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Holocaust-Überlebende aus London erzählen ihre Geschichte

Am diesjährigen UK Holocaust Memorial Day, dem britischen Holocaust-Gedenktag, jährt sich die Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz-Birkenau zum 70. Mal. Wir haben mit Lily, Josef, Renee und Zigi, vier Holocaust-Überlebenden aus London, gesprochen.

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Am Dienstag, dem 27. Januar 2015, wird der Befreiung des NS-Konzentrationslagers Auschwitz-Birkenau in Polen vor 70 Jahren gedacht. Dieser Tag ist seit 2001 auch der britische Tag des Gedenkens für die Opfer des Holocaust. Die weltweite jüdische Gemeinde ehrt die Opfer der Shoa alljährlich am Gedenktag Jom haScho’a im April.

Zu den Opfern des Holocaust zählen auch Sinti und Roma, körperlich oder geistig Behinderte, Homosexuelle, politisch Andersdenkende, Gewerkschafter, Kriegsgefangene und andere Gruppen.

Einige Überlebende haben ihr Leben dem Ziel gewidmet, die Menschheit über das Grauen des Holocaust aufzuklären und treten in Schulen und bei öffentlichen Veranstaltungen auf der ganzen Welt auf. Mit Unterstützung des Holocaust Educational Trust konnten wir vier von ihnen an ihrem Londoner Wohnort besuchen: Lily, Josef, Renee und Zigi, die ursprünglich aus Polen, der Tschechoslowakei und Ungarn stammen.

Lily Ebert ist nach Kriegsende siebenmal nach Auschwitz gereist - zum ersten Mal in den frühen Siebzigerjahren, später mit zwei Generationen ihrer Familie, ihrer Tochter und Enkeltochter. Die 85-Jährige drängt förmlich darauf, dass ich sie besuche, denn jetzt, sagt sie mir am Telefon, "ist für uns die letzte, die allerletzte Gelegenheit, über unsere Erlebnisse zu berichten".

Zu Hause bewahrt Lily über 1000 Briefe von Schulkindern auf, die durch ihre Reden zutiefst ergriffen waren. "Warum ich Ihnen diese Geschichte jetzt erzähle? Warum erzähle ich sie eigentlich überhaupt irgendjemandem?", fragt sie mich im Esszimmer. "Ich tue es nicht, damit Sie erfahren sollen, wie sehr ich gelitten habe. Das ist nicht Ihr Problem. Sie haben schließlich ein eigenes Leben. Jeder Mensch hat sein eigenes Leben.

Ich möchte der Welt zeigen, was geschieht, wenn Menschen intolerant gegenüber anderen sind. Ich möchte Toleranz lehren."

Lili lehnt das traditionelle Frage-Antwort-Interview ab und möchte ihre Geschichte auf ihre ganz eigene Weise erzählen. "Verstehen Sie, ich weiß ganz genau, was ich sagen will", erklärt sie mir. "Ich brauche keine Fragen."

Lili erzählt, sie habe drei ganz unterschiedliche Leben gehabt: "Ich hatte meine behütete Kindheit, ich hatte ein Leben in der Hölle und ich hatte ein Leben nach der Hölle, als ich wieder zu leben begann." Sie wuchs in einer jüdischen Mittelschichtfamilie als ältestes von sechs Geschwistern im ungarischen Bonyhád auf. Ihre Eltern, "die besten Eltern, die man sich nur wünschen kann", konnten sie in den Anfangsjahren des Krieges noch vor den Judenverfolgungen schützen.

Brutal aus ihrer Kindheit gerissen wurde Lily 1944, als sie fünfzehn Jahre alt war und die Deutschen in Ungarn einmarschierten. Damals, sagt sie, seien 75 Prozent der jüdischen Bevölkerung schon tot gewesen. "Ich kann es kaum begreifen, aber selbst die Erwachsenen haben nichts davon gewusst. Wahrscheinlich, weil die Kommunikationsmittel von damals nicht wie die heutigen waren."

Der deutsche Einmarsch in Ungarn fand zu einer Zeit statt, als die Chancen auf einen Sieg der Deutschen schon schlecht standen. "Sie wussten, ihnen würde nicht viel Zeit bleiben, aber sie waren entschlossen, die ungarisch-jüdische Bevölkerung auszurotten. Sie wussten auch schon, auf welche Weise sie dies tun wollten."

