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Dreizehn Wochen schwanger, und dann nicht mehr

Mit der Fehlgeburt verlor ich einen Menschen, den ich gar nicht kannte. Der Verlust traf mich härter, als ich mir je hätte vorstellen können.

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Mein Mann und ich warteten in einem kleinen, dunklen Behandlungszimmer auf das Ergebnis unserer Ultraschalluntersuchung. Es war ein Routinetermin, 13. Woche, ein silbriger Schatten auf einem großen Monitor. Gleich würde die Frauenärztin kommen und uns von dem Baby berichten, das in mir heranwuchs. Wir hatten es gerade zum zweiten Mal gesehen, ein perfekt geformtes, kleines Ding mit einem runden Kopf.

Die Tür ging auf und eine Ärztin kam herein, die wir nicht kannten. Aber das war nichts Ungewöhnliches in diesem Krankenhaus. Sie hatte braunes Haar und braune Augen, unseren Blicken wich sie aus.

Sie reichte meinem Mann Zack die Hand. "Ich bin Dr. Minnick", sagte sie und setzte sich vor das Ultraschallgerät. Endlich schaute sie mich an, und ich hatte das Gefühl, als müsse ich mich übergeben.

"Ich konnte keinen Herzschlag finden", sagte sie.


Ich erfuhr am Morgen meines 31. Geburtstags, dass ich schwanger war. Der Schwangerschaftstest stammte noch aus einem Doppelpack, den ich vor ein paar Monaten gekauft hatte. Damals hatte ich auch vermutet, ich könnte schwanger sein. Eine Minute lang zwang ich mich, das Badezimmerschränkchen aufzuräumen, dann schaute ich nach. Die zweite Linie war kaum zu erkennen. Hektisch googelte ich "schwache zweite Linie Schwangerschaftstest". Ich erfuhr, dass es egal war, wie schwach die rosa Linie ist. Sie wies in jedem Fall darauf hin, dass erhöhte Werte von humanem Choriongonadotropin (hCG) im Urin waren. Eindeutig positiv.

Ich wusch das Stäbchen ab, ging leise durch den Flur in unser Schlafzimmer und legte es auf das Kopfkissen meines Mannes. Er machte mir gerade Frühstück. Wenn er zurück ins Bett kam, würde er das Testergebnis sehen. Mit einer Tasse Kaffee und einem Teller mit Erdnussbuttertoast kam er wenig später zur Tür herein. "Der Toast ist schlicht genial“, sagte er. Ich antwortete nicht.

Er schaute mich an, warf einen Blick auf sein Kissen, stutzte und schaute noch einmal hin. Vorsichtig stellte er Kaffee und Toast auf der Kommode ab und griff nach dem Teststäbchen. "Ist das ... Sind wir ... Heißt es das, was ich denke?"

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Wir hatten schon lange darüber geredet, dass wir gerne ein Kind hätten. Doch jetzt freute ich mich nicht – ich hatte Angst.

Nichts an diesem Morgen fühlte sich real an. Ich nickte und wir umarmten uns, aber in Gedanken fragte ich mich, ob das Testergebnis wirklich stimmen konnte. Wir waren seit sechseinhalb Jahren verheiratet und hatten schon seit einiger Zeit darüber geredet, dass wir gerne ein Kind hätten. Doch jetzt freute ich mich nicht – ich hatte Angst. Manchmal kam ich mir selbst noch wie ein Kind vor und überhaupt nicht wie ein Elternteil, und die Nachricht machte mich noch unsicherer. Mir klopfte das Herz in der Brust, und ich fragte mich, ob Zack mir ansah, wie nervös ich war. Dass er sich so offensichtlich freute, jagte mir nur noch mehr Angst ein, und ich wurde noch nervöser.

