Ich hatte einen Schlaganfall – mit 33 Jahren

Silvester 2006 verstopfte ein Blutgerinnsel die Verbindung zwischen meinen beiden Hirnhälften. Mein Leben sollte nie wieder dasselbe sein.

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Dreiecke und Himmel, ein Knirschen, als liefe ich über Kies und Musik aus dem Radio. Wind und das Gefühl von rauem Stoff in der Nähe meiner Hände – Viele Eindrücke prasselten gleichzeitig auf mich ein. Für mich hatten sie alle keinen Sinn; Ich wusste nicht, dass die kleinen Dreiecke Bäume waren, die größeren Berge, die Geräusche knirschender Schnee und Snow Patrol, der Stoff Gore-Tex – und dass meine Handgelenke die Dinger an den Teilen waren, die sich Hände nennen. Da gab es Farbe und Form und Berührung und Gefühl und mein Gehirn konnte all diese Dinge nicht mehr einordnen. Aber als ich sah, wie die roten Schneefräsen auf dem Parkplatz sich um 90 Grad drehten und zwei daraus wurden, hatte ich endlich einen zusammenhängenden Gedanken. Ich verstand, was ich da sah. Rote Schneefräsen. Beim Wenden. Seltsam.

So fühlte sich mein Schlaganfall an: Es war, als würde ich mich von mir selbst lösen.

Alles begann am 31. Dezember 2006. Ich war 33 Jahre alt. Zu diesem Zeitpunkt wusste ich noch nicht, dass ein Blutgerinnsel von meiner Aorta bis in mein Gehirn gewandert war und seinen Weg in meinen linken Thalamus gefunden hatte. Infolgedessen erstickte und starb ein Teil meiner linken Gehirnhälfte, dem Zentrum für Zahlen, Sprache, Logik und Rationalität. Meine rechte Gehirnhälfte, die Spezialistin für Farbe, Musik, Kreativität, Intuition und Emotionen, konnte also nicht mehr mit der linken kommunizieren. Zahlen wurden zu Schnörkeln, Farben verloren ihre Namen, Essen seinen Geschmack, Musik hatte keine Melodie mehr.

Das ist nicht normal; das ist schön, dachte ich. Aber mir ist schwindelig, als wäre ich auf einem Boot. Und mein Kopf tut weh.

„Ich muss mich setzen“, brachte ich heraus. Noch hatte ich meine Sprache nicht verloren. Ich war mitten auf einem Parkplatz.

„Ich gehe rein und du bleibst hier sitzen“, sagte mein damaliger Ehemann, der mir damit bedeutete, auf dem Bordstein außerhalb des Geschäfts zu warten. Und, dass er gleich wieder zurück käme.

Er verschwand und kehrte kurz darauf mit leeren Händen zurück, weil selbst er merkte, dass etwas ganz und gar schief lief. „Lass uns zurückfahren“, sagte er. „Ich kann einfach keine Filter kaufen, während du hier draußen sitzt. Irgendetwas stimmt nicht.“

Irgendwann setzte mein Denken völlig aus. Mein Gehirn verdunkelte sich. Dunkel. So sehr ich mich auch anstrenge: Ich kann mich, Jahre später, nicht an den Nachhauseweg erinnern.

Ich war müde, also machte ich ein Nickerchen. (Direkt nach oder während eines Schlaganfalls wird Schlaf nicht gerade empfohlen.) Ich träumte davon, wie ich mich in den verschneiten Bergen verlief. Ich träumte von einem zugefrorenen Bergsee. Ich träumte, wie ich meine Schuhe verlor. Ich träumte, dass ich meine Sprache verlor.

Als ich Stunden später erwachte, glaubte ich, ich sei wirklich in diesen verschneiten Bergen wandern gewesen – dass es kein Traum gewesen war. Und ich hatte meine Sprache wirklich verloren. Ich hatte meine Worte verloren. „Ich bin in meinem Gehirn gefangen“ oder „Meine Erinnerungen vermischen sich mit Fantasien“ konnte ich nicht hervorbringen.

Freunde von uns waren zu Besuch gekommen, um mit uns Silvester zu feiern. Und alles, was ich tun konnte, war zu lächeln und „Hallo“ zu sagen. Nur „Hallo“. Alle waren aufgeregt, dass wir zusammen feierten und inmitten des ganzen Trubels blieb ich einfach stumm. Dabei bin ich eigentlich nie stumm. Und ich mache nie Nickerchen.

