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Corey Brickley for BuzzFeed News

Die Geschichte von Dee Dee und Gypsy Rose: Münchhausen und Mord in Missouri

Dee Dee Blancharde war eine alleinerziehende Mutter, die sich hingebungsvoll um ihr schwerkrankes Kind kümmerte. Doch dann wurde Dee Dee ermordet und es stellte sich heraus, das alles ganz anders gewesen war: Ihre Tochter Gypsy war nie wirklich krank gewesen.

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In den sieben Jahre vor dem Mord wohnten Dee Dee und Gypsy Rose Blancharde in einem kleinen rosa Bungalow im West Volunteer Way in Springfield, Missouri. In der Nachbarschaft waren sie beliebt. „Einfach supernett, so würde ich sie beschreiben“, sagte eine frühere Freundin von Dee Dee. Wer sie einmal kennengelernt hatte, erinnerte sich immer gerne an sie.

Dee Dee war 48 Jahre alt, sie kam ursprünglich aus Louisiana. Sie war eine mollige, offene und warmherzige Frau. Dieser Eindruck wurde durch ihre Kleidung unterstützt: Sie trug gerne leuchtende, freundliche Farben. Ihre lockigen braunen Haare band sie oft mit Bändern zurück. Frühere Bekannte erzählen, dass sie immer ein offenes Ohr hatte und anderen manchmal sogar mit Geld aushalf. Sie schloss schnell Bekanntschaften, aus denen oft tiefe Freundschaften wurden. Sie hatte keinen Job, sondern betreute ihre Tochter Gypsy Rose rund um die Uhr.

Gypsy war klein für ihr Alter, vielleicht 1,54 Meter. Ihr Größe war schwer zu schätzen, denn sie saß immer im Rollstuhl. Ihr rundes Gesicht war vollständig von einer dicken Brillen mit runden Gläsern eingenommen, sie sah ein bisschen wie eine Eule aus. Sie war bleich und mager, ihre Zähne waren in einem schlechten Zustand, weil sie mit einer Magensonde ernährt werden musste. Manchmal hatte Dee Dee eine Sauerstoffflasche für künstliche Beatmung dabei. Die Schläuche der Nasenkanüle hatte sie sorgsam um Gypsys kleine Ohren gelegt. Wenn man sie fragte, an was ihre Tochter litt, zählte Dee Dee eine lange Liste auf: Erbkrankheiten, Muskeldystrophie, Epilepsie, schweres Asthma, Atemstillstände im Schlaf, Augenprobleme. Gypsy war schon immer so krank gewesen, sagte Dee Dee, schon seit ihrer Geburt. Sie hatte einige Zeit auf der Intensivstation für Neugeborene verbracht. Als Kleinkind hatte sie Leukämie gehabt.

Die ständigen Krankheiten waren nicht spurlos an dem Mädchen vorbeigegangen. Gypsy war freundlich, auch nicht verschlossen, aber ihre Stimme war hoch wie die eines kleinen Kindes. Dee Dee erklärte oft, dass ihre Tochter an einer Hirnschädigung litt. Sie wurde zu Hause unterrichtet, weil sie nie in der Lage gewesen wäre, in der Schule mit den anderen Kindern mitzuhalten. Geistig sei Gypsy auf dem Stand eines siebenjährigen Kindes, sagte Dee Dee. Und dass man das nicht vergessen dürfe, wenn man sich mit ihr unterhielt. Gypsy liebte es, sich als Prinzessin zu verkleiden. Sie trug Perücken und Hüte, damit ihr kleiner Kopf weniger auffiel. Eine blonde lockige Cinderella-Perücke war offenbar ihre Lieblingsverkleidung; sie trägt die Perücke auf etlichen Fotos von sich selbst mit ihrer Mutter. Sie und ihre Mutter waren immer zusammen.

„Wir sind ein Paar Schuhe“, sagte Gypsy einmal. „Einer allein taugt nichts.“

Ihr Haus gehört zu einer Siedlung, die von der internationalen Hilfsorganisation Habitat for Humanity gebaut worden war. Es ist mit speziellen Hilfsmitteln für Gypsy ausgestattet: eine Rampe, die zur Haustür hochführt, ein Jacuzzi, das „meinen Muskeln“ hilft, so Gypsy im Interview mit einem lokalen TV-Sender im Jahr 2008. Manchmal stellte Dee Dee draußen einen Filmprojektor auf und ließ einen Film auf der Hauswand laufen. Das richtige Kino war für die meisten Familie in der Gegend zu teuer, und so kamen die Kinder zu ihr. Dee Dee verkaufte Popcorn und Limo, aber das war immer noch billiger als das Multiplexkino. Das Geld, das Dee Dee einnahm, war für Gypsys Behandlungen.

Dee Dee hatte ein besonderes enges Verhältnis mit einer Nachbarsfamilie aus ihrer Straße, der alleinerziehenden Amy Pinegar und ihren vier Kindern. Bei Tee und Kaffee erzählte Dee Dee Pinegar von ihrem Leben. Sie stammte aus einem kleinen Ort in Louisiana, erzählte sie, doch in der gewalttätigen Familie konnte sie mit Gypsy nicht bleiben. Ihr eigener Vater, der Großvater von Gypsy, brachte das Fass zum Überlaufen, als er Gypsy mit Zigaretten Brandwunden zufügte. Daraufhin ergriff Dee Dee die Flucht und verließ für immer ihren Heimatort.

Dee Dee erzählte Pinegar, Gypsys Vater sei ein Loser, ein drogensüchtiger Alkoholiker, der sich über die Behinderungen seiner Tochter lustig machte und die Special Olympics als „Freakshow“ bezeichnete. Pinegar hatte den Eindruck, dass er Dee Dee und Gypsy nicht finanziell unterstützte, ihnen nicht einmal Geld schickte, als sie wegen Hurrikan Katrina alles verloren hatten. Sie hatten Glück gehabt, dass ein Arzt aus einer Notunterkunft sie bei den Überflutungen rechtzeitig in die Berge, die Ozarks, gebracht hatte.

Manchmal wurde es Amy Pinegar fast zu viel. „Ich fragte mich“, erzählte sie mir am Telefon, „was es sie emotional kostete, damit dieses Kind versorgt war ... War sie wirklich so eine Frohnatur?“ Als gute Nachbarin unterstützte Pinegar Dee Dee, so gut es ging. Sie fuhr Dee Dee und Gypsy zum Flughafen, wenn sie für Behandlungen nach Kansas City flogen, sie brachte ihnen Dinge mit aus der Sam's Club-Einkaufskette, in der sie Mitglied war und Dee Dee nicht. Im Grunde waren die beiden wohl wirklich glücklich. Sie bekamen Freikarten für Disney World, einmal trafen sie die Countrysängerin Miranda Lambert, eine Aktion der Make-A-Wish-Stiftung, die Kindern mit lebensbedrohenden Krankheiten Wünsche erfüllt. Im Nachhinein gibt Pinegar zu, dass sie die beiden manchmal sogar beneidete.

Es war eine perfekt anrührende Geschichte für die örtlichen Abendnachrichten: eine von Tragödien und Schicksalsschlägen heimgesuchte Familie, die es trotz vieler Schwierigkeiten geschafft hatte, sich ein gutes Leben aufzubauen. Aber damit war die Geschichte nicht zu Ende. Im Juni 2015 erschien ein Post auf Dee Dees Facebook.

„Die Schlampe ist tot“, stand da.


Der 14. Juni 2015 war ein heißer Sonntag. Am Nachmittag waren viele Leute wegen der Hitze daheim geblieben, wo die Klimaanlage für Abkühlung sorgte. Die ersten paar Kommentare zu dem Post sind von Freundinnen und Freunden, die nicht glauben können, was sie da lesen. Vielleicht wurde das Facebook-Konto gehackt. Jemand sollte anrufen. Weiß jemand, wo sie wohnen? Vielleicht sollte es jemand der Polizei melden und denen die Adresse geben.

