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Über das Leben in Syrien - nach vier Jahren Krieg

Der grausame Bürgerkrieg in Syrien geht in das fünfte Jahr; mehr als die Hälfte der Bevölkerung ist aus ihren Häusern geflohen, die Lebenserwartung um 20 Jahre gesunken. BuzzFeed News hat mit drei Syrern über ihr Alltagsleben in dieser Hölle gesprochen.

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Von außen betrachtet kann man sich kaum vorstellen, wie der syrische Alltag aussehen muss. Diesen März begann das fünfte Jahr des verheerenden Bürgerkriegs, für ein baldiges Ende spricht nur wenig. Mehrere Parteien kämpfen in dem Konflikt, in den nach und nach Syriens Nachbarn im Nahen Osten, Russland und die USA hineingezogen wurden, und der einen fruchtbaren Boden für die Islamistenorganisation ISIS bereitet. Die Not der Zivilbevölkerung ist mittlerweile so groß, dass Elend frühere Konflikte regelrecht in den Schatten stellt.

Laut einem letzte Woche erschienenen Bericht der Vereinten Nationen kamen in diesem Krieg bisher 200 000 Menschen ums Leben. Die Lebenserwartung sank um 20 Jahre und mehr als die Hälfte der 21 Millionen Menschen, die einmal in Syrien lebten, sind auf der Flucht. Syrien bringt derzeit die meisten Flüchtlinge weltweit hervor, wenn sich auch die meisten von ihnen innerhalb des Landes auf der Flucht befinden, berichtete das britische Magazin The Economist im Januar

Für die Welt sind diese gigantischen Zahlen schwer zu verdauen - zugleich ist es schwierig, an Augenzeugenberichte von einzelnen Syrern zu gelangen. Das Handynetz ist unzuverlässig, Millionen Menschen befinden sich ständig auf der Flucht, und praktisch kein Journalist wagt es noch, in das weltweit gefährlichste Land für Reporter zu reisen.

Wie also gestaltet sich nun der syrische Alltag? Wie oft verlassen die Menschen ihre Häuser, wie laden sie ihr Handy auf? Haben sie gelegentlich auch einmal Grund zu lachen? BuzzFeed News hat mit drei Syrern aus verschiedenen Städten gesprochen, die dort leben oder sich regelmäßig aufhalten und die Zustände dort dokumentieren. Wir wollen das menschliche Leben verstehen, das sich hinter den erschreckenden Statistiken verbirgt.

Wie unsere Gesprächspartner berichten, sind zahlreiche Syrer in ihren Heimatstädten geblieben - aus Angst vor den elenden Bedingungen in den syrischen und ausländischen Flüchtlingslagern. Viele könnten es sich auch gar nicht leisten, das Land auf sicherem Wege zu verlassen.

Justine Zwiebel / BuzzFeed

Auf der Karte sind die drei Städte zu sehen, in denen BuzzFeed News seine Gesprächspartner befragt hat. Jede Stadt wird von einer anderen Rebellengruppe kontrolliert. Die Hauptstadt Damaskus befindet sich in der Hand der Regierung.

"Wenn man aus Aleppo flieht, ist das Leben nie wieder so, wie es einmal war", sagt Rami Zien. Der 23-Jährige arbeitet als freischaffender Fotograf in der Stadt, die zum Großteil von einer losen Allianz bewaffneter Rebellengruppen kontrolliert wird, die gegen Präsident Baschar al-Assad kämpfen. "Man lebt dann in einem Lager oder muss ein teures Leben in der Türkei führen."

Wer bleibt, versucht in der Regel, sich mit einer der wenigen schlecht bezahlten Jobs im Kriegsgebiet über Wasser zu halten, fährt Taxi, repariert Autos, betreibt ein kleines Internetcafé oder vertreibt einfach jede Schmuggelware, die er in die Finger bekommt. Man versucht, möglichst nicht zu den 7,6 Millionen Syrern zu gehören, die innerhalb des Landes auf der Flucht sind, oder wie 3,8 Millionen andere ins Ausland fliehen zu müssen.

"Eine Menge Leute haben ihren ursprünglichen Beruf aufgeben müssen... Sie machen einfach das Erstbeste, das sich ihnen bietet, um den Lebensunterhalt zu verdienen", sagt Zien im Skype-Interview. "Mein Nachbar betrieb früher eine Textilfabrik und verkauft jetzt Bettwäsche und Diesel auf dem Markt."