Jüdische Menschen wurden gezwungen, ihr Hab und Gut abzugeben und den Davidsstern auf der Kleidung zu tragen, damit man sie von der übrigen Bevölkerung unterscheiden konnte. Lily und ihre Familie wurden in ein von den Nazis eingerichtetes jüdisches Getto umgesiedelt. Anfang Juli 1944 brachte man sie an eine Bahnstrecke, wo bereits Viehwaggons auf sie warteten. In jeden davon wurden 70 bis 80 Menschen gepfercht, pro Waggon stand je ein Eimer mit Wasser und einer für die Verrichtung der Notdurft zur Verfügung.

"Die Hitze dort drinnen kann man einfach nicht beschreiben", sagt Lily. "Und ich versichere Ihnen: Würde man Tiere heutzutage auf diese Weise zum Schlachten schicken, die gesamte Welt würde aufschreien. Einige von uns hatten das Glück, schon während des Transports zu sterben."

Lilys Mutter hatte Schmuck versteckt und mitgenommen - in einem hohlen Absatz, den ihr Bruder mit einem Nagel am Schuh befestigt hatte. Während der Fahrt tauschte die Mutter mit Lily die Schuhe, beide hatten die gleiche Größe. "Warum sie das tat?", fragt Lily. "Ich weiß es wirklich nicht."

Nach fünf Tagen Fahrt hatte der Zug sein Ziel erreicht: Das Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau. Lily und ihre Familie mussten aussteigen und sich hintereinander in Reihen aufstellen. Ein deutscher Soldat "mit glänzenden Stiefeln und einem Stock in der Hand" schickte die Menschen mit einer Handbewegung entweder nach links oder nach rechts. "Alte Leute und Mütter mit Babys mussten nach links gehen, junge Menschen, die offenbar noch arbeiten konnten, nach rechts."

Diese "Selektion" wurde von dem berüchtigten Dr. Josef Mengele vorgenommen, einem Nazi, der in Auschwitz medizinische Experimente an Häftlingen durchführte und für zahlreiche weitere Gräueltaten bekannt war.

Lilys Mutter, ihren jüngeren Bruder und eine ihrer Schwestern schickte man nach links, sie selbst und ihre anderen beiden Schwestern mussten nach rechts. Wer nach links ging, kam auf direktem Weg in die Gaskammer. "Mütter mit Babys, kleine Jungen und Mädchen liefen in denTod. Aber sie wussten es nicht."

Lily und ihre Schwestern kamen bald dahinter, was in Auschwitz passierte: "In der Nähe sahen wir einen Schornstein. Aus dem Schornstein kamen Feuer und dieser entsetzliche Geruch."

"Wir fragten Leute, die schon länger dort waren, was das denn für eine Fabrik sei. Sie sagten: 'Das ist keine Fabrik. Sie verbrennen gerade eure Verwandten.' Und wissen Sie, was wir ihnen antworteten? 'Ihr seid doch verrückt!' Wir glaubten es ihnen nicht. Aber schon bald wurde uns klar, dass es die Wahrheit war."

Hören Sie hier, wie Lili von ihrer Ankunft in Auschwitz berichtet:

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In Auschwitz mussten Lily und ihre beiden Schwestern zermürbende Appelle erdulden, während derer die Anwesenheit der Häftlinge penibel überprüft und die Toten weggetragen wurden. Regelmäßig fanden auch "Selektionen" statt: Die kräftigeren Häftlinge wurden zur Fabrikarbeit eingeteilt, während andere, die schon geschwächt oder krank waren, im Krematorium endeten.

Im Oktober 1944 wurde Lily mit ihren Schwestern zur Arbeit in einer Munitionsfabrik in Altenburg in Deutschland gezwungen, wo sie trotz geringer Essensrationen täglich 12 Stunden schuften mussten. Dennoch sagt sie heute: "Das war für uns schon leichter, denn dort gab es kein Krematorium und es fanden keine Selektionen statt."

Dann, an einem Tag im April 1945, bombardierten die Amerikaner Leipzig. Lily konnte den Lärm bis nach Altenburg herüber hören. "Sie [die Nazis] schickten uns auf einen Todesmarsch", berichtet sie. "Sie wollten die Leute aus der Fabrik in einen Wald bringen, sie wollten uns fertigmachen, umbringen. Wir marschierten mehrere Tage lang, ohne Essen, ohne Schlaf. Noch schlimmer aber war, dass wir dieses Mal keine Schuhe trugen."