Als diese Diskussion noch lief, erschien ein neuer Kommentar auf Dee Dees Facebook: „Hab die verdammte FETTE SAU AUFGESCHLITZT UND IHRE SÜSSE KLEINE TOCHTER VERGEWALTIGT ... SOOOO BRUTAL LAUT GEHEULT HAT DIE LOL.“

Kim Blanchard, die in der Nähe wohnte, reagierte als eine der Ersten. Kim ist nicht mit den Blanchardes verwandt, trotz des sehr ähnlichen Nachnamens. Sie hatte Dee Dee und Gypsy 2009 bei einer Science Fiction & Fantasy-Convention in den Ozarks kennengelernt, wo Gypsy sich verkleiden konnte und mit ihren Outfits nicht besonders auffiel. „Sie waren einfach perfekt zusammen“, sagte Kim. „Da war dieses arme, kranke Kind, und ihre wundervolle, geduldige Mutter kümmerte sich so rührend um sie und wollte einfach allen Menschen helfen.“

Kim rief bei Dee Dee an, doch niemand ging ans Telefon. Kims Ehemann David schlug vor, hinzufahren und nachzusehen, ob alles in Ordnung war. Als sie im West Volunteer Way ankamen, hatte sich schon eine Gruppe von besorgten Nachbarn vor dem Haus versammelt. Es war schon früher manchmal vorgekommen, dass Dee Dee und Gypsy nicht zu erreichen waren, wenn sie wegen einer Behandlung fort waren und niemand Bescheid gegeben hatten. Die Fenster waren mit Sichtschutzfolien beklebt, so dass man nicht ins Innere des Hauses blicken konnte. Auch auf mehrfaches Klopfen kam keine Reaktion. Aber allen fiel auf, dass Dee Dees neuer Kastenwagen, mit dem sie Gypsy leicht im Rollstuhl transportieren konnte, in der Auffahrt parkte.

Kim rief die Polizei. Ohne Durch-suchungsbefehl durften die Beamten sich keinen Zutritt verschaffen, doch sie unternahmen nichts, als David durch ein Fenster ins Haus kletterte. Alles sah ganz normal aus: Die Lichter waren aus, die Klimaanlage lief auf Hoch-touren. Nirgends gab es Hinweise auf einen Einbruch oder einen Kampf. Gypsys Rollstühle standen alle im Haus. Die Vorstellung, sie könne irgendwo hilflos ohne Rollstuhl liegen, war schrecklich.

Die Polizei befragte die Anwesenden, während sie auf den Durchsuchungs-befehl warteten. Kim postete diese Informationen auf Facebook als Kommentare zu dem ursprünglichen Post. Ja, sie waren im Haus gewesen; ja, die Polizei war vor Ort. Dee Dees Freunde und Bekannte bombardierten Kim online mit Fragen. Sie beantwort-ete alles so gut sie konnte, aber der Post wurde oft geteilt und war schon in ganz Missouri verbreitet. „Hört mal zu, Leute ... Ich weiß, dass sich alle große Sorgen machen“, schrieb Kim auf Facebook. „Doch wer das gepostet hat, kann alles mitlesen, was wir hier schreiben.“

Die Durchsuchung des Hauses wurde erst um 22.45 Uhr genehmigt. Die Polizei fand Dee Dees Leichnam in ihrem Schlafzimmer. Sie war erstochen worden, schon vor einigen Tagen. Gypsy war wie vom Erdboden verschluckt.

Am nächsten Tag organisierte Kim eine Totenwache. Sie richtete eine GoFundMe-Seite für die Begräbniskosten von Dee Dee ein – und vielleicht auch für das Begräbnis von Gypsy. Man befürchtete das Schlimmste. Gypsy hatte immer bei allen Beschützerinstinkte ausgelöst. Sie war so klein und wirkte so hilflos. Niemand konnte verstehen, warum so etwas Furchtbares gerade ihr passierte. Was für ein Mensch konnte so etwas einem völlig wehrlosen Kind antun?

Die Polizei nahm währenddessen die Ermittlungen auf. Eine junge Frau namens Aleah Woodmansee hatte sich bei ihnen gemeldet. Sie wusste bestimmte Dinge, die vielleicht hilfreich sein konnten. Von ihr erfuhr die Polizei, dass Gypsy
insgeheim eine Internetbeziehung mit einem jungen Mann führte.

Aleah war Amy Pinegars Tochter. 2015 war sie 23 Jahre alt und arbeitete
als Leistungsprüferin von Krankheitsansprüchen. Sie verstand sich als Gypsys
große Schwester und offenbar sah Gypsy das auch so. Aber die beiden konnten sich nur sehr selten alleine treffen, da Dee Dee Gypsy praktisch überallhin begleitete. Deshalb vertraute sich Gypsy Aleah über ein geheimes Facebook-Konto an, das sie sich unter dem Namen Emma Rose eingerichtet hatte.

„Das ist mein eigenes Facebook meine Mom will mich nicht loslassen, deshalb weiß sie nichts von diesem Facebook“, schrieb Gypsy im Oktober 2014. Sie gestand Aleah, dass sie auf einer Website für christliche Singles einen Mann kennengelernt hatte. Dee Dee würde das nicht gutheißen, das wusste sie genau, schrieb sie weiter. Sie durfte keine Jungs kennenlernen, obwohl sie endlich erwachsen werden und einen Freund haben wollte wie alle anderen Mädchen in ihrem Alter.

„Ich habe mal etwas Gemeines zu meiner Mom gesagt. Dass ich mir wünsche, deine Mutter wäre meine Mutter. Weil Mrs Amy Aleah erlaubt, dass sie Jungs kennenlernen darf, und das hat meine Mom verletzt“, schrieb Gypsy.

Der Name ihres neuen Freundes, verriet Gypsy Aleah, sei Nicholas Godejohn. Sie waren schon seit über zwei Jahren zusammen. Ihm machte es nichts aus, dass sie im Rollstuhl saß. Gypsy hatte vor, ihn zu heiraten. Sie waren beide katholisch. Sie hatten sich schon die Namen ihrer Kinder ausgesucht. Gypsy hatte sich einen komplizierten Plan zurechtgelegt, wie Dee Dee und Nick sich „zufällig“ im Kino über den Weg laufen sollten und danach, so hoffte Gypsy, müssten sie ihre Beziehung nicht mehr geheim halten.

Dies war nicht das erste Mal, dass Aleah sich heimlich mit Gypsy über Jungs unterhielt. Gypsy hatte schon früher versucht, im Internet junge Männer kennenzulernen. Auch wenn Dee Dee meinte, Gypsy sei auf dem Stand einer Siebenjährigen, interessierte Gypsy sich sehr wohl für romantische Beziehungen und Sex. Allerdings war Aleah nicht ganz wohl bei der Sache. Gypsy war ihr immer recht naiv erschienen. Im Oktober 2014 schrieb Gypsy: „Ich bin 18, Nick ... ist 24.“ Godejohn war also sechs Jahre älter als sie.

Es kam Aleah auch seltsam vor, wie Gypsy von der Beziehung schwärmte. „Ganz so, als wäre es ein wundervolles Märchen, das immer nur noch romantischer wurde“, erzählte sie mir im Herbst 2015 bei einem Kaffee in Springfield.

Sie sorgte sich auch wegen Dee Dee, die ihr schon 2011 Vorwürfe wegen der Chats mit Gypsy gemacht hatte. Sie würde das Kind verderben, behauptete Dee Dee. „Deiner Mutter erzähle ich nichts von dem, was du Gypsy gesagt hast“, erklärte sie Aleah. „Aber ich möchte nicht, dass du so mit Gypsy sprichst.“ Eine Zeitlang
konfiszierte Dee Dee Gypsys Handy und den Computer. Trotzdem schaffte es Gypsy immer wieder, sich der Kontrolle ihrer Mutter zu entziehen und sich mit Aleah
zu treffen. Aber die beiden sahen sich immer seltener und nach dem Chat über
Nick Godejohn im Herbst 2014 hörte Aleah gar nichts mehr von Gypsy.

Als sie ein halben Jahr später in der Menge stand, die sich vor dem Haus versammelt hatte, wusste Aleah, dass sie die Polizei informieren musste. Sie zeigte den Beamten die Facebook-Nachrichten und diese notierten sich den Namen des Freundes. Die Polizei ließ nachverfolgen, wer die Posts auf Dee Dees Facebook eingestellt hatte. Die IP-Adresse führte zu Nicholas Godejohn in Big Bend, Wisconsin.

Am 15. Juni wurde ein Polizeiteam des Reviers in Waukesha County, im Bundesstaat Wisconsin, zu Godejohns Haus geschickt. Nach nur kurzem Widerstand ergab sich Nick. Glücklicherweise war Gypsy bei ihm. Sie war unverletzt und bei bester Gesundheit. Allgemeine Erleichterung machte sich breit, zumindest vorerst.

„Die Dinge sind nicht immer so, wie sie scheinen“, sagte der Sheriff von Springfield auf einer Pressekonferenz am nächsten Morgen.

