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So wurden junge Belgier in Molenbeek zu Terroristen

Molenbeek ist ein Stadtteil Brüssels mit 100.000 Einwohnern. Einige junge Belgier, die dort aufwuchsen, wurden Drahtzieher islamistischer Anschläge. Auch der Terror in Paris steht in Verbindung zu ihnen.

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BRÜSSEL – Von außen betrachtet hat Molenbeek nicht viele Gemeinsamkeiten mit den Pariser Banlieues, die berüchtigt sind als Nährboden des Extremismus. Keine düsteren Wohnungsbau-Hochhäuser prägen das Stadtbild, das wenig anders scheint als der Rest von Brüssel. Mehr Teeläden gibt es, in denen sich nur Männer aufhalten, mehr Geschäfte für islamische Kleidung, mehr Moscheen – Molenbeek hat 41 – und mehr Frauen, die Kopftuch tragen.

Kein zehn Minuten braucht man mit der Metro von Brüssels Hauptbahnhof bis nach Molenbeek. Einige der grausamsten Terroranschläge, die Europa in den letzten Jahren erlebte, sollen von hier aus vorbereitet worden sein. Die Einwohner tun sich nicht leicht mit dem Extremismus in ihrem Stadtteil.

132 Menschen wurden bei den tödlichen Anschlägen von Paris am Freitagabend getötet und Hunderte verletzt. Seither steht Molenbeek im Augenmerk der internationalen Öffentlichkeit. Denn drei der Attentäter von Paris stammen aus dem Stadtteil, und der vermutliche Drahtzieher, Abdelhamid Abaaoud, hat hier gelebt. Das Wohnhaus der Abdeslam-Brüder, von denen zwei ebenfalls an den Anschlägen beteiligt waren, steht an einem Platz direkt gegenüber vom Rathaus. Molenbeek ist eine der Brüsseler communes, vergleichbar mit den Pariser arrondissements, und gehört zu den Arbeiterbezirken rund um la petite ceinture (den kleinen Gürtel), dem Autobahnring, der Brüssels historisches Zentrum vom Rest der Stadt abgrenzt.

Ein Großteil der Einwohner von Molenbeek stammen aus Marokko und der Türkei. Sie bilden eine vertraute Gemeinschaft, in der jeder jeden kennt. BuzzFeed News sprach mit mehreren Einheimischen, die die Familie von Ibrahim und Salah Abdeslam kennen. Ibrahim sprengte sich mit einem Sprengstoffgürtel auf der Straße vor dem Comptoir Voltaire in Paris in die Luft, Salah ist noch immer auf der Flucht. Mohamed, ein dritter Bruder, wurde am Wochenende verhaftet und dann wieder freigelassen. Die Bekannten der Abdeslams berichten, dass die Brüder vor den schockierenden Anschlägen vom Freitag in der Nachbarschaft nie besonders aufgefallen sind.

„Ich kenne die Kinder. Die Familie kenne ich nicht so gut“, sagt Yusef, 41, der auf der Rue de L'Avenir vor der Moustakbal-Moschee steht. „Aber wirklich praktizierende Muslime sind sie nicht, das möchte ich betonen.“

„Die Abdeslams sind keine Gläubigen, die oft in der Moschee sind und beten“, meint auch sein Freund Mustafa, 52, neben ihm. Keiner der beiden Männer will den Nachnamen nennen.

Yusef beschreibt die Familie als „total normal“. Mohamed, der Bruder, der verhaftet und dann wieder freigelassen wurde, arbeite für die Gemeindeverwaltung.

„Glauben Sie mir, fast alle, die aus Molenbeek stammen und solche Probleme haben, kommen aus ganz gewöhnlichen Familien“, sagt Yusef.

Der Besitzer eines türkischen Restaurants in der Nähe des Wohnhauses der Abdeslams erzählt, er kenne die Brüder schon seit sie Kinder waren.