Am nächsten Tag erzählte ich meiner Mutter und meiner Schwester, dass ich schwanger war. Wir saßen in einem Café in Elko, Nevada, und waren auf dem Weg nach Jackson Hole, wo Zack, mein Vater und mein Bruder zu uns stoßen wollten. Eigentlich hatte ich warten wollen, bis wir alle zusammen waren. Aber als wir Frauen zu dritt unterwegs waren, konnte ich es nicht noch einmal 24 Stunden lang geheimhalten.

"Nächstes Frühjahr könnten wir nach Sedona fahren", sagte meine Mutter, während wir die Speisekarte studierten. "Wir fliegen nach Las Vegas und mieten uns dort ein Auto. Und wandern."

Mein Gesicht wurde heiß. "Ich glaube nicht, dass ich dann mitkommen kann", sagte ich.

Meine Schwester Mallory hatte schweigend neben mir gesessen, doch jetzt kam Leben in sie. "Du bist schwanger!" Sie sagte das so laut, dass die Gäste im Innern des Restaurants sich zu den Tischen draußen auf dem Gehweg umdrehten, wo wir saßen. Ich spürte, wie sie uns beobachteten, als Mallory mich unter Tränen in die Arme nahm. Aus dem Augenwinkel sah ich, wie unsere Mutter sich mit Gewalt zurückhielt, für den Fall, dass ich aus einem ganz anderen Grund nicht mit in den Urlaub konnte und Mallory voreilige Schlüsse zog.

Ich erinnerte mich an die beiden rosa Linien auf dem Test und nickte. Sichtlich erleichtert stand meine Mutter auf und umarmte mich. Das gesamte Restaurant schaute immer noch nach draußen und nahm Anteil an unserer kleinen Gefühlsexplosion. "Sie ist schwanger", rief meine Mutter, deuteten mit den Händen einen dicken Bauch an und deutete dann auf mich. Die beiden Frauen, die mir am am wichtigsten im Leben waren, saßen rechts und links von mir, Freudentränen liefen uns über die Wangen. "Wir kriegen ein Kind", flüsterte meine Mutter.

Danach konnte sie die guten Neuigkeiten nicht mehr für sich behalten, und in allen
Autobahnraststätten von Nevada bis Idaho wurden mir gute Wünsche mit auf den
Weg gegeben. Eine Bedienung, die alle Frauen mit "Sis" anredete, fragte mich,
ob ich an Liebe auf den ersten Blick glaubte. "Denn genau so isses, Sis. Du drückst
den Braten raus und schaust dem Kleinen ins Gesicht, und das war's."


Als wir aus Jackson Hole heimkamen, warteten drei große Pakete von einer Freundin auf uns, mit Geschenken für das Baby. Sogar unser Homesitter hatte Verdacht geschöpft. "Habt ihr was zu beichten?", stand in seiner SMS, an die er das Bild eines Baby Jumperoo angehängt hatte. "Sag ihm, es ist für ein anderes Baby", sagte ich zu Zack, aber er war viel zu aufgeregt, um die Schwangerschaft geheim zu halten. Seine Begeisterung war ansteckend und als wir es nach und nach immer mehr Leuten erzählten, ließ auch meine Angst nach.

Bei unserer ersten Ultraschalluntersuchung in der neunten Woche sahen wir etwas auf dem Bildschirm, eine Art silbriger Bohne mit einem zuckenden Kern. "Das ist der Herzschlag", erklärte uns die Hebamme. Wir machten Fotos von dem Monitorbild und mailten sie mit blöden Sprüchen an unsere Familien. "Kommt ganz nach Zack", schrieb ich meinen Schwiegereltern. Die nächste Ultraschalluntersuchung vereinbarten wir für in vier Wochen.

"Du wirst eine ganz tolle Mama", versicherte mir meine Schwester, aber ich konnte es immer noch nicht glauben. Gute Mütter sollten doch so viele Eigenschaften haben, die mir völlig abgingen: Selbstlosigkeit, Ruhe, Weisheit, Reife. Ich war nie ein besonders fürsorglicher Typ gewesen. Was, wenn ich versagte? Was, wenn ich das Baby zurück-geben wollte? In der nächsten Woche las ich ein Buch über Wochenbettdepression, damit ich für alle Fälle gewappnet war.

