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Die Bundeswehr nutzt unsichere Drohnen, und es ist ihr egal

Das deutsche Militär will unsichere Drohnen auch weiterhin nutzen. Und mehr noch: erstmals sind auch Nano-Drohnen im Einsatz. Eine Übersicht.

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Die Bundeswehr nutzt Drohnen des umstrittenen Typs DJI Phantom IV – und will diese trotz massiver Sicherheitsbedenken auch weiterhin einsetzen. Das geht aus einer Antwort des Verteidigungsministeriums auf eine Anfrage des Linken-Abgeordneten Andrej Hunko hervor, die BuzzFeed News vorliegt. Demnach sind sechs Phantom IV im Einsatz. "Derzeit bestehen aus hiesiger Sicht keine Gründe, die Nutzung der DJI Phantom IV in der Bundeswehr einzuschränken", sagte eine Sprecherin des Verteidigungsministeriums auf Anfrage von BuzzFeed News.

Erst vor wenigen Tagen hatte die US-Army in einem Rundschreiben allen Soldaten die Nutzung der Phantom IV mit sofortiger Wirkung untersagt und deren unmittelbare Deinstallation angeordnet. Dem Schreiben zufolge sollen "die Nutzungen eingestellt, alle DJI-Anwendungen deinstalliert, Akkus und Datenträger aus den Geräten entfernt und das Equipment sicher verstaut werden, bis weitere Anweisungen vorliegen."

Der Grund dafür waren massive Sicherheitsbedenken. Die Techink-Webseite futurezone.at berichtet, kann man angeblich bereits über eine einfache Google-Suche auf Daten der DJI-Drohnen zugreifen und Flugprotokolle, Fotos und Audio-Aufnahmen herunterladen.

Bundeswehr nutzt unsichere Drohne vor Libyen

Die DJI Phantom IV kann jedermann kaufen. Rund tausend Euro kostet das Modell. Auch die Terrormiliz Islamischer Staat und syrische Rebellen benutzen die Drohne. Zu den Nutzern der "Phantom IV" gehört auch die Bundeswehr: sechs Stück sind dort im Einsatz, wie das Verteidigungsministerium nun als Antwort auf die Anfrage von Andrej Hunko schreibt.

Gegenüber BuzzFeed News erklärte eine Sprecherin, dass diese Drohnen bei der "Operation Sophia" zum Einsatz kommen: dem Einsatz der deutschen Marine vor der Küste Libyens, der Menschen- und Waffenschmuggel unterbinden soll. "Libyen ist das Transitland mit den größten Migrationsbewegungen nach Europa. Mehr als 400.000 Flüchtlinge und Migranten haben seit 2013 das Mittelmeer bereits auf diesem Weg Richtung Europa überquert", schreibt die Bundesregierung selbst.

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Andrej Hunko, der für DIE LINKE im Bundestag sitzt und sich seit Jahren mit den Drohnenprogrammen beschäftigt, kritisiert den Einsatz. Bei anderen Drohnenmodellen habe man zusätzlichen Abhörschutz eingebaut – und sogar gegenüber einer großen militärischen Spezialdrohne aus den USA Bedenken angemeldet. "Es ist seltsam, dass das Tracking nun bei den kleinen Phantom-Drohnen unbedenklich sein soll. Ich bin gespannt auf die Erklärung, ob die deutschen Soldaten ihre Dröhnchen beim Hersteller DJI ordentlich registriert haben", sagt Hunko gegenüber BuzzFeed News. Genau daran darf man große Zweifel haben. Schließlich könnte fortan eine solche Drohne auch automatische Updates des Herstellers laden, die neue Sicherheitslücken mit sich bringen könnten, oder eigene Daten auf DJI-Servern speichern.

Vorbereitung auf Häuserkampf? Bundeswehr nutzt erstmals Mini-Drohnen

Die Antwort aus dem Verteidigungsministerium verrät auch, welche Drohnen derzeit bei der Bundeswehr genutzt werden – oder demnächst genutzt werden sollen. Erstmals sind hier auch Kleinstdrohnen enthalten. Das versteht Andrej Hunko als Hinweis auf eine strategische Umorientierung innerhalb der Bundeswehr.

"Mit den 'Black Hornet' verfügt die Bundeswehr erstmals über Nano-Drohnen, die unter anderem im Häuserkampf eingesetzt werden. Für diesen Zweck forscht die Bundeswehruniversität unter anderem auch an Drohnen-Würmern, die mit Gel gefüllt sind und sich per Mikrohydraulik fortbewegen", sagt Andrej Hunko von der Linkspartei.

Die Drohnen-Würmer könnten Kameras tragen, sich selbstständig bewegen oder sogar Treppen steigen. Die Idee dahinter: sie würden mit einer Granate über einem gegnerischen Gebiet abgeschossen, dort behutsam mit einem Fallschirm landen und könnten dann im Schwarm ein größeres Gelände aufklären.

