachausschuss Steine und Erden der Berufsgenossenschaften. Kurzum: Ohne Asbest kein wirtschaftlicher Aufschwung, so die Nachricht. Und die kommt an.

Das Schreiben an den Fachausschuss Steine und Erden: Asbest unter vertretbarem Kostenaufwand nicht zu ersetzen.

Doch nicht alle schweigen über die Gefahr von Asbest. In einem Merkblatt von 1976 stellt beispielsweise die Weltgesundheitsorganisation einen klaren Zusammenhang zwischen Asbest und einer erhöhten Krebsgefahr dar. Für die WHO ist es zu diesem Zeitpunkt nicht möglich, zu sagen, ob es überhaupt eine Menge an Asbest gibt, der man ohne Krebsrisiko ausgesetzt sein kann. Auch das Umweltbundesamt wird zu dieser Zeit aufmerksam auf die zahlreichen Studien und Krebsfälle unter Asbestarbeitern und gibt bei dem Arbeitsmediziner Hans-Joachim Woitowitz eine Studie in Auftrag. Diese bestätigt die krebserregende Wirkung von Asbest. „Dann kam die Diskussion bis auf die politische Ebene, das war 1980 und dann hat es nochmal 13 Jahre gedauert bis wir dann das definitive Asbestverbot bekommen haben“, sagt Woitowitz im Gespräch mit BuzzFeed News.

Bezahlte Wissenschaft: Industrieausschüsse als Puppentheater

Spätestens in den 1970er Jahren war die Gefahr von Asbest daher wissenschaftlich klar belegt und den zuständigen Stellen bekannt. Verboten wurde jedoch nichts. Vermutlich, um das Verbot möglichst lange hinauszuzögern, gründete die Industrie Ausschüsse, in die sie auch prominente Wissenschaftler berief. Dass sich die Industrie von Wissenschaftlern beraten lässt, ist zunächst nicht ungewöhnlich. Die BuzzFeed News vorliegenden Dokumente zeigen aber: Es sind immer die gleichen Mediziner, die in den Ausschüssen der Industrie sitzen. Und sie erhalten gut bezahlte Forschungsaufträge.

Warum die Industrie Geld für diese Ausschüsse gibt, wird aus dem Protokoll einer Sitzung des Arbeitsausschusses Asbest vom 4. Dezember 1972 in Düsseldorf ersichtlich, das uns vorliegt. In dieser Sitzung sichern sich die Geldgeber, also die Industrie, „das Recht auf Prüfung der Vorhaben“, jedoch wird gleich im Nachsatz klargestellt, dass es „übereinstimmend für wünschenswert“ gehalten wird, „keine weiteren wissenschaftlichen Gremien einzuschalten“ und „keine Öffentlichkeitsarbeit“ zu betreiben.

Das Fazit dieser Sitzung ist einfach: Studien ja, aber keine Öffentlichkeit bitte. Und die Wirtschaftsverbände behalten sich ein Vetorecht vor. Daumen drauf. Wenn diese Ausschüsse jemandem nutzten, dann der Industrie.

Welche langfristigen Folgen hat die Zusammenarbeit der Wissenschaftler mit der Industrie? Die beiden zentralen Figuren in diesem Teil der Geschichte sind der Arbeitsmediziner Helmut Valentin und der Pathologe Herbert Otto. Helmut Valentin und Herbert Otto werden 1972 in den unabhängigen wissenschaftlichen Beirat der Wirtschaftsverbände Asbest und Asbestzement berufen und erhalten über die Jahre mehrere Forschungsaufträge und dafür hunderttausende D-Mark. Gleichzeitig unterstützen sie die Industrie mit ihren wissenschaftlichen Veröffentlichungen: Asbest sei für den Menschen unter bestimmten Bedingungen nicht gefährlich, schreiben sie dort.

Für 1982 liegt uns die Auflistung aller Forschungsvorhaben vor, die die „Wissenschaftliche Arbeitsgemeinschaft Asbest“ bezahlt hat. Allein in diesem Jahr sind es insgesamt 250.000 D-Mark. Aus den uns vorliegenden Dokumenten lässt sich errechnen, dass die Asbestlobby in den Jahren 1982 bis 1986 mindestens eine Million D-Mark an sieben führende Wissenschaftler gezahlt hat. Das sind nur die Zahlen, die uns vorliegen. Der Eisberg, der zu dieser Spitze gehört, dürfte größer sein.