Wie sich herausstellte, hatte Gypsy vor einigen Tage ihr Zuhause ohne einen Rollstuhl verlassen. Sie brauchte keinen. Sie konnte ganz normal gehen, mit ihren Muskeln war alles Ordnung, und sie brauchte auch keine Medikamente oder Sauerstoffflaschen. Ihre Haare waren kurz und standen ab, aber sie waren ihr nie ausgefallen. Dee Dee hatte ihr das ganze Leben lang die Haare abrasiert, damit es so wirkte, als sei sie schwerkrank. Gypsy konnte normal sprechen, sie war nur etwas verwirrt wegen allem, was passiert war. Von dem behinderten Kind, als das sie die Leute so lange wahrgenommen hatten, war nichts zu sehen. Es sei Betrug gewesen, erklärte sie der Polizei. Die ganze Geschichte, jede Einzelheit. Ihre Mutter hatte sie gezwungen, dabei mitzumachen.

„Ich weinte nur noch“, sagte Aleah, die einfach nicht fassen konnte, was geschehen war.

Auch Kim Blanchard kamen die Tränen. „An diesem Punkt dachte ich: ,Ich weiß nichts über diese Person. Was habe ich mir da vormachen lassen? Wie konnte ich so dumm sein?'“

„Niemand hat sich irgendwelche Unterlagen zeigen lassen. Niemand hat ihre Geschichte auch nur einen Moment lang angezweifelt“, erzählte mir Amy Pinegar später. „Haben die beiden hinter verschlossenen Türen über uns gelacht, weil wir“, sie hielt einen Moment inne, „ihnen auf den Leim gegangen sind?“

Dee Dees amtlicher Name war Clauddine Blanchard. Im Lauf der Jahre legte sie sich mehrere leicht verfälschte Namen zu, nannte sich DeDe, Claudine, Deno. Als sie nach Missouri zog, hieß sie Clauddinnea und hängte ein E an ihren Nachnamen. Nicht alle ihre Geschichten waren Lügen. Sie stammte wirklich aus Lafourche Parish, einem Landstrich im Südosten Louisianas. Sie wuchs in einer Stadt namens Golden Meadow auf, zusammen mit fünf Geschwistern. Ihre Mutter verstarb 1997, ihr Vater ist noch am Leben.

Rod Blanchard, der Vater von Gypsy, lebt ebenfalls noch in der Gegend, in dem Ort Cut Off, ganz in der Nähe von Golden Meadow. Von ihm hat Gypsy die Nase geerbt. Er hat eine pragmatische Art, wirkt manchmal stoisch, manchmal witzig. Noch während seiner Schulzeit lernte er Dee Dee kennen, und sie gingen vier bis sechs Monaten miteinander. Er war 17 und sie 24, als sie schwanger wurde. Eine Heirat erschien ihm damals die einzig mögliche Lösung. „An meinem 18. Geburtstag wachte ich auf und mir wurde klar, dass ich einen Fehler gemacht hatte“, erzählte er mir. „Ich liebte sie nicht, nicht wirklich. Ich wusste, dass ich aus den falschen Gründen geheiratet hatte.“ Er verließ Dee Dee. Sie versuchte mehrmals, die Ehe zu retten, doch die beiden kamen nicht mehr zusammen.

Gypsy Rose kam am 27. Juli 1991 auf die Welt, kurz nachdem das Paar sich getrennt hatte. Rod sagte, Dee Dee hätte der Name Gypsy gefallen. Er ist ein großer Fan der Band Guns N' Roses. Soweit er sich erinnern kann, hatten sie beide noch nie von Gypsy Rose Lee gehört, einem Kinderstar des Varieté-Theaters der Zwanziger Jahre, die später mit ihren Striptease-Shows berühmt wurde. Das Broadway-Musical Gypsy basiert auf ihrem frühen Leben. Gypsy Rose Lee hatte ebenfalls eine übermächtige Mutter, die das wahre Alter ihrer Tochter verheimlichte und sie immer wieder zu Auftritten zwang.

Bei ihrer Geburt war Gypsy ein gesundes Kind, sagte Rod. Erst im Alter von etwa drei Monaten fing Dee Dee zu erzählen, Gypsy leide am Schlafapnoe-Syndrom und hätte während der Nacht Atemstillstände. Sie brachte Gypsy ins Krankenhaus. Soweit Rod sich erinnern kann, fanden die Ärzte nichts, obwohl jede Untersuchung drei Mal wiederholt und Gypsy mit einem Schlafmonitor überwacht wurde. Doch Dee Dee war überzeugt davon, dass Gypsy ein kränkliches Kind war. Die immer alarmierenderen Gesundheitsprobleme erklärte sie Rod gegenüber mit einem Chromosomenschaden. Viele der Krankheiten Gypsys, behauptete sie, hätten darin ihre Ursache.

In kürzester Zeit beherrschte das Thema Dee Dees ganzes Leben. Sie fand immer neue Dinge, die mit Gypsy nicht stimmten, ging damit zu einer neuen Kinderärztin, die wieder neue Medikamente verschrieb. Dee Dee hatte früher als Schwesternhelferin gearbeitet, sie konnte sich medizinische Fachausdrücke gut merken und brachte sie bei jeder Gelegenheit ein. Die schiere Menge an Informationen wurden zu einer Mauer, mit der sich Mutter und Tochter umgaben. Dabei wirkte es immer so, als hätte Dee Dee die Situation im Griff. Sie wusste so viel und äußerte nie irgendwelche Zweifel – immer hatte sie eine Antwort parat.

Rod heiratete schließlich eine andere Frau, Kristy, mit der er zwei weitere Kinder hat. In den ersten zehn Jahren ihres Lebens war Gypsy oft bei ihnen. Sie zeigten mir Fotos von Familientreffen, die letzten aus dem Jahr 2004. Sie begleiteten Gypsy auch zu den Special Olympics, doch sie haben nur schöne Erinnerungen daran. „Sie hat immer so viel gelächelt“, sagte Kristy. Auf einem Foto mit ihrem Vater und ihrem Bruder grinst Gypsy in die Kamera. In all diesen Jahren sagte sie kein Wort gegen ihre Mutter oder setzte sich sonst irgendwie zur Wehr.

Dee Dees Verhältnis zu ihrer eigenen Familie, das nie besonders gut gewesen war, verschlechterte sich in dieser Zeit. Die Gründe dafür sind unklar. (Ich habe mehrmals versucht, mit ihrem Vater Claude Pitre in Kontakt zu treten, doch konnte ich nie direkt mit einem Familienmitglied sprechen.) Sie geriet mit dem Gesetz in Konflikt, fast immer wegen kleinerer Vergehen, gefälschten Schecks oder ähnlichem. Schließlich zog Dee Dee einfach weg, in die zwei Stunden nördlich gelegene Kleinstadt Slidell am Lake Pontchartrain, schräg gegenüber von New Orleans.

In den Jahren in Slidell lebten Dee Dee und Gypsy in einer Sozialwohnung. Dee Dee erzählte den Ärzten im Tulane University Hospital und im Children's Hospital, Gypsy bekomme alle paar Monate epileptische Anfälle. Daraufhin wurden ihr Anti-Anfall-Medikamente verschrieben. Jeden neuen Arzt wollte Dee Dee davon überzeugen, dass ihre Tochter an Muskeldysthrophie leide, selbst dann noch, als durch eine Muskelbiopsie eindeutig nachgewiesen worden war, dass Gypsy nicht an Muskelschwund litt. Sie habe auch Probleme mit den Augen und Ohren, behauptete Dee Dee, sie sehe schlecht und habe häufig Entzündungen in den Ohren. Die Ärzte führten mehreren Operationen bei Gypsy durch. Bei jeder Erkältung und jedem Husten wurde sie sofort in die Notaufnahme gebracht.

2005 tobte Hurrikan Katrina über Slidell. Wochenlang gab es keinen Strom. Mutter und Tochter tauchten in einer Notunterkunft für besonders Bedürftigte in Covington, Louisiana, auf. Sie zeigten Bilder von ihrer alten Wohnung, die in Schutt und Asche lag. Dee Dee erklärte den Mitarbeitern der Notunterkunft, Gypsys Krankenunterlagen wären bei den Überschwemmungen zerstört worden.

Janet Jordan, eine Ärztin in der Notunterkunft, stammte aus den Ozarks. (Jordan lehnte ein Interview ab.) Sie war bezaubert von Gypsy, als diese in der Notunterkunft lebte. „Als ich sie zum ersten Mal traf, kamen mir die Tränen, und sie sagte: ,Das macht doch nichts, Sie sind doch auch nur ein Mensch'”, erzählte Jordan einem örtlichen Nachrichtensender 2005. Offenbar war sie es, die den Blanchards vorschlug, doch nach Missouri zu ziehen.

Der Geschichte einer Mutter und ihrer behinderten Tochter, die alles verloren hatten, konnten die Medien nicht widerstehen. Auch bei Wohltätigkeitsorganisationen kam sie gut an. Dee Dee und Gypsy wurde im September 2005 mit einem Hubschrauber nach Missouri umgesiedelt, wo sie ein Haus in Aurora anmieteten. Dort lebten sie, bis das Haus am West Volunteer Way im März 2008 von Habitat for Humanity fertiggestellt war.

