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So haben Tausende Menschen am Wochenende bei #EndeGelaende gegen Braunkohle und RWE gekämpft

Ein Camp mit Solarzellen und Bioessen. Und ausgetrickste Polizeiketten.

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Sie haben trainiert, wie man Polizeiketten austrickst und sich bei Sitzblockaden unterhakt. Die Telefonnummer ihres Anwaltteams haben sie sich auf die Arme geschrieben und in ihren Rucksäcken stecken geschmierte Brote, Wasser für 48 Stunden und ihre Schlafsäcke.

Jetzt, am Freitagmittag, stehen 200 Aktivisten in einer langen Reihe am Ausgang des Klima Camps, in der Nähe der Stadt Erkelenz, am Nordrand der Kölner Bucht. Als sie losgehen und anfangen zu klatschen, zu jubeln und zu singen, springt der Funke über: die Atmosphäre knistert und aus einzelnen Aktivisten, die sich vor einigen Tagen noch nicht kannten, wird eine Gemeinschaft, vereint in dem Ziel, die Arbeit der RWE im Rheinischen Braunkohlerevier zu blockieren.

Ein eigenes Zugnetz beliefert vier Kraftwerke des Konzerns mit Braunkohle aus drei gigantischen, bis zu zweihundert Meter tiefen Tagebauen bei Garzweiler, Achtzig Millionen Tonnen Kohlendioxid blasen die Kraftwerke pro Jahr in die Atmosphäre, knapp neun Prozent aller CO2-Emissionen in Deutschland.

Vor vier Monaten, bei der RWE-Jahreshauptversammlung in Essen, stellte ein Sprecher der Initiative „Ende Gelände“ ein Ultimatum: „Wenn Sie nicht bis zum 23. August die Tagebaue und Kraftwerke stilllegen, werden andere es tun, denn dann ist Ende Gelände. Der Countdown läuft.“

Als Reaktion schirmte der Konzern den Tagebau mit Erdwällen und Zäunen ab und engagierte ein Heer Sicherheitsleute. Ihnen zur Seite stehen 2000 Polizisten, die die Aktivisten stoppen sollen. Eine Aktion „massenhaften zivilen Ungehorsams“, nennt die Protestgruppe ihr Vorgehen und ihr Ziel „ein bisschen größenwahnsinnig“.

Friedlich, aber bestimmt wollen sie vorgehen. Ihr Protest sei nicht legal, aber legitim, denn die RWE nähme in Kauf, das Klima zu zerstören, um Profit zu machen. Der Konzern erzielte im ersten Quartal 2017 einen Gewinn von 946 Millionen Euro. Es ist ein Kampf gegen einen übermächtigen Gegner, in dem die Aktivisten auf zwei Waffen zählen: die Solidarität untereinander und ihren Traum von einer besseren Welt.

3000 Menschen in einem Camp auf einem Acker

An diesem Morgen haben einige von ihnen bereits einen Kohlebagger besetzt und mehrere hundert Aktivisten haben die Schienen der Kohlebahn blockiert. Auf Hausfriedensbruch steht ein Strafmaß von 20 bis 30 Tagessätzen. Sitzblockaden gelten als Nötigung. Darauf stehen 40 bis 60 Tagessätze. Trotzdem haben 3000 Menschen ein Camp auf einem Acker gegründet, von dem der Widerstand organisiert wird.

Unter den 200 Aktivisten, die das Camp jetzt verlassen, ist auch Hanna Weber. Ihre Eltern nahmen die 22-Jährige vor zehn Jahren mit zur Langen Nacht der Wissenschaft im Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung. Danach wünschte sie sich zum Geburtstag Bücher zum Thema Klimawandel und hielt in der Schule Referate zu diesem Thema. Vor einigen Jahren reihte sie sich in die Menschenkette gegen den Tagebau im Lausitzer Welzow ein.

Im Anschluss lief sie mit Freunden noch bis zur Grubenkante und blickte in das abgrundtiefe Loch. „Ich war schockiert“, sagt sie. „Ich hatte es mir nicht so groß und so krass vorgestellt. Rund herum grüne Felder und Bäume und mittendrin diese riesige zerstörte Landschaft.“ Mittlerweile studiert sie in Berlin Jura. Die „Ende Gelände“-Proteste sind für sie Mittel, um ein Zeichen gegen den Braunkohleabbau zu setzen.

