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    Comics & Graphic Novels 2015: Top 20

    Stefan Mesch - Kritiker bei ZEIT Online und Deutschlandradio Kultur - stellt 20 Comics, Graphic Novels und Mangas vor, die er 2015 entdeckte. Empfehlungen!

    Collage: S. Mesch

    Stefan Mesch schreibt ĂŒber Literatur und Comics, u.a. bei ZEIT Online, Deutschlandradio Kultur, der Freitag und im Berliner Tagesspiegel. Mehr hier: Link

    20. Rasputin (USA)

    Image Comics

    Autor: Alexander Grecian, Zeichner: Riley Rossmo
    Image Comics, Oktober 2014 bis November 2015.
    10 Hefte in zwei SammelbÀnden, abgeschlossen.

    Phil Gelatts „Petrograd“ erzĂ€hlte 2011 das Mordkomplott gegen Rasputin – als melancholischen Agententhriller. Die monatliche „Rasputin“-Serie von Alex Grecian ist Ă€hnlich atmosphĂ€risch, politisch, blutig-existenziell.

    Der Mönch und Wunderheiler, charismatisch und monströs, allein zwischen Zar und Klerus. Volk und Armee. Spionen und Revolution. Detailverliebt. Komplex. Viele Zeit-, ErzÀhlebenen und Wendepunkte, toll inszeniert.

    Ich bin nicht sicher, ob die Reihe zu frĂŒh endete: Nach fĂŒnf Heften verlĂ€sst Rasputin – unsterblich, aber gescheitert – den Palast, zusammen mit den Zarenkindern Alexei und Anastasia. Was als historisch-biografische Comic-Spielerei begann, wird zum Jahrhundert-Panorama:

    Macht, Mord, Magie vom JFK-Attentat bis in die Gegenwart. Oft langsam. Manchmal trÀge. Und nach 10 Heften: plötzlich vorbei. Schade!

    Ein Fantasy-Psychogramm: eigensinnig, gemĂŒtvoll, klug menschlich, ĂŒberraschend.

    19. Alex + Ada (USA)

    Image Comics

    Autor: Jonathan Luna, Zeichnerin: Sarah Vaughn
    Image Comics, November 2013 bis Juni 2015.
    15 Hefte in drei SammelbÀnden, abgeschlossen.

    2013, in Spike Jonzes Kinofilm „her“, verliebt sich Theodore – einsamer Hasenfuß und Angestellter – in seine digitale Assistentin, das Betriebssystem Samantha. Ein Trottel, eklig fixiert auf eine körperlose kĂŒnstliche Intelligenz. Die Satire macht Spaß, bleibt aber sehr didaktisch. Ein Film wie zwei Stunden Ethik-Unterricht fĂŒr DreizehnjĂ€hrige.

    Auch „Alex + Ada“ zeigt einen recht unsympathischen Single: Alex' reiche, verwitwete Großmutter hat Spaß am Leben, seit sie sich einen gehorsamen Sex-Androiden ins Haus holte. Also schenkt sie Alex ein eigenes Modell, Ada. Via illegalem Jailbreak wird aus dem Apparat eine (recht bieder-flache) Persönlichkeit: Pinocchio mit Indie-Fransenpony.

    Als Liebesgeschichte: gruseliger Stuss. Als Diskussion um Menschlichkeit und Technik: sympathisch, aber zu einfach, seicht. Als creepy Psychogramm eines Verlierers, der seine ProjektionsflÀche missbraucht: faszinierend! Die klinisch-faden Zeichnungen passen zu den kalten Figuren. Ist das ein kluger, gut gemachter Comic? Ich zweifle.

    Doch er wirft tolle Fragen auf, zu Autonomie, Narzissmus, Konsum, Sehnsucht – und Maschinen, die uns „erkennen“.

    18. Dich hatte ich mir anders vorgestellt... (Frankreich)

    Avant-Verlag

    Autor und Zeichner: Fabien Toulmé
    Deutsch bei Avant, Oktober 2015. Original: Frankreich 2014.
    Graphic Novel, 248 Seiten, abgeschlossen.

    Ich liebe Guy Delisles saloppe, autobiografische Graphic Novels: Seit 2000 erzĂ€hlt er vom Reisen, Älterwerden und seinen Problemen und VersĂ€umnissen als Vater. Fabien ToulmĂ© reiste selbst zehn Jahre um die Welt, heiratete eine Brasilianerin, zog zurĂŒck nach Frankreich – und hadert: Denn eine Tochter ist gesund. Die andere hat das Down-Syndrom.

