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So gehen andere Länder mit psychischen Krankheiten um

Psychische Gesundheit auf dem Prüfstand: neun Länder im Überblick. Unsere Kolleginnen und Kollegen in neun BuzzFeed-Redaktionsbüros berichten darüber, wie in ihrem Land mit psychischen Krankheiten umgegangen wird.

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Die Vorstellungen und der Umgang mit psychischen Krankheiten sind in jedem Land unterschiedlich. Auch die Behandlungsmethoden können sich ändern, je nach dem, in welchem Land Du lebst. Wir haben uns mit BuzzFeed-Journalisten in neun Ländern darüber unterhalten, wie in ihrem Land mit dem Thema psychische Gesundheit umgegangen wird.

Die Einstellungen zu psychischen Krankheiten und der Zugang zu adäquaten Behandlungsmethoden hängt in jedem Land auch von Geschlecht, Alter, Einkommen, Beruf, von kultureller Erfahrung, von geografischen Gegebenheiten und von vielen weiteren Faktoren ab. Die folgenden Antworten können deshalb nur ein Ausgangspunkt sein, der unsere Erfahrungen und Berichterstattung widerspiegelt.

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Jenna Guillaume: Es ist immer noch ein großes Tabuthema. Die Leute, vor allem die jüngeren, sind toleranter eingestellt, Kampagnen wie die Mental Health Week (die diesen Oktober in Australien stattfand) und Organisationen wie Headspace und das Black Dog Institute helfen, um psychische Krankheiten von ihrem gesellschaftlichen Stigma zu befreien. Trotzdem denke ich, dass es vielen Menschen immer noch schwer fällt, darüber zu reden.

Ich selbst habe mit engen Freunden und Familienangehörigen über meine Angststörung gesprochen. Eine gute Freundin von mir hatte mit ähnlichen Problemen zu kämpfen, und sie hat mir einen Therapeuten empfohlen. Aber es dauerte lange, bis ich so offen über meine Krankheit reden konnte. Ich schämte mich, und zum Teil hatte das sicher damit zu tun, dass psychische Störungen in Australien immer noch stigmatisiert sind.

Iran Giusti: Der offene Umgang mit psychischen Krankheiten ist problematisch. Man spricht nicht darüber, wenn man Medikamente nimmt oder in Therapie geht. Und wenn einmal doch das Gespräch darauf kommt, dann nur sehr beiläufig, "Ach ja, ich hab manchmal Angstzustände", als ob es keine große Sache wäre.

Normalerweise wendet man sich mit psychischen Problemen nicht an Freunde oder Verwandte. Und sogar Ärzte empfehlen Psychotherapien für gewöhnlich nur, wenn sie direkt darauf angesprochen werden.

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Kat Angus: Es ist nicht so, dass in Kanada frei und ohne jedes Stigma mit psychischen Krankheiten umgegangen wird. Aber ich denke, immer mehr Leute verstehen, dass das Thema alle angeht, und dass sich niemand dafür schämen muss, wenn sie oder er an einer psychischen Erkrankung oder Störung leidet. Ich möchte kein zu rosiges Bild zeichnen – es ist immer noch sehr selten, dass Betroffene öffentlich über ihre Probleme sprechen. Aber ich erzähle Familienangehörigen und Freunden offen von meiner Depression und meinem Selbstmordversuch, und es ist erstaunlich, wie viele selbst mit psychischen Problemen kämpfen. Es wird leichter, wenn man merkt, dass man nicht alleine ist.

Elamin Abdelmahmoud: In Kanada gab es in der letzten Zeit viele Kampagnen, um psychische Krankheiten von der gesellschaftlichen Stigmatisierung zu befreien, und das ist ein hoffnungsvolles Zeichen. Aber wir brauchen diese Kampagnen auch, denn es existieren immer noch viele Tabus. Es ist weder normal noch einfach, wenn man psychische Gesundheitsthemen ansprechen möchte.

Marie Telling: Über das Thema wird in der Öffentlichkeit kaum gesprochen, doch in den großen Städten, vor allem in Paris, sind die Menschen toleranter eingestellt. Man redet im privaten Rahmen offen darüber, dass man in Therapie geht und fragt Freunde, ob sie einen Therapeuten empfehlen können.