Nach drei Tagen tauchten amerikanische Flugzeuge über ihnen auf, worauf die deutschen Soldaten flüchteten. Lily wurde befreit.

"Für die Amerikaner sahen wir nicht wie Männer oder Frauen aus. Wir waren völlig zerlumpte Gestalten, mehr tot als lebendig. Ich glaube, so etwas hatten die noch nie zuvor gesehen. Aber eins sahen sie wohl: Dass sie uns helfen mussten."

Während der gesamten Zeit in Auschwitz und auch in Altenburg trug Lily den goldenen Anhänger bei sich, erst im Schuhabsatz, dann, als dieser durchgelaufen war, in einem Stück Brot versteckt. "Und diesen kleinen Anhänger", sagt sie und zeigt auf ihren Hals, "trage ich jeden Tag."

Dann zeigt sie mir ein kleines Loch in dem Anhänger. Durch dieses Loch, erklärt Lily stolz, habe ihr Bruder das Schmuckstück mit einem Nagel am Schuh der Mutter befestigt, und fügt hinzu: "Ich glaube, es ist das einzige Gold, das nach Auschwitz hinein- und auch wieder hinausgelangte, und das zusammen mit seiner ursprünglichen Besitzerin."

Auf die Frage, welchem Umstand sie ihr Überleben verdanke, antwortet Lily: "Wenn Ihnen jemand erzählt, er habe überlebt, weil er oder sie schlau war, dann ist es nicht wahr. Es war Zufall.

Vielleicht musste ich überleben, denn im Lager hatte ich mir geschworen: 'Wenn ich durch ein Wunder überleben sollte, werde ich der Welt über das, was geschehen ist, berichten.' Ich sah doch, dass die Welt von all dem nichts wusste."

Lily hielt, was sie sich einst selbst versprach. Sie sprach in Schulen vor Angehörigen vieler Religionen, vor Juden, Christen und Muslimen.

"Ob man nun schwarz oder weiß ist, einen anderen Glauben hat oder eine andere Nationalität, das macht keinen Unterschied", sagt sie am Ende ihrer Geschichte. "Man ist nicht besser und nicht schlechter als andere, man ist nur anders. Wir Menschen haben alle rotes Blut, und es schmerzt, wenn man uns schneidet."

Der junge Josef Perl war fast den gesamten Krieg über auf sich allein gestellt. Im Interview zeichnet er das Bild einer idyllischen frühen Kindheit in der ländlich gelegenen Kleinstadt Veliky Bochkov, die damals zur Tschechoslowakei gehörte. Als einziger Junge in seiner jüdischen Familie mit den acht Schwestern hatte er eine besondere Nähe zu seinem Vater, welcher eine Sägemühle betrieb. "Ich hatte ein glückliches Leben, reizende Schwestern und liebevolle Eltern", erzählt Josef. "Wir schätzten einander." Er erinnert sich, wie jüdische Nachbarn an Feiertagen zu Besuch kamen und aus der eigenen Torarolle vorlasen.

Die Tiere, die seine Familie besaß, faszinierten ihn sehr. Darunter war auch ein Pferd, das er als Vierjähriger geschenkt bekam, und ein Hund, der ihn auf Schritt und Tritt begleitete und beschützte.

Zur Schule ritt Josef auf dem Pferd, der Hund nahm die Zügel ins Maul und brachte sie sicher ans Ziel. Die drei waren unzertrennlich. "Sie und ich waren eins, wir verstanden einander", sagt Josef.

Im Jahre 1938, Josef war elf Jahre alt, kamen deutsche und ungarische Soldaten in das Gebiet, in dem er mit seiner Familie lebte, und nahmen den Juden sämtliche Tiere weg, darunter war auch Josefs Pferd. Als ein Soldat Josef packen wollte, begann sein Hund zu knurren, woraufhin der Soldat das Tier erschoss. "Ich verlor mein Pferd und meinen Hund an einem einzigen Tag", sagt Josef.

Die Judenfeindlichkeit erreichte auch Josefs Schule; tschechische Lehrer wurden durch ungarische ersetzt. Nach einer kurzen Schließung der Schule verkündete der Lehrer gleich am ersten Tag: "Die Juden sitzen dort auf dieser Seite, die Christen auf der anderen."

- "Das war für uns jüdische Kinder ein harter Schlag", erzählt Josef. "Als wir nach draußen gingen, wollten wir wie immer mit den anderen Kindern spielen, die Jungs mit den Mädchen und so weiter.