"Das alles lässt nur den Schluss zu, dass die Führung der Bundeswehr mit mehr Einsätzen in urbanem Gebiet rechnet. Das Verteidigungsministerium hatte dies kürzlich bestätigt und erklärt, dass auch die Bewaffnung der Kampfdrohnen für den Kampf in den Städten ausgelegt sein soll", sagt Hunko.


Diese Drohnen besitzt die Bundeswehr

BuzzFeed News listet hier den aus der Antwort des Verteidigungsministeriums hervorgehenden, aktuellen Drohnenbestand der Bundeswehr auf.

Bei der Auflistung der Drohnen ist zu unterscheiden zwischen einem System und einem Luftfahrzeug. Als Luftfahrzeug gilt nur der Teil, der fliegt – also das, was gemeinhin als Drohne bezeichnet wird. System hingegen bezeichnet auch die übrigen Teile wie Fernbedienung, Kontrolleinheiten am Boden oder zum Beispiel Panzer, die mit Drohnen ausgerüstet sind. Außerdem können zu einem System auch mehrere Drohnen gehören.

Gewichtsklasse: Unter 5 Kilogramm

Die kleinste Gewichtsklasse für Drohnen spielt in Deutschland eine Sonderrolle. Wiegt eine Drohne weniger als 5 Kilogramm oder bleibt sie in Sichtweite des Bedieners, dann braucht man für sie keine besondere Genehmigung nach dem deutschen Luftfahrtrecht. Ein Vorteil, den sich nun auch die Bundeswehr zunutze gemacht hat – denn erstmals nutzt sie Mini-Drohnen.

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  • Sie ist das kleinste unbemannte Fluggerät, das man derzeit kaufen kann und gerade einmal 10 cm lang.

  • Die PD-100 wurde für Suchaufgaben und geheime Erkundung entwickelt. Die Armee nutzt sie zur Aufklärung, zum Beispiel, um in ein Gebäude zu fliegen. Die Black Hornet trägt drei Kameras, kann Video- und Standbilder übertragen, auch im Dunkeln, und hat eine Reichweite von 1.000 Metern.

  • Die Bundeswehr hat 30 Stück: 10 Systeme mit jeweils 3 Drohnen.

  • Stückpreis: etwa 40.000 – 50.000 Euro (vermutlich allerdings mehr, denn die Bundeswehr nutzt Systeme mit je drei Fluggeräten. Die Standardvariante hat lediglich zwei Fluggeräte pro System)

  • Sie ist der Allrounder unter den Drohnen: Landwirte nutzen sie genau so wie syrische Rebellen, die Terrormiliz Islamischer Staat, Militärs oder auch unzählige private Drohnenflieger.

  • Weil die Beschaffung einer speziellen Marinedrohne vor 2021 wohl nichts wird, griff die deutsche Marine einfach zu diesen handelsüblichen Drohnen aus dem Regal. Unter dem Namen SALiFRA (Seegestützte Aufklärung aus der Luft im Rahmen ‚friendly approach‘) wurden die Phantom IV im Rahmen einer “Sofortinitiative Einsatz” gekauft, um sogenannte Boarding Trupps abzusichern – also jene Einheiten, die sich an Bord fremder Schiffe begeben.

  • Das renommierte Technik-Portal "Ars Technica" schreibt, die Drohnen hätten eine Sicherheitslücke, so dass Dritte die Steuerung übernehmen könnten. Und das renommierte Drohnen-Blog sUAS News berichtete, bereits eine simple Google-Suche würde ausreichen, um an Flugprotokolle, Bilder oder Audio-Aufnahmen der Drohnen heranzukommen. Belege hierfür fehlen noch, doch ist die Plattform des Herstellers DJI schon länger umstritten. Dort registriert man sich als Nutzer und jede Drohne, um die Daten der Drohne speichern zu können.

  • Die Bundeswehr hat sechs solcher Drohnen gekauft.

  • Der Preis: etwa 1.000 Euro pro Stück für das zivile Modell

  • Der Name steht für “Mikroaufklärungsdrohne für den Ortsbereich” und meint das Modell “AirRobot AR 100-B”: ein mit Elektromotoren angetriebener Quadrocopter mit einem Durchmesser von einem Meter.

  • Die Drohne wird auch von Polizei und Feuerwehr genutzt und kann unterschiedliche Sensoren und Kameras tragen. Sie wird von einem Rechner aus oder mit einer Videobrille bedient.

  • Stückpreis: etwa 90.000 Euro

  • Ist eine Drohne des deutschen Herstellers EMT und wird seit 2005 von der Bundeswehr für Aufklärungszwecke genutzt. Ein System hat zwei Drohnen; die Bundeswehr nutzt 145 solcher Systeme.

  • Auch “ALADIN” ist ein sehr kreativer Name: es steht für “Abbildende Luftgestützte Aufklärungsdrohne im Nächstbereich”.