Auf einer Wanderung in Santa Barbara stellten Zack und ich uns gegenseitig Fragen. "Was hältst du von Schlaftraining?", fragte ich ihn. "Schlaftraining?", fragte er zurück.

"Okay, dann Windeln. Stoff oder normale?", fragte ich.

"Es gibt noch Stoffwindeln?" Er verzog das Gesicht.

Wir wanderten, bis wir ganz Santa Barbara überblickten. Hier in dieser Stadt hatten wir uns kennengelernt und ineinander verliebt. Die roten Dächer lagen vor uns, dahinter der Pazifik und die Kanalinseln, Santa Cruz und San Miguel und die drei kleinen Punkte von Anacapa. Wir gingen weiter und der Tag wurde wärmer. "Ich glaube, normale Windeln sind okay", sagte Zack. Wir gingen nebeneinander und hielten uns an den Händen. Wir schaffen das, dachte ich.

Am Nachmittag brachte ich einer Freundin Blumen vorbei. Sie hatte vor Kurzem eine Fehlgeburt gehabt, in der 13. Woche. Ich hielt den Strauß über meinen Bauch, mir war es peinlich, dass dieses neue Leben in mir für sie schmerzhaft sein könnte. "Es tut mir leid", sagte ich. "Es kommt so oft vor." Sie sah gesund wie das blühende Leben aus, als sie sich für die Blumen bedankte und sie ins Wasser stellte. Sie weinte nicht und ich fragte kaum etwas. Heute, nach meiner eigenen Fehlgeburt, würde ich mich anders verhalten.


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Der Ultraschalltermin war für Montagmorgen um 8.30 Uhr vereinbart. Wir waren am Tag zuvor von unserem Trip aus Santa Barbara zurückgekommen. Ich war seit 13 Wochen und vier Tagen schwanger und checkte jeden Morgen meine Schwangerschafts-App. An diesem Tag stand da: "Ihr Baby ist nun so groß wie eine Peperoni." Sieben Zentimeter lang, mit einem Körper, der heranwuchs, bis er zu dem riesigen Kopf passte, mit winzigen Händchen und Füßchen.

Wir meldeten uns im Sprechzimmer der Gynäkologin im Universitätskrankenhaus von San Francisco. Ich legte mich auf die Liege, und nach einer Minute erschien wieder diese kleine silbrige Bohne auf dem Bildschirm, aber jetzt sah sie schon ein bisschen mehr wie ein Baby aus. Die Ultraschall-Technikerin machte Aufnahmen, während sie mit der Sonde über meinen Bauch fuhr. "Für die Ärztin", erklärte sie, als sie den Embryo vermaß. Mir kam er zu klein vor, aber ich sagte nichts, weil ich mir nicht sicher war. Zack hielt meine Hand, während wir auf das winzige Ding im Monitor blickten.

Als wir in diesem dunklen Raum warteten, versuchte ich mir noch einzureden, alles sei in Ordnung. Dann kam die Ärztin und sagte uns, dass sie keinen Herzschlag finden konnte.

Ich lehnte mich weit zurück auf der Liege. Mein Gesicht wurde heiß, meine Handrücken fühlten sich taub an. Ich konnte meine Zehen und meine Zunge nicht mehr spüren. Die Ärztin reichte mir ein Taschentuch, und ich nahm es und wischte mir damit das Gesicht ab. Sie konnte also keinen Herzschlag finden, okay. Musste sie den Ultraschall noch mal machen? Würde sie ihn bitte noch mal machen?

