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Mir geht es schrecklich, danke der Nachfrage

Nachdem mein Ehemann, mein Vater und mein zweites ungeborenes Kind starben, hörte jeder von mir das Gleiche: "Mir geht's gut."

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Gut. Gut. Gut. Gut. Gut.

Im Jahr 2015 ging es mir richtig gut. Besser als gut. Und weshalb sollte das nicht sein? Nur wenige Monate zuvor hatte ich meinen Mann durch einen Hirntumor, meinen Vater an Krebs von allem und mein zweites ungeborenes Kind verloren. Mit "sie verloren" meine ich, sie sind gestorben. Ich habe sie nicht auf See oder in der Kühlabteilung bei Costco verloren.

Jeder, von meinen engsten Freunden bis hin zu Fremden aus dem Internet, wollte wissen, wie es mir geht. Und jeder hörte das Gleiche: "Mir geht's gut." "Mir geht's gut." "Mir geht's gut, gut, gut."

Falls du es wissen willst, mir ging es nicht wirklich gut. Zusehen, wie der Hirntumor meines Mannes ihn auf eine dünne, graue Kopie von sich selbst reduziert? Das hatte eine negative Auswirkung. Dass unser zweites Kind aus meiner Gebärmutter gesaugt wurde? Hatte eine Auswirkung. Mein Vater war erst gesund und fünf Monate später tot? Das forderte seinen Tribut.

Aber niemand will davon hören, wie du bis in die frühen Morgenstunden hinein über den Laptop deines Mannes gebeugt E-Mails gelesen hast, die er Leuten geschickt hatte, Jahre bevor ihr euch kennengelernt habt, um zu versuchen, jeden übrig gebliebenen Teil von ihm zu absorbieren – egal wie klein und digital. Jedenfalls habe ich das gedacht. Ich ging davon aus, dass die Gefühle, die ich so eklig und unangenehm fand, dass ich sie nur privat erleben konnte, auch für die Menschen um mich herum ungenießbar sein würden. Deshalb verbarg ich diese Gefühle oder überspielte sie mit traurig-aber-witzigen Instagram-Captions.

Bevor Aaron und mein Vater starben, bevor ich eine Fehlgeburt hatte, hatte ich sehr wenig Erfahrung mit Unheil. Wenn ich andere in einer Krise beobachtete — ein Vater eines Freundes stirbt unerwartet, ein Kind eines Arbeitskollegen wird plötzlich ins Krankenhaus eingeliefert — war mir ihr Unbehagen unangenehm, ich war nicht imstande ihren Blicken zu begegnen und versuchte, das Thema zu vermeiden, das zwischen uns stand, und mich stattdessen auf etwas ... Angenehmeres ... zu konzentrieren. Natürlich ihnen zuliebe. Denn wer will daran erinnert werden, was er verloren hat oder was er möglicherweise verliert? Wer will über die schwerste Sache sprechen , die er jemals durchgemacht hat, wenn er stattdessen über das Wetter sprechen kann oder darüber, dass es sich total wie ein Donnerstag anfühlt, obwohl erst Dienstag ist?

{{Jeder, der etwas Schreckliches durchgemacht hat, hebt sein Hand.}}

Ich ging davon aus, dass die Menschen um mich herum wollten, dass ich Limonade mache und mich nicht zu sehr an der Tatsache aufhalte, dass ich gar keine Zitronen bestellt hatte.

Ich habe es nicht verleugnet — der leere Platz in meinem Bett und die erdrückende Einsamkeit ein einziges Elternteil zu sein, konnten nicht verdrängt werden. Ich wusste nicht, wie Trauer aussehen sollte. Als Kind sah ich meine Eltern selten weinen. Ihre Trauer um ihre toten Eltern schien bei der Beerdigung zu enden und ich ging davon aus, dass meine das auch tun sollte. Ohne irgendwelche mich lenkenden sozialen Gepflogenheiten machte ich meine eigenen. Ich trug ein weißes Hemdkleid zu Aarons Beerdigung. Ich hielt die Trauerrede mit knallrotem Lippenstift und lavendelfarbenem Haar. Zu viktorianischen Zeiten trugen Witwen schwarz. Sie trugen einen Witwenhut. Ihre Kleider dienten dazu, der Welt zu signalisieren, was sie erlebt hatten und wie sie behandelt werden sollten. Die soziale Norm war, sich so nicht in Ordnung zu fühlen, dass du ein Outfit brauchtest, um es zu vermitteln. Die gesellschaftliche Erwartung war, dass du mindestens zwei Jahre trauern solltest und dass deine Garderobe das auch tun sollte.