Neben den Zahlungen an die Wissenschaftler versuchen die Wirtschaftsverbände auch, Einfluss auf die Arbeit des Bundesarbeitsministeriums zu nehmen. So schlägt der Wirtschaftsverband für Asbest in einem Schreiben vom April 1982 vor, dass mehrere der von der Industrie unterstützten Wissenschaftler in den Arbeitskreis „Stellungnahme zu Asbestfragen“ der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin (BAuA) aufgenommen werden sollen. So will die Industrie offenbar die Entscheidungen auf höchster Ebene beeinflussen.

Die internationale Asbestlobby ist bis heute aktiv

Bis heute kämpft die Industrie darum, ihren tödlichen Stoff weiter nutzen zu dürfen. Nicht mehr in Deutschland zwar, doch in China und Russland wird noch immer Asbest gefördert – und auch verwendet. In London stand 2017 ein britischer Spion vor Gericht. Er hatte sich als Dokumentarfilmer ausgegeben und bei Aktivisten eingeschlichen, die gegen Asbest kämpfen. Jahrelang hatte er Infos und Dokumente an die Industrie weitergegeben und dafür 500.000 Euro kassiert.

Jahrzehntelang versucht die internationale Asbestlobby die gesundheitlichen Folgen von Asbest kleinzureden. Ihre Vertreter sitzen in Kommissionen, um Grenzwerte möglichst niedrig zu halten und treffen sich, um sich gegenseitig zu beraten und zu unterstützen.

Viele der Menschen, die vor Jahrzehnten mit Asbest gearbeitet haben, werden heute noch krank. Mittlerweile gibt es vier anerkannte Berufskrankheiten, die durch den Kontakt mit Asbest ausgelöst werden. Entschädigt werden unter gewissen Umständen unter anderem die Asbestose genannte Asbeststaublunge, Lungenkrebs, Kehlkopfkrebs und Rippenfell-Krebs.

Das jahrzehntelange Verharmlosen nennen Asbest-Opfer die „erste Schuld“. Danach begann den Opfern zufolge die „zweite Schuld“. Denn zwei von drei Menschen, die wegen Asbest eine Berufskrankheit beantragen, werden von der zuständigen Deutschen Gesetzlichen Unfallversicherung abgelehnt und nicht entschädigt. So wie Helga Schwabs Vater, der Dachdecker Philipp Greb. Opfer, Anwälte und Experten beklagen, dass die von der Industrie finanzierten Berufsgenossenschaften den Opfern zu hohe Hürden in den Weg stellt.

Peter Macdiarmid / Getty Images

Schwierige Entschädigung

Werden Menschen durch ihre Arbeit krank und können nicht mehr arbeiten, steht ihnen eine Rente zu. Damit diese Renten bezahlt werden können, zahlen die Arbeitgeber in Berufsgenossenschaften ein. Die Deutsche Gesetzliche Unfallversicherung DGUV ist der Dachverband der Berufsgenossenschaften. Und der hat ein Problem: Jeder entschädigte Asbestkranke kostet zehntausende, wenn nicht hunderttausende Euro: Behandlungskosten, Rente, Sterbegeld.

Diese Kosten werden auf die Unternehmer umgelegt, die heute in die Berufsgenossenschaft einzahlen. Nur haben viele von denen nie mit Asbest gearbeitet. Entsprechend wenig Interesse dürften diese Unternehmer daran haben, mehr Asbestkranke zu entschädigen. Die Gesetzliche Unfallversicherung hat zuletzt pro Jahr mehr als 600 Millionen Euro für die Entschädigung von Asbestopfern ausgegeben, schreibt sie auf Anfrage von BuzzFeed News, Tendenz deutlich steigend. Hätte sie nicht ein Drittel, sondern jeden angezeigten Asbest-Verdachtsfall entschädigt, hätte das die deutsche Industrie wohl pro Jahr mehr als eine Milliarde Euro zusätzlich gekostet.

