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Laura Gallant / Rebecca Hendin / BuzzFeed

Balletttänzerinnen faszinieren Normalsterbliche mit ihren filigranen Kostümen und ihren stahlharten Körpern, die jahrelang durch zermürbendes Training geformt wurden. In den Spitzenschuhen von Marianela Núñez, Primaballerina des Royal Ballett, werfen wir einen Blick in ihre atem-beraubende Welt der Schönheit und des Schmerzes .

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"Ihren Namen und mit wem Sie einen Termin haben, bitte." Es ist 10:15 Uhr und ich stehe am Bühneneingang zum Royal Opera House, während ich der forschen Empfangsmitarbeiterin die Informationen mitteile. Plötzlich überkommt mich ein Gefühl von nervöser Unruhe, doch nach einem kurzen Telefonanruf und einem prüfenden Blick ihrer Argusaugen werde ich durchgelassen und betrete geweihten Boden: das innere Heiligtum des Royal Ballet. Draußen auf der Floral Street verbindet eine hohe Brücke das Gebäude mit der gegenüberliegenden Royal School of Ballet.

Betitelt als Bridge of Aspiration (Brücke der Hoffnung) ist sie ein Symbol der Träume von allen Tänzern, die hier trainieren. Als ich vor Jahren durch diese Straße lief, baten mich zwei aufgeregte Teenager, ein Junge und ein Mädchen, ein Foto von ihnen vor der Tür zu machen, durch die ich jetzt gerade getreten war. In der Erwartung, ein Foto mit lächelnden Touristen zu knipsen, visierte ich sie mit der Kamera an und siehe da: Sie traten in Aktion. Mäntel und Schals wurden abgelegt und plötzlich sprang das Mädchen hoch, in die Arme ihres Begleiters und streckte ihr Bein in die Luft, in einer perfekt balancierten Pose. Seitdem hat das, was hinter dieser Bühnentür lag, eine unermessliche Anziehungskraft auf mich ausgeübt.

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Nun bin ich hier. In einem einfachen Bereich mit zwei Glastüren, die die Mitarbeiter und die Tänzer von der Außenwelt trennen, mit Brieffächern, gestapelten Unterlagen auf den Tresen, an Pinnwänden gehefteten Notizen und einem stetigen Strom von dick eingehüllten Menschen, die betriebsam hinein- und herauslaufen und stehenbleiben, um zu lächeln und sich miteinander zu unterhalten. Es ist alles so normal. Doch die Frau, mit der ich mich hier treffen werde, ist alles andere als das.

Marianela Núñez, unter Bekannten meist "Nela" genannt, ist ein aus Argentinien stammendes Wunderkind, das seit dem Alter von drei Jahren tanzt. Mit neun Jahren trat sie der größten Ballettschule in Argentinien bei. Normalerweise trainieren Tänzer hier zehn Jahre lang, doch Núñez begann bereits nach fünf Jahren, in einer professionellen Ballettkompanie zu tanzen. Im Alter von 15 Jahren landete sie in London, wo sie ein Vertragsangebot von der Royal Ballet Company erhielt – nur, um dann die Royal Ballet School besuchen zu müssen, als man feststellte, dass sie ein Jahr zu jung war, um professionell tätig zu werden.

Als sie zwölf Monate später die Brücke der Hoffnung überquerte, ging glücklicherweise alles schnell: Nach nur anderthalb Jahren im Corps de Ballet wurde sie die erste Solotänzerin im Alter von 17 Jahren. Mit 20 wurde sie eine Primaballerina. Für diejenigen, die sich mit Ballett nicht auskennen: Primaballerinas sind die Prinzessinnen Aurora, die Kitris, die Carmens – alles Rollen, die Núñez im Laufe ihrer knapp 20 Jahre bei der Ballettkompanie getanzt hat.

Als wir aus einem Fahrstuhl in der Größe eines Gewerbeaufzugs stiegen, sagt Camilla, der Pressekontakt bei unserem Besuch, dass Núñez bereits bei ihrer ersten Klasse ist. Bei diesem täglichen Aufwärmtraining herrscht striktes Zugangsverbot für die Presse. Es ist eine heilige Zeit, in der sich die Tänzer ohne jegliche Ablenkungen konzentrieren können. Also löchere ich erstmal Camilla mit Fragen, während wir die Aussicht über die Dächer von Covent Garden genießen.