Staub wirbelt auf unter Hunderten Füßen. Zwei Polizeibusse parken am Ende des Feldweges, davor blockieren Polizisten in Schutzausrüstung den Weg, stoßen die Menschen in der ersten Reihe zurück. Andere dahinter weichen auf einen Rübenacker aus, umfließen die Sperre, biegen auf einer Landstraße ab und lassen das Camp hinter sich. Ein weißhaariger Anwohner guckt hinterher und wundert sich: „Aber der Tagebau ist doch in die andere Richtung?“

2,50 Euro pro Tag fürs Camp – freiwillig

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Im Camp läuft Johanna Winter zum Küchenzelt. Die 24-Jährige gehört zu den 50 Leuten, die seit Januar das Klima Camp vorbereiten. In den vergangenen Tagen trafen sich 500 Menschen für die degrowth-Summerschool, um über Klimawandel, Postwachstumsökonomie und Strukturpolitik zu diskutieren. Jetzt geht es darum, für 3000 Menschen im Camp zu sorgen: für Essen und Trinken, Schlafplätze, Toiletten. Doch für Johanna Winter geht es um viel mehr als nur um Logistik.

Das Feld, auf dem das Camp steht, haben sie von einem Bauern gemietet. In der Küche dampfen auf Gaskochern Kochtöpfe, groß wie Waschzuber. Gekocht wird vegan, weil viele Umweltschützer so leben. „Außerdem sind Fleisch und Milchprodukte schwierig zu lagern“, sagt Johanna Winter. Die Bäckerei backt täglich 1000 Kilo Brot. Daneben helfen eine Pizzeria und eine Crêperie gegen den kleinen Hunger. Nirgends hängen Preisschilder, nur Spendenempfehlungen. Allgemein gilt: 2,50 Euro pro Tag für das Camp, 7,50 Euro für die Küche. Bauern aus der Nachbarschaft und Sponsoren spenden Lebensmittel, der Rest wird im Biogroßhandel gekauft.

In einer Ecke des Camps liefern Solarzellen Strom, der in Batterien gespeichert wird, damit Handys geladen werden können und das Licht brennt. Nachts helfen Generatoren aus. Das Wasser kommt von einem benachbarten Bauern.

Psychologische, mediznische, rechtliche Beratung – alles ehrenamtlich

In einem Zelt bieten Anwälte juristische Beratung für die Blockadeaktionen, in anderen gibt es psychologische und medizinische Betreuung. Am Rand des Camps putzen Männer und Frauen mit gelben Gummihandschuhen die lange Reihe von Komposttoiletten. Jeder, der hier anpackt, arbeitet ehrenamtlich.

„Das Camp ist jeden Tag gewachsen“, sagt Johanna Winter. „Bis dieses dorfähnliche Ding stand.“ Das übrige Jahr arbeitet sie als Gärtnerin auf einem Bauernhof in Niedersachen. Politisch aktiv ist sie, seit sie vor sieben Jahren bei einer Anti-Castor-Demo mitmachte. „Da habe ich zum ersten Mal gedacht: ‚Selbstorganisation, boah ist das geil!’“ Für sie war es ein Gefühl der Befreiung, ihren Lebenskontext selbst zu gestalten.

„Wenn die Menschen hier im Camp mitentscheiden können, übernehmen sie auch Verantwortung.“, sagt sie. „Würden wir von oben herab kommunizieren, wären die Leute wahrscheinlich schnell genervt.“

Deshalb sind die Zeltplätze in Nachbarschaften aus fünf bis zehn Zelten gruppiert. Täglich um 14 Uhr treffen sich die Bewohner benachbarter Zelte und diskutieren über das Leben im Camp. Gibt es ein Anliegen, wird eine Person bestimmt, die es im täglichen „Stellvertreter*innen-Rat“ vertritt. Entscheidungen werden nicht nach dem Mehrheitsprinzip, sondern im Konsens getroffen.