Was genau macht es für die Asbestgeschädigten so schwer, entschädigt zu werden?

Nur jeder zehnte asbestbedingte Lungenkrebs wird anerkannt

Es gibt unterschiedliche Arten von Asbesterkrankungen. Ein bestimmter Krebs, das Mesotheliom, kann quasi nur durch Asbest entstehen, ist relativ gut zu diagnostizieren und wird auch in Deutschland recht problemlos anerkannt. Das Mesotheliom wird in der Forschung daher als eine Art Richtwert genutzt. Schwieriger ist es dagegen, einen Lungenkrebs auf die Arbeit mit Asbest zurückzuführen. Schließlich kann der Lungenkrebs auch andere Ursachen haben, Rauchen zum Beispiel. Mehrere internationale Studien, darunter im angesehenen Fachmagazin Nature, haben gezeigt, dass etwa doppelt so viele mit Asbest arbeitende Menschen an Lungenkrebs erkranken, als an dem Richtwert-Krebs namens Mesotheliom.

Wendet man diese Rechnung auf Deutschland an, zeigt sich Erstaunliches: In Deutschland werden seit Jahren deutlich weniger Lungenkrebs-Kranke entschädigt als Mesotheliom-Kranke. Wenn man den Studien folgt, müssten jedes Jahr mehr als 1000 Lungenkrebskranke zusätzlich entschädigt werden. Allein das würde die Berufsgenossenschaften jedes Jahr weit mehr 100 Millionen Euro kosten.

Wer Lungenkrebs hat, der kann entschädigt werden, wenn er lange genug mit Asbestfasern gearbeitet hat. Der Nachweis, wie lange ein Dachdecker vor 30 oder 40 Jahren mit Asbest belastete Schuppendächer zerschnitten hat, ist Jahrzehnte später, wenn die Krankheit ausbricht, oft sehr schwierig. Alternativ können die Betroffenen auch sogenannte Brückenbefunde nutzen. Wenn sie zum Beispiel eine Asbestose haben, also eine Asbeststaublunge, dann kann der Lungenkrebs anerkannt werden. Ist das nicht der Fall, dann bleibt als letzte Hoffnung nur eine ganz bestimmte wissenschaftliche Theorie: die Theorie der Asbestkörper. Um diese Theorie gibt es großen Streit.

Der Kampf um die Asbestkörpertheorie

Der Erfinder dieser Theorie ist der deutsche Pathologe Herbert Otto. Der Herbert Otto, der große Forschungsaufträge von der Industrie bekommen hatte. Seine Theorie ist offenbar weiterhin der Grund dafür, dass weniger Opfer eine Entschädigung bekommen, als eigentlich berechtigt wären. Und das, obwohl die Theorie von vielen internationalen Wissenschaftlern seit Jahren kritisiert wird.

Im Kern geht es um die Frage, ob man Asbest in der Lunge nach teilweise mehr als 30 Jahren überhaupt noch nachweisen kann. Laut der Theorie muss eine gewisse Anzahl von Asbestkörpern in der Lunge gefunden werden, um beweisen zu können, dass der diagnostizierte Krebs durch den Kontakt mit Asbest verursacht wurde.

Es gibt viele Studien, die der Asbestkörpertheorie widersprechen. Denn erstens kann man diese Körperchen teilweise erst nach dem Tod eines Menschen überprüfen. Zweitens funktioniert selbst das bei sehr vielen Betroffenen nicht. Denn die Sorte Asbest, die in Deutschland zu rund 95 Prozent verwendet wurde, das sogenannte Chrysotil oder auch Weißasbest, verflüchtigt sich über die Jahre. Weißasbest kann „nach einigen Jahren kaum noch, nach Jahrzehnten eigentlich gar nicht mehr in der Lunge nachgewiesen werden, weil er aufsplittet und dann nicht mehr sichtbar ist“, erklärt einer der renommiertesten Arbeitsmediziner Europas, Xaver Baur. Seit Jahrzehnten beschäftigt er sich mit Berufskrankheiten.