Überall im Opernhaus finden Bauarbeiten statt, die, wie ich erfahre, noch mindestens bis ins nächste Jahr fortgesetzt werden. Außerdem wird an der Vorderseite des Hauses gearbeitet, ein Projekt, das darauf abzielt, den Haupteingang zugänglicher erscheinen zu lassen. "Von außen vermittelt er noch immer ein Gefühl von Exklusivität, das wir nicht wirklich wollen", teilt Camilla aufrichtig mit. "Natürlich ist es etwas Besonders, in das Opernhaus zu gehen, doch wir möchten, dass so viele Leute wie möglich das Gefühl haben, dass das hier etwas für sie ist."

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Dieser Kommentar stößt bei mir auf offene Ohren. Für einen Ballettliebhaber mit knappem Budget ist das Royal Ballet überraschend erschwinglich. Für 5 Pfund (etwa 5,70 Euro) bekommt man einen Parkettsitz oben im Dachsparren. Du wirst dir zwar den Hals verrenken müssen, doch die Aufführungen sind sogar aus dieser Höhe noch immer von Magie erfüllt, die Kostüme glitzern nach wie vor und die Pas de deux sind auch weiterhin ein Vergnügen. Ich kann das bestätigen, da ich die aktuell laufende Aufführung von Dornröschen bereits dreimal gesehen habe.

Es gibt zwei Klassen: eine weibliche Klasse und eine männliche Klasse. Letztere bietet ein riesengroßes Zuschauerfenster, durch das wir einen Blick werfen, bevor wir uns auf den Weg zu der Klasse mit den Tänzerinnen machen. Obwohl Primaballerinas frei entscheiden können, in welcher Klasse sie trainieren wollen, unabhängig vom Geschlecht, hat Núñez sich dazu entschlossen, die Frauenklasse zu besuchen. Dort ist das einzige Fenster zum Hineinschielen ein spärliches, nur wenige Zentimeter großes Stück Kunsstoffglas in der Tür. Hier ergattern wir einige Sekunden lang den Einblick in einen Raum voller knochenhart ausgebildeter Tänzerinnen in Bewegung, darunter eine sich anmutig bewegende Núñez. Als sie heraustritt, ist es schwierig, die warme und sofort sympathische Person mit der fließenden, perfekten Figur in Einklang zu bringen, die wir zuvor gesehen hatten.

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Was beim ersten persönlichen Treffen mit Núñez auffällt, ist, wie menschlich sie ist. Nachdem ich mehrere Male Schwanensee gesehen hatte, war ich darauf vorbereitet, einer wunderschönen jedoch neurotischen Tänzerin im Stile von Natalie Portmans Nina zu begegnen. Diese Frau ist das Gegenteil – ebenso wie die gesamte restliche Ballettkompanie. Die Tänzer laufen umher und fühlen sich dabei offensichtlich wohl und bei den Proben, die wir besuchen, steht die Kameradschaft an erster Stelle. Dies sind alte Freunde, die seit Jahren zusammenarbeiten. Als ich nach den Tänzerinnen frage, die sie am meisten inspiriert haben, sagt Núñez, dass es zu viele sind, um sie alle zu nennen, doch sie sieht gern ihren Kollegen zu – sie sitzt in deren Aufführungen in der ersten Reihe.

Das heißt nicht, dass es keinen Konkurrenzkampf gibt. "Die Konkurrenz ist gegenwärtig", sagt Núñez. "Es gibt Leidenschaft. Es gibt Besessenheit, jedoch eine schöne Form von Besessenheit bezogen darauf, was wir tun. Wir sind verrückte Perfektionisten, allerdings braucht Ballett diese gute Art von Verrücktheit. Es ist diese Verrücktheit, die Kunst schafft."

