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G20: Diese Fragen hat die Hamburger Polizei bis heute nicht beantwortet

Der Einsatzleiter der Polizei für den G20-Gipfel hat vor dem Hamburger Innenausschuss ausgesagt. Doch warum und wie schwer die Polizisten in Hamburg wirklich verletzt wurden, beantwortet er nicht.

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Mehr als die Hälfte der Polizisten wurden vor den G20-Protesten verletzt - als schwer verletzt gelten 2 der 476 gemeldeten Polizisten. Das hatte BuzzFeed News in der vergangenen Woche exklusiv berichtet.

Nun haben sich der verantwortliche Einsatzleiter, der Hamburger Polizeidirektor und Hamburgs Innensenator vor dem Innenausschuss der Hamburger Bürgerschaft erklärt. Hat das die Fragezeichen aus der Welt geschafft? Leider nein. Noch immer ist vieles unklar.

Verletzte Beamte vor der Demo?

Einsatzleiter Hartmut Dudde sprach bisher von 476 verletzt gemeldeten Polizeibeamten. Vor dem Hamburger Innenausschuss korrigierte Dudde die Zahl nun – und zwar nach oben: auf 709 Meldungen.

Das Problem aber bleibt. Denn Dudde spricht weiterhin nur über den erweiterten Einsatzzeitraum des "BAO Michel" genannten Großeinsatzes: also der Phase ab 22. Juni. Wie viele der als verletzt registrierten Beamten aber auf die Zeit der Demonstrationen entfällt, bleibt weiter unklar. Und damit stellt sich die Frage, ob diese Zahl nicht vorliegt, oder aber bewusst zurückgehalten wird.

Was bedeutet "verletzt"?

Die neue Zahl von 709 als verletzt gemeldeten Beamten wird von der Polizeiführung nun in zwei Gruppen unterteilt: Verletzung durch „Erschöpfung“ und „Fremdeinwirkung“.

Das Wort "Erschöpfung" verschleiert, warum die Beamten erschöpft sind: viele machen eine als desaströs empfundene Einsatzplanung mit teils menschenunwürdigen Einsatzbedingungen dafür verantwortlich.

Zur „Fremdeinwirkung“: In vielen Medien (darunter dem NDR, der FAZ, Süddeutsche oder Hamburger Abendblatt) wird Hartmut Dudde mit den Worten zitiert, es handele sich hierbei um "vorsätzliche Fremdeinwirkung". In manchen Berichten fehlt das Wort „vorsätzlich“ allerdings.

BuzzFeed News hat das Wortprotokoll der Sitzung angefordert, um Duddes Aussagen zu prüfen. Dieses liegt bisher allerdings noch nicht vor. Sollte der Einsatzleiter das Wort verwendet haben, wäre das eine Deutung, für die bisher eine statistisch-belastbare Grundlage fehlt – und damit eine Fortführung einer von so manchem als einseitig empfundenen Kommunikation der Hamburger Polizeiführung.

Welche Verletzungen gehen auf Demonstranten zurück?

Auch für die Frage, wie viele der als verletzt registrierten Beamten auf Demonstranten zurückgehen und wie viele nicht, bleibt Hartmut Dudde die Antwort schuldig. Da von der Hamburger Polizei hierzu keine Angaben gemacht werden, bleibt bis zum jetzigen Zeitpunkt lediglich die Feststellung, dass "Fremdeinwirkung" nicht gleichzusetzen ist mit "das waren Demonstranten".

Warum immer mit dem Worst Case arbeiten?

Warum sich Hartmut Dudde entscheidet, seine Zahlen nicht mit den häufigsten Fällen zu illustrieren, sondern stets mit den schlimmstöglichen, bleibt unklar.

Recherchen zufolge waren 95% der verletzten Beamten nach kurzer Behandlung vor Ort weiter dienstfähig. Schwere Verletzungen haben die beteiligten Bundesländer gar nicht und die Bundespolizei nur in zwei Fällen registriert.

Dennoch illustriert Hartmut Dudde seine Ausführungen mit Sätzen wie „Die schwersten Verletzungen sind Handgelenksbrüche gewesen“ – wie auch schon bei der Abschluss-Pressekonferenz, als er von "Gesichtstreffer durch Pyrotechnik, Fahrrad von der Brücke geworfen, Gehirnerschütterung, mit Steinen beworfen, Flaschenbewurf, Splitter unterm Visier" sprach.

Warum Dudde die Ausnahmen über- und die Regel unterbetont, ist eine offene Frage. Unklar bleibt auch, warum dem Innenausschuss gegenüber nicht deutlich gemacht wird, welche Zahl von Beamten wie schwer verletzt wurde.

Nachdem die Recherchen von BuzzFeed veröffenlicht wurden, hat auch die Opposition im Hamburger Senat mehrere kleine Anfragen gestellt. Die Linken hatten direkt nach dem Gipfel einen Untersuchungsausschuss gefordert. Zwischenzeitlich haben sich auch FDP und CDU dieser Idee angeschlossen.

Marcus Engert ist Political Editor von BuzzFeed News / BuzzFeed Deutschland und lebt in Leipzig und Berlin. Sicherer/Vertraulicher/Verschlüsselter Kontakt: per Mail mit PGP-Key http://bit.ly/2uy3ai6 oder über die Threema-ID F8H994R7

Contact Marcus Engert at marcus.engert@buzzfeed.com.

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