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Warum ich manchmal gerne wieder bipolar wäre

Das Medikament gegen meine bipolare Störung wirkt wahre Wunder. Und doch gibt es Momente, da wäre ich gerne wieder die interessantere Persönlichkeit, die ich früher war.

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Der Stimmungsstabilisierer, der mir das Leben rettete, heißt Lamictal. Lamictal kann in seltenen Fällen Nebenwirkungen haben, bei denen sich die Haut des Patienten ablöst und er oder sie stirbt. Breite, mit Blasen übersäte Streifen von Haut gehen einfach ab. Ich hatte Glück. Bei mir traten überhaupt keine Nebenwirkungen auf. Nicht einmal das berüchtigte Lamictal-Kopfweh bekam ich.

Das ist ein echter Luxus. Viele Leute müssen mit dem Verlust ihrer Libido oder Gewichtsschwankungen leben, damit sie nicht Selbstmord begehen. Mich dagegen kostet es gar nichts: Ich leide einfach nicht mehr an einer bipolaren Störung. Das bedeutet: keine manischen Phasen mehr, keine Wochen, in denen ich mich in einem Zustand von seltsam sexuell erregter Schlaflosigkeit für einen Propheten halte, der auserwählt wurde von einer namenlosen Macht. Es bedeutet auch: keine nachfolgende Depression, die mein gesamtes Leben lahmlegt. Mein Stimmungsstabilisierer ist eine sehr preisgünstige Wunderdroge.

Deshalb fühle ich mich schuldig. Denn ich denke oft darüber nach, das Medikament nicht zu nehmen. Jedes Mal, wenn ich mir eine meiner Pillen in den Mund stecke, frage ich mich, ob ich sie wirklich schlucken soll. Vielleicht, denke ich dann, sollte ich wieder einmal durchdrehen und verrückt spielen. Solche Gedanken sind nicht überwältigend, sie beschäftigen mich nicht immer, ganz anders als die Gedanken, die um Eifersucht und Scham kreisen. Es sind eher kaum bewusste Überlegungen, so als würde man einen wunderschönen Vogel auf einem Ast beobachten und sich dabei überlegen, wie gut der wohl gebraten in einer Sahnesoße schmeckt.

Ich wäre manchmal gerne wieder manisch-depressiv, weil die Störung früher das Wichtigste an mir war. Es ist eine große Rolle, eine Rolle wie Hamlet, und sie nimmt das ganze Leben in Beschlag. Jedes belanglose Gefühl kann ein Zeichen sein, dass du im nächsten Moment ins mentale Chaos abstürzen wirst. So kann ich zum Beispiel, in meinem jetzigen geistigen Zustand, nicht mehr wirklich nachvollziehen, was mich so unendlich an normalen Spiegeleiern störte, dass ich mir jeden Morgen ein besonderes japanisches Frühstück zubereitete (Tamago kake Gohan). Ich verstehe auch nicht mehr, warum ich, als ich genug von dem japanischen Frühstück hatte, überhaupt nichts mehr essen wollte und eine Weile fast nur von Zigaretten lebte.

Viele Identitäten kann man mit klaren, harten Wörtern ziemlich eindeutig umreißen – man ist ein Astronaut, ein Barkeeper, eine Nutte, eine Enttäuschung. Doch psychiatrische Störungen fühlen sich grundsätzlicher an. Wenn du bipolar bist, depressiv oder schizophren, dann ist das wie eine tektonische Plattenbewegung unter jeder Sekunde deines Lebens. Seit ich nicht mehr bipolar bin, gibt es keine Extreme mehr. Die größten Gefühle, die ich in meinem Leben hatte, sind vorbei.

Mir ist schon klar, dass das alles ziemlich übertrieben klingt. Ich kann mir die Einwände gut vorstellen: Wenn man älter wird, hören auch die großen Gefühle auf, so geht es allen und nicht nur mir. Und es stimmt: Die emotionale Intensität lässt über die Jahre irgendwann nach. Nach der ersten großen Liebe kommt die zweite große Liebe. Das Leben geht seinen Gang, und irgendwie kapiert man nach und nach, wie es funktioniert. Eine gewisse Desensibilisierung setzt ein.