„Sie suchen nach etwas, das gar nicht da ist.“

Das Thema beschäftigt längst nicht mehr nur deutsche Wissenschaftler, sondern die wichtigsten Arbeitsmediziner der Welt. 180 internationale Experten haben sich im Collegium Ramazzini zusammengeschlossen, darunter auch Xaver Baur. Das Collegium Ramazzini befasst sich mit den wichtigsten arbeits- und umweltmedizinischen Problemen und hat es sich auch zur Aufgabe gemacht, die Asbestkörpertheorie endgültig abzuschaffen. Philip Landrigan, Professor am Mount Sinai Krankenhaus in New York, ist Präsident des Collegium Ramazzini. Im Herbst 2015 haben die Wissenschaftler des Collegium Ramazzini eine Erklärung herausgeben, warum mit der derzeit verwendeten Methode über Jahrzehnte hunderttausende Menschen betrogen wurden.

Es sei sinnlos nach Weißasbestfasern im Körper eines kranken Menschens zu suchen, da sich diese entweder auflösen oder weiter an den Rand der Lunge, zum sogenannten Brustfell, wandern würden. Genau das sei das Problem in Deutschland, sagt Philip Landrigan im Telefonat mit BuzzFeed News: „Das heißt, sie suchen nach etwas, das gar nicht da ist und auch nicht sein kann.“

Das Collegium Ramazzini veröffentlicht nur ein bis zwei Artikel im Jahr – dass es sich in einem dieser zwei Artikel extra mit der Situation in Deutschland befasst, ist bemerkenswert. Grund dafür ist laut Landrigan das „veraltete und überholte Bestreben der Versicherungen“ nach Weißasbestfasern im Lungengewebe zu suchen. In keinem anderen Land werde diese Methode angewandt, um über eine Anerkennung einer asbestbedingten Berufskrankheiten zu entscheiden. Da sich viele Fachmediziner einig seien, dass man Weißasbestfasern nach so langer Zeit nicht mehr nachweisen könne – und das wisse man schon seit mindestens zehn Jahren. In der Konsequenz hieße das, so Philip Landrigan, „dass jetzt seit zehn Jahren oder länger unzählige Arbeiter in Deutschland zu Unrecht keine Entschädigung bekommen haben.“

Miguel Medina / AFP / Getty Images

Ein Arbeit entsorgt asbesthaltige Produkte – mit entsprechender Schutzkleidung.

Deutsches Mesotheliomregister: Eine Hürde für viele Opfer

Die Asbestkörpertheorie ist mittlerweile gut 50 Jahre alt, wird auf internationaler Ebene heftig kritisiert und spielt in Deutschland trotzdem nach wie vor eine maßgebliche Rolle in der Begutachtung und Entschädigung von Asbestkranken. Wie kann das sein?

Um das zu verstehen, muss man sich das Deutsche Mesotheliomregister in Bochum näher anschauen. Das wurde 1973 vom Hauptverband der gewerblichen Berufsgenossenschaften gegründet – auf Vorschlag von Herbert Otto. Zunächst sollte das Deutsche Mesotheliomregister unter der Leitung von Otto nur die asbestbedingten Tumorerkrankungen der Lunge zentral erfassen. Mittlerweile untersuchen die Mitarbeiter des Deutschen Mesotheliomregisters, beziehungsweise das dazugehörige Institut für Pathologie der Universität Bochum, jedes Jahr zahlreiche Gewebeproben in solchen Asbestverfahren. Die Bochumer scheinen eine Art Monopol auf diese Gewebeproben zu haben.

Der formell klingende Name und der Sitz an der Uni Bochum erwecken einen neutralen Eindruck. Doch Register und Institut werden von einer Stiftung getragen. Diese Stiftung ist von der „Berufsgenossenschaft Rohstoffe und chemische Industrie“ ins Leben gerufen worden. Eine der Einrichtungen also, die die Opfer finanziell entschädigen muss – und die von der Industrie finanziert wird. Mit anderen Worten: Die Einrichtung, die untersucht, ob die Industrie entschädigen muss, wird zum Teil von eben jener Industrie selbst finanziert. Für jedes Opfer, das vom Mesotheliomregister anerkannt wird, müssen die Unternehmen in den Berufsgenossenschaften mehr zahlen.