    „Dich hatte ich mir anders vorgestellt“ ist der egozentrische, naive, selbstmitleidige und trĂ€ge Bericht eines Mannes, der wenig ĂŒber Behinderung weiß: ehrlich und verletzlich – aber an vielen Stellen unbeholfen bis dumm. Im selben Stil schrieb NobelpreistrĂ€ger Kenzaburo Oe 1964 in „Eine persönliche Erfahrung“ ĂŒber Wut, EnttĂ€uschung, Ekel und Hilflosigkeit als Vater eines geistig behinderten Sohnes.

    Ich mag, wie angreifbar sich diese BĂŒcher machen, wie unsympathisch und ĂŒberfordert ToulmĂ© erzĂ€hlt. Ein Comic fĂŒr Menschen, die noch kaum etwas ĂŒber Behinderungen wissen. Die aller-allerersten Schritte – und Fehltritte.

    Nicht clever. Nicht „empowernd“. Aber: schlicht, ehrlich, ĂŒberfordert, lesenswert.

    17. Silk (USA)

    Marvel Comics

    Autor: Robbie Thompson, Zeichnerin: Stacey Lee
    Marvel Comics, seit Februar 2015 (aktuell kurze Pause).
    7+ Hefte / bisher ein Sammelband, wird fortgesetzt.

    Die selbe radioaktive Spinne, die vor 13 Jahren Peter Parker biss, infizierte auch Cindy Moon - eine GrundschĂŒlerin. Um sie vor Angriffen des Spider-Man-Gegners Morlun zu schĂŒtzen, wĂ€chst Cindy allein in einem Bunker auf. 2014, im „Spider-Man“-Crossover „Spider-Verse“, wird sie entdeckt, befreit
 und versucht, ihr altes Leben aufzunehmen:

    Eine forsche junge Frau in New York – Praktikantin beim Daily Bugle und mutige, unerfahren-enthusiastische Nachwuchs-Heldin. Kein „Supergirl“-, kein „Batgirl“-, kein „Teen Titans“-, „Young Avengers“- oder „Spider-Gwen“-Comic aus den letzten Jahren ist so einladend, schlicht, einsteigerfreundlich, sympathisch. Fans der „Supergirl“-Serie? Fans von Batgirl Stephanie Brown? Unbedingt anlesen!

    Geradlinig, emotional, selbstbewusst: eine Young-Adult-Heldin fĂŒrs breite Publikum.

    [„Spider-Verse“ habe ich nicht gelesen. Aber der Crossover-Band „Spider-Woman: Spider-Verse“ ist eine tolle, schwungvolle EinfĂŒhrung ins aktuelle Ensemble rund um Peter Parker und andere Spinnen-Figuren: Ich las „Silk“, weil ich Cindy in „Spider-Woman“ sehr mochte.]

    16. She-Hulk (USA)

    Marvel Comics

    Autor: Charles Soule, Zeichner: Javier Pulido
    Marvel Comics, Februar 2014 bis Februar 2015.
    12 Hefte / zwei SammelbÀnde, abgeschlossen.

    Marvel-Superhelden sind oft vor allem fĂŒr ihre Abenteuer im Team berĂŒhmt: Nur wenige Avengers, fast keiner der X-Men hat eine eigene monatliche Solo-Comicreihe. 2012 erzĂ€hlte ein schmissiger, eleganter „Hawkeye“-Comic, wie die beiden BogenschĂŒtzen Clint Barton und Kate Bishop leben, wenn sie nicht gerade mit den Avengers die Welt retten. Die Reihe wurde zum Überraschungshit – und seitdem gibt es immer wieder neue, oft schrullige Solo-Experimente.

    She-Hulk Jennifer Waters ist zu laut, zu forsch, zu grĂŒn, zu wild – und fliegt aus ihrer Großkanzlei. Sie eröffnet ein eigenes BĂŒro, trifft in verschiedenen Verhandlungen und KĂ€mpfen auf Daredevil, Captain America, Ant-Man und Doctor Doom. Autor Charles Soule hat selbst als Rechtsanwalt gearbeitet. Eine selbstbewusste, humorvolle, recht erwachsene Serie, nach 12 Heften eingestellt.

    Leichte, smarte Unterhaltung – abseits vom Einheitsbrei.

    15. Ms. Marvel (USA)

    Marvel

    Autorin: G. Willow Wilson, Zeichner: Adrian Alphona
    Marvel Comics, seit Februar 2014. Deutsch bei Panini.
    19+ Hefte und einige Gastauftritte / drei SammelbÀnde, wird fortgesetzt.

    Believe the Hype! Den ersten Band „Ms. Marvel“ wĂŒrde ich am liebsten jedem Menschen von 10 bis 15 schenken – oder
 bis 45. Ein All-Ages-Comic, charmant, atmosphĂ€risch, optimistisch und rasant wie „Harry Potter“.