Seit ihrer frühen Kindheit profitierte Gypsy immer wieder von Hilfsorganisationen für behinderte Kinder – mit Dee Dee übernachtete sie oft in den Ronald-McDonald-Häusern der McDonald's Kinderhilfe. Doch die Umsiedlung in das neue Haus war wohl die, auch finanziell, größte Unterstützung, die Dee Dee hatte organisieren können. Offenbar war sie dadurch auf den Geschmack gekommen. In Springfield erhielten sie drei Freiflüge von einer ehrenamtlichen Pilotenorganisation, sie machten Urlaub in einem Ressort für Krebspatienten, mehrere Wohltätigkeitsorganisationen sponserten ihnen Gratis-Trips nach Disney World. (Keine der Organisationen, die zweifellos Kontakt zu den Blanchards gehabt hatten, war zu einer Stellungnahme bereit.)

Dee Dee informierte Rod weiterhin über den Wohnort und die gesundheitliche Entwicklung seiner Tochter. Sie tat dies auch dann noch, als sie den Ärzten und ihren neuen Freunden in Missouri schon lange erzählte, er sei drogenabhängig und hätte seine Tochter im Stich gelassen. Dabei telefonierten Rod und Kristy ziemlich oft mit Gypsy. Sie planten einen Besuch in Springfield, doch „aus irgendwelchen Gründen klappte es nie“, sagte Rod.

Rod überwies auch weiterhin Unterhaltszahlungen in Höhe von monatlich 1200 US-Dollar auf ein Bankkonto in New Orleans. Er schickte manchmal Geschenke für Gypsy, um die Dee Dee ihn bat, Fernseher und eine Nintendo Wii-Konsole. Auch als Gypsy 18 wurde, stellte er die Unter-haltszahlungen nicht ein. Denn, so Dee Dee, Gypsy musste immer noch rund um die Uhr betreut werden. „Die Frage, ob ich die Zahlungen einstellen würde, kam gar nicht erst auf“, sagte er.

Manchmal gab es kleine Hinweise, dass Dee Dee es nicht immer ganz genau mit der Wahrheit nahm. An Gypsys 18. Geburtstag, erzählte Rod, wollte er Gypsy in typischer Vatermanier am Telefon damit aufziehen, dass sie jetzt eine erwachsene Frau war. Aber Dee Dee ging ran und hielt ihm vor, dass Gypsy doch gar nicht wüsste, wie alt sie ist. „Sie glaubt, sie ist 14“, sagte Dee Dee. Er solle ihr nichts anderes erzählen, weil sie sich sonst nur aufrege. Rod hielt sich an die Instruktionen.

„Dee Dee hat ein Netz aus Lügen gesponnen, und irgendwann ist sie da nicht mehr rausgekommen. Das war ihr Problem“, sagte er. „Sie hat sich derart darin verstrickt, das war als wäre sie mitten in einem Tornado. Sie steckte so tief da drin, dass sie nicht mehr rauskam. Sie log und dann log sie noch mehr, damit ihre Lügen nicht aufflogen. Und in diesem Lügengebäude hat sie sich ihr Leben eingerichtet.“ Rod und Kristy lasen die Geschichten über Dee Dee und Gypsy in der Lokalpresse nicht, sie sahen die Berichte in den lokalen Fernsehsendern nicht. Von der Unterstützung und den gesponserten Reisen durch Hilfsorganisationen erfuhren sie nur das, was Dee Dee ihnen erzählte, und das war nicht viel.

Sie hörten von all dem erst im Juni 2015, als Rod Kristy mittags auf der Arbeit anrief und am Telefon weinte. Dee Dees Schwester hatte ihn angerufen: Dee Dee war tot und Gypsy wurde vermisst. „Ich drehte fast durch bei dem Gedanken, dass jemand sie entführt hatte und sie an einem entlegenen Ort hilflos sterben würde“, sagte Kristy. Und als Gypsy gefunden wurde, fragte sie sich immer noch, „ob ich sie überhaupt richtig betreuen könnte. Dee Dee hatte doch alles gewusst, sie war doch so eine vorbildliche Mutter gewesen.“

In einem Fernsehbericht über Gypsys Anklageverlesung in Wisconsin sah Rod seine Tochter zum ersten Mal laufen. Niemand hatte ihn darauf vorbereitet, Kristy hatte das Video zufällig auf Facebook entdeckt. Rod war vollkommen verwirrt. „Ich war wirklich froh, dass sie laufen kann.“ Das war seine erste Reaktion, erzählte er.

Kristy erzählte, wie Gypsys Anwalt ihnen Dee Dees Autopsiebericht zeigte und sie eine ganze Weile nur auf den Absatz über Dee Dees Gehirn starren konnte. Der Anwalt fragte sie, warum.

„Ich möchte wissen, was zum Teufel sie sich dabei gedacht hat“, erwiderte Kristy. „Was ist da in diesem Gehirn gewesen, das diesen ganzen Scheiß ausgelöst hat?“

Dee Dee kann keine Fragen mehr beantworten. Es bleibt nur das, was Gypsy erzählen kann. Und Gypsy weiß selbst nicht alles. In den Monaten seit ihrer Verhaftung bis zu meinen Telefonaten mit ihr im Gefängnis in Missouri hat sie sich immer wieder geirrt, bei wichtigen und bei unwichtigen Dingen. Ein Beispiel: Als sie verhaftet wurde, sagte Gypsy der Polizei, sie sei 19. Rod und Kristy konnten das berichtigen, indem sie den Behörden Gypsys Geburtsurkunde vorlegten. Sie war in Wirklichkeit 23.

Eltern definieren die Welt ihrer Kinder, und nach Dee Dees Definition hatte Gypsy in ihrer Welt tatsächlich Krebs. Gypsy erzählte mir, ihre Mutter hätte behauptet, einige der Medikamente wären gegen Krebs. Auch als sie älter wurde, konnte Gypsy solche Aussagen nicht anzweifeln. Es ist immer noch unklar, welche Medikamente ihr im Laufe der Jahre verabreicht wurden. Manche wurden Gypsy vielleicht gar nie verschrieben. Ihr Anwalt vermutet zum Beispiel, dass Dee Dee Gypsy eine Art von Beruhigungsmittel gab.

Ein Haufen falscher Diagnosen, die verwirrende Liste von Medikamenten: Das alles weist auf das Münchhausen-Stellvertretersyndrom hin. Das klassische Münchhausen-Syndrom wurde erstmals 1951 von einem britischen Psychiater namens Richard Asher beschrieben. Sein Nachfolger, Roy Meadow, identifizierte dann im Jahr 1977 das Münchhausen-Stellvertretersyndrom. Das Münchhausen-Syndrom wird seit 1980 im DSM, dem psychiatrischen Klassifikationssystem, aufgeführt. (In der aktuellen Ausgabe, dem DSM-IV, wird es den „artifiziellen Störungen“ zugeordnet, doch um Missverständnisse zu vermeiden, verwende ich weiter den Begriff Münchhausen.)

Eine Person, die an dem Syndrom leidet, täuscht entweder körperliche oder psychische Beschwerden vor oder ruft sie selbst hervor, und zwar ausschließlich, um dadurch Aufmerksamkeit und Mitgefühl von anderen zu gewinnen. Wenn die Person Beschwerden bei sich selbst vortäuscht, handelt es sich um das einfache Münchhausen-Syndrom; täuscht sie Beschwerden bei anderen vor oder verursacht sie diese bei anderen, dann leidet sie am Münchhausen-Stellvertretersyndrom. Im DSM-IV wird zwischen dem Münchhausen-Syndrom und Simulantentum unterschieden. Simulantentum wird definiert als das Vorspielen oder Hervorrufen von Krankheitssymptomen in der Hoffnung auf einen finanziellen Vorteil. Simulanten gelten nicht als psychisch krank. Es handelt sich dabei um vorsätzlichen Betrug.

Meistens sind es Mütter, die am Münchhausen-Stellvertretersyndrom
leiden, doch sind auch Fälle belegt, in denen Väter Beschwerden bei ihren
Kindern vortäuschten oder hervorriefen, Ehemänner bei ihren Ehefrauen, Nichten
bei ihren Tanten. Die Ärzte bemerken oft über Monate und sogar Jahre hinweg nichts. Schätzungen über die Verbreitung des Münchhausen-Syndroms in der Bevölkerung sind schwierig. Die Dunkelziffer ist gerade deshalb so hoch, weil die Betroffenen sich nicht verstecken, ganz im Gegenteil.