Für mich gab es keinen Witwenhut. Es gab keine Möglichkeit für mich, den Menschen um mich herum zu signalisieren, dass ich in Wirklichkeit ein emotionaler Dorian Gray war. Auch wenn ich äußerlich wie eine 31-jährige Mutter aus dem Mittleren Westen aussah.

„Kummer war keine Fähigkeit, mit welcher ich geboren wurde, oder ein Schicksal, dem ich nicht ausweichen konnte."

Ich verbrachte das erste einsame Jahr nach Aarons Tod in wachsender Verbitterung, vergrub mich tief in der zornigen Phase der Trauer. Ich war zornig darüber, wie einsam ich mich fühlte. Ich war zornig, dass die Leute um mich herum immer noch Ehemänner hatten, die am Leben waren. Ich war zornig darüber, dass sie so luxuriöse Sorgen hatten wie, wer am Abend an der Reihe ist, das Kind zu baden. Ich war zornig, dass der nette, wundervolle Aaron tot ist und dass manche Leute betrunken Auto fahren, ihren Wagen in den entgegenkommenden Verkehr lenken und das Ganze ohne einen Kratzer überstehen konnten. Ich war wütend auf jeden, der mir sagte, wie gut ich mich darin machen würde, nicht jedem zu zeigen, wie zerstört ich war – und ich war wütend auf mich selbst, dass ich das härteste Jahr meines Lebens als einfach erschienen lies.

Diese Geschichte hat keinen Aha!-Moment. Die Glühbirne, die erstrahlte, war an einem Dimmschalter und ich brauchte Zeit, um zu merken, was beleuchtet wurde: dass es mir nicht gut ging. Dieser Kummer war keine Fähigkeit, mit der ich geboren wurde, oder ein Schicksal, dem ich ausweichen konnte.

„Wie geht es dir?", ist ein reflexartiger Gruß, einer, mit dem wir beiläufig jedem begegnen, den wir treffen (speziell im Mittleren Westen). Es stellte sich heraus, dass viele Leute ... nicht darauf vorbereitet waren, von mir die wahre Antwort zu bekommen. Noch sollten sie! Die Person, die deine Einkäufe eintütet, bekommt nicht genug bezahlt dafür, um mit einem emotionalen Lastwagen umgehen zu können, der bereits ist alles auszukippen. Deine Freunde und Familie? Sie bekommen ebenfalls nicht genug bezahlt, sie sollten jedoch in der Lage sein, damit umzugehen, wenn du sagst: „Tatsächlich laufen die Dinge momentan wirklich schwer in meinem Leben." Das sind diejenigen, zu denen ich wirklich ehrlich sein möchte, also wählte ich den einzigen Weg, den ich kannte: das Schreiben. Von Textnachrichten.

„Die Dinge laufen momentan richtig schwierig."

„Ich bin wirklich verdammt traurig".

„Es tut mir leid, dass ich ein mieser Freund gewesen war, ich wusste nicht, wie ich dir nahe sein kann."

Die meisten meiner Beziehungen sind stärker geworden, seitdem ich damit begonnen habe, die Frage „Wie geht es dir?" viel ehrlicher zu beantworten.

In manchen Gebieten von Indien werden Witwen aus ihren Häusern heraus von ihrer Familie ins Exil getrieben, weil die Familie annimmt, dass diese Unglück bringen. Das ... ist mir nicht passiert. Meine Einsamkeit war nicht eingebildet, wurde mir aber auch nicht vollständig auferlegt. Ich war daran beteiligt, mein eigenes kleines Gefängnis der Einsamkeit zu errichten. Es war gebaut aus jedem „gut", das ich sagte, und jedem Lächeln. Es war gebaut aus jedem Instagram-Post, durch den ich versucht habe, jeden davon zu überzeugen, dass ich eine Eins Plus für meinen Umgang mit dem Kummer bekomme. Ich versuche immer noch, mir den Weg wie bei den Verurteilten freizugraben – Tag für Tag. Ich komme dahin, indem ich die schweren Tage akzeptiere, ohne dass ich mich auf diesen ausruhe. Und indem ich mich selber daran erinnere, dass es an manchen Tagen vollkommen in Ordnung ist, sich schrecklich zu fühlen.

Nora McInerny ist Autorin von It's Okay to Laugh (Crying is Cool, Too) und hostet den American-Public-Media-Podcast Terrible, Thanks for Asking. Sie ist sehr groß.

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Dieser Artikel erschien zuerst auf Englisch.

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