Aber die Kinder riefen gleich: 'Nein, nein! Ihr seid Juden, ihr müsst nach dort drüben, ihr geht nicht mit uns!'"

Da Josef nun nicht mehr zur Schule und zurück reiten konnte, musste er zu Fuß gehen. Eines Tages kamen Soldaten auf ihn zu, die an der Hauptstraße in der Nähe seines Hauses standen, und schnitten ihm seine schulterlangen Schläfenlocken ab. "Die Schläfenlocken sind für einen jüdischen Jungen wie zwei Arme", erklärt Josef. "Ich ging heim und weinte, denn ich fühlte mich, als hätte ich beide Arme verloren." Danach beschloss Josef, nicht mehr in die Schule zu gehen.

Irgendwann wurden schließlich alle Juden, die im Umkreis von einem halben Kilometer von der Hauptstraße lebten, in einem großen Zelt zusammengetrieben. Erst drei Tage später brachte ein Lastwagen den Gefangenen Wasser. Josef und ein paar anderen Jungen gelang es, sich unter dem Zelt nach draußen zu graben und Lebensmittel für ihre Familien zu stehlen - Kartoffeln, Bohnen und Maiskolben. Bei der Rückkehr von einem ihrer "Ausflüge" hörten die Jungen plötzlich Schüsse aus der Richtung des Zeltes. Von weitem beobachteten sie, wie Soldaten ihre Familien auf Lastwagen fortschafften. "Wir gingen zum Zelt, um nachzusehen, was geschehen war, und sahen das ganze Blutbad, wir sahen all die Leichen, die man den Tieren zum Fraß liegengelassen hatte." Die Babys und alten Menschen in der Gruppe waren erschossen worden.

Josef floh mit den anderen Jungen in den Wald, wo sie sich drei Wochen lang versteckten. Als sie merkten, dass sie nicht mehr lange würden ausharren können, beschlossen sie, sich zu trennen. "Wir beteten jeden Morgen und jeden Abend. Erst ging einer, dann der nächste, bis ich schließlich ganz alleine war.

"Ich weinte und rief: 'Gott, ich bin allein. Bitte beschütze mich.'"

Josef ging zurück in die Stadt, um nach Essen zu suchen, und traf dort auf Soldaten mit Pferden. Einem der Soldaten bot er an, dessen Pferd zu striegeln, und bekam eine Bürste gereicht. "Ich striegelte das Pferd, bis es wie ein Spiegel glänzte, wunderschön... Ich sagte: 'Danke, dass ich das für Sie tun durfte.' Da hielt er mich am Arm fest und sagte: 'Lauf nicht weg!'"

Der Soldat holte zur Belohnung eine Schüssel mit Suppe. Josef wurde klar, dass dies die gleichen Soldaten waren, die seine Nachbarn erschossen hatten. Er stellte die ungegessene Suppe auf einen Stuhl und rannte davon.

Später schloss sich Josef einer Jungenbande auf der Straße an und blieb einen Monat bei ihnen. Er stahl, um zu überleben. Aus Angst, die anderen Jungen könnten seine jüdische Herkunft entdecken, verließ er sie und machte sich auf die Suche nach seinen Eltern und Schwestern.

Zwei Jahre lang irrte er von einem jüdischen Ghetto zum nächsten. Einmal wurde er zusammen mit anderen Bewohnern des Ghettos verhaftet und auf ein Feld gebracht, um dort getötet zu werden. Während er auf seine Erschießung wartete, sah er plötzlich seine Mutter und vier seiner acht Schwestern. Noch bevor er nach ihnen rufen konnte, wurden sie erschossen. Als er selbst dran war ("ich war etwa in der siebten Reihe"), heulte eine Luftschutzsirene und die Menge rannte auseinander. Wieder einmal war Josef davongekommen.

Nach einiger Zeit in Freiheit landete er wieder in einem Ghetto. Während des restlichen Krieges wurde er zwischen den Konzentrationslagern Auschwitz, Dachau, Bergen-Belsen, Groß-Rosen, Balkenhain, Hirschberg und Buchenwald hin- und herverlegt. Josef fand stets Wege, um zu überleben, da er immer wieder sein Geschick und seine Arbeitskraft unter Beweis stellen konnte.