„Hi, mein Hirn setzt aus.“, sagte ich. Ich beobachtete mich dabei, wie ich kämpfte. „Das ist nicht, was ich sagen wollte. Irgendetwas stimmt nicht“, hörte ich mich sagen. Oder die Person sagen, die nach meinem Schlaganfall noch übrig war. Dieses Rest-Ich schien unter 100 Daunendecken zu stecken. Aber niemand, nicht einmal ich, konnte hören oder verstehen, was es sagte.

Ich versuchte, den Gesprächen meiner Freunde zu folgen, aber sie waren viel zu schnell. Die Themen wechselten in einer Tour. Ich öffnete den Mund, um etwas beizusteuern, aber ich fand keine Worte. Wir gingen aus, um Fondue zu essen. Ich kann mich nicht daran erinnern, ob ich davon etwas gegessen habe.

Folgendes habe ich an dem Abend gebloggt, um zu vermitteln, was ich gerade erlebte:

Ich fühle mich komisch. Mein Gehirn ist in einem sonderbaren Zustand – eine Mischung aus kurzen Gedankenspielen und Vergesslichkeit. Während die Gedankenspiele anfingen, wurde mein Gedächtnis irgendwie generalüberholt. Jetzt kann ich nicht mehr sagen, was ich sagen will oder mich an das erinnern, woran ich mich erinnern will. Das ist einfach eine komische Situation.

Nur 17 Stunden vor dem Schlaganfall hatte ich noch Folgendes in mein Tagebuch notiert:

So fühlt es sich also an, wenn man sich verkriecht: Diese Woche hat es angefangen und wieder aufgehört zu schneien, draußen ist die kühle Luft so knackig wie eine frische Erbsenschote, und alles ist friedlich. Es gibt keine Reize von außen; Mein Leben hat sich in dieser Woche nach innen gekehrt. Lese Bücher.

Später, als ich in mein Blog schaute, fand ich Kommentare von zwölf Freunden, die mich drängten, ins Krankenhaus zu fahren. „Irgendetwas stimmt ganz und gar nicht“, stand da. „Wir machen uns Sorgen.“

Ich wurde mal gefragt, ob jemand in meinem Umfeld hätte ahnen können, dass ich einen Schlaganfall gehabt hatte. „Hast du dich nicht komisch verhalten?“ Der Mund meines Mannes verengte sich zu einem schmalen Schlitz und die Freunde, die mit uns Silvester gefeiert hatten, senkten den Blick. Ja, komisch war ich schon. Aber es war Silvester. Meine Freunde und mein Mann waren betrunken und ausgelassen. Ich sprach kein Wort. Alle dachten, das wäre zwar schon irgendwie seltsam, aber kein größerer Grund zur Sorge. Sie dachten, ich wäre vielleicht auch betrunken.

Außerdem hatte ich keine klassischen Symptome für einen Schlaganfall gezeigt. Die „Stroke Association“ verwendet die Eselsbrücke „FAST“:

Gesicht (Face): Bitten Sie die Person zu lächeln. Hängt eine Gesichtshälfte herunter? Meine tat es nicht.

Arme (Arms): Bitten Sie die Person, beide Arme zu heben. Fällt ein Arm nach unten? Meiner tat es nicht.

Sprache (Speech): Bitten Sie die Person, einen einfachen Satz nachzusprechen. Klingt das undeutlich oder seltsam? Meine Stimme war nicht undeutlich.

Zeit (Time): Wenn Sie eines dieser Zeichen bemerken, rufen Sie sofort den Notarzt. Ich tat es nicht.

Zwei Tage nach dem Schlaganfall kehrten wir in unser Haus in Berkeley zurück.

„Mir geht es noch immer nicht gut“, sagte ich zu meinem Mann. „Ich gehe nicht zur Arbeit.“

"OK."

Unser Kühlschrank war leer. Ich ging zum Supermarkt und scannte die Regale, verschwommene Farben, Buchstaben und Formen. Was brauchen wir noch mal?, fragte ich mich. Ich brachte die Puzzleteile nicht zusammen. Dass ich Zwiebeln brauchte, weil wir sie als Zutat für alles mögliche verwendeten, dass ich Brot für Sandwiches brauchte, und Fleisch für eine Vorspeise. Alles war Form und Farbe und Stoff. Die kreischend pinkfarbene Verpackung war ein kreischend pinkfarbenes Rechteck. Die unzähligen Suppen- und Gemüsedosen schlicht metallene Zylinder.