„Ich habe in solchen Runden gelernt, meine eigene Meinung zurückzustellen und mich erst einzubringen, wenn mir ein Thema wirklich wichtig ist“, sagt sie. „Es ist unglaublich schön, zu sehen, wie immer neue Leute dieses Prinzip lernen.“

"Gut, dass ihr demonstriert", ruft ein Traktor-Fahrer

Auf der Landstraße drängen Polizisten in den Demozug, schubsen die Aktivisten, um einen Fahrstreifen freizukriegen. Neben Jurastudentin Hanna Weber zündet ein Aktivist eine rote Rauchfackel und schwenkt sie durch die Luft. Die Demo erreicht Erkelenz. Ein grauhaariger Mann fährt auf einem Traktor durch seinen Vorgarten. Als er die Aktivsten sieht, regelt er den Motor runter und schimpft. „Gut, dass ihr demonstriert! Die RWE kann doch hier nicht alles kaputtmachen und die alten Leute umsiedeln!“

Seit den 50er Jahren verloren 40.000 Menschen ihre Heimat, weil ihre Dörfer dem Tagebau weichen mussten. Sie wurden in neuerrichtete Dörfer umgesiedelt. Gerade ältere Leute kämpfen mit den Folgen der Entwurzelung. Was zudem Sorgen macht, sind die sogenannten Ewigkeitskosten. Auch Jahrzehnte nach Ende der Bergbauaktivität entstehen Schäden durch Wassereinbrüche, Erosion und absackenden Boden. Außerdem muss die Rekultivierung der abgebaggerten Gebiete bezahlt werden. RWE hat dafür zwei Milliarden Euro zurückgelegt. Experten schätzen, dass das nicht reichen wird. „Und dann zahlt der Steuerzahler!“, ruft der Mann über den Gartenzaun.

Am Bahnhof von Erkelenz stoppt die Demo. Ein Aktivist geht zum Einsatzleiter der Polizei und sagt: „Wir würden gerne bis Rheidt mit dem Zug fahren.“ Schon vor dem Start der Demo hieß es, dass es einige Überraschungen geben würde. Nur wenige sind eingeweiht, aus Angst vor Spitzeln. Beim Zugfahren geht es um einen Trick, mit dem das Problem zu lösen ist, dass alle Blockadeaktionen weit vom Tagebau entfernt beginnen müssen. Zu weit, um zu laufen. Deshalb die Forderung mit dem Zug fahren zu dürfen. Der Einsatzleiter guckt verdutzt, hält Rücksprache, und genehmigt es.

Raphael News / BuzzFeed News

Überraschendes Manöver: Die Demonstranten fahren einfach ein Teil der Strecke mit dem Zug, um den langen Fußweg bis zum Braunkohle-Tagebau zu überbrücken. Für die Polizisten eine echte Herausforderung.

„Sexismus gibt es auch bei uns“

Johanna Winter versucht im Camp ein Leben zu organisieren, das ohne Sexismus, Rassismus und Hierarchien auskommt. Im Orga-Team achtet eine AG darauf, dass alte Muster durchbrochen werden. „Sexismus gibt es auch bei uns, weil das in unserer Gesellschaft tief verankert ist“, sagt sie. „Es ist schwer, sich davon zu befreien.“ Während der Aufbauphase fiel ihnen auf, dass vor allem Männer mit Hammer und Säge werkelten, und sich um die Stromversorgung kümmerten. „Mittlerweile sind auch einige Frauen dabei, teilweise an wichtigen Stellen“, sagt sie.

Auch während des Camps putzten nach altbekanntem Muster zunächst vor allem Frauen die Toiletten – bis sie einen Warnstreik anzettelten – halb witzig gemein, halb ernst, auf jeden Fall erfolgreich – seitdem putzen mehr Männer mit.

„Vielleicht hätten wir noch mehr Infrastruktur bauen können, wenn wir uns weniger um diese Themen gekümmert hätten“, sagt sie. „Aber dann würden wir nicht die Gesellschaft schaffen, in der wir leben wollen.“

Im Zug am Bahnhof Erkelenz tippen Pendler mit Noise-Cancelling-Kopfhörern auf ihren Handys. Eine junge Aktivistin mit Kurzhaarschnitt singt zur Melodie von „Hejo, spann den Wagen an“:

Wehrt euch, leistet Widerstand,

gegen Braunkohle hier im Rheinland,

Runter in die Grube,

Runter in die Grube...!

Andere fallen in den Kanon ein. Draußen rasen Polizeiautos mit Blaulicht über die Landstraße. Als die Zugtüren aufspringen, greift sich Hanna das Megafon, zeigt auf den Zug, der am gegenüberliegenden Gleis steht und ruft: „Da steht unser Zug! Rein da!“ Die Polizei ist überrumpelt und drängt hinter den Aktivisten in die Waggons. Als der Zug in Hochneukirch hält, stellen sie sich in den Weg. Ein Beamter packt einen jungen Aktivisten im Nacken. Der versucht sich aus dem Griff zu winden. Die übrigen springen auf den Bahnsteig. Zwischen Bahnhof und Tagebau liegt nur noch ein Kilometer. Die Aktivisten haben es fast geschafft. Sie sind nah an ihrem Blockadeziel.