Psychische Krankheiten sind immer noch stark stigmatisiert, die Leute verbinden Gefahr, soziale Ausgrenzung, Verantwortungslosigkeit und Unzuverlässigkeit damit. Laut einer Studie aus dem Jahr 2009 glauben fast 70 Prozent aller Franzosen, dass psychische Krankheiten "anders sind als körperliche Erkrankungen".

Gesellschaftliche Tabus und die Scham der Betroffenen erschweren die Diagnose und Behandlung einer psychischen Erkrankung, über die niemand etwas erfahren darf. Das führt oft dazu, dass die Betroffenen nicht sofort oder sogar überhaupt nicht behandelt werden. Weit verbreitet ist die Ansicht, man solle sich bei Depressionen und Angstzuständen "zusammenreißen" und "durchhalten" und nicht jedes Problem gleich zu einer Krankheit erklären.

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Dani Beck: Es hängt vom gesellschaftlichen und persönlichen Umfeld ab. Manche Leute sind sehr offen und verständnisvoll, andere können mit psychischen Krankheiten überhaupt nicht umgehen. Es ist völlig okay, sich einer guten Freundin oder einem Freund anzuvertrauen. Und wer für eine Firma arbeitet, die sich um die (seelische) Gesundheit ihrer Mitarbeiter kümmert, kann sogar am Arbeitsplatz um Rat fragen. Aber es ist sicherer, wenn man nicht jedem von der eigenen psychischen Krankheit erzählt. Freunde und Familienangehörige glauben oft, was von den Medien verbreitet wird – dass Menschen, die an Depressionen leiden, das Leben doch einfach "positiver sehen" sollen und ähnliche Klischees.

Andre Borges: Es gibt in Indien Menschen, die offen über Depression, PTBS (posttraumatische Belastungsstörungen), Drogenmissbrauch und soziale Ängste und Phobien reden, doch für die Mehrheit der Bevölkerung sind diese Erkrankungen immer noch mit einem riesigen Tabu belegt. Betroffene verheimlichen z. B. eine soziale Angststörung, und zwar weniger vor ihren Eltern, sondern vor Gleichaltrigen und Freunden. Wer eine Psychotherapie macht, wird wahrscheinlich erst darüber reden, wenn die Therapie abgeschlossen ist, und dann auch nur mit einem engen Freund oder Verwandten. Während man noch in die Therapie geht, redet man nicht darüber.

Wer in Indien mit einer psychischen Erkrankung diagnostiziert wird, gilt als verrückt – das ist wahrscheinlich das größte Problem. Eine psychische Krankheit wird nicht als medizinisches Problem gesehen, sondern als etwas Unnormales, das niemandem einfach so passiert. Wenn deshalb bekannt wird, dass jemand wegen einer psychischen Erkrankung in Behandlung ist, kann das für den Betroffenen das gesellschaftliche Aus bedeuten.

Baxter Aceves: Es wird gesellschaftlich immer mehr akzeptiert, wenn man eine Psychotherapie macht oder Beratung und Hilfe wegen psychischer Probleme braucht. Trotzdem kommt es immer noch oft vor (bei schwierigeren Themen wie z. B. Autismus), dass die Familie den oder die Betroffene vor der Gesellschaft "versteckt". Die Menschen sind toleranter geworden, aber es gibt immer noch viel zu tun, was die Akzeptanz von psychischen Krankheiten betrifft.

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Beatriz Serrano: Wenige Leute geben öffentlich zu, dass sie eine Therapie machen, das Thema ist immer noch mit Scham behaftet. Und normalerweise spricht man über wichtige psychische Gesundheitsthemen nur mit engen Freunden und Familienangehörigen.

Die Einstellung gegenüber psychischen Erkrankungen hat sich in den letzten Jahren sehr verbessert. Die Leute akzeptieren inzwischen, dass eine Therapie sinnvoll sein kann, "wenn einem etwas passiert ist" (der Tod eines nahestehenden Menschen, zum Beispiel, oder bei einer Scheidung). Doch es sieht anders aus, wenn man "aus dem Nichts" an einer psychischen Störung erkrankt. Allgemein fehlt es an Informationen.

Susie Armitage: Ich kann hier nur über meine Erfahrung als weiße Frau sprechen, die in den USA geboren ist. Diese Geschichten über psychische Erkrankungen von nicht-weißen Autorinnen und Autoren beschäftigen sich mit einer viel größeren Bandbreite an Erfahrungen. Dabei wird auch diskutiert, welche Auswirkungen das Einwanderungssystem und Rassismus auf die psychische Gesundheit haben.