Ich kam mit einer einzigen Sache wieder aus dem Laden heraus: Einem Glas Spaghettisoße. Ich hatte sie mitgenommen, weil ich sie schon einmal gesehen hatte und das Etikett lesen konnte. Wenn ich es lesen konnte, musste ich eswohl brauchen, dachte ich. Aber ich brauchte keine Spaghettisoße.

Ich kann mich bis heute nicht daran erinnern, wie ich gezahlt habe, ob bar, mit EC- oder Kreditkarte. Ich kann mich nicht daran erinnern, einen Magnetstreifen durchgezogen oder Geld über den Tresen gereicht zu haben. Ich kann mich nur noch daran erinnern, wie ich in der hellen Wintersonne zu meinem Auto auf dem Parkplatz blinzelte. Mit einem Glas Spaghettisoße in der Hand.

Und wie ich mich fragte, wie ich nach Hause kommen sollte. Ich wusste nicht, wie es nach Hause ging.

Jedes Mal, wenn ich darüber nachdachte, ob ich links oder rechts abbiegen, stehen bleiben oder weiterfahren sollte, fühlte ich mich verloren. Jedes Mal, wenn ich anhielt, nahm ich Orientierungshilfen wahr – einen Baum, ein Haus oder ein Geschäft. Ich wusste, dass ich mich meinem Zuhause näherte, wusste aber nicht, wie der Weg weiterging.

Als Logik und Erinnerungsvermögen versagten, leitete mich meine Intuition.

Ich schaffte es nach Hause.

Und dann dachte ich, Ich muss ins Krankenhaus.

Ich nahm den Hörer ab und fragte mich, Wie lautet der Notruf?

Ich schaute auf die Tastatur und wusste nicht, welche Form für welche Zahl stand. Und was ist die Notrufnummer?

Ich dachte daran, meinen Mann anzurufen. Aber auch an seine Telefonnummer konnte ich mich nicht erinnern. Ich kam auch nicht darauf, im Telefonbuch meines BlackBerrys nachzusehen.

Schließlich entschloss ich mich, einfach ein paar Tasten zu drücken und mit der ersten Person zu sprechen, die ich ans andere Ende bekam. Daran, dass ich nicht wusste, was meine Adresse ist, dachte ich nicht, und ich gab ein paar Zahlen ein.

„Hallo“, meldete sich ein Mann.

„Hi“, sagte ich.

„Hi“, sagte er.

„Mit wem spreche ich?“, fragte ich.

„Hier spricht A-“, gab er zurück.

„Oh! Oh, ich habe versucht dich zu erreichen! Ich habe deine Telefonnummer vergessen und wusste nicht, wie ich dich erwischen sollte! Ich habe diese Nummer gewählt, weil ich sie in den Fingern hatte.“

„Ich komme sofort nach Hause“, sagte er.

Wir fuhren zur Notaufnahme, wo sie ein CT machten, um ein Bild davon zu bekommen, was in meinem Kopf vor sich ging.

Auf dem CT war ein großer dunkler Fleck. „Wir glauben, dass sie eine Gefäßentzündung haben“, sagte der Arzt. In meiner Krankenakte las ich später : „Die Patientin hat eine fokale, geringe Attenuation im vorderen linken Thalamus.“ Mit anderen Worten: Eine Narbe in meinem Gehirn.

Ich sagte die ganze Zeit: „OK.“

„Wir vermuten eine Vaskulitis und benötigen Ihre Zustimmung für weitere Tests.“

„Wir brauchen Dr. House“, witzelte mein Mann.

Das MRT am nächsten Morgen fand ich wunderbar. In der Röhre mit den pochenden Geräuschen war es friedlich. Ich schloss meine Augen und stellte mir einen Strand vor, brechende Wellen, einen weiten Horizont. Ich fragte mich, was das für ein Bild abgeben würde auf dem MRT – ob sie sehen würden, dass ich an Wasser dachte. Ich fragte mich, ob mein Gehirn erstrahlen würde wie ein Strand bei Sonnenuntergang.

Dann kam ein Neurologe mit dem Befund. „Hi Christine, wir haben herausgefunden, dass sie einen Schlaganfall hatten.“

"OK."

Was dachten die Ärzte zunächst noch mal, was es gewesen war?

„Vaskulitis.“

Und was hatte ich nun?

„Einen Schlaganfall im linken Thalamus.“

OK. Aber – was dachten sie noch mal, was es gewesen war?