Hören Sie hier Josefs Schilderung einer Begegnung mit Voltag, einem KZ-Insassen und Mörder:

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Nach seiner Befreiung kehrte Josef 1945 in seine Heimatstadt zurück und entdeckte, dass ein Angestellter seines Vaters sich das Haus angeeignet hatte. Man drohte ihm, ihn zu töten, sollte er nicht verschwinden. Josef ging schließlich nach Großbritannien, heiratete dort seine Frau Sylvia und gründete eine Familie.

Erst 26 Jahre nach Kriegsende erfuhr Josef, dass sein Vater den Holocaust überlebt hatte, und reiste wieder in seine Heimat, um den Eindringling aus dem Haus der Familie zu vertreiben. Zum ersten Mal seit seiner Kindheit sah Josef in Budapest den Vater wieder.

Renee Salts Erinnerungen an den Holocaust sind bis heute nicht verblasst: "Ich erinnere mich an alles. ...Ich sehe alles so klar vor mir, als wäre es gestern erst passiert." Renee, 1929 im polnischen Zduńska Wola geboren, war zehn Jahre alt, als sich ihr Leben am 1. September 1939 schlagartig änderte.

"Es dauerte nicht lange, dann hatten sie das ganze Land überrannt", berichtet sie mir. SS-Offiziere wählten ihr Elternhaus als Stützpunkt aus: "Mein Zuhause verlor ich gleich am ersten Tag."

Renees Mutter hatte gerade erst umfangreiche Vorräte im Haus angelegt und den Keller mit Briketts gefüllt, um die Dauer des Krieges zu überstehen. "Sie [die SS-Offiziere] bestaunten unsere Sachen, die Kinderkleidung, und schickten dann alles nach Deutschland, an ihre Familien."

Renee, ihre Mutter, ihr Vater und ihre jüngere Schwester mussten sich trennen und bei verschiedenen Verwandten leben. Renee zog zu ihren Großeltern nach Kalisz.

Wenige Wochen später wurde die Stadt vom Deutschen Reich für "judenrein" erklärt. Renees Mutter, die davon erfahren hatte, reiste mit einem offiziellen Pass nach Kalisz, um ihre Tochter und anderen Verwandten nach Zduńska Wola zurückzuholen .

Bald darauf zwang man sie, in ein jüdisches Ghetto umzuziehen, wo sie zu acht in einem Zimmer lebten. Das Leben dort war grausam: "Es gab Erschießungen, Menschen wurden verprügelt. ... Viele jüdische Männer trugen einen Bart. Den brannten sie ihnen entweder ab oder klopften an irgendeine Tür, verlangten eine Schere und schnitten den Bart anschließend mitsamt der Haut ab."

Im Ghetto wurden Fabriken gebaut, und wer Lebensmittelkarten haben wollte, musste dafür arbeiten. Mit zehn Jahren musste Renee zum ersten Mal in ihrem Leben arbeiten und Strümpfe für die Wehrmacht fertigen. "Diese Maschine war größer als ich", erzählt sie. "Ich musste mich auf einen Stuhl stellen, um sie zu bedienen. Was wusste ich denn schon darüber, wie man Strümpfe herstellt? Jemand musste mir erst einmal zwei Wochen lang zeigen, wie das funktionierte."

Menschen aus den umliegenden Ghettos wurden in das Ghetto gesperrt, in dem Renees Familie lebte. Bald war es völlig überfüllt. Nur ein einziger jüdischer Arzt hatte die Erlaubnis zu praktizieren. "Es gab keine medizinische Versorgung", sagt Renee. "Die Menschen starben schon an harmlosen Krankheiten."

Eines Tages wurden im Zentrum Galgen aufgestellt, die Ghettobewohner zusammengetrieben und zehn Männer erhängt. Die Leichen ließ man tagelang hängen, damit jeder sie sehen konnte. "Wir dachten wirklich: 'Schlimmer kann es doch nicht mehr kommen, oder?'"

Im Sommer 1942, so erinnert sich Renee, hörte sie eines Tages Schreie: 'Alle Juden raus!' - "Wir hatten Gerüchte gehört, dass überall im Land alte Menschen und kleine Kinder massakriert werden." Die Familie versteckte die Großeltern, den Onkel und den vier Jahre alten Cousin auf dem Dachboden.

Renee folgte ihren Eltern und ihrer Schwester auf die Straße, von wo aus man sie zu einem großen Platz führte. Hören Sie hier Renees Bericht über die folgenden Ereignisse:

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"Dann brachten sie uns alle zu einem jüdischen Friedhof außerhalb der Stadt. "Dort sah ich mit eigenen Augen die erste von vielen "Selektionen", die ich später noch erleben sollte", erzählt Renee. "Zu beiden Seiten des Friedhofstores standen SS-Leute und Soldaten, mit Schlagstöcken bewaffnet, und schickten die Menschen entweder rechts oder links entlang. Invaliden, Schwangere, Alte oder nicht Arbeitsfähige gingen zur einen Seite, der Rest zur anderen."

