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Während der G20-Proteste wurden weniger Polizisten verletzt, als die Polizei behauptet

476 verletzte Polizisten meldete die Polizei während der G20-Krawalle – und in den vergangenen Tagen berichtete weltweit fast jedes Medium darüber. Nach Recherchen von BuzzFeed News ist diese Zahl allerdings deutlich übertrieben.

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Von den offiziell 476 bei G20 verletzten Polizisten wurden deutlich weniger Beamte während der Proteste verletzt, als bisher angenommen. Mehr als die Hälfte der Verletzungen meldeten die Polizisten schon vor den Protesten. Das geht aus Anfragen von BuzzFeed News an alle 16 Landespolizeibehörden und die Bundespolizei hervor.

Zudem sind etliche Verletzungen nicht auf die Demonstranten zurückzuführen. So zählte die Polizei zum Beispiel Kreislaufprobleme ebenfalls zu den gemeldeten Verletzungen. Die allermeisten Polizisten konnten spätestens am nächsten Tag wieder am Einsatz teilnehmen, häufig auch deutlich eher.

"In der heißen Einsatzphase vom 06.07. bis zum 09.07.17 wurden 231 Polizistinnen und Polizisten verletzt", schreibt das bayrische Innenministerium auf Anfrage. Insgesamt seien 476 Polizisten "während der erweiterten Einsatzphase", also vom 22. Juni bis zum 10. Juli, verletzt worden oder erkrankt. Mehr als die Hälfte der Einsatzkräfte meldeten sich dem Ministerium zufolge also in den beiden Wochen vor den Demonstrationen krank oder verletzt.

Das bayerische Innenministerium bestätigte auf mehrfache Nachfrage, dass diese Zahlen von der Polizei aus Hamburg stammten. "Wie die da drauf gekommen sind, wissen wir auch nicht", so eine Sprecherin. Die Polizei Hamburg erklärte, zu verletzten Beamten vor den Ausschreitungen lägen keine Zahlen vor. Eine genaue Erhebung sei aufgrund der unruhigen Lage nicht mehr möglich gewesen. Bestätigen will die Behörde lediglich, dass vor Beginn der Auseinandersetzungen am Donnerstag 74 Beamte verletzt gemeldet waren.

Viele Polizisten waren sofort wieder diensttauglich

Mehr als 95 Prozent der als verletzt erfassten Polizisten konnten bereits nach kurzer Behandlung vor Ort wieder weiter arbeiten, zeigen die Recherchen von BuzzFeed News. Von den 476 gemeldeten Polizisten wurden insgesamt 21 Beamte so verletzt, dass sie auch noch am Folgetag oder länger nicht einsatztauglich waren. Offiziell als schwer verletzt gelten zwei Beamte der Bundespolizei. Die 16 Bundesländer meldeten auf Anfrage keine schwer verletzten Polizisten.

Der Gesamteinsatzleiter Hartmut Dudde, der hinter dem als "Hamburger Linie" bekannt gewordenen harten Durchgreifen steht, hatte auf der Abschluss-Pressekonferenz noch einen anderen Eindruck erweckt. Zwischen dem 22. Juni und dem 9. Juli habe die Polizei 476 verletzte Kollegen gehabt: "Darunter Gesichtstreffer durch Pyrotechnik, Fahrrad von der Brücke geworfen, Gehirnerschütterung, mit Steinen beworfen, Flaschenbewurf, Splitter unterm Visier."

Nicht alle 476 Polizisten wurden von Demonstranten verletzt

Was die offiziellen Zahlen bisher ebenfalls nicht zeigen: Nicht alle als verletzt gemeldeten Polizisten sind Opfer gewalttätiger Autonomer geworden. "Die Verletzungen ergaben sich durch die Dauer des Einsatzes (u.a. Kreislaufprobleme), nicht nur durch Gewalteinwirkung von außen im Zusammenhang mit den Krawallen", schreibt beispielsweise das brandenburgische Innenministerium.

"Die Verletzten-Zahl muss dringend relativiert und eingeordnet werden", sagt auch Rafaehl Behr, Professor an der Akademie der Polizei in Hamburg. "Es gab zum Beispiel allein am Freitag mehrere Dutzend Beamte, die wegen Dehydrierung als verletzt gemeldet wurden."

Oft melden sich auch nach den Einsätzen noch Beamte als verletzt, um für den Fall nicht absehbarer Spätfolgen als Dienstunfall abgesichert zu sein. So meldeten die einzelnen Bundesländer in dieser Woche insgesamt 743 verletzte oder erkrankte Beamte an BuzzFeed News. Dabei fehlen noch verletzte Mitarbeiter der Hamburger Polizei, der eigene Zahlen nicht vorlägen.

Blick in die einzelnen Bundesländer

Bei den G20-Demonstrationen am vergangenen Wochenende wurden anteilig die meisten Beamten aus Berlin verletzt. Fast jeden siebten ihrer 940 in Hamburg im Einsatz gewesenen Beamten meldete die Berliner Polizei als verletzt. In Nordrhein-Westfalen waren es nur drei von 2200.

Die Polizei Hessen hatte gemeldet, dass 130 der 150 Polizisten infolge von Reizgas verletzt wurden. Demo-Beobachter hatten darunter "friendly fire" verstanden, also Verletzungen infolge eigener Maßnahmen. Dem widerspricht das hessische Innenministerium auf Anfrage: "Der Großteil der Polizisten (rund 130) wurde in der Nacht von Samstag auf Sonntag beim Einsatz im Bereich „Schulterblatt“ durch Reizgaseinwirkung seitens des Störerklientels verletzt", so ein Sprecher.

Rafael Behr, Professor an der Akademie der Polizei in Hamburg, hat daran Zweifel: "Mit höchster Wahrscheinlichkeit sind das Beamte, wo die Autonomen die Geschosse mit dem Reizstoff einfach wieder zurück geworfen haben."

BuzzFeed News hat auch bei allen anderen Behörden die Zahl der durch eigene Maßnahmen verletzten Polizisten abgefragt. Hierzu sind in keinem Bundesland Fälle bekannt.

Bei den letzten größeren Ausschreitungen in Deutschland, bei "Blockupy" in Frankfurt im März 2015, wurden offiziellen Angaben zufolge insgesamt 150 Polizisten verletzt. Diese Verletzungen entstanden allerdings innerhalb eines Tages bei maximal 3.000 zum Teil gewalttätigen Demonstranten.

Die Recherchen zeigen damit, dass die von Stadt und Polizei Hamburg verbreiteten Zahlen über verletzte Polizisten extrem interpretationsbedürftig sind – und ohne die entsprechenden Hintergründe einen falschen Eindruck erwecken.

Marcus Engert ist Political Editor von BuzzFeed News / BuzzFeed Deutschland und lebt in Leipzig und Berlin. Sicherer/Vertraulicher/Verschlüsselter Kontakt: per Mail mit PGP-Key http://bit.ly/2uy3ai6 oder über die Threema-ID F8H994R7

Contact Marcus Engert at marcus.engert@buzzfeed.com.

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