Zur Verfügung gestellt von Miriam Battenstein.

Miriam Battenstein. Die Rechtsanwältin vertritt vor allem Asbestgeschädigte.

Doch nicht nur die Finanzierung des Deutschen Mesotheliomregisters gibt Anlass für Kritik. Bei den sogenannten Lungenstaubanalysen wird regelhaft mit dem Lichtmikroskop gearbeitet, obwohl es genauere wissenschaftliche Methoden gibt. Miriam Battenstein ist eine auf Asbestfälle spezialisierte Anwältin. Die Kanzlei Battenstein streitet seit Jahrzehnten für Asbestgeschädigte und Berufskranke vor Gericht. Früher ihr Vater, jetzt Miriam Battenstein. Sie hält es für sehr bedenklich, dass aus den pathologischen Gutachten vor Gericht nicht ersichtlich sei, welche Untersuchungsmethode angewendet wurde. Ein Radiologe müsse beispielsweise ja auch darlegen, ob er eine CT-Aufnahme, ein einfaches Röntgenbild oder eine MRT-Aufnahme mache. „Das kann man ja nicht irgendwie erraten aus dem, was er an Befunden schreibt“, sagt Miriam Battenstein.

Heute wird das Deutsche Mesotheliomregister von Andrea Tannapfel geleitet. Auf die Frage, warum sie weiterhin diese Methode verwende, antwortet sie per Mail, dass es ihres Wissens nach keine Studie gebe, „die wissenschaftlich belegt, dass sich Asbestkörperchen nicht nachweisen ließen, die einmal im Lungengewebe gebildet wurden.“ Die Aussage erstaunt, denn sogar die offizielle Begutachtungsempfehlung für Asbestkranke, die Falkensteiner Empfehlung, weist auf das sogenannte „Fahrerflucht-Phänomen“ hin – also darauf, dass Weißasbest eine geringe Halbwertszeit hat, also schnell wieder verschwindet.

Täglich würden Mitarbeiter des Deutschen Mesotheliomregisters Asbestkörper im Lungengewebe von Menschen finden, die in der Vergangenheit mit Asbest in Kontakt gekommen sind. „In vielen Fällen ist der von uns geführte Asbestnachweis das einzige Verfahren, das Betroffenen hilft (...) – was dann zu einer Anerkennung einer Berufskrankheit führt“, schreibt Andrea Tannapfel.

Was sie nicht erwähnt: Gleichzeitig werden Asbestkranke wegen nicht gefundener Asbestkörper im Lungengewebe abgelehnt. Das zeigen Recherchen von BuzzFeed News.

Faserzählung verwehrt Asbestkranken die Anerkennung

Das Festhalten an dieser Asbestkörpertheorie hat weitreichende Folgen für die Asbestgeschädigten. Wenn der Pathologe zum Beispiel eine Fibrose attestiert, also eine Vernarbung des Lungengewebes, aber keine Asbestkörper mehr findet, ist die Vernarbung offiziell „unbekannter Herkunft“ – also keine Asbestose, die entschädigt werden könnte. Mit dieser Begründung werden offenbar viele Antragsteller abgelehnt.

Genau das kritisiert die Anwältin Miriam Battenstein: „Auf der Fibrose steht nicht Asbest drauf.“ Eigentlich dürfe bei einer entsprechenden Berufsbelastung mit Asbest ein negatives Ergebnis nicht verwendet werden, um eine asbestbedingte Berufskrankheit auszuschließen, sagt auch Arbeitsmediziner Xaver Baur. Das passiere aber Tag für Tag.

Der Dachverband der Berufsgenossenschaften verteidigt sein Vorgehen auf Nachfrage von BuzzFeed News. Gewebeproben würden nur genutzt, um zusätzliche Betroffene zu entschädigen, die ohne einen pathologischen Befund nicht ausreichend belegen können, dass sie für eine Entschädigung in Frage kommen. Allein 2017 seien so 68 zusätzliche Berufskrankheiten anerkannt worden.