Aber keine manischen Phasen mehr zu haben – das ist etwas ganz anderes. Denn manische Menschen leiden alle an einer übergeordneten Wahnvorstellung: Sie sind überzeugt davon, dass es einen Sinn im Leben gibt und dass sie selbst vollkommen im Einklang damit leben. Niemand, der sich mitten in einer manischen Phase befindet, stellt Fragen nach dem Sinn des Lebens. Ein Mann aus meiner Selbsthilfegruppe wollte unbedingt eine Revolution in Panama anzetteln, ein anderer grub jede Nacht aus unklaren Gründen, aber völlig ernsthaft riesige Erdlöcher in seinem Garten. In meinen manischen Phasen sah ich überall Schönheit – ich murmelte das Wort "Warteschlange" wie eine Beschwörungsformel vor mich hin und konnte spüren, wie der unbeschreibliche Fluss des Lebens durch dieses dicke Knäuel aus Vokalen strömte.

Wenn man so eine starke Überzeugung verliert, wird das Leben ganz schön sinnlos. Im Grunde ist das gut so, denn vieles im Leben ist tatsächlich sinnlos. An jedem Tag gibt es lange Stunden, in denen nichts Wichtiges passiert. Du gehst tagtäglich denselben Weg heim von der Arbeit und kommst an beleuchteten Schaufenstern vorbei, die du dir schon so oft angeschaut hast, dass sie nicht viel mehr sind als störendes Licht. Während der Arbeit hast du dich mit den Kollegen nett über Belanglosigkeiten unterhalten, alltägliche Gespräche, die dir jeden Tag aufs Neue bestätigen, dass ihr euch grundsätzlich gern habt oder zumindest nicht aktiv hasst und dass der Status quo erhalten bleibt. Allein in der Wohnung kochst du dir die üblichen Spaghetti auf die immer gleiche Art und Weise. Diese Spaghetti sind deine Spezialität, du kannst sie im Schlaf zubereiten. Und während du wartest, bis das Wasser im Topf kocht, kannst du über Dinge nachdenken, über die du schon oft nachgedacht hast.

Ohne eine Diagnose, die Punkt für Punkt meine Symptome beschreibt, stehe ich vor der Frage, wer ich eigentlich bin.

So zu leben, ist viel gesünder als die Vorstellung, alles im Leben sei extrem wichtig. Wer ein ganz normales, langweiliges Leben führt, dem gelingt gelegentlich etwas wirklich Außergewöhnliches: jemanden richtig zu lieben oder ein wundervolles Bild zu malen oder bei der Erziehung der Kinder keinen Mist zu bauen. Wer vernünftig ist, wälzt nicht ständig in Gedanken weltbewegende Pläne. Dafür kann er oder sie sich voll darauf einlassen, wenn wirklich einmal etwas Gutes passiert. Weil ich nicht mehr jede meiner Emails für ein weltgeschichtliches Großereignis halte, kann ich heute einem alten Freund wirklich eine Email schreiben. Ich bin besser in Beziehungen, weil nicht jede attraktive Frau, der ich begegne, eine riesige Bedeutung bekommt.

Ich glaube das alles, was ich gerade geschrieben habe. Trotzdem habe ich manchmal das Gefühl, ich würde etwas verpassen. Ohne meine bipolare Störung – ohne eine Diagnose, die Punkt für Punkt meine Symptome beschreibt – stehe ich vor der Frage, wer ich eigentlich bin. Die Frage hat eine logische, aber unbefriedigende Antwort: Es gibt keine eindeutige Bezeichnung für das, was ich bin. Ich bestehe aus Organen und Körperteilen, die wiederum aus Zellen bestehen, die sich ständig erneuern und allen möglichen Verhaltensweisen dienen, die sich allesamt nicht mehr unter dem Label einer Störung fassen lassen.

Vielleicht fällt es mir deswegen so leicht, zu erzählen, dass ich bipolar bin: Es ist etwas Bedeutendes, von dem ich sagen kann: Das bin ich. Wenn ich mit einer Frau ausgehe, erwähne ich es schon beim zweiten Treffen. Meinen Arbeitgebern sage ich es, sobald ich sie davon überzeugt habe, dass ich ein verlässlicher Mitarbeiter bin. Ich mache das nicht nur aus selbstsüchtigen Gründen (es ist mir wichtig, dass die Leute Bescheid wissen, für den unwahrscheinlichen Fall, dass ich einen Schub habe), aber es geht immer auch um mein Ego. Denn so komisch es klingt: Bipolar zu sein, verleiht mir eine gewisse Glaubwürdigkeit. Würde ich nicht an der Störung leiden, wäre ich ein viel weniger interessanter Mensch. Es gibt schließlich jede Menge 26-Jähriger, die weiß, cisgender und männlich sind. Und es gibt sehr, sehr viele Autoren. Manchmal kann ich nicht anders und denke mir: Ja, schaut mich nur an. Ich hätte mich fast umgebracht, ich habe unglaubliche innere Höhenflüge hinter mir, ich war bei zwei Psychiatern gleichzeitig in Behandlung. Ich bin was ganz Besonderes.