Renee, ihre Eltern und eine ihrer Tanten wurden in die "richtige" Richtung geschickt. Die übrigen Familienmitglieder hatten weniger Glück.

Nach der "Selektion" hockten Renee und ihre verbliebenen Verwandten mehrere Tage lang auf den Grabsteinen, umringt von elektrischen Lampen, damit niemand fliehen konnte. Sie erinnert sich an eine Leidensgenossin, die sich freute, weil "ihr kleiner Sohn einige Wochen zuvor gestorben und hier [auf dem Friedhof] beigesetzt worden war, sodass ihn nun niemand mehr fortschaffen konnte."

Die Menschen um Renee versuchten, sie älter aussehen zu lassen, schminkten sie, gaben ihr ein Kopftuch und Schuhe mit hohen Absätzen, um ihr wahres Alter zu verbergen. Sie war damals erst zwölf Jahre alt.

Einmal wurde ein SS-Offizier auf Renee aufmerksam, lief zu ihr und fragte sie nach ihrem Alter. "Ich war gelähmt vor Angst, ich konnte nicht aufstehen und nicht antworten." Ihr Vater versicherte, sie sei 18 Jahre alt. "Dieser SS-Mann betrachtete mich streng, es kam mir wie eine Ewigkeit vor." Schließlich sagte er: "Sie darf sitzen bleiben."

- "Bis heute", sagt Renee, "glaube ich, dass der allmächtige Gott an diesem Tag seine Hand über mich gehalten hat und es nicht zulassen wollte, dass sie mich mitnahmen."

Die Gruppe wurde an ein Bahngleis gebracht. "Zu Bahnhöfen brachten sie uns nie, sie wollten schließlich nicht, dass jemand merkte, was hier vor sich ging."

Der jüdische Leiter ihres ehemaligen Ghettos musste aus der Gruppe heraustreten und wurde erschossen, anschließend wurden sämtliche Wertgegenstände eingesammelt. Die gesamte Gruppe wurde in Viehwaggons gesperrt und in das 40 km entfernte Ghetto von Łódź gebracht, wo Renee ihre Großmutter wiedertraf.

Renees Vater trug einen goldenen Ring, der jedoch so fest am Finger saß, dass er ihn nicht abziehen konnte. Ein SS-Soldat sah den Ring und befahl ihm, ihn herzugeben. Er bat einen anderen Soldaten, ihm ein Messer zu leihen und wollte den Finger abschneiden.

"Ich habe im Holocaust nicht viele Wunder erlebt", erzählt Renee. "Aber... als der SS-Mann diese Worte zu Ende gesprochen hatte, da glitt der Ring wie von allein vom Finger meines Vaters. Man konnte meinen, er sei viel zu groß groß gewesen, er fiel ganz einfach herunter, dem SS-Mann genau vor die Füße."

Bis 1944 lebte Renee im Ghetto. "Was ich dort gesehen habe, ist nicht zu beschreiben", sagt sie.

Als die Rote Armee immer weiter vordrang, wollten die Deutschen die Ghettobewohner umsiedeln. Da sie allerdings einen Aufstand wie 1943 im Warschauer Ghetto fürchteten, wo deutsche Truppen von den Bewohnern angegriffen worden waren, versprachen sie bessere Lebensbedingungen, sollten die Bewohner sich bei der geplanten Verlegung kooperativ zeigen.

Es herrschte jedoch Misstrauen über die Absichten der Deutschen. "Als die Viehwagen leer zurückkamen, um neue Menschen aufzunehmen", erklärt Renee, "entdeckten Reinigungskräfte auf den Wagen kleine Botschaften. Darin hieß es, man würde die Leute in Konzentrationslager deportieren, wo sie in Massen ermordet würden. Wir konnten und wollten das nicht wahrhaben - was wir aber wohl besser getan hätten."