Ich machte Anfang zwanzig eine Therapie, weil ich an Angststörungen und Depression litt. Eine Freundin, die davon wusste, bat mich um den Namen meiner Therapeutin. Aber ich hatte immer das Gefühl, als müsse ich die Sache verheimlichen. Ich lebte damals in Washington D.C., wo man für viele Jobs eine Sicherheitsbescheinigung braucht, die auch eine Überprüfung der Krankengeschichte beinhalten kann. Ich hatte mich nie auf eine solche Stelle beworben, trotzdem hatte ich das Gefühl, dass es irgendwo über mich eine Akte gab. Ich machte mir Sorgen, mein Arbeitgeber könnte herausfinden, dass ich einmal wegen Depressionen in Therapie gewesen war.

In der amerikanischen Kultur ist eine Selbsthilfe-Mentalität weit verbreitet, und das betrifft auch psychische Krankheiten. Allerdings wird es mehr und mehr auch als etwas Positives angesehen, wenn Menschen aktiv Hilfe suchen. Aber psychische Krankheiten sind immer noch stigmatisiert.

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Jenna Guillaume: Die australischen Medien haben sich in den letzten Jahren um eine ausgesprochen engagierte und ehrliche Berichterstattung über psychische Krankheiten bemüht. So strahlte der Fernsehsender ABC während der Mental Health Week diesen Oktober die ganze Woche über eine Sendung mit dem Titel "Mental As" aus, die ausschließlich dem Thema psychische Gesundheit gewidmet war. Auch stellen Serien wie Please Like Me von und mit Josh Thomas psychische Krankheiten einfühlsam und authentisch dar.

Einige sehr bekannte Prominente haben öffentlich über ihre psychische Erkrankung gesprochen – die Schauspielerin Ruby Rose, die Fernsehmoderatorin Jessica Rowe und Sportstars wie Matthew Mitcham und Buddy Franklin. Die öffentliche Reaktion war im Großen und Ganzen sehr beruhigend und unterstützend.

Diese öffentliche Debatte fand allerdings erst nach einer Tragödie statt, die sich 2014 ereignete. Charlotte Dawson, ein bekanntes Model und Fernsehstar, nahm sich das Leben, nachdem sie sich öffentlich zu ihrer Depression bekannt hatte und daraufhin in den sozialen Medien massiv gemobbt wurde. Ihr Tod brachte das Thema in die Schlagzeilen und führte zu einem größeren öffentlichen Bewusstsein und einer ehrlicheren Auseinandersetzung mit dem Thema psychische Krankheiten.

Iran Giusti: In den Medien wird nur äußerst selten über psychische Krankheiten berichtet, und wenn, dann geht es meistens um glamouröse Prominente.

Die berühmte Schauspielerin Ana Paula Arósio stieg aus einer bekannten Telenovela aus, laut Medienberichten litt sie angeblich an Depressionen. Sie selbst nahm zu diesen Berichten nie Stellung.

Das Model Cibele Dorsa nahm sich das Leben, nachdem ihr Freund sich umgebracht hatte. Ihr Bild wurde auf dem Cover von Caras abgedruckt, einer brasilianischen Promizeitschrift (ähnlich wie Gala), darunter stand: "Sie ging aus Liebe in den Tod."

Kat Angus: Die bekannteste Mental Health-Initiative in Kanada ist Bell Let's Talk Day. Seit 2010 wählt die Let's Talk-Initiative jährlich einen Tag im Januar, an dem die Menschen offen und ehrlich über ihre Erfahrungen und Probleme mit psychischen Krankheiten reden können. Die Initiative ist immens erfolgreich, sowohl was die Höhe der Spenden betrifft wie auch das verstärkte öffentliche Bewusstsein für psychische Krankheiten und ein größeres Mitgefühl für die Betroffenen.

Aber auch wenn Bell Let's Talk Day in Kanada so erfolgreich ist (die Initiative hat vor Kurzem 100 Millionen Dollar bereitgestellt, um die Let's Talk-Tage bis 2020 fortzuführen), fühlt es sich manchmal so an, es würde die Diskussion über psychische Krankheiten während des restlichen Jahres unter den Teppich gekehrt. Natürlich ist es gut, wenn wenigstens an einem Tag im Jahr ausführlich über psychische Gesundheit gesprochen wird. Aber wenn sich alles auf diesen einen Tag konzentriert, wirkt es oft so, als wäre es der einzige Tag, an dem man in Kanada öffentlich über das Thema sprechen darf.

