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Germanwings-Pilot Andreas Lubitz war nicht depressiv – laut diesem Gutachten

BuzzFeed News hat sich das Gutachten der Familie Lubitz und die Ermittlungsakten zum Absturz der Germanwings-Maschine 4U9525 angesehen.

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Die Familie von Germanwings-Copilot Andreas Lubitz wirft der Bundesstelle für Flugunfalluntersuchung (BFU) zahlreiche Fehler vor. So sei Lubitz zum Zeitpunkt des Absturzes weder depressiv gewesen, noch sei er zuvor stationär in Behandlung gewesen. Die Familie beruft sich dabei auf ein ihr in Auftrag gegebenes und nun fertig gestelltes Gutachten. Das 300-seitige Gutachten liegt BuzzFeed News vor. Der Anwalt der Familie Lubitz, Andreas Behr, fordert die Behörde nun auf, sich zu korrigieren. "Sollte dies nicht geschehen, werden wir die Ansprüche der Familie auf dem Rechtsweg geltend machen", sagte Behr im Gespräch mit BuzzFeed News.

Die Vorwürfe richten sich vor allem gegen die zuständige BFU und deren stellvertretenden Behördenleiter Johann Reuß. Die BFU wies die Vorwürfe gegen sich und Reuß auf Anfrage “insgesamt als falsch” zurück. Die Vorwürfe “entbehren jeglicher Grundlage”, schrieb Sprecher Germout Freitag. “Für die BFU ist das Untersuchungsverfahren, ebenso wie für die BEA, abgeschlossen.” Auf rund drei Dutzend Fragen von BuzzFeed News zu den einzelnen Vorwürfen und Unstimmigkeiten hat die Behörde nicht konkret geantwortet.

Aber was ist dran an den Vorwürfen der Familie Lubitz? BuzzFeed News hat die vier Aspekte des Gutachtens zusammengefasst, die sich mit dem medizinischen Zustand von Andreas Lubitz befassen.

War Andreas Lubitz depressiv?

Andreas Lubitz galt in vielen Medien gleich nach dem Absturz als wahnsinniger Amokpilot. Auch die Ermittler folgten diesem Verdacht. „Der Copilot litt zum Zeitpunkt des Unfalls an einer schweren psychischen Erkrankung“, schrieb der stellvertretende Behördenleiter Johann Reuß im Februar 2016 in einem Brief an die französische Schwesterbehörde BEA. Das Schreiben ist im Anhang des Abschlussberichts veröffentlicht, im Hauptteil findet sich zudem eine Tabelle mit medizinischen Daten und Arztbesuchen.

Reuß schreibt unter Berufung auf zwei namentlich nicht benannte Experten, es kämen bei Lubitz verschiedene Störungen in Frage, „wie zum Beispiel eine schwere Depression mit Wahnsymptomen, die Dekompensation einer Persönlichkeitsstörung oder eine Kombination solcher Erkrankungen“.

Tatsächlich aber hat keiner der Ärzte, die Andreas Lubitz vor dem Unfall behandelten, eine Depression diagnostiziert. Der Copilot hatte seit Dezember 2014 vor allem Beschwerden an seinen Augen. Er sah Schlieren, nahm Verzerrungen um Lichtquellen wahr und konnte nachts schlecht schlafen. Die Mediziner konnten aber keine organischen Ursachen finden und hatten den Verdacht, die Probleme müssten psychosomatisch sein. Die Fachärzte schlossen Selbstmordgedanken sowie eine psychotische Störung aus.

Möglicherweise zog ein kleiner Tippfehler von Lubitz’ Hausärztin große Kreise. Letztere, eine Allgemeinmedizinerin, vermutete eine psychische Ursache für die Augenprobleme und empfahl ihrem Patienten eine psychiatrische Tagesklinik. Am 10. März 2015, also zwei Wochen vor dem Unglück, schrieb sie in die elektronische Patientendatei: „früher bereits wegen Depression stationärß“.