Der Nahrungsmangel zwang Renee und ihre Eltern dazu, das Ghetto freiwillig zu verlassen, also begaben sie sich wieder zu den Viehwaggons. Ihr Ziel hieß jetzt Auschwitz-Birkenau. Hören Sie Renees Bericht über die Ankunft in Auschwitz:

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"Es gab Menschen, die in Auschwitz arbeiten mussten", sagt Renee. "Aber uns brachte man nur dorthin, um uns zu quälen. Wir glaubten nicht, dass wir da lebend wieder herauskommen würden. Ständig wurden Experimente durchgeführt. Medizinische Experimente, chirurgische Experimente ohne Betäubung, um zu sehen, wie die Patienten reagieren."

Später wurde Renee mit ihrer Mutter zur Zwangsarbeit nach Hamburg verlegt. Die Mutter wurde dort von einem Stier angegriffen, der aus einem benachbarten Schlachthaus entlaufen war, und so schwer verletzt, dass sie nicht mehr arbeiten konnte.

Etwa im März 1945, als die Nazis wussten, dass der Krieg für sie verloren war, brachten sie Renee und ihre Mutter in das Konzentrationslager Bergen-Belsen. Das Lager war völlig desorganisiert, zu Tausenden lagen Menschen todkrank oder verhungernd in den Baracken. Da Renee beim Transport von ihrer Mutter getrennt worden war, lief sie von Baracke zu Baracke, wobei sie sich dem Risiko aussetzte, erschossen zu werden.

Zwei Tage später fand sie ihre Mutter, die sterbend auf einer Pritsche lag. Nach ein paar Tagen an ihrer Seite sah Renee in der Ferne britische Panzer, doch für die Mutter kam die Befreiung zu spät. Sie starb zwei Tage darauf an ihren Verletzungen.

Renee ließ sich später in Großbritannien nieder und heiratete einen britischen Soldaten, den sie in Paris kennengelernt hatte. Ihr Ehemann gehörte zu den Befreiern von Bergen-Belsen.

Auch Zigi Shipper berichtet in seiner Geschichte von Mord, Brutalität und den haarsträubenden Zuständen in den jüdischen Ghettos in ganz Polen.

Der 1930 in Łódź geborene Zigi lebte bis zum Alter von neun Jahren bei seinen Großeltern. Dann brach der Krieg aus. Den Juden wurde verboten, ihren Beruf auszuüben und öffentliche Verkehrsmittel zu benutzen.

Das Ghetto von Łódź war hoffnungslos überfüllt, Krankheiten und verhungernde Menschen waren allgegenwärtig. Bis 1940 hatten die Nazis das Ghetto mit Stacheldraht umzäunt. "Die Menschen begingen Selbstmord, vor allem Frauen", gibt Zigi zu Protokoll. "Das konnte ich damals noch nicht verstehen. Aber als ich älter wurde und irgendwann selbst Kinder hatte, begriff ich es. Wie kann jemand weiterleben, der gesehen hat, wie die eigenen Kinder getötet werden?"

1942 ließen die Deutschen die Bewohner des Ghettos wissen, dass 70.000 Juden für die Arbeit in Fabriken benötigt würden. Zigi, überzeugt, man werde ihn als Kind schon nicht abtransportieren, beschloss, sich während der Selektion nicht gemeinsam mit der Großmutter zu verstecken.

Nachdem er auf einen der Lastwagen geklettert war, sah er um sich herum nur ältere Menschen, Behinderte und Babys. Er befürchtete das Schlimmste, sprang heimlich vom Wagen und flüchtete. Die deportierten Menschen sah man nie wieder.

1944 kündigten die Deutschen die Schließung des Ghettos an. Zigi und seine Großmutter glaubten, es wäre am besten, wenn sie sich freiwillig zur Arbeit in einer Metallfabrik meldeten. Am Bahngleis angekommen, wurden sie in Waggons getrieben, in denen gerade noch Platz zum Stehen war. Die Erinnerung an jene Fahrt lässt Zigi bis heute nicht los: "Eines hat mir mein Leben lang keine Ruhe gelassen, bis heute: Wie konnte ich, ein 14-jähriger Junge, nur darauf hoffen, dass Menschen sterben, damit ich Platz zum Sitzen hatte?" Wenige Tage später hatte Zigi einen Sitzplatz.

Statt in eine Metallfabrik gelangten sie nach Auschwitz. Beim Aussteigen mussten viele Menschen Schläge einstecken. "Wissen Sie", sagt Zigi, "wenn man uns geschlagen hat, selbst im Ghetto - es hat uns nicht besonders gestört. Schläge tun zwar weh, doch der Schmerz geht vorbei. Aber der Hunger, der hört niemals auf."