Auf den ersten Blick scheint es unverständlich, dass das Münchhausen-Syndrom so selten entdeckt wird. Doch die Beziehung zwischen Arzt und Patient ist ein beidseitiges Vertrauensverhältnis. „Im Gesundheitswesen“, so Caroline Burton, eine Ärztin an der Mayo Clinic in Florida, die sich mit Fällen des Münchenhausen-Stellvertretersyndroms mit erwachsenen Opfern beschäftigt, „verlassen wir uns auf das, was die Patienten uns erzählen.“ Selbst wenn ein Arzt vermutet, dass ein Patient lügt, lohnt es sich meistens nicht, ihm deshalb die Behandlung zu verweigern. Denn was, wenn der Arzt sich täuscht und der Patient wirklich krank ist? „Man muss vorher hundertprozentig ausschließen, dass nicht wirklich körperliche Beschwerden vorliegen“, so Burton. „Doch bevor man eine Diagnose ausschließen kann, muss man ganz schön viele Untersuchungen machen.“

Das Münchhausen-Stellvertretersyndrom kann man nur beim Täter oder der Täterin diagnostizieren, nicht beim Opfer. Dee Dee ist tot, deshalb kann keine Diagnose mehr gestellt werden. Sie hat kein Tagebuch und auch sonst keine Unterlagen hinterlassen, aus denen man ihre Beweggründe ableiten könnte. Sie besaß einen Ordner mit medizinischen Informationen, in dem sie offenbar immer nachsah, welche Informationen sie welchem Arzt gegeben hatte. Und ihr Verhalten passt zu bestimmten Mustern, die Ärzte als Warnhinweise auf das Münchhausen-Stellvertretersyndrom sehen: So ist es typisch, dass Dee Dee eine medizinische Ausbildung hatte. Die große Anzahl von Ärzten, zu denen sie Gypsy im Lauf der Jahre brachte, sind ein Hinweis, ebenso die Umzüge, wegen denen sich keine klare Patientengeschichte nachvollziehen lässt. Die Angst, Gypsy könne Atemstillstände im Schlaf erleiden, gilt sogar als typischer früher Warnhinweis, da das Münchhausen-Stellvertretersyndrom in vielen nachgewiesenen Fällen mit einer falschen Schlafapnoe-Diagnose beginnt.

Doch wie Burton mir erklärte, ist es überhaupt nicht selten, dass entferntere Familienmitglieder – und manchmal sogar das direkte Familienumfeld – überhaupt nicht mitbekommen, dass die Krankheit vorgetäuscht wird. „Die Täter sind sehr intelligent“, sagte sie. „Sie wissen genau, wie sie andere manipulieren können.“

Sie manipulieren auch ihre Opfer. Je länger die Vortäuschungen andauern, desto wahrscheinlicher ist es, dass der vorgebliche Patient mit dem Täter zusammenarbeitet. Ein Kind möchte von der Mutter gelobt werden, und oft reicht das schon aus. Es täuscht Krankheitsbeschwerden vor, weil die Mutter es sich wünscht. Aber auch bei Erwachsenen existieren oft so enge emotionale Bindungen, dass der Patient die Lüge mitträgt. „Zwischen den beiden kann sich eine äußerst dysfunktionale Beziehung entwickeln“, erzählte mir Burton von den Fällen, die sie betreute. Und keine meiner Quellen hatte jemals von einem Fall gehört, in dem sich der Missbrauch bis weit ins Erwachsenenalter hinzog. Doch eines scheint klar: Für die Opfer in einem Fall mit Münchhausen-Stellvertretersyndrom gibt es keine objektive Wahrheit mehr.

Die Krankenakten von Gypsy sind ernüchternd. Schon im Jahr 2001 untersuchten die Ärzte am Tulane University Hospital Gypsy auf Muskeldystrophie. Alle Untersuchungen kamen mit negativem Befund zurück. Die Scans ihres Gehirns und ihrer Wirbelsäule sind sogar relativ klar. Diese Unterlagen haben alle Katrina überlebt. Trotzdem behauptete Dee Dee bei allen Ärzten, die sie in Louisiana und Missouri aufsuchte, Gypsy leide an Muskelschwund. Aus den Krankenakten geht hervor, dass die meisten Ärzte ihr einfach glaubten und keine eigenen Tests durchführten. Sie behandelten Gypsy wegen diverser Probleme mit Augen und Ohren, wegen Schlafschwierigkeiten und übermässigem Speichelfluss, die alle angeblich mit der Muskeldystrophie zu tun hatten. (Für diesen Artikel konnte ich nur einen Teil der Krankenakten von Gypsy einsehen. Niemand weiß, wie viele Akten sonst noch von ihr existieren.)

Es wurden mehrere chirurgische Eingriffe durchgeführt. Immer wieder wurde Gypsy an den Augenmuskeln operiert. Wegen angeblicher Mittelohrentzündung wurden Schläuche in ihre Ohren eingeführt. Sie wurde mit einer Magensonde ernährt und aß nur sehr selten mit dem Mund. Bis sie weit über zwanzig war, lebte sie von der Ersatznahrung PediaSure für Kinder. In ihre Speicheldrüsen wurde zuerst Botox injiziert, dann wurden sie entfernt, weil ihre Mutter sich beschwerte, Gypsy würde zu stark speicheln. Ihre Zähne waren kariös und mussten gezogen werden, wobei heute nicht mehr zu sagen ist, ob dies an mangelnder Zahnhygiene lag oder an der Kombination von Medikamenten mit gravierender Unterernährung.

Gypsy musste immer wieder körperlichen Eingriffe über sich ergehen lassen, wegen Krankheiten, an denen sie überhaupt nicht litt. Es waren schwere Eingriffe und sie zogen sich über einen sehr langen Zeitraum hin. Ob überhaupt irgendetwas davon medizinisch notwendig war, kann heute kaum mehr festgestellt werden. Außer Frage steht jedoch, dass Gypsy bei den ersten Eingriffen sehr jung war und sie sich gegen die Entscheidungen der Autoritätspersonen – ihre Mutter und die Ärzte und Ärztinnen – nicht zur Wehr setzen konnte.

Trotz etlicher Unstimmigkeiten fiel den Ärzten nicht auf, dass Dee Dees Geschichten nicht zusammenpassten – nicht einmal dem Schlafmediziner Robert Beckermann, der Gypsy in New Orleans und in Kansas City behandelte. Stattdessen berichtete er in der Krankenhaus-Zeitung über seine Behandlung von Gypsy und notierte mehrfach in der Patientenakte, dass sie und Dee Dee seine „Lieblings-Mutter-und-Tochter-Patientin“ wären. (Beckermann reagierte nicht auf meine Anfragen, ob er mir für den Artikel eine Stellungnahme geben wolle.)

Es gab eine Ausnahme. 2007 wurde der Kinderneurologe Bernardo Flasterstein in Springfield zu Gypsys Behandlung hinzugezogen. Ihm kam Gypsys Fall seltsam vor. In einem Telefonat erzählte er mir, dass er schon beim ersten Treffen mit Dee Dee und Gypsy seine Zweifel hatte. Dee Dees Geschichten über Gypsys endlose Liste von Krankheiten beeindruckten ihn nicht. Nach dem ersten Besuch vermerkte er in seinem Arztbrief an Gypsys Hausärztin: „Die Mutter hat kein klares Bild von der Krankengeschichte.“ Der Satz ist fett gedruckt und unterstrichen.

In seinen Notizen vermerkte er, für eine Muskeldystrophie-Patientin gäbe es eine „untypische Verteilung“ der Schwäche der Muskulatur. Trotzdem, so Flasterstein, gab er der Kollegin einen Vertrauensbonus und schickte Gypsy zu all den üblichen Untersuchungen, ließ einen MRT-Scan machen und ein großes Blutbild. Die Tests kamen alle mit normalen Werten zurück. „Ich bat Gypsy, aus dem Rollstuhl aufzustehen“, erzählte er mir, „und sie konnte ihr eigenes Gewicht halten!“ Zu Dee Dee habe er gesagt: „Es gibt keinen Grund, warum sie nicht laufen können soll.“

Flasterstein kontaktierte einen Arzt in New Orleans, bei dem Gypsy früher gewesen war. Von ihm erfuhr er, dass eine Muskelbiopsie durchgeführt worden war, mit negativem Befund. Gypsys damalige Neurologin hatte dies Dee Dee auch erklärt. Doch als sie mit der Sachlage konfrontiert wurde, ging Dee Dee einfach nicht mehr zu diesen Ärzten.