Das „ß“ sollte allerdings ein Fragezeichen sein, sagt Gutachter van Beveren: „Ein typischer Fehler, wenn man beim Tippen auf der Tastatur die Hochstelltaste zu drücken vergisst.“ Die Kriminalpolizei interpretierte das „ß“ nicht als falsches Fragezeichen – und machte die Notiz zu einem Fakt; die Beamten schlussfolgerten, dass Lubitz 2009 stationär aufgenommen worden sei. War er aber offenbar nicht.
Tatsächlich war Lubitz dem Gutachten zufolge nur ein einziges Mal im Krankenhaus: mit vier Jahren, als ihm die Mandeln entfernt wurden. Das habe seine Mutter an Eides statt versichert. Diesen stationären Aufenthalt hatte er auch bei allen flugmedizinischen Überprüfungen stets im Fragebogen angegeben: Unter “Krankenhausaufenthalte” steht dort “TE als Kind”, für Tonsillektomie, die medizinische Bezeichnung für eine Mandeloperation. Dort gab Lubitz auch stets unter “Sonstige Erkrankungen” seine Depression 2009 an.

Die BFU schrieb auf Anfrage von BuzzFeed News, dass für die Sachverständigen der Untersuchungsbehörden eine klare psychiatrische Diagnose “letztendlich nicht möglich” gewesen sei. Die Ärzte hätten auf das Zeugnisverweigerungsrecht und auf die Schweigepflicht verwiesen, erklärte Sprecher Germout Freitag.

Fazit: Andreas Lubitz war offenbar weder zum Zeitpunkt des Absturzes depressiv noch zuvor in stationärer Behandlung. Diese Behauptungen kamen möglicherweise durch Übertragungs- und Interpretationsfehler von Ermittlern zustande.

Hatte Andreas Lubitz Angststörungen?

Eine neue Theorie der für die Germanwings-Ermittlungen zuständigen Staatsanwaltschaft Düsseldorf: Der Copilot habe an einer „Angststörung“ gelitten. Das habe ein nicht näher benannter Psychiater behauptet. Der SPIEGEL verbreitete diese Meldung im März 2017 bundesweit.

Auch diese Behauptung geht offenbar auf die Hausärztin von Andreas Lubitz zurück, eine Allgemeinmedizinerin. Einen Monat vor dem Absturz der Germanwings-Maschine, am 17. Februar, hatte sie auf einem Überweisungsschein um Abklärung eines Verdachts auf einen psychosomatischen Beschwerdekomplex gebeten, hier möglicherweise eine Angststörung. Der von Lubitz aufgesuchte Psychotherapeut versah den Befund Angststörung allerdings mit einem Fragezeichen. Und die Neurologische Klinik der Uni Düsseldorf ging von einer Somatisierungsstörung aus, also körperlichen Beschwerden ohne organisch fassbaren Befund. Ursache: unklar.

Buzzfeed News befragte dazu Andreas Ströhle, Professor der Psychiatrie und Psychotherapie der Berliner Charité und Leiter der dortigen Arbeitsgruppe Angsterkrankungen. Die Diagnose der Staatsanwaltschaft Düsseldorf könne er anhand der ihm vorliegenden Krankenakten nicht nachvollziehen: „Ich fand in den Beschreibungen nirgends etwas, was die Angststörung rechtfertigen würde.“

Fazit: Ob Andreas Lubitz eine Angststörung gehabt haben könnte, bleibt unklar.

Stand Lubitz zum Unfallzeitpunkt unter Antidepressiva?

„Nach den geltenden flugmedizinischen Vorschriften war er bereits infolge der Einnahme eines Antidepressivums und massiven Schlafmangels fluguntauglich.“ Das behauptet der stellvertretende BFU-Leiter Johann Reuß in einem Brief an die französische Behörde BEA.

Diese Aussage beruht auf einer toxikologischen Untersuchung von Gewebe des verstorbenen Copiloten: „Dabei wurden Citalopram, Mirtazapin (beides Antidepressiva), und Zopiclon, ein Schlafmittel, gefunden.“ Gutachter van Beveren hält das für irreführend: „Hiermit wird suggeriert, dass Andreas Lubitz unter dem Einfluss von psychoaktiven Medikamenten illegalerweise im Cockpit saß.“

Denn was nicht erwähnt wurde: Die gefundenen Medikamente wurden gar nicht am Unfalltag selbst eingenommen. Im toxikologischen Bericht der französischen Justiz heißt es, dass die drei Medikamente nur in geringen Mengen festgestellt wurden. Die entsprächen therapeutischen Dosen, höchstwahrscheinlich sei zum Zeitpunkt des Todes kein Beruhigungsmittel im Blut vorhanden gewesen.

Andreas Ströhle von der Berliner Charité hält die genannten Antidepressiva zudem für unbedenklich, sie beeinträchtigten nicht die Verkehrstüchtigkeit eines Menschen. „Nebenwirkungen sind nicht die Regel.“ In Großbritannien, Kanada, Australien und den USA dürfen Piloten fliegen, die bestimmte Psychopharmaka unter ärztlicher Aufsicht einnehmen. So erlaubt die britische Flugaufsichtsbehörde CAA das Medikament Citalopram.