Zigi wurde von seiner Großmutter getrennt und bald wurde ihm gewusst, was es mit den Krematorien in Auschwitz auf sich hatte. "Ich frage mich immer noch: Wie können Menschen so etwas tun - und dann abends gemeinsam mit Frau und Kindern essen und Musik hören? Ich kann es schlichtweg nicht begreifen. Und ich werde es auch nie begreifen. Selbst der Kommandant von Auschwitz wohnte in einem Haus, das gerade einmal zehn Meter von einer Gaskammer entfernt war. Es steht dort übrigens immer noch."

Zigi arbeitete in verschiedenen Fabriken und beim Gleisbau. Hören Sie seinen Bericht über den Hunger in den Lagern und die Strafen für Diebstahl:

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Je weiter die sowjetische Armee vormarschierte, desto näher rückte die Befreiung. Zigi wusste dies damals nicht, zudem war er schwer an Typhus erkrankt. Deutsche Truppen brachten ihn und seine Kameraden mit Zügen nach Danzig. Zigi konnte kaum laufen. "Immer wenn ein Konzentrationslager geräumt wurde, ging es auf einen Todesmarsch", erzählt er. "Entweder marschierte man - oder man kam eben um."

Zigi stand ein Transport nach Gdynia (Gdingen) bevor. Mit Hilfe von Freunden überlebte er die Fahrt. Er wurde Zeuge von Bombardierungen und sah mit eigenen Augen den Untergang der "Kap Arkona", bei dem etwa 5.000 Menschen starben, unter ihnen viele KZ-Häftlinge.

Im Mai 1945 wurde Zigi von den Briten befreit. Er erinnert sich, wie er auf einen Panzer kletterte und auf Deutsch nur ein Wort sagte: "Wasser". Die Briten verteilten Rotkreuz-Pakete mit Lebensmitteln, es gab Obst, Fleischkonserven und Schokolade. "Viele Leute haben sich übergessen und sind daran gestorben", sagt Zigi. "Sie lagen in den Straßen, den Mund voll mit Schokolade und anderen gehaltvollen Nahrungsmitteln." Nach Jahren des Hungers reagierten die Körper der Häftlinge so empfindlich auf die plötzliche Nahrungsaufnahme, dass es zu Todesfällen kam.

Zigi berichtet: "Ich fragte die Leute, wie ich überleben konnte, obwohl ich doch Typhus hatte? Wenn ich mit Priestern oder Bischöfen sprach, antworteten sie nur: "Jemand dort oben wollte, dass du überlebst."

Am Ende traf Zigi seine Mutter in London wieder, sie hatte seinen Namen auf einer Liste von Überlebenden gefunden. Heute hat er zwei Kinder, sechs Enkelkinder und einen Urenkel. Er spricht seit 20 Jahren über den Holocaust, sagt aber auch: "Das hätte ich schon vor 50 Jahren tun sollen.

"Ich spreche vor Schülern, weil junge Menschen wissen sollen, was Hass und Vorurteile anrichten können", sagt er. "Hass ruiniert das ganze Leben."

"Die Leute fragen mich immer: 'Hassen Sie die Deutschen?' Und ich sage ihnen: 'Warum sollte ich? Die Urgroßväter der Deutschen haben zwar ein Verbrechen begangen, [aber] sie selbst trifft doch keine Schuld.'"

Er weiß auch noch, wie eine deutsche Ordensschwester ihn unter Tränen ansprach, nachdem er in einer Synagoge geredet hatte. Sie gestand ihm, wie schuldig sie sich fühle, worauf Zigi antwortete: "Wofür müssen Sie sich denn schuldig fühlen? Menschen wie Sie haben doch Ihr Leben aufs Spiel gesetzt, um jüdische Kinder und Babys zu verstecken. Sie sollten auf sich stolz sein."

Zigi beendet unser Interview mit den Worten: "Ich sage: Egal, ob man Jude, Moslem, Katholik, Christ oder sonstwas ist, man ist entweder ein guter oder ein schlechter Mensch. Die Religion oder die Nationalität spielt dabei keine Rolle."

"Ich weiß natürlich, dass es Rassismus und Antisemitismus gibt, daran hat sich nichts geändert, aber wir, gerade die jungen Menschen, wir sind dafür verantwortlich zu kämpfen, damit sich das ändert.

"Auf die Vergangenheit haben wir keinen Einfluss, aber wir können jetzt und in der Zukunft noch viel unternehmen."

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