Dem widersprechen Recherchen von BuzzFeed News. Die Arbeitsmediziner Xaver Baur und Hans-Joachim Woitowitz sagen, dass die Berufsgenossenschaften immer wieder auch erfolgreich versuchen, eigentlich anzuerkennende Berufskrankheiten abzulehnen, weil angeblich zu wenig Rückstände in der Lunge gefunden wurden. In Verfahren an Sozialgerichten würden sie dies immer wieder erleben. Auch die Anwältin Miriam Battenstein bestätigt diese Einschätzung. Dem pathologischen Gutachten werde „das letzte Wort erteilt“.

Miriam Battenstein hat im vergangenen Herbst einen solchen Fall vor dem Landessozialgericht Bremen gewonnen. Die Berufsgenossenschaft hatte in dem Verfahren mit aller Macht versucht, die fehlenden Asbestfasern zu nutzen, um eine Hinterbliebenenrente abzulehnen, die eigentlich anerkannt werden muss. Das Gericht entschied: Die Berufsgenossenschaft muss die Hinterbliebenenrente zahlen, obwohl bei der verstorbenen Person nur wenige Asbestfasern in der Lunge gefunden wurden. Die Anzahl der Fasern sei nicht entscheidend, so das Gericht.

Anonymisiertes Urteil des Landessozialgerichtes Bremen aus dem Herbst 2018. Die Stelle zur Asbestkörpertheorie ist auf Seite 8/9.

Ein Pathologe verdient mit der Asbestkörpertheorie Millionen

Doch die Asbestkörpertheorie wird nicht nur von deutschen Ärzten, Gutachtern und Pathologen angewendet. Auch international gibt es Menschen, die diese Theorie weiterhin vorantreiben. Einer dieser Menschen ist der US-amerikanische Professor Victor Roggli. Auch er hat viel Geld mit Asbest-Gutachten verdient. In den vergangenen Jahren mindestens sieben Millionen Dollar. Das geht aus dem Protokoll einer Gerichtsverhandlung in den USA hervor, das BuzzFeed News vorliegt.

Im August 2016 in New Brunswick, New Jersey, sagt Roggli unter Eid über seine Beratertätigkeit für die Bremsen- und Autoindustrie aus. Unter anderem in Autobremsen war über Jahre Asbest enthalten. Seit 1988 hilft Roggli dabei, die Klagen von Menschen abzuwenden, die glauben, deshalb erkrankt zu sein. Die betroffenen Firmen buchen Roggli, um ihn im Falle eines Rechtsstreits auf ihrer Seite zu haben. Sie überweisen ihm dafür ein sogenanntes „retainer fee“, einen Vorschuss.

Übersetzung:

Roggli: Sie überweisen mir einen Vorschuss. Und wenn sie mir darüber hinaus nichts bezahlen, dann behalte ich diesen Vorschuss.

Frage: Und im Schnitt sind das 500 Dollar pro Fall?

Roggli: Ja.

Frage: Und Sie haben etwa 13.000 Vorschüsse akzeptiert, richtig?

Roggli: Ja, etwas mehr noch.

Frage: Das sind insgesamt 6,5 bis 7 Millionen Dollar nur durch diese Vorschüsse, richtig?

Roggli: Ja.

Victor Roggli schreibt BuzzFeed News auf Anfrage, er erinnere sich nicht genau an die Gerichtsverhandlung in New Brunswick, mehr als die Hälfte dieser Vorschüsse habe er jedoch von klagenden Betroffenen erhalten. Roggli schreibt auf Anfrage, er strebe stets danach, die wissenschaftlich richtigen Antworten zu geben und ändere seine Meinung nicht, egal ob Unternehmen oder Betroffene ihn bezahlen.

Frage: Sie haben vor langer Zeit unter Eid ausgesagt, dass Asbest von Bremsen ein Mesotheliom verursachen kann. Können Sie sich daran erinnern?

Roggli: Ich glaube, das war ein Fall von 1988 und ich habe seitdem nie wieder in dieser Richtung ausgesagt.

Frage: In Ordnung. Sie haben Ihre Meinung in dieser Sache geändert. Richtig?

Roggli: Ja.