    Band 2 hatte hanebĂŒchene Konflikte und viel (leeres, dummes) Gerede ĂŒber die angeblichen Besonderheiten der Generation Y. Und mit Band 3 tauchen immer kompliziertere Marvel-Crossover und -BezĂŒge auf. Auch der Zeichner wechselt Ă€rgerlich oft: Vielleicht verheddert sich die Reihe gerade.

    Vorerst aber: Unbedingt lesen! Kamala Khan, Teenager, Online-Nerd und Muslima, lebt in New Jersey. Ihre Eltern sind aus Pakistan eingewandert und haben Angst, dass sie verwestlicht. Als sie bemerkt, dass sie ihren Körper verformen, schrumpfen, verwandeln kann, hilft sie in Schule und Nachbarschaft. Ein humorvoller Comic, bunter und kindlicher als viele andere Marvel-Titel – geschrieben von einer muslimischen Autorin.

    Ein zeitgemĂ€ĂŸer, sympathischer Bestseller - aber manchmal zu drollig, harmlos.

    14. Twin Spica (Japan)

    Kou Yaginuma, Mediafactory. Übersetzung: Mangafox.

    Autor und Zeichner: Kou Yaginuma
    Media Factory, 2001 bis 2009.
    90+ monatliche Kapitel, gesammelt in 16 SammelbÀnden, abgeschlossen.

    Wieder ein „Harry Potter“-Vergleich: Drei MĂ€dchen und zwei Jungs auf einer gefĂ€hrlichen Elite-Akademie. Talent und Potenzial, tragische Vorgeschichten. Geheimnisse. Verluste:

    Asumis Mutter starb 2010 – als die Lion, das erste Space-Shuttle Japans, auf ihre Heimatstadt stĂŒrzte. Trotzdem will Asumi Astronautin werden – unterstĂŒtzt von ihrem depressiven Vater, und dem Geist eines verglĂŒhten Lion-Astronauten.

    „Twin Spica“ wirkt simpel und sĂŒĂŸlich. Die extrem kleine, kindliche Asumi sieht aus wie Heidi, jede Figur hat ein rĂŒhrseliges Trauma, kurz dachte ich: fĂŒr ZehnjĂ€hrige, höchstens – oder Fans vom „kleinen Prinz“.

    Doch Leitmotive, Bildsprache, Psychologie und Stimmungen werden so geschickt verwebt... mit jedem Band (ich kenne sechs von 16) wird diese zarte Coming-of-Age-Geschichte trauriger, ernster, klĂŒger, subtiler.

    Mut zum Melodrama: das Kitschig-Schönste, das ich seit Jahren las. Hach!

    13. Darth Vader (USA)

    Marvel Comics

    Autor: Kieron Gillen, Zeichner: Salvador Larocca
    Marvel Comics, seit Februar 2015.
    Deutsch nur kapitelweise als Back-up in Paninis monatlichem "Star Wars"-Heft.
    14+ Hefte und einige Crossover („Vader Down“) / zwei SammelbĂ€nde, wird fortgesetzt.

    Kieron Gillen nervt: Sein „Young Avengers“-Comic hatte pro Heft 15 selbstverliebte Ideen – aber wenig Lust auf Plot und Timing. Seine Musik- und Jugendkultur-Comicreihen „The Wicked + the Divine“ und „Phonogram“ baden in Geplapper, Posen. Eitlem GewĂ€sch. Auch im offiziellen „Darth Vader“-Comic will Gillen zeigen, wie crazy originell er immer noch ein, zwei, fĂŒnf draufsetzt – auf die verbrauchtesten Ideen:

    Darth Vader verbĂŒndet sich mit einer sexy Weltraum-ArchĂ€ologin? Die durch Weltraum-Tempel springt wie Indiana Jones? Ihm helfen zwei Killer-Droiden im selben Look wie R2-D2 und C-3PO? Die stĂ€ndig Menschen töten wollen, beim Foltern und via Flammenwerfer?

    Der grĂ¶ĂŸte Marvel-“Star Wars“-Comic macht keinen Spaß. Auch viele Spin-Offs haben Schwierigkeiten [Link: Tipps von mir]. Die beiden besten aktuellen Reihen sind – Überraschung – „Kanan: The Last Padawan“ und Gillens „Darth Vader“. Weil Gillen eine recht einfache Geschichte erzĂ€hlt. Weiterhin gerne parodiert, zitiert, postmodern spielt. Doch weniger ĂŒberschnappt als sonst:

    „Star Wars“ als Korsett, GerĂŒst, Hundeleine fĂŒr einen talentierten, aber ĂŒberdrehten Autor. Dunkler Humor und viel Suspense zwischen Episode IV und V.