Der Thalamus ist der Knotenpunkt des Gehirns, sein Kreisverkehr. Jede Seite des Thalamus entspricht in Größe und Form einer Walnuss – oder der Größe, dem Gewicht und der Form des Gehirns einer Meerechse. Er reguliert den Schlaf. Er leitet Nachrichten weiter. Wird der Thalamus zu stark verletzt, führt das zu einem Langzeitkoma.

Ich schlief. Und schlief. Und schlief. Ich schlief an diesem Tag und für die kommenden Monate ohne einen einzigen Traum zu haben. Vielleicht träumte ich auch. Ich kann mich aber nicht erinnern.

Im Wachzustand reichte mein Kurzzeitgedächtnis über 15 Minuten, so wie bei Dory, dem Fisch aus Findet Nemo. Meine Ärzte wollten, dass ich Ereignisse in mein Moleskine Notizbuch eintrage und mit Zeitangaben versehe. Das, so sagten sie, sei mein neues Kurzzeitgedächtnis. Das "memento" zu meinem "mori".

Ich war mit Abstand die Jüngste auf der Schlaganfallstation. Das Personal nannte mich Siebenundvierzig – die letzten beiden Zahlen meiner Zimmernummer. Ich kann mich daran nur erinnern, weil ich es in meinem Tagebuch aufgeschrieben habe. Darin habe ich all meine Erfahrungen festgehalten – die Aphasie und den ganzen Rest.

Ich schob den Monitor, der meine Herzfrequenz und meinen Heparinwert überwachte, auf einem Infusionsständer durch die Gänge des Krankenhauses. Ich verlor das Gefühl für Zeit. Ich lief so weit, dass ich mich jenseits der Grenzen der Telemetrie bewegte. Die Schwestern und Ärzte verloren das Signal für meinen Herzschlag. Als ich zurückkam, schimpften sie mit mir. „Ich werd´s nie wieder tun!“, sagte ich. Aber dann vergaß ich es und ging wieder los.

Einmal besuchten mich meine Freunde im Krankenhaus. Sie begrüßten mich mit den Worten: „Du siehst völlig normal aus!“

Der Neuropsychiater kam herein.

„Hallo.“

„Hi.“

„Wissen Sie, wer ich bin?“

„Nein, aber schön, Sie kennen zu lernen.“

„Schlagen Sie Ihr Notizbuch auf.“ Das tat ich.

„Wie spät ist es jetzt? Was ist der Zeitstempel des letzten Eintrags?“

„Es ist 10:35 Uhr. Oh! Sie waren vor 20 Minuten schon einmal da! Oh! Sie sind mein Neuropsychiater.“

„Fuuuuck“, sagten meine Freunde. „Wow.“

Ich genoss die zehn Tage im Krankenhaus. Sie waren friedlich. Ich genoss die schlichten weißen Wände und die relative Ruhe. Ich schlief. Ich erfreute mich an der Toilette, die man unter dem Waschbecken hervorziehen konnte. Ich hatte Lieblingskrankenschwestern. Ich erinnere mich nicht an ihre Namen, weil ich vergaß, sie aufzuschreiben.

Als ich das Krankenhaus verließ, begegnete mir die Welt in all ihrer Helligkeit und Schnelligkeit. Ich musste meinen Mann bitten, das Radio abzustellen. Ich sollte noch für den Rest des Jahres nicht in der Lage sein, bei eingeschaltetem Radio Auto zu fahren. Auf dem gesamten Nachhauseweg vom Krankenhaus hielt ich meine Augen geschlossen. Ich konnte mit den Eindrücken, die auf mich einprasselten, nicht umgehen. Und dann – dann schlief ich stundenlang.

So ging das über Wochen. Nach 15 Minuten Wachsein schlief ich Stunden, um mich zu erholen.

Ich vergaß zu essen.

Ich wusste nicht mehr, wie man ein Sandwich mit Erdnussbutter und Marmelade macht.

Eines Nachmittags beschloss ich, einen Sandkuchen zu backen. Früher war ich eine begeisterte Bäckerin gewesen. Während Butter und Zucker in der Küchenmaschine rotierten, klingelte das Telefon. Ich ging ran. Ich vergaß den Kuchen. Ich legte auf. Ich setzte mich hin. Ich vergaß den Anruf. Ich schaltete den Fernseher ein. Ich stand auf, mir war schwindelig. Warum war mir schwindelig, fragte ich mich. Und dann dachte ich, Vielleicht habe ich nicht gegessen? Wann hatte ich zuletzt gegessen? Ich konnte mich nicht erinnern. Ich ging in die Küche. Da lief ein Rührgerät. Wer zur Hölle hatte das angelassen? Da lag ein geöffnetes Kochbuch. Sandkuchen. Wer macht hier Sandkuchen? Ich schaltete das Gerät aus. Ich muss Sandkuchen gemacht haben, dachte ich.