Zack reichte mir seine Hand und ich hielt sie fest. Dabei konnte ich ihn nicht anschauen. Die Ärztin redete, aber ich begriff nichts von dem, was sie sagte. Auf dem Monitor neben uns war immer noch das Standbild des Babys zu sehen. Es schwamm auf dem Kopf, mit winzigen Armknospen, die aus dem winzigen Körper ragten. Zu klein. Ich hatte in den letzten vier Wochen kaum Wachstum gespürt. Mir war nicht aufgefallen, dass mein Bauch nicht größer wurde. Warum war mir das nicht aufgefallen?

"Oh", sagte ich. "Wie konnte das passieren?"

Die Ärztin wirkte erschrocken. "Der Fötus hat nach der neunten Woche aufgehört zu wachsen", sagte sie. "Das passiert oft im ersten Trimester. Normalerweise ist eine genetische Anomalie dafür verantwortlich, dass die Frucht abstirbt. Es war von Anfang an nicht lebensfähig."

"Ah", sagte ich.

"Gleich kommt eine Krankenschwester, die mit Ihnen bespricht, wie Sie nun vorgehen wollen", sagte die Ärztin.

Die Zeit lastete auf uns, jede Minute der Schwangerschaft und all die Minuten, die noch vor uns lagen und in denen es keine Schwangerschaft mehr gab. 

Wir warteten eine Ewigkeit auf die Kranken-schwester. Wir redeten nicht miteinander, saßen nur schweigend in diesem Raum. Die Zeit lastete auf uns, jede Minute der Schwangerschaft und all die Minuten, die noch vor uns lagen und in denen es keine Schwangerschaft mehr gab. Mir liefen heiße Tränen über die Wangen. Zack stand auf und wollte das Licht anmachen. Er drückte immer wieder auf den Schalter, fünf, zehn, fünfzehn Mal, aber es blieb dunkel.

Die Ultraschall-Technikerin brachte mir ein Glas Wasser. Ich hasste sie in diesem Moment. Sie hatte es vorhin schon gewusst, als wir es noch nicht mal geahnt hatte. Sie hatte es gewusst, während wir noch Fotos von unserem toten Baby auf dem Bildschirm machten und uns über seinen winzigen, perfekten Körper freuten.

Schließlich kam die Krankenschwester und drückte fest auf den Lichtschalter. Hell erleuchtet kam mir der Raum auf einmal viel zu eng vor. Mir blieb die Luft weg, ich dachte, ich müsse sterben. Aber in diesem Moment war mir alles egal. Die Schwester reichte mir ein Informationsblatt. „Mein herzliches Beileid“, sagte sie, worauf ich vollends in Tränen ausbrach.

Oben auf dem Blatt stand in zierlicher Schreibschrift "Ihre Möglichkeiten bei einer Fehlgeburt". Zum ersten Mal an diesem Tag sah ich das Wort "Fehlgeburt". Es gab drei Möglichkeiten: Abwarten, medikamentöse Einleitung oder Absaugung.

Fehlgeburt bedeutet eine fehlerhafte, eine verfehlte Geburt. "Die krankhafte Ausstoßung eines nicht lebensfähigen Fötus", steht im Comprehensive Medical Dictionary. Fälle, in denen der Körper den Fötus nicht ausgestoßen hat, werden als "verhaltener Abort" bezeichnet. Ein doppelter Fehler. Die Geburt hast du verfehlt und dann auch noch die Fehlgeburt verpasst.

In den vier Wochen, als das Baby schon tot war, hatten wir immer noch Leuten erzählt, dass wir schwanger waren. "Ich bin schwanger", sagte ich zu meiner Lektorin eines Morgens bei Kaffee und Croissants. "Ich bin schwanger", sagte ich zum früheren Zimmergenossen meines Mannes an der Uni und seiner Frau. "Sie darf kein Bier trinken, sie ist schwanger", sagte mein Mann zu einem Kellner in der Firestone Brewery in San Luis Obispo. In einer Art verdrehter Ironie entpuppte sich das alles im Nachhinein als Lüge.