    12. Der Traum von Olympia (Deutschland)

    Reinhard Kleist, Carlsen Comics

    Autor und Zeichner: Reinhard Kleist.
    Carlsen Comics, Januar 2015. Schon 2014 seitenweise in der FAZ erschienen.
    Graphic Novel, 152 Seiten, abgeschlossen.

    Bei den Olympischen Spielen 2008 lief Samia Yusuf Omar im 200-Meter-Sprint fĂŒr Somalia: Sie brauchte fast zehn Sekunden lĂ€nger als die anderen LĂ€uferinnen – doch wurde vom Publikum wie eine Siegerin beklatscht [Video].

    Reinhard Kleist schreibt und zeichnet einfache Schwarzweiß-Comics, meist historisch-biografisch. FĂŒr die FAZ recherchierte er Omars Geschichte: Ihr Leben in Somalia und Äthopien, ihr Training und der Druck, den islamistische Machthaber auf Frauen im Sport ausĂŒben. Beim Versuch, illegal nach Europa zu fliehen, ertrank Omar Mitte 2012, mit 21 Jahren.

    Kleists Comic ist so simpel, linear, verstĂ€ndlich – perfekt als SchullektĂŒre und fĂŒr Menschen, die Scheu vor Comics haben oder von Bildsprache ĂŒberfordert sind. Ich hoffe, Kleist – der beliebteste und bekannteste deutsche Graphic-Novel-KĂŒnstler – kann mehr und hat noch andere Ambitionen.

    Doch besonders 2015, fĂŒrs Massenpublikum, kann ich mir kein sinnvolleres Buch vorstellen.

    („Gehen, ging, gegangen“ von Jenny Erpenbeck ist klĂŒger, komplexer, besser. Aber eben: kein Comic.)

    11. The October Faction (USA)

    IDW Comics

    Autor: Steve Niles, Zeichner: Damien Worm
    IDW Comics, seit Oktober 2014.
    12+ Hefte in 2+ SammelbÀnden, wird fortgesetzt.

    Der pseudo-schwarze Humor der „Addams Family“ langweilt mich. Was Tim Burton „unkonventionell“ nennt, ödet mich an. Gothic Horror, Emo-Kitsch, die dunkle Romantik, die meisten Schauer-Comics? Nicht mein Fall. Wozu also eine Humor-/Action-Reihe ĂŒber eine morbide Familie aus Hexen, DĂ€monenjĂ€gern, Monstern in einer klischeehaften Villa?

    „The October Faction“ handelt von schlechten Kompromissen, falschen Entscheidungen, von der Schuld und dem Selbstekel, den selbst die patentesten, integersten Eltern auf sich laden im Lauf der Jahre. Sympathisch verkorkste Teenager, eine brutal-pragmatische Mutter und ein Vater, so doppelbödig/abgrĂŒndig, dass Leser sagen: „Das ist der beste John-Constantine-Comic seit Jahren.“

    Ich bin ĂŒberrascht, wieviel Herz, Hirn, Schwung und emotionale Tiefe sich eine so eitle und stilisierte Reihe bewahrt: FĂŒr Fans von „Supernatural“ und guten Seifenopern.


    Keine große Kunst – aber mehr Substanz, als die klamaukigen Zeichnungen vermuten lassen.

    10. Southern Bastards (USA)

    Image Comics

    Autor: Jason Aaron, Zeichner: Jason Latour
    Image Comics, seit April 2014.
    14+ Hefte in mindestens 3 SammelbÀnden (ich kenne 2), wird fortgesetzt.

    Als Comic hat „Southern Bastards“ große SchwĂ€chen. Im ersten Sammelband geht alles schief. In Band 2 ruht die Handlung. Als Literatur dagegen ist die dunkle, drĂŒckende Serie ĂŒber ein Provinznest in Alabama, dessen korrupter alter Football-Coach alle FĂ€den und Schicksale in der Hand hĂ€lt, ein Muss.

    Jason Aaron, selbst in den SĂŒdstaaten geboren, erzĂ€hlt keine schnelle Geschichte – sondern baut RĂ€ume, AtmosphĂ€ren, fĂ€ngt ein Milieu in toller Sprache, Jargon, kantigen Dialogen; zeigt MachtverhĂ€ltnisse und AbhĂ€ngigkeiten in einer rassistischen, schreiend armen Kulisse, die ich sonst nur aus Cormac-McCarthy- und Daniel-Woodrell-Thrillern kenne
 und auf deren BuchrĂŒckseite dann immer steht „mit alttestamentarischer Wucht!“

    Dick aufgetragen? Nein: klug stilisiert.