Ich verbot mir das Kochen, nachdem ich Wasser aufgesetzt hatte und später einen qualmenden Topf auf dem Herd vorfand.

Bei meiner Entlassung war ich auf Lovenox und Coumadin. Blutverdünner. Dazu kamen drei Bluttests in der Woche, um meinen INR zu überwachen und die Blutgerinnung zu messen. Lovenox spritzte ich in meinen Bauch – das piekste und hinterließ Blutergüsse, große runde Punkte. Weil mein Thalamus verletzt war, konnte ich die Tränen nicht zurückhalten.

Jede Nacht griff ich nach meiner Schachtel mit Lovenox-Injektionen und brachte sie schluchzend zu meinem Mann. „Es ist Zeit für meine Spritze“, sagte ich, während mir Tränen über das Gesicht liefen.

Jede Nacht piekste er in meinen Bauch und injizierte das Medikament, während ich schrie wie ein Kleinkind.

Jede Nacht rief ich: „Das piekst, das piekst!“ Und schluchzte eine halbe Stunde lang.

Ich war nicht ich selbst.

Am 30. Januar verließ ich mein Stipendiaten-Programm. Auf dem Uni-Campus traf ich zufällig eine Freundin und erzählte ihr die Neuigkeit. Ich konnte nicht mehr als einen Absatz lesen.

„Ich lasse mich beurlauben“, sagte ich.

Sie antwortete: „Ich wünschte, ich könnte mein schlechtes Kurzzeitgedächtnis auch mit einem Schlaganfall entschuldigen!“

Mein altes Ich hätte ihr geantwortet, dass das unverschämt war. Oder dass es meine Gefühle verletzt. Mein neues Ich blieb starr vor Staunen, unfähig mit einer geistreichen Bemerkung zu kontern. Dann setzte ich mich in mein Auto und weinte.

Einen Monat lang fühlte sich jeder Tag an wie der Moment direkt nach dem Aufwachen, wenn man noch nicht weiß, wo man sich befindet und wie spät es ist. Ich war mir nicht ganz darüber bewusst, was mit mir geschehen war. Ich war mir meiner Defizite nicht bewusst – auf eine „glücklich-sind-die-Dummen“-Art. So dachte ich nicht an die Vergangenheit oder die Unsicherheiten in der Zukunft.

Die Sonne ist hell. Die Blätter rascheln. Ich spüre den Wind in meinem Gesicht. Ich bin am Leben. Das war alles, was ich spürte.

Und die Sache ist ja die: Menschen zahlen eine Menge Geld dafür, so zu leben. In der Gegenwart zu leben.

Der Pfropfen hatte meinen Thalamus durch ein Loch in meinem Herzen erreicht. Dieses Loch, eine kleine Klappe, um genau zu sein, nennt man persistierendes Foramen ovale (oder auch PFO). Jeder Fötus hat zwischen den rechten und linken Herzkammern ein Loch, um die Lunge zu umgehen und Sauerstoff direkt aus dem Blutkreislauf der Mutter zu ziehen. Nach der Geburt schließt sich das Loch. Bei einem Viertel aller Menschen schließt es sich nicht vollständig. In manchen Fällen ist es so groß, dass es sofort operativ geschlossen werden muss. Bei vielen anderen wird es gar nicht erst entdeckt. Vielleicht bekommst Du dann Migräne, so wie ich. Oder Du wirst auf 1500 Metern höhenkrank statt auf 3000 Metern, oder Du keuchst bei einem gemächlichen Lauf, ganz egal wie oft Du trainierst.

Das Loch, die Ursache für den Schlaganfall, wurde mithilfe eines Echokardiogramms und eines „Bubble Tests“ entdeckt. Ein Arzt injizierte eine sterile Salzlösung mit kleinen Bläschen in meine Vene und beobachtete auf einem Monitor die Bläschen auf ihrem Weg durch mein Herz. Wäre da kein Loch zwischen dem linken und rechten Vorhof, würden die Bläschen von der Lunge herausgefiltert. Als links von meinem Herzen Blasen zu sehen waren, wussten wir, dass ich PFO hatte. Mein Blut war noch nie ausreichend mit Sauerstoff gesättigt gewesen.