Obwohl das Baby nach der neunten Woche nicht größer geworden war, war die Fruchtblase in mir weiter gewachsen, erklärte uns die Schwester. Eine Einleitung des Abgangs durch Medikamente, was ich daheim hätte machen können, kam bei mir nicht in Frage. Also konnte ich entweder warten, bis mein Körper den Fötus von sich aus abstieß oder einen Termin für die Absaugung vereinbaren. Aber ich konnte nicht mehr warten. Das Baby war seit vier Wochen tot und hatte keinerlei Anstalten gemacht, sich zu verabschieden. Wir vereinbarten den Termin für Mittwochmorgen.

In den Augen der Krankenschwester standen Tränen und sie legte mir die Hand auf die Schulter. "Es tut mir so unendlich leid", sagte sie und ich hatte das Bedürfnis, sie zu trösten. "Mir auch", erwiderte ich.

"Es ist nicht Ihre Schuld", sagte sie noch und ich bedankte mich bei ihr. Dann erst kamen Zweifel in mir auf, denn bis jetzt war mir der Gedanke gar nicht gekommen, dass ich die Fehlgeburt verschuldet haben könnte.

"Was sind die Ursachen einer Fehlgeburt?", stand als Frage auf dem Blatt, das die
Krankenschwester mir gegeben hatte. "Sie haben nichts dazu beigetragen", stand
als Antwort darauf. "Bei einer Fehlgeburt beendet der Körper von sich aus eine
Schwangerschaft, die niemals gesund verlaufen wäre." Von Anfang an nicht
lebensfähig.

Solange wir in dem Behand-lungszimmer blieben, konnten wir die schlechte Nachricht unter Verschluss halten. Noch mussten wir sie nicht hinaus in die Welt tragen, wo alles real werden würde.

Die Schwester ging und Zack und ich blickten uns schweigend an. Ich setzte mich auf, Angst, dass ich gleich ohnmächtig werden würde, hatte ich keine mehr. Ich hatte das Gefühl, dass wir, solange wir in dem Behandlungszimmer blieben, die schlechte Nachricht unter Verschluss halten konnten. Noch mussten wir sie nicht hinaus in die Welt tragen, wo alles real werden würde. Aber es gab keinen Grund mehr hierzubleiben. Also gingen wir.

Als wir das Krankenhaus verließen, bemühte ich mich um einen gelassenen Gesichtsausdruck, damit man mir nicht sofort anmerkte, dass etwas sehr Trauriges geschehen war. Innerlich überlegte ich krampfhaft, wie wir die Zeit um eine Stunde, um einen Tag, nur um einen Monat zurückdrehen könnten. Ganz sicher wäre mir etwas eingefallen, wie ich dieses Ende hätte verhindern können. Im Auto rief ich meine Eltern an. "Sie konnten keinen Herzschlag finden", schluchzte ich ins Handy, während Zack fuhr. "Wir kommen sofort", sagte meine Mutter. Im Hintergrund hörte ich meinen Vater weinen, und das brach mir das Herz noch mehr.

Bei einer Fehlgeburt gibt es unendlich viel zu erledigen. Alle müssen informiert werden, einschließlich der Chefin, der Schwester und der Schwiegereltern. Wir waren davon ausgegangen, dass es in der 13. Woche keine Komplikationen mehr geben würde, deshalb hatten wir allen unseren Freunden und Familienangehörigen von der Schwangerschaft erzählt, einigen erst vor ein paar Tagen. Für Dutzende von Telefonanrufen hatten wir keine Energie mehr, deshalb schickten wir auch SMS. Ich wollte es unbedingt allen sagen, die von der Schwangerschaft wussten. Es war, als hätte ich falsche Informationen in Umlauf gebracht und musste das jetzt so schnell wie möglich berichtigen.