    Ein Krimi-Western-HinterwĂ€ldler-Korruptions-Noir-Kleinstadtpsychogramm, zynisch, brutal, aber mit sehr genauem Blick, viel SprachgefĂŒhl und, wichtig: Liebe zu den Figuren.

    Kein Spannungsbogen. Unsympathische Welt. Aber grandios geschrieben und inszeniert!

    9. Copperhead (USA)

    Image Comics

    Autor: Jay Faerber, Zeichner: Scott Godlewski
    Image Comics, seit September 2014.
    10+ Hefte in 2+ SammelbÀnden, wird fortgesetzt.

    Eine mĂŒrrische alleinerziehende Mutter wird Sherriff – in Copperhead, einem gefĂ€hrlichen Außenposten. Ein Comic wie eine billige 90er-Jahre-Serie: schnelle FĂ€lle und simple Figuren wie in „Dr. Quinn – Ärztin aus Leidenschaft“, platte Aliens und Interspezies-Konflikte wie in „Earth 2“, alles im Wildwest-Weltraum-Look von „Marshall Bravestarr“ (1987).

    Sherriff Clara Bronson droht, knallt, flucht und flirtet im Saloon. Ihr kleiner Sohn lĂ€uft heimlich in die WĂŒste – und freundet sich mit Ishmael an, einem Killer-Androiden. Die Ureinwohner des Planeten sind Insektenmonster. Und Budroxifinicus, der gutmĂŒtige, riesige Hilfssherriff, gehört einer Alien-Rasse an, die erst kĂŒrzlich mit der Menschheit Krieg fĂŒhrte.

    Viele US-Comics wollen zu viel in zu kurzer Zeit. „Copperhead“ ist sechs Nummern seichter, flacher, geradliniger als Konkurrenz-Reihen wie „Saga“. Aber dafĂŒr eben auch: zugĂ€nglicher, mitreißender, plausibler. Ein stimmiger, nostalgischer Mainstream-Comic:

    Wer vor 20 Jahren simple Serien mochte, wird die schlichten SammelbÀnde lieben.

    8. Harrow County (USA)

    Dark Horse Comics

    Autor: Cullen Bunn, Zeichner: Tyler Crook
    Dark Horse Comics, seit Mai 2015.
    8+ Hefte in 2+ SammelbÀnden (ich kenne den ersten), wird fortgesetzt.

    Mir sind in Comics tolle Plots, Dialoge, Sprache wichtiger als kunst- und ausdrucksvolle Bilder. Trotzdem machen mich „Narration Boxes“ mĂŒde – die Vierecke, in denen schlechte KĂŒnstler einen allwissenden ErzĂ€hler alles sagen lassen, was sie ĂŒber Bild und Dialog nicht transportieren können. Je mehr Text in Narration Boxes, desto schlechter ist meist der Comic.

    „Harrow County“ habe ich lange ĂŒbersehen: ein nichtssagendes Cover, zu kindliche Zeichnungen, als dass ich Grusel, Angst empfunden hĂ€tte – und der dritte beliebte Hexen-Comic, nachdem mich schon Terry Moores amateurhaftes „Rachel Rising“ und Scott Snyders selbstverliebt-wirres „Wytches“ nicht ĂŒberzeugten.

    TatsĂ€chlich ist „Harrow County“ ein GlĂŒcksfall. Wegen der blendend geschriebenen Narration Boxes! Den Zeichnungen, die zur kindlichen, viel zu naiven Hauptfigur passen. Und, weil hier ein klassischer, packender Hexe-gegen-Kleinstadt-Kampf erzĂ€hlt wird in den 30er Jahren. Mit der – ĂŒberraschten, nichtsahnenden – Hexe als Heldin.

    Einfacher, simmungsvoller Grusel fĂŒr Leser*innen ab 12. Letzte Woche wurde ĂŒber die Verfilmung berichtet.

    [Mehr Hexen? Ich freue mich auf „Sabrina“, „Providence“ und „Black Magick“]

    7. Injection (USA, britischer Autor)

    Image Comics

    Autor: Warren Ellis, Zeichner: Declan Shalvey und Jordie Bellaire
    Image Comics, Mai bis September 2015.
    5 Hefte in einem Sammelband, pausiert gerade. Mindestens 5 weitere Hefte ab 13. Januar 2016.

    Auf den Comic-Bestenlisten vieler MĂ€nner, die sich fĂŒr besonders „hart“ und „alternativ“ halten, stehen seit Jahrzehnten drei Namen: Garth Ennis, Mark Millar und Warren Ellis.