In der von ISIS kontrollierten Stadt Ar-Raqqa halten sich die Einwohner über Wasser, indem sie ihre Häuser an die Kämpfer vermieten oder in deren Religionsschulen arbeiten. "Die einzigen guten Jobs gibt es bei ISIS, aber meine Freunde wollen für die nicht arbeiten", sagt Abdalaziz Alhamza, der 24-jährige Gründer der Aktivistengruppe RSS ("Raqqa Is Being Slaughtered Silently"), die sich gegen ISIS und gegen Assad richtet. Alhamza floh im vergangenen Jahr aus Syrien und lebt heute in Berlin, von wo aus er ein Team von 12 Aktivisten leitet, die das Leben in der syrischen Stadt Ar-Raqqa dokumentieren.

Rund 60 Prozent der Einwohner Syriens sind arbeitslos, etwa ebenso viele leben in extremer Armut, können sich also nicht einmal das zum Überleben Notwendigste beschaffen. Dies geht ebenfalls aus dem UN-Bericht von vergangener Woche hervor.

Der Alltag der Bevölkerung dreht sich vor allem um zwei Dinge: Lebensmittel und Elektrizität.

Lee Keath / AP Photo

Damaskus (Syrien), Donnerstag, 5. Dezember 2013. Diese Grundschule wurde in eine Notunterkunft umgewandelt - an den Fenstern hängt Wäsche zum Trocknen, im Hintergrund kauern zwei syrische Flüchtlingsjungen unter Decken. In der Schule leben etwa 44 Familien.

"Im vergangenen Jahr waren fast alle Lebensmittelmärkte geschlossen", erklärt Zien. "Man musste durch ganz Aleppo laufen, um zum Beispiel eine Tomate zu kaufen. Ob man die dann auch bekam, war aber nicht sicher. Einige NGOs [Nichtregierungsorganisationen, Anm. d. Redakion] brachten zwar Lebensmittel, aber nur Reis und Öl - eben das, was man braucht, um am Leben zu bleiben."

Zien berichtet, dass in den vergangenen zwei Monaten viele Märkte wieder geöffnet worden seien, Hühnchenfleisch und frisches Gemüse seien derzeit wieder erhältlich. Die UNO hatte versucht, eine "partielle Feuerpause" von sechs Wochen bei den Kämpfen um Aleppo zu erreichen. Tatsächlich stimmte Assad zu, die Luftangriffe dort zeitweise einzustellen.

In vielen Gegenden sind Nahrungsmittel zwar nicht knapp, dafür aber unerschwinglich teuer, weil sie immer öfter aus dem Ausland eingeschmuggelt werden müssen. Mohammed, ein Syrer, der 2011 in die benachbarte Türkei floh, aber noch wenigstens einmal im Monat in die Grenzstadt Sarmada fährt, berichtet, dass ein syrisches Fladenbrot dort umgerechnet einen Dollar kostet - das sind 30 Cent mehr als vor dem Krieg. Mohammed bat uns darum, seinen Nachnamen nicht zu nennen.

Jalal Al-Mamo / Retuers

Ein Flüchtlingsmädchen hält vor einem Zelt ein Kleinkind im Arm und verdeckt das Gesicht. Sie floh vor der Gewalt im Bezirk Handarat in Aleppo. Aufgenommen im nördlichen Umland von Aleppo am 8. Oktober 2014

"In den ländlichen Gebieten, die ich gesehen habe, sind viele Menschen auf die Lebensmittelpakete der Nichtregierungsorganisationen angewiesen", berichtet Mohammed, der sporadisch nach Syrien reist, weil er für die von Exil-Syrern geführte, von Großbritannien aus operierende Hilfsorganisation "Hand in Hand für Syrien" tätig ist. "In manchen Gegenden sind 80 % der Menschen vollständig auf diese Hilfe angewiesen."

Mangelnde Stromversorgung: Satellitenbilder zeigen, dass Syrien nachts um 83 % weniger beleuchtet ist als bei Kriegsausbruch - teils, weil die Menschen fliehen, aber auch, weil die Infrastruktur zerstört wurde.



In den drei Städten, die BuzzFeed News betrachtet hat, gibt es laut den drei befragten Syrern in guten Zeiten in Sarmada 12 Stunden am Tag Strom, in Aleppo dagegen sind Stromausfälle von vier oder fünf Tagen keine Seltenheit.

In Sarmada, sagt Mohammed, würden die Leute Solarzellen verwenden, um ihre Autobatterien aufzuladen. Mit der Batterie betreiben sie dann Glühbirnen, Handys und Laptops. In manchen Gegenden komme es vor, dass jemand einen Generator kauft und den erzeugten Strom dann "portionsweise" verkauft.

Zien sagt, er benutze in Aleppo ein Solarpanel, das 250 Dollar koste, was sich eine Durchschnittsfamilie aber niemals leisten könne. "So etwas kostet mindestens 100 Dollar. Das ist für eine normale Familie eine enorme Summe. Es gibt Familien hier, die von nur 150 Dollar im Monat leben."