Wir telefonierten, schickten SMS und Emails, bis wir nicht mehr konnten. Dann nahm
Zack meine Hand und holte die rote Decke, die normalerweise für Gäste
reserviert war, und wir gingen in unser Schlafzimmer. Eine Stunde lang lagen
wir unter der Decke und ich hielt ihn schluchzend in den Armen. Jetzt brauchten
wir nicht mehr stark für den anderen sein und konnten endlich gemeinsam weinen. Es
war eine tiefsitzende, körperlich fühlbare Trauer, die schlimmste Art von enttäuschter
Hoffnung. Die Zukunft lag endlos vor uns, eine qualvolle Minute nach der
anderen. Mir saß die Trauer im Magen, ein Schmerz, den ich heute noch spüre.


Wenn ein geliebter Mensch stirbt, verändert das dein Leben, und diese Veränderungen verschlimmern die Trauer noch. Man kann nicht mehr anrufen, man kann sich nicht mehr wie sonst treffen. Alles, was bleibt, ist der Geruch des Parfüms in den Kleidern, die noch im Schrank hängen. Aber wenn ein Fötus stirbt, oder ein Baby, oder wie immer man es nennen will, dann ändert sich nichts in deinem Leben. Und das ist das Seltsame daran – denn es hätte sich etwas verändern sollen.

Dein Bauch sollte größer werden, aber nun wächst er nicht mehr. Deine Brüste sollten empfindlicher werden, aber stattdessen nehmen sie wieder ihre normale Größe an. Dein Arbeitszimmer sollte zum Kinderzimmer umgestaltet werden, was dir gar nicht passte, aber jetzt sind die Pläne für das Kinderbett und den Wickeltisch ins Wasser gefallen und gar nichts verändert sich. Die Trauer packt dich, weil alles so bleibt, wie es war.

Der Mittwochmorgen kam schneller, als mir lieb war. Meine Mutter fuhr mich zum Women's Options Center der Uniklinik, ein Gebäude mit moderner Fassade, abgetretenen Linoleumböden und schmuddeligen gelben Wänden. Eine rothaarige Schwester mit Katzenaugen-Lidstrich namens Annika holte mich ab. Sie sagte: "Ich bringe Sie jetzt für einen Moment ins Behandlungszimmer, nur wir beide." Als wir alleine waren, erklärte sie mir leise und mit viel Einfühlungsvermögen die Operation. Dabei deutete sie auf die vier Medikamente, die ich am Tag zuvor besorgt hatte: zwei Antibiotika, ein Beruhigungsmittel und ein Schmerzmittel.

Nichts in deinem Leben ändert sich, und das ist das Seltsame – denn es hätte sich etwas verändern sollen.

"Zuerst geben wir Ihnen Misoprostol", sagte sie. Ich erfuhr, dass Misoprostol ursprünglich gegen Magengeschwüre entwickelt worden war und es die Menge an Säure im Magen verringert. Als weitere Wirkungen verursacht es Uteruskontraktionen und ein Öffnen des Muttermunds. Danach würde ich Lorazepam und Ibuprofen nehmen und eine ganze Reihe von Antibiotika, deren Namen ich kaum aussprechen konnte.

"Sie werden bei dem Eingriff Krämpfe bekommen, aber allzu schlimm sollten sie nicht sein", erklärte Annika. "Die Absaugung dauert ungefähr 15 Minuten. Sie werden während der OP nichts davon hören." Über diesen letzten Punkt hatte ich mir schon etwas Sorgen gemacht, und ich war auch neugierig. Ich hatte mich gefragt, ob man von einer Absaugung etwas hören konnte. Es war unglaublich erleichternd für mich, dass es nicht so war.

Zack und meine Mutter kamen herein, zusammen mit Karen, der Ärztin, die den Eingriff vornehmen würde. Sie hatte lockiges braunes Haar und eine entspannte Ausstrahlung. Sie wirkte sehr kompetent. Ich konnte mir nicht vorstellen, dass sie jemals traurig war. Doch sie hatte zwei Fehlgeburten hinter sich, erzählte sie mir, bevor sie zwei Mädchen auf die Welt gebracht hatte.