Das Protokoll der Gerichtsverhandlung. Über seine Einnahmen spricht Victor Roggli ab Seite 74.

In seinen E-Mails an BuzzFeed News sowie in einer seiner Stellungnahmen vor Gericht, die BuzzFeed News zugespielt wurde, verweist Roggli fast ausschließlich auf eigene Veröffentlichungen. In diesen Veröffentlichungen schreibt er, es gebe keine Belege dafür, dass das so häufig verwendete, kurze Weißasbest wirklich Asbestose und Lungenkrebs verursachen würde.

Asbestkörpertheorie auf Jahre hinweg weiter festgelegt

Victor Roggli ist ein spannender Fall, weil er Einfluss auf die Entschädigung von Asbestkranken in der ganzen Welt genommen hat. Im Februar 2014 trafen sich im finnischen Espoo vier Tage lang einige der wichtigsten Asbestexperten der Welt. Sie sollten die Regeln für die medizinische Begutachtung von Asbest überarbeiten. Unter ihnen war Victor Roggli. Auch seine Beiträge beeinflussten hier die zukünftige Diagnose von Asbestkrankheiten. Nach mehrere Tagen Diskussion stand das Ergebnis fest: In den „Helsinki-Kriterien“ wurde die Körperchentheorie auf Jahre hinaus festgeschrieben. Für die Betroffenen war das ein erneuter Rückschlag. Denn auch wegen Roggli suchen Gutachter nun weiterhin nach Asbestkörperchen, die sie kaum finden können. Und verweigern dann den Betroffenen eine Entschädigung.


Gefährliche Zukunft

Jedes Jahr zeigen noch immer fast 10.000 Menschen eine asbestbedingte Berufskrankheiten an. Diese Zahl könnte in den kommenden Jahren weiter steigen. Die Gefahr durch Asbest ist keinesfalls gebannt. Asbest war das Wundermittel der Industrie während des Baubooms in den Nachkriegsjahren. Daher wurde es auch fast überall verbaut: Dächer, Brandschutz, Dämmung und selbst in manchen Fliesenklebern wurde Asbest beigemischt. Allein jedes fünfte Dach in Deutschland soll heute noch mit Asbest belastet sein, schätzt die Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin. Wenn diese Häuser abgerissen oder saniert werden, fangen die Probleme von vorne an.

Markus Ulmer / picture-alliance

Die Gesundheitsvorsorge der Berufsgenossenschaften (GVS) erfasst alle Menschen, die in der Vergangenheit mit Asbest gearbeitet haben beziehungsweise damit in Kontakt gekommen sind. Mittlerweile hat die GVS fast 700.000 Menschen registriert. Eine „seriöse Prognose der zukünftigen Asbesterkrankungen“ könne die GVS nicht vornehmen, antwortet die Behörde auf schriftliche Anfrage von BuzzFeed News. Was man aber an den Zahlen ablesen kann: In den vergangenen fünf Jahren ist die Zahl der gemeldeten Arbeiter, die mit Asbest gearbeitet haben, um zehn Prozent gestiegen.

Zudem ist der Arbeitsschutz in Deutschland in den vergangenen Jahren und Jahrzehnten nicht überall verbessert, sondern an vielen Stellen vernachlässigt worden. Die Zahl der für die Überwachung des Arbeitsschutzes zuständigen Landesgewerbeärzte ist in den vergangenen zwei Jahrzehnten auf weniger als die Hälfte gefallen, wie eine Recherche von BuzzFeed News vor wenigen Wochen gezeigt hat.

In Zukunft wird es immer weniger Ressourcen für die Prävention geben, sagte die Berliner Senatorin für Integration, Arbeit und Soziales, Elke Breitenbach, bei einem Treffen mit BuzzFeed News schon 2017. „In dem Maße, wie sich Arbeitsbedingungen insgesamt verschlechtern, in dem Maße, wie Tarifverträge keine Rolle mehr spielen, weil Tarifbindung abnimmt. In dem Maße spielt Arbeitsschutz – und der ist auch immer Prävention – zunehmend weniger eine Rolle.“ Das führt laut Breitenbach auch zu mehr Berufskrankheiten. Eine bedenkliche Entwicklung, deren Konsequenzen erst in den kommenden Jahrzehnten sichtbar werden.