Einen Monat später passierte es wieder: Wieder wanderte ein Pfropfen durch das PFO in meinem Herz. Er wanderte hoch zu meinem rechten Auge und dann in mein linkes. Ich ging zum Augenarzt, der bestätigte, dass meine Sehkraft eingeschränkt war. „Sofort in die Notaufnahme!“, sagte er.

Ich rief meinen Neurologen an, der mir sagte, er werde in der Notaufnahme auf mich warten.

„Tut mir leid, dass ich Sie belästigen muss“, sagte ich.

In der Notaufnahme legte mir der Neurologe seine Hand auf die Schulter und sagte: „Bitte zögern Sie nicht, herzukommen. Sie gehen mir nicht auf die Nerven.“

Als ich wieder auf die Schlaganfall-Station geschickt wurde, erinnerten sich die Krankenschwestern an mich. „Siebenundvierzig!“

„Hi“, sagte ich. „Ich bin wieder da.“

Eine Woche später wurde das Loch geschlossen. Sie benutzten einen „Amplatzer“, ein winzig kleines Implantat, das sie mit einem Katheter durch meine Oberschenkelvene schleusten, bis es mein Herz erreichte. Während des Eingriffs musste der Kardiologe mich defibrillieren. Mein Herz flippte aus. Mein Herz wollte nicht geschlossen werden. Es wollte nicht berührt werden. Ich weiß das, weil der Kardiologe mir davon erzählte.

„Können Sie sich überhaupt daran erinnern?“, fragte er mich.

„Nein“, sagte ich. Das Midazolam wirkte offenbar. Ein Anästhesist hat mir einmal erzählt, dass eine Narkose ohne Midazolam, also ohne dessen Eigenschaft, einen schläfrig zu machen, grausam sei.

„Aber vielleicht“, scherzte ich, „hätte ich mich sowieso nicht erinnert.“

„Hm“, sagte er. „Sie haben die ganze Zeit mit mir gesprochen.“

„Oh Gott. Was habe ich gesagt?“, fragte ich.

„Zerbrechen Sie sich darüber nicht den Kopf“, sagte er.

Ich fragte mich, ob ich irgendwelche Geheimnisse verraten hatte, aber sobald ich dies in Erwägung zog, konnte ich mich schon an kein Geheimnis mehr erinnern.

Ich blieb über Nacht im Krankenhaus – regungslos auf dem Rücken liegend. Ich durfte mich nicht bewegen, bis sich die Femoralvene geschlossen hatte. Aber es blutete trotzdem. Jede Stunde kamen die Krankenschwestern zur Kontrolle und fanden mich mitten in der Nacht in einem Blutbad vor.

„Haben Sie sich bewegt?“, wollten sie wissen.

„Nein“, sagte ich.

„Halten Sie still“, sagten sie. Und ich fühlte für die kommende Stunde einen unerträglichen Druck im Bein, während die Krankenschwestern sich abwechselten, um dort Druck auszuüben, wo das Bein in den Rumpf mündet.

Genau das war der Moment, in dem der Heilungsprozess begann. Von da an hatte ich nie wieder Migräne. Ich sollte meinen Herzschlag eigentlich unter 120 BPM halten, aber ein Jahr später fing ich das erste Mal in meinem Leben mit dem Laufen an, und das wegen dieses Moments. Es war der Moment, von dem an ich schwere Gegenstände hochheben konnte, ohne dass mir bis zur Übelkeit schwindelig wurde.

So gesehen hat mir der Schlaganfall das Leben gerettet.

Ich machte Fortschritte, aber wenn ich mich zu sehr anstrengte, ging es wieder bergab. Ich war immer erschöpft. Ich musste tagelang im Bett bleiben, um mich zu erholen. Mein Gehirn fühlte sich an wie ein Sieb; es wollte einfach herunterfahren und machte mich schläfrig. Als mich eine meiner besten Freundinnen besuchte, blieb ich lange wach und lachte den ganzen Abend. Als sie die Stadt wieder verließ, schlief ich vier Tage lang.

Keiner sah diesen Punkt: den Schlaf.

„Dir geht es gut“, sagten Freunde.

„Nein, tut es nicht.“

„Dir geht es gut“, sagten sie.

Andere Freunde meinten, ich würde überreagieren. Sie verstünden nicht, was ich durchmachte. Ich sei zu anstrengend. Kein Wunder: Menschen in den Dreißigern sorgen sich um Beruf, Beziehung und die Ratenzahlung für das Auto.