    Von Ennis kenne ich nur eine zarte Superman-Geschichte aus „Hitman“. Von Millar das fast disneyhaft sĂŒĂŸe, nostalgische „Starlight“. Ellis mag ich seit seiner kindisch-wĂŒsten Marvel-Parodie „Nextwave“. Aktuell schreibt er auch „Trees“, einen ambitioniert politischen, aber noch arg verzettelten Comic ĂŒber die Frage, was aus Krieg, Macht, Ego wird, sobald die Menschheit sicher sein könnte, dass es fortschrittlichere Aliens gibt.

    Dass in „Injection“ viel geschossen und gestorben, geflucht, gesoffen und geblutet wird, gehört wahrscheinlich zur Marke „Warren Ellis“. Noch mehr aber geht es ums Altern und Beten, Wandern und Meditieren, Hoffen und Resignieren. FĂŒnf Wissenschaftler haben die Welt verĂ€ndert, mit einer geheimen „Injektion“. Jetzt, Jahre spĂ€ter, zahlt die Welt den Preis – und ein Dana-Scully-Lookalike ĂŒber 50 humpelt und flucht durch eine mystische Regierungsverschwörung.

    Tolle Figuren, verquaste Esoterik: Bisher ĂŒberzeugen mich Stil, AtmosphĂ€re, Psychologie. Könnte aber schlimmer MĂ€rchen- und Pagan-Kitsch sein.

    6. The Fade Out (USA)

    Image Comics

    Autor: Ed Brubaker, Zeichner: Sean Phillips
    Image Comics, seit August 2014.
    11+ Hefte in 2+ SammelbÀnden, ist auf 15 Hefte/3 SammelbÀnde angelegt.

    Charlie Parish ist Drehbuchautor – heimlich: Er macht den Job, fĂŒr den sein Alkoholikerkumpel Gil bezahlt wird. Bei einer Party stirbt Hauptdarstellerin Valeria Summers. Charlie verliebt sich in Maya Silver – den jungen Star, der sie ersetzen soll. WĂ€hrend viele Szenen neu gedreht, das Drehbuch stĂ€ndig ausgebessert wird, versucht er, sich an die Mordnacht zu erinnern.

    Ich liebe Ed Brubaker seit „Gotham Central“. Seit 15 Jahren erzĂ€hlt er immer wieder gefeierte historische Noir-Dramen um Detektive und Killer. „Fatale“ brach ich schnell ab: Was als Krimi begann, wurde zu schnell von trashigen Lovecraft-Tentakeln erwĂŒrgt.

    „The Fade Out“ bleibt den klassischen Farben, Motiven, Tricks des Krimi-Genres treu: Hollywood 1948. Kaputte Stars, Auf-, Absteiger. Bittere Geheimnisse. Verrat und SĂŒnde. Ein glĂ€nzend recherchierter, toll gezeichneter Comic zweier Profis.

    Nicht bahnbrechend, ambitioniert – aber stimmig, fesselnd, smart, detailverliebt... und wunderbar traurig.

    5. Jupiter's Legacy / Jupiter's Circle (USA, britischer Autor)

    Image Comics

    Autor: Mark Millar, Zeichner: Frank Quietly
    Image Comics, seit April 2013.
    Zweimal fĂŒnf Hefte (jeweils 1 Sammelband) sind geplant, die ersten 5 erschienen bis Anfang 2015. Danach, April bis September 2015, folgten 6 Hefte der Prequel-Serie „Jupiter's Circle“. Hefte 6 bis 10 sind in Arbeit, haben aber noch kein Veröffentlichungsdatum.

    Wer selten Superheldencomics liest, stolpert bald ĂŒber ein Gedankenspiel: Was, wenn Superman böse wĂ€re? Oder ihn ein anderer Held, militanter und despotischer, töten und ersetzen könnte?

    Superman-Fans – wie mir – stellt sich die Frage selten. Weil seit „Death & Return of Superman“ und „Kingdom Come“ vor ĂŒber 20 Jahren fast jedes Jahr zwei, drei neue Was-wĂ€re-wenn-Geschichten dazu dazu erscheinen: Die meisten bleiben seichte, pubertĂ€re Dystopien – ohne politischen Biss, Erkenntniswert, Dramatik.

    „Jupiter's Legacy“ handelt von einer Gruppe Abenteurer, die 1932 auf einer verlassenen Insel SuperkrĂ€fte erhielten. Seitdem behĂŒten und gĂ€ngeln sie die Menschheit. Als ihre Kinder – viele mit eigenen KrĂ€ften – rebellieren und die besonnenen Alten beseitigen, entsteht ein Polizei- und Überwachungsstaat.