Auch Helga Schwab, deren Vater als Dachdecker 1982 an Lungenkrebs verstarb, kämpft noch immer um die Anerkennung der Berufskrankheit ihres Vaters. Zehn medizinische Gutachten hat der renommierte Arbeitsmediziner Hans-Joachim Woitowitz in den vergangenen vier Jahrzehnten für diesen Fall geschrieben. Beim ersten Gutachten war er 47 Jahre alt. Die bislang letzte, zehnte ergänzende Stellungnahme schrieb er im Herbst 2018, da ist er schon lange in Rente und mittlerweile 83 Jahre alt.

Am 3. Dezember 2018 steht Helga Schwab zum vorerst letzten Mal für ihren Vater vor Gericht. Sie ist mit großen Erwartungen zu diesem Verhandlungstermin gefahren, erhofft sich endlich ein Ergebnis, einen Abschluss nach 36 Jahren. Die Berufsgenossenschaft Bau bietet ihr einen Vergleich an: Ein Jahresgehalt zur damaligen Zeit, 17.000 D-Mark. Schwab lehnt ab. „Ich war echt am Erdboden zerstört, als ich diese Zahl gehört habe. Als er dann noch mit D-Mark anfing habe ich gedacht, das kann es so nicht gewesen sein“, sagt Schwab einige Wochen nach dem Gerichtstermin im Telefonat mit BuzzFeed News.

Das Sozialgericht Fulda entscheidet gegen Helga Schwab. Es sei nicht ausreichend belegt, dass ihr Vater lange genug mit Asbest gearbeitet hat, um eine Berufskrankheit anerkannt zu bekommen. „Ich bin natürlich sehr enttäuscht worden“, sagt Schwab.

Helga Schwab und ihr Mann Erwin wollen weitermachen und vor das Landessozialgericht Darmstadt ziehen. Das wird erneut lange dauern. Auf telefonische Anfrage von BuzzFeed News nach einem möglichen Termin antwortet eine Gerichtssprecherin: frühestens 2020.

Die Berufsgenossenschaft Bau möchte sich wegen des laufenden Verfahrens weder zu ihrem Vergleichsangebot, noch zum aktuellen Stand des Verfahrens äußern. Auf die Frage: „Was lernen Sie aus diesem Verfahren?“ schreibt die Berufsgenossenschaft: „Das Sozialgericht Fulda hat unsere Entscheidung und deren Grundlagen bestätigt.“

Miriam Battenstein vertritt Helga Schwab als Rechtsanwältin im Kampf um die Rechte ihres inzwischen verstorbenen Vaters. Sie glaubt, dass das Gericht im Verfahren von Helga Schwabs Vater große Fehler gemacht hat. „Für mich ein grober Missstand ist, dass man bis zum heutigen Tage noch lebende Zeugen, die Aussagen über die Arbeitsbelastung treffen können trotz dieser immensen Prozessdauer nicht persönlich gehört hat“, sagt Battenstein. Es sei zudem problematisch, dass Betroffene nicht das Recht darauf hätten hätten, ihre Arbeitsbelastung von einem unabhängigen Gutachter überprüfen zu lassen.

Helga Schwab und ihrem Mann Erwin, selbst mehr als 40 Jahre Finanzbeamter des Landes Hessen, fällt es mittlerweile immer schwerer, staatlichen Institutionen zu vertrauen. Für sie gehe es nicht um das Geld, sondern um Gerechtigkeit, sagt Helga Schwab.

„Ich bin eine einfache Hausfrau, eine Reinigungskraft. Ich finde einfach, dass man als kleine Leute wie ein Spielball behandelt wird. Ich hoffe, dass irgendwann die Gerechtigkeit siegt.“


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Daniel Drepper ist Chefredakteur von BuzzFeed Deutschland. Für seine Recherchen erhielt unter anderem den Wächterpreis, den Axel-Springer-Preis und den Ernst-Schneider-Preis. Kontakt: daniel.drepper@buzzfeed.com.

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