Marie Telling: Laut Viviane Kovess-Masfety, einer Expertin für die Epidemiologie psychischer Krankheiten, berichten die französischen Medien "nie positiv über psychische Erkrankungen, sie sind bei diesem Thema nur auf Sensationsjournalismus aus. Die Auswirkungen dieser Art von Berichterstattung sind für die Patienten und ihre Familien sehr negativ und auch gefährlich." Die französischen Medien unterstützen aktiv die Stigmatisierung von psychischen Erkrankungen, berichtet wird über das Thema für gewöhnlich nur nach einem tragischen Unglück.

Einige französische Prominente sprechen öffentlich über ihr Leben mit Depressionen und geben zu, dass sie in Therapie sind. Doch in den Medien werden Depressionen immer als Folge eines persönlichen Schicksalsschlags dargestellt – eine Schauspielerin wird depressiv, weil ihr Freund mit ihr Schluss machte, ein anderer leidet an Depressionen, weil sein Film floppte etc.

Dani Beck: Ein paar Sportstars reden sehr ehrlich über ihre psychischen Probleme. Der Fußballer Sebastian Deisler zum Beispiel hängte seine erfolgreiche Karriere an den Nagel, weil er an Depressionen litt. Bruce Darnell, der Jurymitglied bei Germany's Next Topmodel war und heute in der Jury von Das Supertalent sitzt, hat ebenfalls öffentlich über seine psychischen Probleme gesprochen.

Normalerweise gibt es in den Medien Gerüchte, aber niemand gibt wirklich etwas zu. Essstörungen und Alkoholismus sind die einzigen Krankheiten, zu denen sich die Betroffenen öffentlich bekennen. Über Autismus, Depressionen oder Zwangsneurosen wie OCD wird nie öffentlich gesprochen. Weit verbreitet sind Klischees wie die aus der Fernsehserie Monk, die viele für eine authentische Darstellung von OCD halten. Depressionen werden als etwas abgetan, an dem jede Berühmtheit viermal im Jahr leidet, wenn wieder mal ein trauriges Handyfoto von ihnen geschossen wurde.

Andre Borges: Psychische Krankheiten sieht man nur selten in Bollywood. Es gibt ein paar Filme wie Barfi, Hasee Toh Phasee und Taare Zameen Par (Ein Stern auf Erden), in denen es um Autismus, ADHS und Lese- und Rechtschreibschwäche (Legasthenie) geht. Aber das sind die Ausnahmen. In den allermeisten Filmen tauchen psychischen Erkrankungen nicht auf.

Allerdings werden seelische Krankheiten in der Filmindustrie nicht generell unter den Tisch gekehrt. In den letzten Jahren haben einige Prominente öffentlich über ihre Depressionen, Angstzustände und andere psychische Probleme gesprochen. Shah Rukh Khan, Anushka Sharma und insbesondere Deepika Padukone haben sich dazu geäußert. Deepika hat sogar eine Stiftung gegründet, die Menschen mit Depressionen helfen soll.

Baxter Aceves: Wenn Prominente in Mexiko einen mentalen Zusammenbruch erleiden, dann werden sie meistens religiös. Aber es gibt nicht viele Prominente, die offen über psychische Krankheiten reden. Der Moderator Mauricio Clark erklärte in einem Fernsehinterview, er sei drogenabhängig und leide an einer "emotionalen Krankheit". Er könne seine Homosexualität nicht akzeptieren, sagte er, und leide unter den gesellschaftlichen Vorurteilen, mit denen er zu kämpfen habe.

Beatriz Serrano: Ich habe die anderen in der Redaktion gefragt, und es ist schon seltsam, dass uns Prominente einfallen, die öffentlich über ihren Kampf gegen Krebs sprechen, aber niemand zugeben will, dass er oder sie an Depressionen leidet. Immer wieder werden in den Medien Listen veröffentlicht von "Psychisch kranken Prominenten", doch sie sind immer aus den USA oder Großbritannien.

Die Öffentlichkeit weiß noch zu wenig über psychische Krankheiten, aber das ändert sich gerade. Depression ist eine der häufigsten Erkrankungen in Spanien, und die Medien greifen das Thema immer öfter auf. Aber ein "populäres" Thema ist es noch lange nicht.