  • Kosten pro System: 200.000 Euro

Gewichtsklasse bis 5 bis 25 kg

Hier hat die Bundeswehr aktuell wohl nichts auf Lager, allerdings ist im Rahmen einer sogenannten “Sofortinitiative” die Anschaffung von drei Drohnensystemen geplant.

Gewichtsklasse 25 bis 150 kg

  • Auch der Name “Luna” reiht sich in die Reihe der kreativen Namensfindungen ein. Er steht für Luftgestützte Unbemannte Nahaufklärungs-Ausstattung.

  • Die Bundeswehr hat hier acht Systeme und ein Ausbildungssystem im Einsatz, die zusammen auf 85 Drohnen kommen.

  • Auch LUNA wird von der Firma EMT hergestellt. Das Modell wird außerdem auch nach Pakistan und Saudi-Arabien exportiert.

  • “Durch Aufklärung in einem Umkreis von 100 Kilometern werden Informationen an die Bodenkontrollstation übermittelt. Das Fluggerät startet mit Hilfe eines Katapultes. Die Landung erfolgt an einem Fallschirm oder mittels Netzlandung mit autonomem Landeanflug. Die Flugroute wird vor dem Start programmiert, kann aber auch während des Flugkurses von der Bodenstation geändert werden”, sagt die Wikipedia.

  • Für 52 Systeme, die als Verlust gemeldet wurden - meistens, weil es Probleme beim Landen gab und die Drohne dabei beschädigt wurde - gab die Bundeswehr einen Schaden von 14,3 Millionen Euro an. Rechnerisch ergäbe sich damit ein Stückreis von rund 275.000 Euro.

  • KZO, wie könnte es anders sein, steht für “Kleinfluggerät Zielortung”.

  • Im Bestand der Bundeswehr: zehn Systeme und zwei Ausbildungssysteme, zusammen 44 Drohnen, die unter anderem in Afghanisten zum Einsatz kommen.

  • Der Hersteller: Rheinmetall

  • Auch hier lässt sich ein ungefährer Stückpreis aus einer Verlustliste errechnen: für 18 verlorene Systeme werden 54 Millionen Euro Verlust beziffert, so dass sich ein Stückpreis von rund 3 Millionen Euro ergibt.

Gewichtsklasse über 150 kg

  • Die HERON ist eine von Israel entwickelte Aufklärungsdrohne. Sie kann in Höhen zwischen 5.000 und 15.000 Meter fliegen, ist 8,5 Meter lang und hat eine Spannweite von fast 17 Metern. Mit anderen Worten: sie ist groß. Und mächtig: bis zu 45 Stunden kann die HERON in der Luft bleiben.

  • Die Bundeswehr plant allerdings, diese Drohnen zu ersetzen: “um die Fähigkeitslücke eines bewaffneten, unbemannten Lfz (Luftfahrzeugs) bis zur Einführung der EURODROHNE zu überbrücken”. Fünf für die deutschen Anforderungen modifizierte, deutlich größere “HERON TP” sind schon bestellt, zwei weitere sollen vertraglich vereinbart werden. Vertraglich vereinbart heißt: Deutschland wird diese Drohnen von Israel mieten.

  • Die HERON sind teuer: für die Miete der ersten drei Drohnen zahlte Deutschland in drei Jahren insgesamt 110 Millionen Euro. Das war Anfang 2010. Seitdem wurden die Mietverträge immer wieder verlängert.

Geplante Anschaffungen

Die Bundeswehr ist dabei, ihr Drohnenprogramm auszubauen: “Der Bestand der Drohnen „LUNA“, „MIKADO“, „ALADIN“ und „KZO“ ist seit Jahren konstant. Jetzt sind aber weitere, immense Beschaffungen geplant. Dies betrifft zunächst die mittelgroßen Drohnen: Die „LUNA“ des Heeres wird durch ein neues System mit 20 Drohnen ergänzt, die Marine erhält sechs größere Hubschrauber-Drohnen”, so der Linken-Abgeordnete Andrej Hunko gegenüber BuzzFeed News.

Und in der Tat listet das Ministerium gleich vier Neuanschaffungs-Projekte auf: neben der großen HERON TP auch zwei Drohnen namens “Vordringlicher Bedarf Marine Unmanned Aircraft System" (VorMUAS) für die Marine, sechs Drohnen (beziehungsweise drei Systeme) im Projekt “Aufklärung und Identifizierung im maritimen Einsatzgebiet” (AlmEG) sowie drei “Triton” genannte MQ-4C-Drohnen als Nachfolger des gescheiterten Eurohawk-Programms. Stückpreis für die Triton: 182 Millionen Dollar.

Die Antwort aus dem Verteidigungsministerium.


Marcus Engert ist Political Editor von BuzzFeed News / BuzzFeed Deutschland und lebt in Leipzig und Berlin. Sicherer/Vertraulicher/Verschlüsselter Kontakt: per Mail mit PGP-Key http://bit.ly/2uy3ai6 oder über die Threema-ID F8H994R7

Contact Marcus Engert at marcus.engert@buzzfeed.com.

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