Mein Thalamus war verschwunden; Das Programm, mit solchen schwierigen Momenten umzugehen, funktionierte nicht mehr. Ich antwortete: „Fickt Euch.“

Ich suchte die Nähe von Sechzigjährigen. Ich traf mich zum Tee mit meinem Freund und früheren Professor, der eine Gehirn-OP hinter sich hatte und über den Ruhestand nachdachte. Wir litten gemeinsam. Wir scherzten darüber, dass wir uns an unsere Unterhaltungen sowieso nicht erinnern würden. Ich traf mich zum Essen mit einer Freundin, die gerade Großmutter geworden war und ein künstliches Kniegelenk bekommen hatte. Mit ihrer sanften Stimme sprach sie: „Ziehe Lehren aus Deinem Heilungsprozess.“

„Suche den Sinn“, sagte sie. „Suche den Sinn.“

Zu Beginn des Heilungsprozesses konnte ich lediglich das People Magazine lesen. Einen Monat später reichte es für eine Tageszeitung. Sechs Monate später las ich eine Kurzgeschichte von Haruki Murakami. Auch, wenn ich mich nicht erinnern konnte, las ich so lange und so viel wie möglich. Manchmal war ich nach 15 Minuten müde, manchmal nach einer Stunde.

Ich schrieb, was ging. Am Anfang bloggte ich und schrieb Tagebuch. Ich verwechselte in meinen Texten oft im Englischen gleichklingende Worte – „pore“ und „pour“, „hay“ und „hey“, „real“ und „reel“, „feat“ und „feet“, „aisle“ und „isle“, „for“ und „four“. Ich las mir alles noch mal durch und sah keine Fehler.

Und ich fand heraus, dass ich nicht lügen konnte. Ich konnte keine fiktionalen Geschichten mehr schreiben. Also schrieb ich stattdessen die Wahrheit auf. Ich begann ein anonymes Blog, auf dem ich meinen Genesungsprozess als Schriftstellerin Schritt für Schritt festhielt. Ich fand darüber Freunde, die ich bis heute habe.

Ich wurde introvertiert. Ich lernte, mit meiner Energie zu haushalten – etwas, das mir jetzt in der Mitte meines Lebens nützlich ist. Ich lernte, besser auf mich acht zu geben. Ich lernte, meine Zeit Dingen zu opfern, die mir Kraft geben, Dingen, die wichtig sind. Einen Absatz in mein Tagebuch zu schreiben, zum Beispiel. Diese Person, nicht jene. Ein Vollbad, kein Make-up.

Mein Gehirn war für immer verändert. Der abgestorbene Bereich erholte sich nie wieder. Aber das Hirn bildete neue Wege um die zerstörten Stellen herum. Auf diese Weise nahm das Blut einen neuen Weg um mein Herz. So entstanden neue Nervenbahnen in meinem Gehirn.

Im Herbst nach dem Schlaganfall nahm ich mein Studium wieder auf. Ich wollte es abschließen. Ich hatte nur noch einen Kurs – einen Workshop und eine Hausarbeit. Ich schrieb an einem Roman. Mein Studienberater sagte: „Lass uns das zu Ende bringen. Lass uns deine Kurzgeschichten zusammentragen und eine Sammlung als Abschlussarbeit einreichen. Dein Roman kann warten.“

Ich schloss das Semester ab. Ich kann mich an nichts erinnern.

Bis heute berichten mir Teilnehmer aus dem Workshop von Unterhaltungen, die wir geführt haben.

„Erinnerst du dich noch an das großartige Gespräch über das Verfassen von Sexszenen, das wir im Workshop geführt haben?“

Ich lächle. „Ich erinnere mich nicht.“

„Wir haben uns verrückte Sachen erzählt!“

Ich lächle.

Nachdem das Loch in meinem Herzen geschlossen war, durfte ich Sport machen. Ich begann ein paar Jahre später mit Laufen und Yoga. Auch andere Bereiche meines Körpers, inklusive meiner Fruchtbarkeitsstörung, heilten. Ich war in Bestform, fit wie nie zuvor. Und dann wurde ich schwanger.

Ich bekam ein Kind und litt unter schweren postnatalen Depressionen. Mein Mann und ich ließen uns scheiden.

„Im Rückblick gehe ich davon aus, dass es der Schlaganfall war, der alles für mich verändert hat“, sagte er.

Ich ging davon aus, es sei seine Affäre gewesen. Aber vielleicht hatte er Recht. „Vielleicht war es das Jahr“, sagte ich.