Susie Armitage: Recht viele Promis sprechen offen über ihre Erfahrungen mit psychischer Krankheit und meistens sind die Reaktionen positiv. In der amerikanischen Kultur werden Ehrlichkeit und das öffentliche Bekenntnis zur eigenen Geschichte sehr geschätzt, was den toleranten Umgang mit psychischen Krankheiten leichter macht. Aber es gibt immer noch viel zu tun. Das Associated Press Stylebook, zum Beispiel, das überall in den USA von Journalisten benutzt wird, enthielt bis 2013 keinen Eintrag zu psychischen Krankheiten.

Jenna Guillaume: Nach einem 2014 durchgeführten National Survey of Mental Health and Wellbeing wurde fast bei jedem Siebten (14 Prozent) der vier- bis siebzehnjährigen Australier in den letzten 12 Monaten eine psychische Krankheit oder Störung festgestellt. Allerdings gibt es heute viel mehr Hilfsangebote als früher.

Die Hausärztin oder der Hausarzt ist immer noch die erste und beste Anlaufstelle für junge Menschen in psychischen Nöten. Bei der Kids Helpline können Jugendliche rund um die Uhr an sieben Tagen in der Woche mit einem Therapeuten telefonieren. 5500 Kinder nehmen jede Woche diesen Dienst in Anspruch.

An allen Schulen gibt es inzwischen Schulpsychologen. Doch als ich zur Schule ging, wurde über jeden gelästert, der freiwillig den Schulpsychologen aufsuchte. Man war schnell als "Psycho" verschrien. Das ist heute sicher nicht mehr so, doch durch die Verbreitung von Smartphones sind Internet-Mobbing und die dadurch ausgelösten Ängste und psychischen Beschwerden ein großes Problem geworden.

Iran Giusti: Es ist selten, dass Kinder eine Therapie machen. Vielleicht, wenn die Eltern sich scheiden lassen, doch auch dann werden wahrscheinlich nur die Kinder aus den Oberschichten in eine Therapie geschickt.

An Schulen gibt es normalerweise keine speziellen Psychologen. Wenn ein Kind "Schwierigkeiten macht", wendet sich die Rektorin im Zweifelsfall einfach an die Eltern.

Elamin Abdelmahmoud: Ein überraschender statistischer Fakt: 70 Prozent der jungen Erwachsenen, die in Kanada leben und an psychischen Krankheiten leiden, geben an, dass ihre Probleme schon in der Kindheit angefangen hätten. Das ist ein sehr hoher Prozentsatz, von dem man nur selten hört. Kanada befindet sich mitten in einem (langsamen) kulturellen Veränderungsprozess, was die öffentliche Diskussion über psychische Gesundheit betrifft. Doch psychische Erkrankungen bei Kindern sind immer noch weitgehend ein Tabuthema.

Kat Angus: Ich wuchs in Ontario auf und litt als Teenager unter Depressionen, ich war selbstmordgefährdet. Ich hatte Glück und meine Vertrauenslehrer halfen mir, als ich mich an sie wendete. Sie redeten offen mit mir über meine Probleme und unterstützten mich bei den Gesprächen mit meinen Eltern, auf deren Hilfe ich angewiesen war. Von diesem Zeitpunkt an konnte ich mich auf ein Team aus Sozialarbeitern, Psychiatern und Therapeuten verlassen, ohne die ich nie gesund geworden wäre. An meiner Universität gibt es ein Beratungsangebot für Studierende mit psychischen Problemen, allerdings kann es sehr lange dauern, bis man einen Termin bekommt. Wie so oft reichen die Ressourcen nicht aus, um den Bedarf abzudecken.

Marie Telling: Die Gefahr, das Verhalten von "Problemkindern" vorschnell als psychische Krankheit zu deuten, wird in Frankreich sehr ernst genommen. Eine weitere Herausforderung hat ideologische Hintergründe, die schon zu vielen hitzigen Debatten führten: In Frankreich schwört die Mehrheit der Kinderpsychiater auf die Psychoanalyse und lehnt kognitive Verhaltenstherapien entschieden ab. Doch in vielen anderen Ländern werden Kinder und Jugendliche mit psychischen Krankheiten mit Verhaltenstherapien behandelt.