Natürlich stimmt das auch nicht mehr wirklich, weil meine Medikamente so gut wirken. Sicher, theoretisch bin ich immer noch bipolar, eben weil ich mich jeden Tag aufs Neue kontrollieren muss. Früher habe ich mich auf jede vorübergehende Laune verlassen, heute frage ich mich ständig, ob meine Gefühle gerechtfertigt sind. Nervöse Zuckungen waren früher meine einzige sportliche Betätigung, heute steige ich regelmäßig aufs Laufband, damit meine Stimmungen stabil bleiben. Aber von all dem bekommt niemand etwas mit. Wer mich kennenlernt, wenn ich nicht gerade einen Essay über mein Leben schreibe, denkt wahrscheinlich nur: Hier ist ein Typ mit einer Zahnlücke, der ziemlich laut redet. Ich falle selten aus der Rolle.

Dass ich offen über meine bipolare Störung rede, hat auch negative Konsequenzen. Wenn Leute heute auf mich sauer sind, Leute, die wissen, wie manisch ich früher sein konnte, vermuten sie schnell, dass mein jetziges Verhalten mit der Krankheit zu tun hat. Vor ein paar Jahren zum Beispiel wollte meine damalige Freundin jeden Tag mit mir Sex haben. Ich hatte aber nicht immer Lust auf Sex. Was mich betrifft, entsprach das meinem normalen, durchschnittlich ausgeprägten Sexualtrieb. Meine Freundin dagegen gab bei Google "bipolar Männer Sexualtrieb Beziehung" oder ähnliche Suchbegriffe ein. Danach konfrontierte sie mich mit seitenweise Links, in denen sich Frauen über ihre bipolaren Freunde beklagten, die unerklärlicherweise kein Interesse mehr an ihren Körpern hatten. Es war klar, was ich zu tun hatte. Ich sollte meinen Psychiater fragen, wie ich dieses Problem in den Griff bekommen könnte. Ich hielt dagegen, dass doch nicht alle unsere Differenzen mit meiner Krankheit zu tun haben mussten. Doch beweisen konnte ich das natürlich nicht.

Obwohl mir dieser Streit in unserer Beziehung nicht gefiel, ist der Impuls hinter dem Vorgehen meiner Freundin vollkommen verständlich. Sie suchte nach etwas, nach dem ich auch suche, nämlich nach einer Erklärung für mein Verhalten. Und es ist ganz natürlich, dass man glaubt, es müsse für alles eine Erklärung geben, besonders dann, wenn es sich um etwas Unerwünschtes handelt. Wir alle mögen Dinge, die in letzter Instanz erklärbar oder zumindest einzuordnen sind: Detektivgeschichten, bei denen sich am Schluss alle losen Enden elegant zusammenfügen, oder das seltene Möbelstück von IKEA, das sich ohne Drama zusammenbauen lässt.

Und deshalb denke ich manchmal, ich sollte wieder diese unberechenbare Persönlichkeit werden, die ich früher war. Und nicht der viel gelassenere Mensch, der ich heute bin, jemand, der sein Leben in der Hand hat. Da ist diese leise Stimme, wegen der ich innehalte, wenn ich mir meine kleine fünfeckige Pille in den Mund stecke. Bis jetzt wird sie noch von der lauteren, viel vernünftigeren Stimme in meinen Kopf unterbrochen. Ich bin gerne ein langweiligerer, ein guter Mensch, sagt die lautere Stimme, ich bin gerne eine Persönlichkeit, die zur Ruhe fähig ist.

Aber trotzdem hat die leise Stimme etwas Verführerisches, denn ganz Unrecht hat sie nicht. Ohne Medikamente, sagt sie, wäre mein Leben spektakulärer, wenn auch gefährlicher. Es wäre ein Leben, das bestimmt würde durch eine herausragende Besonderheit – so anders als mein Leben jetzt, mit seiner Vielfalt an Gründen für die vielen alltäglichen Ereignisse, aus denen es sich zusammensetzt. Mir gefällt diese vernünftige Realität, mir gefällt, wie sie mich zusammenhält. Aber gleichzeitig gefällt mir auch die Vorstellung, ich könnte einfach explodieren.

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