Und für Núñez ist es Kunst. Wegen der Extreme, zu denen die Balletttänzer ihre Körper treiben, werden sie von vielen als Athleten bezeichnet, doch Núñez lehnt diesen Begriff strikt ab. "Es gibt eine gewisse Athletik, aber es ist mehr eine Form von Kunst", sagt sie. "Wir müssen sehr darauf achten, diese dem Publikum auch zu bieten. Man kann sehr schnell laufen und sehr hoch springen – das ist jedoch kein Ballett. Man muss versuchen, der Kunstform treu zu bleiben." Das heißt nicht, dass sie die schieren Ebenen der Stärke nicht anerkennt, die Ballett fordert, wenn Tänzer danach streben, sich Tag für Tag auf neue Höhen zu kämpfen.

"Das, was wir jetzt mit unseren Körpern machen können, konnten die Menschen früher nicht", sagt sie. "Gestern Abend tanzte ich reinstes klassisches Ballett. Heute habe ich meine Hose an und mache zeitgenössischen Tanz – das sind zwei starke Gegensätze. Und die Tänzer drängen nun sogar das traditionelle Ballett in die Extreme.

Das wird am besten deutlich, wenn wir für zwei kommende Shows proben: After the Rain, ein Ballett von Christopher Wheeldon aus dem Jahr 2005 und The Human Seasons, ein Ballett von David Dawson aus dem Jahr 2013.

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"Es ist wunderbar, dass wir hier im Royal Opera House, die Vergangenheit respektieren, jedoch auch in die Zukunft blicken", sagt Núñez zum Repertoire der modernen Tänze im Opernhaus. Es ist ein heftiger Wechsel von Parkettsitzen, bei denen man sich den Hals verrenkt, zu einem Sitzplatz in der Mitte der ersten Reihe bei einer Probe. Am Ende des herzzerreißenden emotionalen Pas de deux zwischen Núñez und ihrem Partner Thiago Soares – ohne Kostüme und nur von einem Klavier begleitet – merke ich plötzlich, dass ich vergessen habe zu atmen.

Als wir von Raum zu Raum gehen, von einer Probe zur Anprobe zur nächsten Probe, kommt das überwältigende Gefühl eines in vollen Zügen ausgekosteten Lebens auf. Zwischen den Terminen werden Brötchen zur Stärkung gegessen und die Anweisungen sind immer auf den Punkt. Núñez ist stets höflich, doch ist sie eine Frau, die weiß, was sie will – von ihren Kostümen über ihre Physiotherapie bis hin zu ihren Schuhen.

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Wir treffen Jane Latimer, die Spitzenschuh-Verwalterin im Royal Opera House und besuchen ihr Zimmer mit tausenden schimmernden Spitzenschuhen. Einige sind mit Edelsteinen geschmückt, einige haben verschiedene Farben und einige sind kreidig, doch die überwältigende Mehrheit ist perfekt Satinrosa und in den Fächern der Tänzerinnen reihenweise übereinander gestapelt.

"Die Mädchen haben zu jeder Zeit zwischen 40 und 120 Paar Schuhen in ihren Fächern", sagt Latimer. "Die Tänzerinnen bewegen sich immer auf diesem schmalen Grat, auf dem ihre Schuhe brechen, sie sie nähen, sie sie bis zur Perfektion tragen und dann darin tanzen. Marianela kann bis zu 60 Paare im Monat verbrauchen."

Dies ist ein weniger bekannter Aspekt der von Balletttänzerinnen geforderten Fähigkeiten, die über das Tanzen hinausgehen. Sie nehmen ihre eigenen Schuhe auseinander, fügen sie wieder zusammen, nähen sie und bearbeiten sie sogar mit dem Hammer, um sie genau passend zu machen. "Ein paar Millimeter hier und da können dafür ausschlaggebend sein, ob die Tänzerin sie tragen kann oder nicht", erklärt Latimer.

Die Kostüme werden in ähnlicher Weise bis zum kleinsten Detail bearbeitet. Ein Team von Schneidern steht hinter der Bühne bereit und passt Korsetts und Gürtellinien an, damit die Tänzerinnen sich möglichst ohne Behinderungen bewegen können, obwohl die Kostüme Bahnen von Tüll und Edelsteinen um sie herum kreieren. Vor der Show kann es mehr als drei Stunden dauern, sich vorzubereiten. Jede Sekunde zählt und es wird keine Einzelheit ausgelassen, um den Tänzerinnen zu helfen, ihr volles Potential auszuschöpfen.