Eine Studie von 2012 beklagt auch das Fehlen von gut ausgebildeten Schulpsychologen in Frankreich. An einigen Schulen gibt es zwar Kinder- und Jugendpsychologen, doch bei weitem nicht überall. Ich persönlich hatte an meiner Schule nie von einem Psychologen gehört. Ehrlich gesagt, kann ich mich nicht daran erinnern, dass jemals in der Schule über psychische Krankheiten gesprochen wurde oder dass ich vor der Uni etwas darüber gelernt hätte.

Dani Beck: Psychische Erkrankungen von Kindern werden nicht anders betrachtet als psychische Krankheiten allgemein, mit ähnlichen Problemen. Als ich zur Schule ging (1992 bis 2005), wurde nie über psychische Krankheiten gesprochen. Es gab Lehrer, an die man sich wenden konnte, aber das waren keine wirklichen "Experten".

Andre Borges: Die Situation an den Schulen ist heute viel besser als früher. Es gibt Strukturen, um eventuelle psychische Probleme bei Kindern frühzeitig zu erkennen. Viele Schulen organisieren ein Mentorenprogramm, in dem ältere Schülerinnen und Schüler ausgebildet werden, damit sie die Jüngeren bei Problemen unterstützen können. Darüberhinaus stellen Schulen Therapeuten ein, die mit Schülern sprechen, die im Unterricht ständig abgelenkt und unaufmerksam sind. Sie suchen nach den Ursachen für das Verhalten, damit das eigentliche Problem gelöst werden kann.

Baxter Aceves: An jeder Schule gibt es einen Psychologen, weil es ab der Mittelstufe Pflicht ist, und an vielen Schulen alle Klassenstufen vom Kindergarten bis zur Oberstufe vertreten sind. Die Psychologen übernehmen allerdings nicht selbst die Therapie, sondern ihre Aufgabe ist es, Kinder mit psychischen Problemen auszumachen und sie an Spezialisten zu verweisen. Eine Therapie erhalten die Kinder aber nur dann, wenn die Familie es sich leisten kann.

Die Gründe, warum Kinder zu einem Psychologen geschickt werden, haben meistens mit der Beziehung ihrer Eltern zu tun: häusliche Gewalt, Scheidung, eine Trennung der Eltern aus ökonomischen Gründen (wenn der Vater in die USA auswandert, um für seine Familie sorgen zu können etc.)

Beatriz Serrano: Bei uns an der Schule gab es "Berater", die komischerweise auch alle Psychologen waren, doch niemand sprach von Schulpsychologen. In der Schule wird nie über psychische Krankheiten gesprochen. Wenn ein Kind Probleme hat, dann wird es zum Berater geschickt und danach vielleicht zu einer Psychologin. Aber darüber gesprochen wird an der Schule nicht.

Wir haben in Spanien eine staatliche Krankenversicherung, und eine Ärztin kann ein Kind an einen Therapeuten überweisen.

Susie Armitage: An meiner Highschool hatten wir ein Peer-Counseling-Programm, in dem Jugendliche ausgebildet wurden, damit sie in ihrer Altersgruppe Probleme unter sich besprechen konnten und nur bei ernsthaften psychischen Störungen einem Erwachsenen Bescheid gaben.

Nach einer Erhebung des Centers for Disease Control and Prevention leiden bis zu 20% der Kinder in den USA "an einer psychischen Störung". Und laut eines Berichts über den Zugang von Kindern zur psychologischen Gesundheitsfürsorge stellte sich heraus, dass zwar viele Kinder psychologische Dienste brauchen, sie diese diese aber nicht in Anspruch nehmen können. Und wenn doch, werden sie nicht immer an die richtigen Spezialisten überwiesen oder ihnen werden nicht genügend Therapiesitzungen verschrieben.

Jenna Guillaume: Es ist leicht, einen Therapeuten zu finden – wenn man weiß wie! Man kann sich direkt von der Hausärztin behandeln lassen, und wenn sie der Meinung ist, man brauche zusätzliche Hilfe, dann schreibt sie eine Überweisung zu einem Spezialisten aus. Dazu wird normalerweise ein Heil- und Kostenplan erstellt, der jährlich bis zu zehn kostenlose Therapiesitzungen enthält. Von der Hausärztin kann man sich zu einem Therapeuten überweisen lassen, oder man sucht sich selbst einen aus. Doch die meisten Leute wissen gar nicht, dass der Hausarzt auch für psychische Probleme zuständig ist. Der Mangel an Aufklärung und das fehlende Bewusstsein sind hier die größten Hürden.