    Millars Geschichte ist simpel – aber wendungsreich, warmherzig, mit viel Liebe zu Figuren, die sich schnell und ĂŒberraschend entwickeln. Der grĂ¶ĂŸte Gewinn aber sind die Zeichnungen von Frank Quitely: hĂŒbsch-hĂ€sslich-knittrig-simpel-detailverliebtes Gekrakel. Eine Welt, die an allen RĂ€ndern ausfranst, Falten wirft. Auch die RĂŒckblenden in die 50er und 60er Jahre in der Ableger-Serie „Jupiter's Circle“ machen Spaß.


    Verbrauchtes Konzept, fesselnde Umsetzung: der schönste Mainstream-Superhelden-Schwanengesang des Jahres.

    4. Saga (USA)

    Image Comics

    Autor: Brian K. Vaughan, Zeichnerin: Fiona Staples
    Image Comics, seit MĂ€rz 2012. Deutsch bei Cross Cult.
    31+ Hefte in 6+ SammelbÀnden, wird fortgesetzt, idealerweise noch mehrere Jahre.

    Brian K. Vaughan ist einer der klĂŒgsten Autoren, die ich kenne.

    Doch er ist nicht so klug, wie er selbst denkt. Und deshalb sind seine politischen, kritischen, verbissen originellen Comic-Reihen oft nur halb so clever, rebellisch, ĂŒberraschend, wie sie zu sein glauben (aktuell: der selbstverliebte, recht trashige USA-gegen-Kanada-Kriegscomic „We stand on Guard“).

    „Saga“ stieß mich anfangs ab – weil es sich las, als glaube Vaughan wieder, ALLEN alles beweisen zu mĂŒssen: eine Space Opera voller Verfolgungsjagden, VerrĂ€ter, Explosionen. Ein Liebespaar wie aus „Romeo und Julia“, gerade Eltern geworden. Raumschiffe aus Holz, die in WĂ€ldern wachsen. Roboter-Monarchien. Robbenwesen, Spinnenwesen, Geister-Babysitter und ein Zyklop, der Kitschromane schreibt und aussieht wie Ernest Hemingway. Uff.

    Unter dem verbissen originellen (aber toll gezeichneten!) postmodernen Mash-Up-Plunder geht es um Krieg und Elternschaft – und Weisheiten ĂŒber den Kosmos und das Leben, die auch aus einer „Brigitte“-Kolumne stammen könnten.

    Dass ich „Saga“ trotz dieser Ticks und Eitelkeiten nach ĂŒber drei Jahren Mitfiebern und Lesen liebe, bemerkte ich vor drei Monaten: Ich las den offiziellen „Star Wars“-Comic. Und dachte: Was fĂŒr eine fade, bemĂŒhte, abgeschmackte „Saga“-Kopie. [Im Ernst: Link!]


    „Saga“ kann Space Opera im 21. Jahrhundert besser.

    (...sage ich keine Woche vor der „Star Wars 7“-Premiere. Mal sehen, wer danach fĂŒhrt!)

    3. Sakamichi no Apollon (Japan)

    Shogakukan, Übersetzung: Mangafox

    Autorin und Zeichnerin: Yuki Kodama
    Shogakukan, 2007 bis 2012, keine deutsche Version.
    50 monatliche Kapitel, gesammelt in 10 SammelbÀnden (der letzte Band: Epilog), abgeschlossen.

    Im August las ich die ersten Seiten von ĂŒber 150 Mangas – und merkte: Oft brauchen sie viel lĂ€nger, um Stimmung und Ton zu treffen. Die Eröffnung bleibt meist unbeholfen. Überfrachtet.

    Bei „Kids on the Slope“ (englischer Titel der Anime-Adaption) war ich nicht sicher, ob ich in einer schwulen Romanze stecke, einer PennĂ€ler-Komödie im Retro-Look oder mitten im Kampf zweier ungleicher SchĂŒler – ein verzĂ€rtelter Nerd, ein bettelarmer Raufbold – um das selbe MĂ€dchen. Alle (mĂ€nnlichen) Figuren spielen in einer Jazzband. Doch Jazz-Exkurse bleiben nebensĂ€chlich.

    Nein. „Sakamichi no Apollon“ (nur als Fan-Übersetzung online lesbar) ist die Geschichte einer (lebenslangen?) Freundschaft. Die spĂ€ten 60er Jahre in der japanischen Provinz. Enge Rollenbilder. Armut. Der Mut, von etwas zu trĂ€umen. Zu jemandem zu stehen – behutsam inszeniert im simplen Retro-Zeichenstil.