Er beschreibt Salah, der Tatverdächtigen, der noch flüchtig ist, als „sans histoire“ – was so viel wie „ohne Geschichte“ bedeutet. Ein durchschnittlicher und unauffälliger Mensch wird so genannt. Der Restaurantbesitzer will seinen Namen nicht nennen. Er sei zu leicht zu identifizieren, sagt er.

Auch wenn es scheint, als sei Extremismus in Molenbeek an der Tagesordnung, hat die Anschlagserie in Paris die Einwohner doch in einen Schockzustand versetzt. Molenbeeks Bürgermeisterin Françoise Schepmans sagte zu Reportern, sie sei erschüttert über Molenbeeks Verbindung zu den Pariser Anschlägen.

„Am unfassbarsten ist für mich, dass junge Menschen, die in Molenbeek aufgewachsen sind, so radikalisiert werden können, dass sie Terroranschläge durchführen“, sagt Schepmans. „Das wirft wirklich ganz neue Fragen auf.“

Laut Olivier Vanderhaegen, einem Gemeindemitarbeiter, der sich mit Programmen zur Verhinderung von jugendlichem Extremismus beschäftigt, leben etwa 100 Personen in Molenbeek, die entweder schon in Syrien waren, dorthin reisen wollen oder gefährdet sind, radikalisiert zu werden. Und sicher, so Vanderhaegen, gibt es noch weitere, die den offiziellen Stellen nicht bekannt sind. Laut Reuters und anderen Quellen schickt Belgien pro Einwohner mehr Kämpfer nach Syrien als jedes andere europäische Land. Im Februar dieses Jahres wurden 45 Mitglieder der Organisation Sharia4Belgium wegen des Vorwurfs der terroristischen Betätigung angeklagt, und der Anführer der Gruppe, Fouad Belkacem, wurde zu 12 Jahren Gefängnis verurteilt.

Der belgische Innenminister Jan Jambon beklagt, die Regierung habe Molenbeek nicht „unter Kontrolle“

Anwerber für Terrororganisationen sind laut Vanderhaegen eine Ursache des Problems. Sie rekrutieren unter den jungen Männern aus Einwandererfamilien, die in der belgischen Gesellschaft nicht recht Fuß fassen können. Die Jugendarbeitslosigkeit in Molenbeek liegt bei 40Prozent. Junge Männer, die sich dem Extremismus zuwenden, sind oft schon vorher auf die schiefe Bahn geraten, haben Drogen- und Alkoholprobleme. Doch Vanderhaegen bestätigt, dass Radikalisierung nicht unbedingt Hand und Hand geht mit Jugendkriminalität und nicht immer mit fehlenden Perspektiven erklärt werden kann. So besuchte Abdelhamid Abaaoud, der ISIS-Kämpfer, der als Drahtzieher der Pariser Anschläge gilt und der in Molenbeek aufgewachsen ist, eine Eliteschule in Brüssel, das Collège Saint Pierre d'Uccle.

Vanderhaegen berichtet, wie er schon sehr früh mit Schulprogrammen dem Extremismus entgegentritt – nach dem Anschlag auf Charlie Hebdo gab es an den örtlichen Schulen Lehreinheiten für Kinder über die besondere Bedeutung der Meinungsfreiheit. Jugendliche, die nicht zur Schule gehen, versucht er, mit Gruppenaktivitäten wie Fußball und anderen sinnvollen Alternativen von der Verlockung des Extremismus fernzuhalten. Doch nicht immer ist er erfolgreich.

„Manchmal können wir noch etwas tun und die Verbindung zur Familie wiederherstellen“, sagt Vanderhaegen. „Aber in anderen Fällen ist es schon zu spät, und wir können nichts mehr tun. Manchmal sind die jungen Menschen schon weg.“

Die sozialen Dienste stehen vor riesigen Herausforderung, die sie nicht bewältigen können, so Vanderhaegen. Denn Molenbeek ist die commune mit der durchschnittlich jüngsten Bevölkerung und der höchsten Geburtenrate.