Das Misoprostol fing an zu wirken und die Krämpfe waren so schlimm, wie ich noch nie welche gehabt hatte. Wie ein Vogel auf einem Ast saß ich zusammengekauert auf meinem Stuhl. Ich nahm das Lorazepam, schluckte die Ibuprofen-Tabletten und es dauerte nicht lange, bis ich Witze riss. Ich tat zum Spaß so, als wären wir mitten in einem Horrorfilm, was Annika urkomisch fand. Ich dachte, Bin ich traurig? Ich war traurig, aber ich war auch durchgedreht und wie betäubt.

Als ich mich auf den Tisch legte und der Eingriff beginnen sollte, erklärte ich, dass ich den Fötus mit nach Hause nehmen wollte, um ihn präparieren zu lassen wie einen ausgestopften Fuchs. Keiner lachte. Es würde so süß aussehen, sagte ich und hätte den blöden Witz am liebsten zurückgenommen. Karen strich ein Betäubungsmittel auf meinen Muttermund, und ich spürte, wie meine Lippen prickelten. Nach drei Minuten war alles vorbei. Ich wartete, ich blutete. Ich bedankte mich bei Karen und Annika. Dann ging ich heim.

In dieser Nacht träumte ich, ich hätte das Baby in meinem Schrank vergessen. Das
Baby war ein kleiner schwarzweißer Ultraschall-Ausdruck, den ich auf einen
Haufen schmutziger Wäsche gelegt hatte. Ich nahm es und tat es wieder in mich
hinein, und alles war wieder in Ordnung. In meinem Traum machte ich auch einen
langen Spaziergang zu Bernal Hill, von wo aus man ganz San Francisco
überblicken kann. Da wurde mein Körper mit einem Mal ganz leicht und ich
schwebte über San Francisco, bis ich wieder im Behandlungszimmer des Women's
Options Center landete und den ganzen Linoleumboden vollblutete.


Im Japanischen gibt es ein Wort, mizuko, das wörtlich übersetzt „Wasserkind“ bedeutet. Es ist die Bezeichnung für ein Kind, das nie geboren wurde, entweder wegen einer Fehlgeburt, einer Abtreibung oder einer Totgeburt. Mizuko ist ein Leben, das nie das Fruchtwasser verlassen hat.

Die Unzulänglichkeit der Sprache ist einer der irritierendsten Aspekte bei einer Fehlgeburt. Was habe ich verloren? Ein Baby? Es fühlt sich seltsam an, dasselbe Wort wie für ein gesundes, lebendes Kind zu verwenden, aber auch ehrlich, wenn ich daran denke, wie real dieses Wesen für mich war. Ein Fötus? Das klingt klinisch und wie ein Kompromiss. Manchmal muss man von "der Zellkugel" reden oder von "der Schwangerschaft", aber ich könnte nie sagen, dass diese Schwangerschaft nur ein Zellhaufen für mich war. Wir hatten einen Spitznamen für das Baby, er fing mit P an. Wegen P war mir morgens so schlecht gewesen, und ich war so stolz. Und jetzt bin ich so traurig.

"Niemand redet darüber" ist ein weit verbreiteter Allgemeinplatz, wenn es um Fehlgeburten geht. Er stimmt und stimmt auch nicht. Über eine Fehlgeburt zu reden, ist schwierig und persönlich, und wenn eine Frau nicht darüber reden möchte, sollte sie es auch nicht müssen. Aber mehrere enge Freundinnen hatten mit mir offen über ihre eigene Fehlgeburt gesprochen. Als ich aus dem Krankenhaus nach Hause kam, konnte ich sie anrufen.