Fazit: Am Unfalltag war Andreas Lubitz nicht durch Medikamente beeinträchtigt und somit nicht illegal im Cockpit.

Hat Andreas Lubitz seine Krankheit am Unfalltag verheimlicht?

Im Anhang des französischen Abschlussberichtes heißt es, Lubitz habe dreimal eine Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung erhalten – am 17. Februar, am 9. März und am 12. März 2015. Diese Bescheinigungen seien „nicht an die Germanwings weitergeleitet“ worden.

Diese Sätze prägen das Bild, der Copilot habe regelmäßig gegenüber dem Arbeitgeber seine Krankheit verschwiegen. Laut Gutachter van Beveren existieren die ersten beiden dieser drei Krankschreibungen in der Ermittlungsakte der Düsseldorfer Staatsanwaltschaft gar nicht.

Was richtig ist: Der Copilot war an allen drei Terminen bei seiner Hausärztin in Behandlung. Das geht aus ihrer Leistungsabrechnung vom 27. März hervor. Demnach gab es am 17. Februar ein therapeutisches Gespräch und am 9. März eine Beratung. Eine Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung hat sie jedoch an keinem der beiden Tagen abgerechnet.

Für den 12. März dagegen listet die Allgemeinmedizinerin in ihrer Abrechnung eine telefonische Beratung für 10,72 Euro und eine “Kurze Bescheinigung o. Zeugnis” für 5,36 Euro auf. Sie schreibt ihn gleich für drei Wochen krank, bis zum 30. März, weit über den Unfalltag hinaus. An diesem Tag fliegt Lubitz als Copilot von Düsseldorf nach Madrid und zurück. Hat er damit widerrechtlich gehandelt? Das lässt sich nicht sagen: Es ist möglich, dass Lubitz sich die telefonische Beratung erst im Laufe des Arbeitstages geholt hat.

An den nächsten Tagen – Freitag bis Sonntag – hatte Lubitz frei. Am Montag besuchte er einen Psychiater in Montabaur. Zwei Tage später, am Mittwoch, 18. März, einen weiteren Allgemeinmediziner in Düsseldorf. Dieser stellte Andreas Lubitz eine neue, kürzere Krankschreibung aus, für nur fünf Tage – bis zum Sonntag, 22. März, zwei Tage vor dem Unglück.

Lubitz legte diese Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung der Germanwings vor – am dritten Tag seiner Abwesenheit, und damit konform mit den Bestimmungen. Die in der Akte befindliche Kopie trägt den Eingangsstempel der Airline. Auch in seinen Einsatzplänen, die das Unternehmen der Kripo und der BFU nach dem Unfall ausgehändigt hatte, ist die Krankmeldung vom 16. bis 22. März erfasst – anders als die zuständigen Behörde BFU behauptet hatte.

Aber was ist mit der älteren Krankschreibung seiner Hausärztin, die über den Unfalltag hinaus bis zum 30. März ausgestellt war? Ermittler fanden die zerrissene Bescheinigung bei der Hausdurchsuchung im Papierkorb. In einer Pressemitteilung ließ der Düsseldorfer Staatsanwalt Christoph Kumpa erklären, dies stütze die Annahme, “dass der Verstorbene seine Erkrankung gegenüber dem Arbeitgeber und dem beruflichen Umfeld verheimlicht hat”.

Folgt man der Kassenärztlichen Bundesvereinigung, hat Lubitz dagegen offenbar alles richtig gemacht. „Die aktuellste Krankschreibung ist die jeweils dann auch gültige“, sagte Pressesprecher Roland Stahl auf Anfrage von BuzzFeed News. Gesetzliche Regelungen hierzu gebe es nicht.

Fazit: Andreas Lubitz hat die Germanwings über seine Arbeitsunfähigkeit informiert. Die zerrissene Krankschreibung im Müll war durch die spätere Krankschreibung überholt.

UPDATE

Die Familie Lubitz hat inzwischen einige Teile des Gutachtens auf ihrer Webseite zur Verfügung gestellt. Wer sich dafür interessiert, findet hier die Originaldokumente.

Petra Sorge ist freie Journalistin in Berlin, berichtet über Politik, Wirtschaft, Medien und liebt investigative Geschichten.

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