„Das erklärt vielleicht auch, warum die Terroristen-Anwerber in Molenbeek so erfolgreich sind. Sie fallen hier einfach nicht besonders auf“, sagt er.

Für einen Stadtteil, in dem gerade mal 100.000 Menschen leben, wurde Molenbeek in den letzten Jahren außergewöhnlich oft mit brutalen Terroranschlägen in Verbindung gebracht. Medhi Nemmouche tötete lange vor den Pariser Anschlägen vier Menschen im Jüdischen Museum von Brüssel – nach seiner Rückkehr aus Syrien wohnte er in Molenbeek. Laut belgischer Medienberichte lebte auch Ayoub el-Khazzani, der Organisator des vereitelten Zug-Anschlags diesen Sommer in Frankreich, angeblich einige Zeit in Molenbeek. Und Amedy Coulibady, der Angreifer beim Anschlag auf den koscheren Pariser Supermarkt HyperCacher diesen Januar, kaufte seine Waffen in Molenbeek. Von den 13 Personen, die im Januar von der belgischen Polizei wegen der Planung von Terroranschlägen verhaftet wurden, hielten sich neun in Molenbeek auf.

Der belgische Innenminister Jan Jambon beklagte, die Regierung habe Molenbeek nicht „unter Kontrolle“, in dem Stadtteil müsse aufgeräumt werden, eine Formulierung, die Bürgermeisterin Schepmans am Montag zurückwies.

Am Montag herrschte in Molenbeek Alarmzustand. Schwer bewaffnete Polizisten mit Sturmhauben durchsuchten stundenlang Häuser auf der Rue Delaunoy, keine zehn Minuten vom Rathaus entfernt. Feuerwerkskörper wurden gezündet als Warnung, um die Bewohner von dem andauernden Einsatz fernzuhalten. Die Razzia war Teil der Fahndung nach Salah Abdeslam, sie endete jedoch ohne eine Festnahme. In dem Gedränge der internationalen Presse blieben auch einige Einheimische stehen, um zu sehen, was los war.

„Den kenne ich“, sagt Karim, 22, als ihm jemand ein Bild von Abaaoud zeigt.

„Angeblich ist er tot“, wirft einer seiner Freunde ein.

„Ich habe ihn schon ewig nicht mehr gesehen“, sagt Karim. „Es gab Gerüchte, er sei tot, aber jetzt sieht es so, als ob er noch lebt. Er ist ein guter Kerl.“

Berichten zufolge reiste Abaaoud nach Syrien und schloss sich Anfang 2014 dem ISIS an. Sein jüngerer Bruder, der damals 13 Jahre alt war, folgte ihm später nach.

Für ältere Einheimische wie Yusef und Mustafa, die beiden Männer vor der Moschee, ist das Problem in Molenbeek ein Generationsproblem. Und die Regierung tut ihrer Meinung nach viel zu wenig.

„Ich habe den Eindruck, diese jungen Menschen sind leere Hüllen“, sagt Yusef. „,Was willst du mal machen?‘ - ,Keine Ahnung.' - ,Möchtest du ...‘ - ,Keine Ahnung.'”

„Ich stamme aus Marokko, ich kam ohne Papiere, ich war einer von den Illegalen“, erzählt Mustafa. „Aber ich habe gearbeitet, habe geheiratet, mir hier ein Leben aufgebaut, Kinder gekriegt. Ich besitze ein Haus hier, ich zahle Steuern, ich nehme am wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Leben teil.“

„Es ist die Generation, die in den Neunziger Jahren geboren wurde“, sagt Yusef. „Denen fehlt etwas, da ist eine Leere.“

Unter Mitwirkung von Alice Dulczewski

KORREKTUR

In einer früheren Version wurde der belgische Innenminister in diesem Artikel falsch zitiert. Wir haben das Zitat nachträglich berichtigt.



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