    Ein langsames, zĂ€rtliches, schlichtes Coming-of-Age – oft witzig und zum Heulen schön. Ohne große AbgrĂŒnde, Effekte, Pomp.

    2. Lazarus (USA)

    Image Comics

    Autor: Greg Rucka, Zeichner: Michael Lark
    Image Comics, seit Juli 2013.
    21+ Hefte in 4+ SammelbÀnden (ich kenne drei), wird fortgesetzt.

    Greg Rucka ist mein Lieblings-Comicautor – und „Lazarus“ hat, als vielleicht erste Rucka-Reihe, das Potenzial zum Mainstream-Erfolg. Eine TV-Serie ist in Planung:

    Im spĂ€ten 21. Jahrhundert wird die Welt von familiengefĂŒhrten Konzernen beherrscht: neofeudale Clans, die ein paar Menschen als Leibeigene benutzen und versorgen (Kategorie „Serv“), den Rest aber in Reservaten und als Kleinbauern sterben lassen (Kategorie „Waste“).

    Konflikte zwischen Familien werden in ritualisierten KĂ€mpfen ausgetragen: Jeder Clan hat einen „Lazarus“, ein optimiertes (kĂŒnstliches?) Wesen, das trainiert wurde, um Duelle auszutragen, Gegner einzuschĂŒchtern und diplomatisch zu verhandeln. Die junge Forever ist Tochter und Lazarus des amerikanischen Carlyle-Clans. WĂ€hrend die Familie von allen Seiten attackiert wird, hinterfragt sie ihre Rolle als Waffe.

    Rucka und Lark waren schon in „Gotham Central“ großartig. Eine leidenschaftliche, psychologisch stimmige Dystopie mit unvergesslichen Figuren. Harten Entscheidungen. Endlosen Dilemma. Dilemmas? Dilemmata?

    Erwachsener als „Hunger Games“. Packender als „The Walking Dead“.

    1. I am a Hero (Japan)

    Shogakukan

    Autor und Zeichner: Kengo Hanazawa
    Shogakukan seit 2009, Deutsch bei Carlsen Comics.
    200+ Kapitel in 18+ SammelbÀnden, wird fortgesetzt.

    Die ersten 200 Seiten sind hart: Ein misogyner, phlegmatischer, recht dumpfer Manga-Assistent steckt im Alltag fest – und redet unsympathischen Stuss. Die nĂ€chsten 200 Seiten, Band 2, sind wirr: Passanten beißen sich gegenseitig, Zombies ĂŒberrennen Tokio, alles bricht zusammen. Noch in Band 3 war mir nicht klar, ob ich einen Zombie-Thriller lese, ĂŒber eine Zombie-Komödie und -Parodie lachen soll oder nur die Fehler einer verpeilten, passiven, selbstmitleidigen Hauptfigur zĂ€hlen: eine Art „Girls“ oder „Louie“, ein Woody-Allen-Film
 mit Zombies?

    „I am a Hero“ ist langsam. Oft hĂ€sslich, unsympathisch, grotesk. Alle Figuren sind ĂŒberfordert und distanziert. Nichts gelingt. Man schwimmt bis zu 800 Seiten am StĂŒck mit neurotischen, fremden Menschen in stillen, bedrohlichen, verwirrenden Szenen – in denen jederzeit alles eskalieren kann.

    Fotorealistisch gezeichnet. An vielen Stellen zum Schreien spannend. Ein toller Blick auf Alltagskultur, Moral, Ethos, Sexismus, Twenty- und Thirtysomething-Defekte, VersagensĂ€ngste in Japan. Ein Freund las die ersten BĂ€nde und sagte „Ich sehe da nichts als Trash.“

    Ich sehe: eine unertrĂ€gliche Figur in einer unertrĂ€glichen Geschichte – die mich begeistert, ĂŒberfordert, angeekelt und beglĂŒckt hat wie keine andere ErzĂ€hlung seit Jahren. Vergleichbar vielleicht mit „Geister“ von Lars von Trier. Aber eben: schleppend, langsam, viel richtungsloser.

    Ich bin in Band 16. Ein Ende/Finale ist langsam absehbar (noch zwei, drei Jahre?).

    Wenn es auf diesem Niveau endet, ist es ein Meisterwerk.

    Der Trailer zur "I am a Hero"-Verfilmung, 2016:

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    ...zu rasant, zu komödiantisch, zu locker, zu sommerlich:

    Der Manga ist stiller und... verzweifelter. Aber die "Soll ich lachen, schreien, weinen?"-Stimmung die selbe. Der Hauptdarsteller passt perfekt.

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