„Nach der Faktenlage und nach Gesprächen mit ihren früheren Kinderärzten“, vermerkte Flasterstein in der Patientenakte, „besteht die hohe Wahrscheinlichkeit, dass es sich hier um einen Fall von Münchhausen-Stellvertretersyndrom handelt, vielleicht mit unbekannten, darunterliegenden Ursachen, die ihre Symptome erklären.“ Nach diesem Besuch ging Dee Dee nicht mehr zu ihm. „Ich nehme an, sie hat den Arztbrief gelesen“, vermutete Flasterstein. Seine Sprechstundenhilfen erzählten ihm später, Dee Dee hätte sich beim Verlassen der Praxis beschwert, er hätte überhaupt keine Ahnung.

Flastersteine fragte nie nach, wie es mit Gypsy und Dee Dee weitergegangen war. Mir erzählte er, alle Ärztinnen und Ärzte in Springfield, bei denen Gypsy in Behandlung war, hätten Dee Dees Geschichte „voll und ganz geschluckt“. Ihm war geraten worden, er solle die beiden mit Samthandschuhen anfassen. Er befürchtete, wenn er seinen Verdacht dem Sozialdienst meldete, würde ihm dort auch niemand glauben.

Heute bedauert Flasterstein, dass er nicht mehr getan hat. Er war sich unsicher, sagte er. In seiner jahrzehntelangen Karriere hatte er zuvor nur einen einzigen Fall von Münchhausen gesehen. Von dem Mord erfuhr er erst durch die Mail einer früheren Sprechstundenhilfe. „Die arme Gypsy“, sagte er am Telefon. „All die Jahre musste sie so leiden, ohne jeden Grund.“ Er wünschte, er hätte „sich entschlossener für sie eingesetzt“.

Doch es war nicht die einzige verpasste Gelegenheit, bei der die Behörden hätten eingreifen können. Im Herbst 2009 ging auf dem Polizeirevier Springfield ein anonymer Anruf ein, in dem eine polizeiliche Überprüfung gefordert wurde. Der Anrufer sagte, es bestünden Zweifel, dass Gypsy wirklich an all den Krankheiten leide, von denen ihre Mutter berichtete. (Flasterstein verneint, dass er der Anrufer war.) Die Polizei schickte eine Streife zu den Blanchardes, aber Dee Dee konnte alle Zweifel ausräumen. Sie verwende manchmal andere Geburtsdaten und schreibe ihren Nachnamen etwas anders, erklärte sie den Polizisten, damit ihr gewalttätiger Ehemann sie und Gypsy nicht finden könne. Niemand fragte bei Rod Blanchard nach oder überprüfte ihre Aussage. Die Polizei akzeptierte die Erklärung einfach. Gypsy, schrieben sie in ihrem Bericht, „habe eine Form von geistiger Behinderung.“ Damit war der Fall abgeschlossen.

Und einmal versuchte Gypsy selbst, ihrer Mutter zu entkommen. Auf der Science Fiction Convention, auf der auch Kim Blanchard und ihr Mann waren, lernte Gypsy einen Mann kennen. Die beiden kommunizierten online. Zu diesem Zeitpunkt, im Februar 2011, vermittelten Gypsy und Dee Dee allen, sie wäre erst 15. (In Wirklichkeit war sie 19.) Laut Kims Aussage war der Mann 35 Jahre alt. Er nahm Gypsy mit auf sein Hotelzimmer. Mit Hilfe anderer Leute auf der Convention – „Wir waren alle überängstlich, was Gypsy betraf“, sagte Kim Blanchard – machte Dee Dee sie ausfindig. Offenbar klopfte sie an die Tür des Hotelzimmers mit Papieren, die bewiesen, dass Gypsy minderjährig war. Der Mann ließ Gypsy gehen. (Ich konnte ihn nicht für eine Stellungnahme erreichen.)

Nach diesem Ereignis war Dee Dee so wütend, dass sie öffentlich ausflippte. Sie zerschlug den Computer mit einem Hammer und verfluchte im Freundeskreis lauthals das Internet. Als schließlich ein neuer Rechner angeschafft wurde, durfte Gypsy nur unter Dee Dees Überwachung surfen. Noch Monate später, erzählte Kim Blanchard, sei Gypsy stiller und kleinlaut gewesen. Doch „sie verhielt sich nicht anders als ein normales Kind, das Probleme mit seiner Mutter hat.“

Wegen der ganzen Situation haben die Bekannten in Springfield heute Schuldgefühle. „Ich wünschte mir nur, sie hätte sich mir anvertraut“, sagte Aleah Woodmansee. So wie ihr geht es vielen Menschen. Wäre Gypsy nur ein einziges Mal aufgestanden und durchs Zimmer gelaufen, das Lügengebäude wäre zusammen-gebrochen. Doch so einfach war es offenbar nicht für sie. Auf eine Art kann man das gut verstehen. Gypsy ist, wie es so schön heißt, durch die Maschen gefallen. Sie konnte sich nicht vorstellen, wie ein anderes Leben für sie hätte aussehen können. Das änderte sich erst, als sie Nick Godejohn traf.

Wären die Umstände andere gewesen, dann hätte ein so langer und verwickelter Fall von Kindesmissbrauch Gypsy sicherlich viele Sympathien eingebracht. Doch weil auch Betrug mit im Spiel war, reagierten viele Menschen verärgert. Insbesondere Menschen, die Gypsy und Dee Dee überhaupt nicht gekannt hatten. Anscheinend treibt es eine Menge Leute ziemlich um, ob kranke und behinderte Menschen ihre Großzügigkeit auch verdient haben. Facebook-Gruppen wurden ins Leben gerufen, die sich darüber zerstritten, ob man Gypsy die Schuld geben könne oder ob Rod und Kristy an den Betrügereien beteiligt waren. Manche der Gruppen hatten zeitweise über 10.000 Mitglieder, einige posteten jeden Tag über das Verbrechen und verbreiteten völlig unhaltbare Theorien über die Ereignisse.

Es wäre nicht ganz so schlimm gewesen, wenn diese Spekulationen sich auf private Foren beschränkt hätten. Doch einigen der Amateurdetektive genügten die Online-Diskussionen nicht. Sie wollten ihren Teil zu den echten Ermittlungen beitragen. Meagan Pack aus St. Louis, die für das Portal Thought Catalog schreibt, sammelte alle „Hinweise“, die sie auf Facebook über Gypsys und Dee Dees Geschichte erhalten hatte. Sie veröffentlichte sie in einem weit verbreiteten Post. Pack erzählte mir, dass sie dem ermittelnden Polizeibeamten telefonisch alle ihre „Erkenntnisse“ weitergegeben hätte. Auch andere Leser auf Facebook belästigten die Polizei mit ihren Spekulationen. Als die Gerichtsverhandlung begann, tauchten diese Leute im Gerichtssaal auf. Eine Frau war sogar schon vor Dee Dees Haus gewesen, als der erste „Die Schlampe ist tot“-Facebook-Post sich in Springfield wie ein Lauffeuer verbreitet hatte. Sie hatte keinerlei Verbindung zu Gypsy und Dee Dee und wurde schließlich von den Nachbarn und der Polizei vom Tatort vertrieben.

Das Ende vom Lied war ein Informationschaos. Kim Blanchards GoFundMe-Seite war ein gefundenes Fressen für die Internetschnüffler. Kim nahm die Seite vom Netz, als der Sheriff Dee Dees finanzielle Betrügereien publik machte, doch zu diesem Zeitpunkt hatten die Gruppen Kim schon ins Visier genommen. Viele waren überzeugt, dass Kim und David Blanchard über ihre Beziehung zu Gypsy und Dee Dee nicht die Wahrheit sagten, und wegen ihres Nachnamens wurde allgemein angenommen, sie wären mit ihnen verwandt.

Kristy Blanchard las währenddessen auf Facebook all die Posts über ihre Stieftochter. Ihr wurde klar, dass viele Leute glaubten, sie und Rod wären in Dee Dees Unternehmungen eingeweiht gewesen. Andere hielten Rod für einen Rabenvater, der sich um die Unterhaltszahlungen drückte. „Sie wissen überhaupt nicht, dass ich Gypsy immer unterstützt habe“, sagte er. „In jeder Hinsicht“, fügte Kristy hinzu. Gypsy und Nick hatten Dee Dees Tresor ausgeräumt und waren mit ungefähr 4000 Dollar geflohen. Wahrscheinlich besaß Dee Dee überhaupt nur eine so hohe Summe an Bargeld, weil sie immer Rods Unterhaltsschecks bekam. (Sie verstarb, ohne eine Testament zu hinterlassen und offenbar ohne größere Besitztümer.)

Am Anfang versuchte Kristy noch, sich und Rod in diesen Gruppen zu verteidigen, doch die Mitglieder ließen sich nur schwer überzeugen. „Es war die Hölle“, sagte sie. Sie verließ schließlich alle Gruppen und bat Freunde und Familienangehörige, keine der vielen Freundschaftsanfragen mehr anzunehmen.