Meine Freundin Micha besuchte mich eines Abends, ein paar Tage nach der Absaugung. Sie kam mit einer Flasche Roséwein und Eiscreme und sie weinte mit mir, als ich von diesen ersten Minuten und Stunden ohne einen zweiten Herzschlag in meinem Körper erzählte. Sie hatte bei ihrem Ultraschall in der 8. Woche erfahren, dass kein Herzschlag mehr zu erkennen sei. Noch Tage nach der Ausschabung blutete sie, lag völlig übermüdet auf dem Sofa und schaute Austenland, während ihre beiden Jungs um sie herum spielten. Als ich anderen von meiner Fehlgeburt erzählte, gestanden mir viele, dass sie das gleiche wie Micha und ich erlebt hatten: Jessica, 10 Wochen, Emily, 9 Wochen, Heidi, 15 Wochen, Alicia, 8 Wochen und 6 Wochen. Frauen haben immer schon über ihre Fehlgeburten geredet. Das Problem ist, dass ihnen niemand zuhört.

Noch Wochen nach der Fehlgeburt kam ich mir vor wie eine Verrückte, die überall nach
Geschichten über das Thema suchte. Ich mailte alten Bekannten, von denen ich
wusste, dass sie eine Fehlgeburt gehabt hatten und bat sie, mir genau zu
erzählen, wie es bei ihnen gewesen war. Ich googelte "Fehlgeburt Geschichten"
bis spät in die Nacht und wäre fast vor ein fahrendes Auto gelaufen, weil ich
auf der Straße Bücher mit Titeln wie Gute Hoffnung - jähes Ende las.

"Nicht jeder ist ein Robinson Crusoe in einer Ein-Mann-Burg, trotzdem geht jeder Mensch seinen Weg auf dieser Welt für sich allein", schrieb Ariel Levy in einem Essay über ihre Fehlgeburt in der 5. Woche während einer Reise in der Mongolei. "Aber während einer Schwangerschaft ist man niemals allein.” Drei Monate lang war ich nie allein gewesen und dann, urplötzlich, war ich es wieder. Und ich wollte nicht mehr für mich sein. Ich wollte von anderen Geschichten hören, in denen es um meine Trauer ging.

Die Literatur über Fehlgeburten teilt sich in zwei sehr unterschiedliche Genres: Online-Foren, in denen Frauen sehr emotional über den aktuellen Verlauf ihrer Fehlgeburt berichten, und gut geschriebene Geschichten von Leuten, die schon etwas Distanz zu dem Thema haben. Dazwischen gibt es nicht viel, doch genau da befinde ich mich. Meine Fehlgeburt ereignete sich ungefähr Mitte Juli, ich erfuhr davon am 15. August. Es ist noch frisch, und ich trauere noch. Und ich bin noch nicht wieder schwanger.

Meine Trauer ist mir so nah wie das Ingwerbonbon auf meinem Nachttisch, ein Überbleibsel von der Packung, die immer griffbereit lag, damit mir morgens nicht schlecht wurde. In unserer Kühlschranktür stehen ein paar Flaschen rotes Gatorade, weil ich nichts anderes trinken konnte, wenn mir übel war. Die Bücher über Kindererziehung, die ich mir gekauft hatte, liegen auf einem Stapel unter meiner Seite des Betts. Wir hatten eine Tasche mit Geschenken im Zimmer vorne aufbewahrt, dem Zimmer, das das Kinderzimmer werden sollte. Jetzt lagern die Geschenke – eine weiche graue Decke, blaue Mokassins, drei Karton-Bilderbücher, darunter Pajama Times und Little Blue Truck, ein weicher weißer Strampler mit einem Sonne-und-Mond-Aufdruck – unten in unserem Stauraum.

Auf dem letzten Ultraschallbild schwebt P mit dem Kopf nach unten in meiner Gebärmutter. Das Baby sieht wunderschön aus, wie der Umriss einer Kewpie-Puppe, die ich verschluckt hatte. Für ein paar kurze Minuten dachten wir, das ist unsere ganze Zukunft, in einem Bild.


Aus dem Englischen übersetzt von Lisa Kuppler.


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