Eigentlich stehen uns ziemlich viele Möglichkeiten zur Verfügung, was die psychologische Gesundheitsfürsorge betrifft – von speziellen Organisationen bis zu staatlich subventionierten Therapiesitzungen. Doch weil man nur selten darüber informiert wird, habe ich das Gefühl, die Leute wissen nichts von den Angeboten, die sie nutzen könnten. Aber das bessert sich, seit psychische Krankheiten nicht mehr so stigmatisiert sind. Trotzdem gibt es noch viel zu tun auf diesem Gebiet.

Iran Giusti: Wer nach einem Therapeuten sucht, verlässt sich im Allgemeinen auf Empfehlungen von privatärztlichen Diensten oder sucht im Internet. Private Krankenversicherungen bezahlen ungefähr 10 Therapiesitzungen im Jahr, und man braucht dafür eine vom Arzt ausgestellte Therapieempfehlung.

Was psychiatrische Behandlungen betrifft, gibt es für gewöhnlich keinen Unterscheid zwischen öffentlichen und privaten Krankenversicherungen: Man holt sich beim Psychiater die verschreibungspflichtigen Medikamente ab, und das war's. Viel geredet wird da nicht.

Kat Angus: Kanada hat zwar eine staatliche Gesundheitsversorgung, doch psychische Krankheiten werden davon zum größten Teil nicht abgedeckt. Wer Hilfe braucht, ist gezwungen, die Behandlung aus eigener Tasche zu zahlen.

Einige betriebliche Krankenkassen erstatten die Kosten für die Behandlung von psychischen Krankheiten. Doch wie viel und was bezahlt wird, hängt davon ab, wie der Arbeitgeber den Versorgungsplan gestaltet hat. Manche betriebliche Krankenversicherungen bezahlen zwar ein paar Sitzungen bei einem Psychiater oder Therapeuten, doch oft decken sie keine fortlaufenden Therapiesitzungen ab – und viele betriebliche Krankenkassen schließen die Behandlung von psychischen Krankheiten von vorne herein aus.

Der Zugang zu kostenlosen Angeboten hängt auch vom Wohnort ab. Ländliche Gemeinden haben oft Schwierigkeiten, sozialpsychologische Dienste für die Einwohner aufzubauen. Nunavut, ein im Norden liegendes Territorium von Kanada, hat derzeit die höchste Selbstmordrate des Landes. Die abgelegene Lage erschwert die Bemühungen, für die Menschen, die dort leben, psychologische Hilfsangebote bereitzustellen.

Marie Telling: In Paris und anderen großen Städten praktizieren viel mehr Psychotherapeuten und Psychiater als im übrigen Frankreich. Es ist deshalb viel einfacher, dort Hilfe bei psychischen Krankheiten und z. B. einen Therapieplatz zu finden, als in Kleinstädten und ländlichen Gegenden.

Das französische Gesundheitssystem deckt nur psychiatrische Behandlungen ab, keine Psychotherapien, was bedeutet, dass sich viele Menschen mit psychischen Problemen keine Therapie leisten können. Und selbst wenn man zum Psychiater geht, muss man manchmal doch noch einen Teil der Kosten selbst bezahlen, wenn der Arzt höhere Kostensätze berechnet, als von der Krankenkasse veranschlagt wird.

Viele Probleme haben mit fehlender Information zu tun. Psychische Krankheiten sind immer noch mit einem Stigma behaftet und es kommt vielen Menschen gar nicht in den Sinn, eine Therapie zu machen oder einen Psychologen aufzusuchen, um wieder gesund zu werden. 85% aller Psychopharmaka, die in Frankreich verkauft werden, werden von normalen Hausärzten verschrieben. Denn die Hausärzte verschreiben Patienten, die an Angstzuständen oder Depressionen leiden, oft eher selbst Medikamente, anstatt sie zu einem Psychologen oder Psychiater zu schicken.

Dani Beck: Normalerweise such man sich selbst eine Therapeutin. Man ruft einfach bei einer Praxis an, die man z. B. bei Google gefunden hat. Die Krankenkassen können auch hilfreich sein – ich hatte bei meiner angerufen und bekam eine Liste mit Namen zugeschickt. Ich habe auch im Freundeskreis gefragt, und nach meiner Erfahrung empfehlen die Leute einem gute Therapeuten, wenn sie merken, dass man Hilfe braucht.