Die Nachbarn in Springfield hatte das gleiche Problem. Amy Pinegar versuchte ein paar Mal, den Internetschnüfflern klarzumachen, dass sie die Ereignisse völlig falsch darstellten. „Da kamen nur noch Beleidigungen“, sagte sie. Die eh schon verwirrende Situation, die Dee Dee hinterlassen hatte, wurde durch die Aktionen der obsessiven Amateurdetektive nur noch verwirrender. Und sie ließen nicht locker. Bei einer Anhörung im September 2015, bei der ich anwesend war, tauchten auch zwei Vertreter der größten Facebook-Gruppe auf. Nach der Anhörung gingen sie schnurstracks zum Kamerateam des örtlichen Nachrichtensenders und redeten mit den Reportern. Gypsys Anwalt, Michael Stanfield, hatte sie auch bemerkt und eilte aus dem Gerichtssaal, um sie aufzuhalten.

„Wer sind diese Leute“, fragte er das Kamerateam. „Was haben sie gesagt?“

Eine Zeitlang sah es ganz so aus, als würde Gypsys Fall vor Gericht gehen. Der Staatsanwalt hatte eine Forderung nach der Todesstrafe abgelehnt, doch sowohl Gypsy wie Nick Godejohn wurden des vorsätzlichen Mordes angeklagt. Im Verlauf der weiteren Ermittlungen wurden SMS zwischen den beiden entdeckt, in denen offensichtlich Dee Dees Tod geplant wurde. „Süße, du vergisst, wie gnadenlos ich bin. Ich hasse sie so, das allein wird sie schon umbringen“, simste Godejohn Gypsy. „Meine böse Seite erledigt das. Er vermasselt auch nichts, denn er hat Spaß am Töten.“ Die Staatsanwaltschaft fand offenbar auch Beweise in den sozialen Medien, in denen Gypsy Godejohn direkt aufforderte, ihre Mutter umzubringen. Diese wurden allerdings nie öffentlich gemacht. Unterlagen aus den Ermittlungen vor dem Prozess belegen, dass Godejohn schon im Mai 2014 einem Freund erzählte, Gypsy wolle ihre Mutter umbringen.

Godejohns Bemerkung über seine „böse Seite“ gehörte zu dem ausschweifenden Fantasieleben, das er und Gypsy sich online geschaffen hatten, größtenteils in einem Netz aus verschiedenen Facebook-Konten. Sie standen auf BDSM-Symbolik. Sie hatten sich fiktionale Namen und Rollen füreinander ausgedacht. Sie fotografierten sich in Fantasy-Outfits. Einmal verkleidete sich Gypsy als die Comicfigur Harley Quinn und nahm ein Selfie von sich mit einem Messer in der Hand auf. Fantasie und Wirklichkeit ging häufig ineinander über, für beide. Noch heute ist nicht klar, warum Godejohn sich überhaupt auf den Mordplan einließ. Er war vorher noch nie wegen Gewalttätigkeit aufgefallen. (Im einem Telefonat erklärte mir Andrew Mead, Godejohns Anwalt, sein Mandant wolle zu dem Fall keine Stellungnahme abgeben.) Er war ein einziges Mal vorher festgenommen worden, wegen Erregung öffentlichen Ärgernisses, als er sich 2013 in einem McDonald auf einem Tablet Pornos anschaute. Dennoch sagten sowohl er, als auch Gypsy aus, er sei derjenige gewesen, der die tödlichen Stiche mit dem Messer ausgeführt habe. Gypsy behauptete, sie habe sich im anderen Zimmer aufgehalten und zugehört. Ein Taxifahrer, der die beiden nach dem Mord in Springfield herumgefahren hatte, berichtete in einem Interview, er habe den Eindruck gehabt, Gypsy sei die Anführerin gewesen.

Gypsys Anwalt Michael Stanfield arbeitet als Pflichtverteidiger. In einem normalen Jahr, erzählte er mir, bekommt er über 270 Fälle. Er wurde zufällig Gypsys Fall beigeordnet, er hatte keine Ahnung, was auf ihn zukam. „Das ist wahrscheinlich der komplizierteste Fall, mit dem ich je zu tun haben werde“, sagte er. Das Amtsgericht von Green County konnten zusätzlich einen früheren Spitzen-Pflichtverteidiger, Clate Baker, der schon in Rente war, für den Fall gewinnen. Zudem standen Stanfield noch ein Ermittler und eine Rechtsanwalts- und Notarfachkraft zur Seite. Kristy und Rod konnten sich keinen eigenen Anwalt leisten, doch sie versicherten mir mehrmals, dass sie Gypsy nie geraten hätten, sich einen anderen Anwalt zu nehmen. Stanfields Kompetenz und Gelassenheit beeindruckte alle.

Kompliziert beschreibt ziemlich genau, wie sich die Rekonstruktion der Ereignisse gestaltete. Stanfield fuhr nach Louisiana und entdeckte dort weitere Einzelheiten aus Dee Dees Vergangenheit. Es dauerte Monate, bis er Gypsys Krankenakten einsehen konnte. Nach Gypsys 18. Geburtstag hatte Dee Dee sich eine Vollmacht ausstellen lassen, laut der sie befugt war, alle medizinischen Entscheidungen für Gypsy zu treffen. Die Krankenhäuser verweigerten die Kooperation mit Stanfield, obwohl die Vollmacht sich nicht auf Gypsys Recht erstreckte, ihre eigenen Krankenunterlagen einzusehen.

Als die Krankenakten schließlich vorlagen, waren sie so eindeutig, dass Stanfield seine Nachforschungen einstellte und den Staatsanwalt anrief. Sie handelten einen Deal aus. Am 5. Juli 2016 bekannte sich Gypsy des Mordes mit bedingtem Vorsatz schuldig. Der Richter verurteilte sie zur Mindeststrafe: 10 Jahre. Mit dem Jahr, das sie schon abgesessen hat, kann sie in knapp sieben Jahren einen Bewährungsantrag stellen, also Ende 2023. Gypsy wird dann 32 Jahre alt sein.

Nicholas Godejohns Prozess war ursprünglich auf November 2016 angesetzt, dann auf Februar 2017 verschoben worden. Inzwischen hat der Richter ein zweites psychologisches Gutachten angeordnet. Laut Stanfield war es keine Bedingung von Gypsys Deal, dass sie gegen Godejohn aussagt. Bei einer Anhörung Mitte Juli 2016 wirkte er verwirrt und verloren. Ein Bart verdeckte fast sein ganzes Gesicht. Offenbar kommt von seiner Familie nie jemand zu den Anhörungen.

Als Gypsy in das Frauengefängnis in Vandalia, Missouri, eingewiesen wird, hat sie lange Haare, ihre Haut ist klar und sieht gesund aus, sie trägt eine Brille für Erwachsene. Sie hat alle ihre Medikamente abgesetzt. In dem Jahr, seit sie nicht mehr unter der Kontrolle ihrer Mutter lebt, hatte sie keinerlei gesundheitliche Probleme. „Die meisten meiner Mandanten nehmen im Gefängnis ab“, bemerkte Stanfield, weil das Essen so miserabel ist. Gypsy hat in den 12 Monaten, die sie im Green County-Gefängnis verbrachte, 7 Kilo zugenommen.

Kim Blanchard besuchte Gypsy ein Mal im Gefängnis. Sie erzählte mir: „Sie sah viel mehr wie die Person aus, die sie wirklich war, das genaue Gegenteil von der Person, die ich kannte. Es war, als hätte sie die ganze Zeit eine Verkleidung getragen, die sie jetzt abgelegt hatte.“

Trotzdem sind die Ereignisse nicht spurlos an Gypsy vorbeigegangen. Als ich das letzte Mal ihre Gefangenen-personalakte einsah, war ihr Nachname immer noch falsch geschrieben, mit dem E am Ende, das ihre Mutter offen-bar für eine gute Tarnung hielt. Im Greene County-Gefängnis hatte Gypsy jede Woche eine Therapiesitzung bei einer Psychologin. Ob sie in ihrem neuen Zuhause die Psychotherapie fortsetzen kann, ist noch nicht ent-schieden, auch nicht, ob ihre neue Psychologin wirklich geeignet ist für Gypsys besondere Situation.