Denn ja: Das war das Jahr, das mein Leben verändert hat; Es war das Jahr, das mir das Leben gerettet hat. Es war das Jahr, in dem ich beschloss, jedes Jahr so zu leben, als wäre es mein letztes. Das bedeutete zum Beispiel, zwei Jahre in New York zu verbringen und mich auf meinen Roman zu konzentrieren. Es bedeutete, neue Freundschaften zu schließen und ein „Ja“ zu viel mehr Dingen. Es bedeutete, dass meine Prioritäten nicht mehr die Prioritäten meines Ehemannes waren.

22 Monate nach dem Schlaganfall konnte ich genau den Moment spüren, in dem ich mich wieder komplett auf der Spur fühlte. Ich fuhr Auto und merkte mir Nummernschilder. Einst hatte ich ein fotografisches Gedächtnis und erinnerte mich aus Spaß und Langeweile an Dinge wie die Kreditkartennummern von Männern, die mir Drinks spendierten. Erst auf halber Strecke nach Hause bemerkte ich, dass ich diese Art von Gedächtnis wieder hatte. Ich war außer mir vor Freude.

Ich öffnete die Datei mit meinem Roman. Ich wusste, dass es an der Zeit war. Ich wusste, ich war wieder soweit. Gleichzeitig wusste ich aber auch, dass nichts mehr so war wie zuvor; Ich habe immer noch eine Erinnerungslücke um den 31. Dezember 2006. Große Teile dieses Textes habe ich aus meinen Tagebuch- und Blogeinträgen und den Geschichten meiner Freunde zusammengebastelt, sowie den Erinnerungen, die so zurückkamen. Große Teile sind mir immer noch nicht zugänglich. Und damit meine ich nicht, dass sie fehlen; Ich habe einfach keinen Zugang.

Weil ich weiß, dass all die Dinge, die passiert sind, immer noch in meinem Kopf sind. Irgendwo verborgen in den Hirnwindungen. Dass der Thalamus Erinnerungen wiederherstellt und sie zusammenwebt. Dass manche dieser Erinnerungen später an die Oberfläche gelangen, so wie ein Déjà-vu oder wie man sich an den Traum aus der Nacht zuvor manchmal mitten am nächsten Tag erinnert. Weil jemand einen roten Schal trägt und es die Erinnerung an den Traum wachruft, in dem du auf den sich aufbäumenden Wogen des Mittelmeers einen roten Schal verloren hast. Was dich wiederum daran erinnert, dass deine Schwiegermutter zwei Monate nach deinem Schlaganfall getötet wurde und du zur Trauerfeier in Tel Aviv warst und jeden Abend beobachtet hast, wie die Sonne im Meer versank. Das ist wirklich passiert.

Ich lernte auch, dass Erinnerung zum großen Teil an Gefühle gekoppelt ist. Was mich glücklich macht, überwindet das Kurzzeitgedächtnis. Ich verstehe jetzt, warum ich mich an intensive Erlebnisse meiner Kindheit erinnere. Warum ausgerechnet an diesen einen Tag, an dem ich mit Schneebällen beworfen wurde, und an keinen anderen. Warum ausgerechnet an das Halloween, an dem sich meine Eltern anbrüllten, und an keinen anderen Feiertag. Warum an den Flug von New York nach Los Angeles und keinen anderen. Warum ich die Namen aller Ärzte vergessen habe, außer den des Neurologen Dr. Volpi. Dessen Augen freundlich waren. Der als erster Spezialist in der Notaufnahme in Erscheinung trat. Der derjenige war, der mir berichtete, dass ich einen Schlaganfall hatte. Dieser Moment.

Ein großer Teil der Erinnerung ist in Module aufgeteilt. Während des Jahres versuchte ich, Geschichten zu erzählen, Anekdoten – und ich konnte zwar beginnen, die Erzählung aber nicht fortsetzen oder beenden. Manchmal, wenn mir jemand soufflierte, „Geschah dann nicht das und als nächstes jenes?“, konnte ich mich wieder an den nächsten Teil der Geschichte erinnern.

Ich habe gelernt, dass Geschichten und Erinnerungen Teile eines Puzzles sind, die zu großen Teilen vom Thalamus zusammengefügt werden. Deshalb konnte ich nicht lügen. Weil ich nicht lügen konnte, konnte ich keine Geschichten schreiben. Doch jetzt, mit dem Wissen, wie Geschichten entstehen – mit der Erfahrung, dass sie aus zusammengewobenen Einzelteilen bestehen, hilft mir das. Es hilft mir.