Die RWE verteidigt seine Braunkohlekraftwerke mit dem Argument, dass sie als kostengünstige Brückentechnologie unverzichtbar sind, bis Deutschland seinen Strombedarf aus regenerativen Energien decken kann. In der Zwischenzeit sei die Braunkohle nötig, auch um die „natürlichen Schwankungen der Erneuerbaren“ auszugleichen. Tatsächlich soll im Rheinischen Braunkohlerevier erst im Jahr 2045 Schluss mit der Kohleförderung sein.

Camp-Organisatorin Winter lacht darüber. „Deutsche Braunkohle wird staatlich subventioniert und ist deshalb billig. Außerdem produzieren wir mehr, als wir brauchen.“, Fünfzig Milliarden Kilowattstunden wurden allein 2016 exportiert. Ein Rekordwert.

„Wir müssen viel früher aus der Kohle raus“

„Wir könnten die Produktion also zurückfahren und auf klimafreundlichere Gaskraftwerke setzen, die tatsächlich flexibel auf Wind und Sonne anpassbar sind. Und wenn wir die Vorgaben des Klimaabkommen von Paris einhalten wollen, müssen wir viel früher als 2045 aus der Kohle raus. Aber die Energiekonzerne betreiben eine sehr erfolgreiche Lobbyarbeit.“

Auch von der oft gepriesenen Strategie, die Effizienz von Geräten zu steigern und damit den Stromverbrauch zu senken, hält Winter nichts. Wenn ein Toaster zum Beispiel nur noch halb so viel Strom verbraucht, würden sich die Menschen einfach zwei Toaster anschaffen. Studien hätten diesen Rebound-Effekt nachgewiesen.

„Ich habe einen Toaster und ich liebe Toast, finde ich richtig geil. Aber einen Führerschein habe ich nicht. Ich trampe viel, fahre viel Fahrrad, manchmal mit der Bahn. Das ist machbar, zumindest für Menschen, die einen ähnlichen sozialen Background haben, wie ich. Die also weiß sind, gebildet und der Mittelschicht angehören. Das bedeutet ja eine gewisse soziale Absicherung. Wir müssen uns einfach fragen: Was brauche ich wirklich?“

Für Winter ist es klar: Weniger Besitz, bessere menschliche Beziehungen. So wie sie das Leben im Camp organisieren will.

Pfefferspray, Schlagstöcke, Festnahmen

Über den Bahnsteig schallt der Befehl des Polizeieinsatzleiters: „Helme aufziehen!“ Hanna und die anderen drängen aus dem Waggon und stehen auf dem hinteren Teil des Bahnsteigs. Dann sieht sie, wie andere Aktivisten auf die Gleise springen und losrennen. Weiter vorne klafft eine Lücke im Zaun, dahinter führt ein Weg Richtung Tagebau. Auch Hanna springt auf die Gleise, rennt vorwärts, bleibt stehen, starrt auf die Polizeikette. Sie hört das Zischen der Pfefferspraydosen, dann die Schreie von Aktivisten. Die Polizisten formen eine Kette, zücken Schlagstöcke. „Sofort runter von den Gleisen oder wir wenden Gewalt an!“, brüllt der Einsatzleiter.

Einige Aktivisten stolpern im Gleisbett, blind vom Pfefferspray, andere fliehen, prallen gegeneinander. Die Polizisten sprühen mehr Pfefferspray in die Gesichter, schlagen auf fliehende Aktivisten ein. Einer versucht über eine Wand zu klimmen, wird von drei Polizisten herabgerissen. Die übrigen klettern auf den Bahnsteig, drängen sich zusammen, Panik in den Augen. Die Polizisten kesseln sie ein und eskortieren sie auf den Bahnhofsvorplatz. Dort kommt die Ansage: Alle Aktivisten werden festgenommen und in die Gefangenensammelstelle gebracht. „Was für eine Scheißaktion, das mit den Gleisen“, sagt ein junger Typ neben Hanna. Die guckt besorgt in die Runde. „Wie geht es allen?“

Dann zückt jemand ein Smartphone, checkt Twitter und liest laut vor, dass 50 Aktivisten gerade in den Tagebau stürmen. Weil die Polizei mit den übrigen Aktivisten beschäftigt war, hat es ein Teil der Gruppe geschafft durchzubrechen.

Am Bahnhof brandet Jubel auf.

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