Kurz nach dem Deal mit dem Staatsanwalt trafen Rod und Kristy sich mit Gypsy. Es war eine Erleichterung für sie, dass jetzt endlich klar war, was mit Gypsy geschehen würde. Sie haben noch nicht entschieden, ob sie die Krankenhäuser und Ärzte, bei denen Gypsy ihr Leben lang in Behandlung war, verklagen werden. Sie wollen warten, bis etwas Ruhe eingekehrt ist und sie mit Gypsy sprechen können. Als das Gerichtsver-fahren noch anhängig war, durften sie sich mit ihr nicht über den Mord unterhalten; der Staatsanwalt hatte es ihnen verboten. Jetzt können sie endlich offen sprechen. Sie wollen Gypsy zwei bis drei Mal im Jahr in der neuen Strafvollzugsanstalt besuchen. Doch es ist eine lange Strecke und reich sind die Blanchards immer noch nicht.

Vor Monaten erzählten mir Rod und Kristy, dass Gypsy ihnen immer noch kleine Lügen über ihr Leben auftischt und nicht immer ehrlich zu ihnen ist. Sie machen sich deshalb Sorgen. „Natürlich möchten wir, dass sie uns ganz vertrauen kann“, sagte Kristy.

Als ich vor Kurzen mit ihnen telefonierte, war Rods Stimmung gedrückt. Er klang älter. Er frage sich, erzählte er, was genau Dee Dee Gypsy in all den Jahren über ihn erzählt hatte. Früher hatte er sich solche Fragen nie gestellt. Doch in letzter Zeit frage er sich, wie Dee Dee immer so freundlich am Telefon hätte sein können, wenn sie ihn so sehr hasste. Er fragte Gypsy danach.

Gypsy antwortete ihm: „Sie sagte ,Behalt deine Feinde im Auge’.“

Fast das gesamte Jahr, als ich an diesem Artikel schrieb, war das Verfahren gegen Gypsy anhängig und ich durfte nicht mit ihr sprechen. Das änderte sich nach dem Deal mit der Staatsanwaltschaft. Ich schickte ihr eine Nachricht, und sie rief mich von der Haftanstalt in Missouri aus an. Im Verlauf von einigen Tagen führten wir immer wieder kurze Telefongespräche.

Ihre Stimme ist immer noch sehr hoch, doch nach allem, was wir jetzt wissen, kommt sie mir überhaupt nicht mehr kindlich vor. Die Leute hörten, was sie hören wollten. Gypsy spricht in langen, wunderschönen Sätzen. Manchmal drückt sie sich sogar ausgesprochen gewählt aus. Man kann kaum glauben, das jemand sich ernsthaft mit ihr unterhalten hat und sie für „zurückgeblieben“ halten konnte. Ich erinnere mich an all die Ärztinnen und Ärzte, die in ihren Akten vermerkten, trotz Gypsys angeblichen kognitiven Schäden, besäße sie einen „großen Wortschatz“.

Als sie einmal angefangen hatte, ihre Geschichte zu erzählen, war sie kaum mehr zu bremsen. Die Leute sollten verstehen, sagte sie, dass hier nicht ein Mädchen ihre Mutter ermordete, um mit ihrem Freund zusammen zu sein. Sondern, sagte Gypsy, hier hatte ein Mädchen einen Ausweg gesucht, um jahrelangem Missbrauch zu entkommen. Im Gefängnis möchte sie an allen möglichen Programmen teilnehmen. Und sie möchte ein Buch schreiben, um anderen zu helfen, die sich in einer ähnlichen Lage befinden.

Ich fragte sie, was ich sie schon ewig hatte fragen wollen: Wann wurde ihr klar, dass etwas an ihrem Leben nicht richtig war, dass etwas nicht stimmte? „Als ich 19 war“, sagte sie. Sie meint das Treffen mit dem Mann auf der Convention 2011. Als ihre Mutter sie aus dem Hotelzimmer holte, fragte sie sich, warum sie nie allein sein durfte, warum sie keine eigenen Freunde haben durfte.

Was sie über ihre Mutter denkt, ändert sich immer wieder. „Die Ärzte sagten immer, sie sei so liebevoll und fürsorglich“, sagte Gypsy. „Ich glaube, sie wäre die perfekte Mom für ein Kind gewesen, das wirklich krank ist. Aber ich bin nicht krank. Für mich war sie keine gute Mutter.“

Den Vorwurf, sie habe irgendjemanden betrogen, weist Gypsy von sich. „Mich hat sie genauso ausgenutzt wie alle anderen”, sagte sie. „Sie hat mich für ihre Interessen missbraucht. Ich verstand nicht, was wirklich los war. Aber ich wusste, dass ich aufstehen und laufen konnte, dass ich essen konnte. Was alles andere betrifft ... Wenn sie mir immer den Kopf kahl geschoren hat, sagte sie: ,Die fallen doch eh wieder aus, deshalb rasieren wir jetzt alles ganz ordentlich ab’.“ Gypsy sagte, ihr Mutter hätte ihr erklärt, sie habe Krebs. Und dass die Medikamente für die Krebsbehandlung wären. Sie akzeptierte das einfach.

Als ich sie nach ihrer hohen Stimme fragte, wurde Gypsy wütend. „Dafür kann ich nichts. Das ist einfach so. So klingt meine Stimme eben.“

Meistens kam es ihr gar nicht in den Sinn, etwas in Frage zu stellen, und wenn, dann hatte sie Angst, sie könne die Gefühle ihrer Mutter verletzen. Gypsy vermutet heute, dass Dee Dee sie wahrscheinlich wirklich für krank hielt. „Ich hatte Angst, dass wir Schwierig-keiten bekommen“, erzählte Gypsy. „Der Unterschied zwischen Richtig und Falsch ... war irgendwie unklar. So hat sie es mir beigebracht. Ich bin einfach so aufgewachsen.“

„Wenn ich heute daran denke“, sagte sie, „dann wünsche ich mir, dass ich früher jemandem davon erzählt hätte, nicht erst Nick.“

Sie surfte meistens spät in der Nacht im Internet, wenn ihre Mutter im Bett war. Nick, erzählte sie, war der erste Mensch, der sie wirklich beschützen wollte. Sie glaubte ihm. Nach allem, was geschehen ist, glaubt sie, dass er viel unterdrückte Wut in sich hatte. Immer wieder übernimmt sie die Verantwortung für den Mord. „Was ich gemacht habe, war falsch. Damit muss ich leben.“ Doch sie sagte auch, dass Nick derjenige war, der „einen Plan, den wir beide uns ausgedacht hatten ... in die Tat umsetzte.“ Es war Gypsys Idee gewesen, die erste Nachricht über den Mord auf Facebook zu posten, damit die Polizei ihre Mutter findet. Sie erinnerte sich, wie sie Nick fragte: „Können wir bitte etwas auf Facebook posten, etwas Schlimmes, damit die Leute die Polizei alarmieren?“ Aber sie erzählte auch, er habe ihr diktiert, was sie posten soll.

Immer wieder fragte ich sie: Bist du wütend? Auf deine Mutter? Auf die Ärzte? Sie sei enttäuscht, mehr sagte sie nicht. „Keiner der Ärzte wollte sehen, dass ich vollkommen gesund bin. Das frustriert mich. Meine Beine sind nicht dünn, wie die Beine von jemandem, der wirklich gelähmt ist. Ich kann ... Ich brauche keine Magensonde. All das haben sie nicht sehen wollen.“ Im Gefängnis hat Gypsy Zugang zum Internet. Sie googelte das Münchhausen-Stellvertretersyndrom, weil ihre Situation so oft mit dem Begriff beschrieben wurde. Sie erzählte mir, dass jedes Symptom haargenau auf ihre Mutter passte.

Einmal beschrieb Gypsy einen Aspekt des Missbrauchs so genau, dass es mich völlig mitnahm. Ich wusste nicht mehr, was ich sagen sollte, dabei war Gypsys Telefonzeit bald vorbei. Da platzte ich heraus mit: „Es tut mir alles so leid für dich.“ Im nächsten Moment verwandelte sie sich in das Mädchen aus den anrührenden Fernsehinterviews von früher. „Ist schon in Ordnung. Ehrlich, es hat mich zu einem besseren Menschen gemacht. Ich glaube wirklich, dass nichts ohne Grund geschieht.”

Sogar die Länge ihrer Gefängnisstrafe akzeptiert Gypsy vollkommen. Im Gefängnis fühle sie sich freier als während der Jahre, als sie zusammen mit ihrer Mutter lebte. „Diese Zeit hier tut mir gut“, sagte sie. „Ich bin dazu erzogen worden, das zu tun, was meine Mutter mir beigebracht hat. Und das war nichts Gutes.“

„Von ihr habe ich das Lügen gelernt, und ich will nicht mehr lügen. Ich möchte ein guter und ehrlicher Mensch sein.“ ●


Dieser Artikel erschien zuerst auf Englisch. Übersetzung von Lisa Kuppler.


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