Die Krankenversicherung übernimmt die Kosten und man kann sogar bis zu fünf Sitzungen bei einen Therapeuten/Psychiater absolvieren, bevor man sich entscheidet, ob man die gesamte Therapie bei ihm machen möchte. Man kann verschiedene Therapeuten ausprobieren und abklären, ob man sich versteht. Wenn man den Richtigen gefunden hat, füllt der Arzt alle Formulare aus und reicht dann erst den Heil- und Kostenplan für die Therapie bei der Kasse ein.

Andre Borges: Die Kosten für die Behandlung psychischer Krankheiten werden hierzulande nicht von den Krankenkassen übernommen. Die Menschen zahlen selbst für die Behandlung.

Manche Krankenhäuser haben Berater für psychisch kranke Patienten, doch die meisten Betroffenen wenden sich an private Kliniken, von denen es allerdings nicht viele gibt. Die Leute suchen vorab über Google nach einem Therapeuten, aber da es eben nur so wenige Privatkliniken gibt, erhält man nicht viele Treffer. Meistens findet man einen Therapeuten über Empfehlungen von engen Freunden und Bekannten, denen man vertrauen kann.

Baxter Aceves: Es hängt von der jeweiligen Krankenkasse ab, ob sie die Behandlung von psychischen Krankheiten übernimmt, aber es ist selten. In Mexiko behandeln sich die Leute schon immer selbst. Manche der einheimischen Behandlungsmethoden existieren schon seit Tausenden von Jahren, und man muss in Mexiko nicht zum Arzt gehen, um ein Medikament zu kaufen. In den letzten Jahren wurde das Gesetz für kontrollierte Arzneimittel etwas verschärft, aber man kann immer noch überall verschreibungspflichtige Medikamente bekommen.

Beatriz Serrano: Die Menschen gehen normalerweise auf eigene Kosten in die Therapie, weil es einfacher ist. Man fragt Freunde oder Familienangehörige, ob sie einen Therapeuten empfehlen können. Eine einstündige Sitzung bei einem Psychologen mit Privatpraxis kostet zwischen 50 und 90 Euro. Man kann auch zu einem Arzt gehen, der über die Sozialversicherung abrechnet, und er oder sie verweist einen dann weiter an einen Therapeuten. Dieser Prozess dauert normalerweise sehr lange, weshalb die meisten Leute doch lieber die erste Option wählen.

Susie Armitage: Das Gesundheitswesen in den USA ist, knapp ausgedrückt, "kompliziert". Durch die Umsetzung des Affordable Care Act alias Obamacare sind heute viele Menschen krankenversichert, die sich vorher keine Krankenversicherung leisten konnten. Alle Versicherungspläne im Gesundheitsfürsorge-"Marktplatz" der Regierung müssen psychische Krankheiten mit abdecken. Das Gesetz verlangt auch eine so genannte "mental health parity", was bedeutet, dass die Versicherungsträger die Kosten für die Behandlung von psychischen Krankheiten ganz genau so erstatten müssen wie die Kosten für körperliche Erkrankungen. (Die Zuzahlung oder Selbstbeteiligung bei einem Termin beim Psychotherapeuten sollte also mit den Kosten vergleichbar sein, die dem Versicherten bei einem normalen Arztbesuch entstehen.) Das Gesetz verlangt nicht, dass alle Krankenversicherungen psychische Krankheiten abdecken müssen, doch wenn sie es tun, muss die Kostenerstattung bei psychischen Krankheiten mit der bei körperlichen Beschwerden vergleichbar sein.

Doch auch wenn man krankenversichert ist, kann es immer noch schwierig sein, wirklich eine Therapie zu bekommen. Man braucht viel Energie und Ausdauer, um sich durch den bürokratischen Apparat des Gesundheitssystems zu lavieren. Menschen, die mit psychischen Krankheiten leben, fällt das oft sehr schwer.

Wir freuen uns, wenn Du uns in den Kommentaren noch mehr über den Umgang mit psychischen Krankheiten in dem Land berichtest, in dem Du lebst. Vor allem, wenn Du in einem Land lebst, dessen Situation hier nicht zu Wort gekommen ist.

Wende Dich immer an Deinen Hausarzt, wenn es um Deine Gesundheit und Dein persönliches Wohlergehen geht. BuzzFeed-Posts dienen nur zur Information, sind aber auf keinen Fall ein Ersatz für medizinische Diagnosen, eine Behandlung oder professionellen medizinischen Rat.

Aus dem Englischen übersetzt von Lisa Kuppler.

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