Es dreht sich alles um die ultrakurze Karrierespanne einer Tänzerin: Aufgrund der Belastung, mit der Ballett auf den Körper wirkt, können Ballerinas sich glücklich schätzen, wenn sie bis in ihre Vierziger tanzen können. "Ich sah Darcey Bussell in den Ruhestand gehen, als sie im Alter von 37 Jahren an der Spitze ihrer Karriere stand", sagt Núñez. "Sie tanzte auf eine so unglaubliche Weise – ich wollte sie anbetteln, nicht zu gehen! Das machte mir klar – es geht schnell. Du kannst keinen Tag verstreichen lassen. Bevor du geblinzelt hast, ist es vorbei." Die Karriere einer Tänzerin ist die einmalige Vorstellung ihres Lebens; in Wirbelwind aus verschiedenen Elementen, der ein erstaunlich schönes Erlebnis kreiert und dich wünschen lässt, dass es nicht endet.

Für Núñez ist dieses treibende Verlangen, das Beste aus ihrer Zeit zu machen, alles durchdringend. Das Tanzen ist ihr Lebensblut und ihr Lebensstil unterstützt sie dabei, damit so lange wie möglich weiterzumachen. Sie raucht nicht, sie trinkt nicht und ihre Ernährung ist streng gesund.

Ihr Lieblingsrestaurant, 26 Grains, befindet sich gleich um die Ecke vom Royal Opera House und ihr Lieblings-gericht ist Avocado auf Toast mit pochierten Eiern. Und genau dieses Gericht bestellt sie, als wir uns später beim Mittagessen dort unterhalten.

Perfektionismus ist die einzig wahre Bezeichnung für diesen Lebensstil. Schuhe, Kleider und Ernährung sind so sorgfältig gestrafft wie die perfekt platzierten Finger und Zehen. Zum Glück gibt es jedoch etwas Spielraum für menschliche Fehler. Ich erzähle, dass ich vor kurzem Zeuge einer auf der Bühne stolpernden Tänzerin wurde und frage, was normalerweise die negativen Konsequenzen für solche Ausrutscher sind. Núñez zuckt mit den Schultern. "Unfälle passieren – das könnte jedem passieren."

Lachend beginnt sie eine animierte Nacherzählung ihrer eigenen Horrorgeschichte, als ob sie jede anhaltende Peinlichkeit, die die abwesende Tänzerin empfinden könnte, zerstreuen möchte.

"Letzten Dezember führten wir Der Nussknacker auf und an einer Stelle musst du auf die Schulter des Prinzen springen", erzählt sie. "Seine Jacke hat einen kleinen Haken, an dem sich meine Strumpfhose verfing. Als er mich absetzte, dachten wir, dass die Strumpfhose sich vom Haken lösen würde, doch das tat sie nicht. Er musste seinen Kopf über eine halbe Minute unten am Saum meines Tutus halten, während ich nur das Publikum anstarrte! Ich hab mich geschämt, aber jetzt können wir darüber lachen."

Das Leben einer Tänzerin mag schwierig erscheinen, doch es ist klar, dass sie es nicht anders haben wollen würde. Einige Ballerinas gehen nach ihrem letzten Tanz für einen frischen Neubeginn in völlig verschiedene Bereiche. Auf die Frage, ob dies ihr Weg sein wird, schüttelt Núñez heftig den Kopf: Sie liebt Ballett viel zu sehr, als dass sie jemals daran denken würde, die Branche zu verlassen.

Die Shows geben ihr ebenso viel, wie sie ihnen gibt. "Ich habe Dornröschen das erste Mal aufgeführt, als ich 21 war. Jetzt überkommt mich jedes Mal, wenn ich die Musik höre, das gleiche Gefühl wie auf der Bühne. Das lässt dich niemals los, nicht einmal im Ruhestand."

Marianela Núñez wird Symphonic Variations vom 2. bis 10. Juni im Royal Opera House aufführen.


Dieser Artikel erschien zuerst auf Englisch.


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