Hat man sein Telefon dann aufgeladen, hat man höchstwahrscheinlich kein Netz. Laut Zien gibt es in halb Aleppo keinen Handyempfang, weil die Sendetürme für den Handyempfang zerstört seien. In allen drei Städten kommuniziert man hauptsächlich per Internet über Satellit und über den beliebten SMS-Service WhatsApp.

Der Krieg in Syrien begann im März 2011, als Assad, dessen Familie seit mehr als 40 Jahren regiert, die Straßenproteste gegen sein Regime niederschlagen ließ.

Handout / AP

Assad gestikuliert während eines Gesprächs mit der BBC in Damaskus im Februar.

"Heute kämpft im Syrien-Konflikt eine wilde Mischung aus maroden Milizen und ausländischen Unterstützern", sagt Emile Hokayem, Nahostexpertin am Internationalen Institut für strategische Studien, gegenüber BuzzFeed News.

Auf der einen Seite kämpft das Assad-Regime mit der syrischen Armee und Paramilizen. Assad erhält sowohl politische als auch materielle Unterstützung aus dem Iran und Russland. Auf der anderen Seite steht die "Freie Syrische Armee", eine bewaffnete Oppositionsgruppe, die zeitweise vom Westen unterstützt wird. Dann sind da noch Heerscharen von anderen Militanten, darunter Islamisten wie IS und al-Nusra sowie kurdische Kampfverbände.

Bulent Kilic/AFP / Getty Images

30. Januar 2015: Musa, ein 25 Jahre alter kurdischer Scharfschütze, betrachtet vom Dach eines Gebäudes aus die zerstörte syrische Stadt Kobane, auch bekannt als Ain al-Arab.



"Niemand verlässt das Haus einfach so oder aus Vergnügen, sondern nur dann, wenn es nötig ist", sagt Mohammed über das von der "Freien Syrischen Armee" kontrollierte Sarmada. Auch Alhamza sagt, in Ar-Raqqa würden die Menschen selten nach Sonnenuntergang auf die Straße gehen, und Zien berichtet, in Aleppo blicke man ständig zum Himmel, wenn man sich im Freien befinde, um etwaige Luftangriffe rechtzeitig auszumachen.

Es wird häufig berichtet, dass Assads Truppen bei ihren Luftangriffen in und um Aleppo Fassbomben einsetzen würden. Der Präsident bestritt diesen Vorwurf in einem BBC-Interview im Februar.

Der IS hat im Verlauf des letzten Jahres enorm an Einfluss gewonnen und kontrolliert mittlerweile weite Teile Syriens und des Iraks. Die Organisation veröffentlicht regelmäßig brutale Hinrichtungsvideos und rekrutiert neue Anhänger sowohl im Nahen Osten als auch in westlichen Ländern.

IS-Anhänger veröffentlichten im Januar einen "Leitfaden für muslimische Frauen", in dem die Stadt Ar-Raqqa als "friedliches Paradies" dargestellt wird. Die Quilliam Foundation, ein britischer Think Tank, der sich mit Fragen des Extremismus beschäftigt, hat den Leitfaden vom Arabischen ins Englisch übersetzt und ihn als reine Propaganda entlarvt.

Syrien erscheint in vielen Bereichen so lebensfeindlich - und doch finden die Menschen Wege, um zu überleben. Die drei Syrer, mit denen wir sprachen, berichten von einer erstaunlichen Geduld und Ausdauer - und hier und da sogar von Fröhlichkeit.

Ozge Elif Kizil/Anadolu Agency / Getty

9. Oktober 2014: Eine Gruppe syrischer Kurden, die vor Zusammenstößen zwischen dem IS und bewaffneten Mitgliedern der prokurdischen Demokratischen Partei geflohen sind, harren in einem halb fertiggestellten Gebäude aus. Zuvor sind sie über einen Grenzübergang in Sanliurfa in die Türkei eingereist.

"An den Krach der Geschütze und Bomben muss man sich gewöhnen", sagt Zien. "Man hört die Flugzeuge und die Bomben, und dennoch muss das Leben weitergehen. Die Menschen gehen auch dann ins Freie, wenn am Himmel über ihnen ein Flugzeug ist. Wenn man ständig Angst hätte, könnte man sein Haus gar nicht mehr verlassen."

Alhamza erklärt, er und sein Aktivistenteam hätten sich an die ständigen Nachrichten gewöhnt, dass Bekannte ums Leben gekommen sind. Bei aller Trauer habe man aber keine andere Wahl als weiterzumachen, und selbst in dieser düsteren Zeit finde man immer mal wieder Gelegenheit, sich über etwas zu freuen.

"Wenn nach einem Stromausfall die Elektrizität wieder da ist", sagt Alhamza, "wenn es wieder Wasser gibt, dann jubeln die Leute. Sie rufen dann laut 'Ja! Hurra!'."