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Hier ist der bewegende Brief, den die in Stanford missbrauchte Frau ihrem Peiniger vorgelesen hat

Ein ehemaliger Schwimmer der Universität Stanford, der eine bewusstlose Frau vergewaltigt hatte, ist zu sechs Monaten Gefängnis verurteilt worden. Eine längere Strafe, so der Richter, hätte „ernsthafte Folgen für ihn”. Nach der Urteilsverkündung letzten Donnerstag hat sein Opfer ihm einen Brief vorgelesen. Darin schildert die junge Frau die „ernsthaften Folgen”, unter denen sie seit der Vergewaltigung leidet.

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An einem Abend im Januar 2015 fuhren zwei Studenten der Stanford University mit dem Rad über den Campus. Dabei sahen sie, wie ein Kommilitone eine bewusstlose, halb nackte Frau hinter einem Müllcontainer vergewaltigte. Im März dieses Jahres befand eine kalifornische Jury den 20-jährigen ehemaligen Studenten Brock Allen Turner in drei Anklagepunkten eines sexuellen Gewaltangriffs für schuldig. Turner hatten anfangs bis zu 14 Jahre Haft im Staatsgefängnis von Kalifornien gedroht. Am Donnerstag wurde er nun zu sechs Monaten Haft im Bezirksgefängnis verurteilt – die Reststrafe wurde auf Bewährung ausgesetzt. Der Richter sagte, es sei zu befürchten, dass eine höhere Strafe „ernsthafte Folgen“ für Turner haben würde. Turner war im Schwimmteam der Stanford University und stand schon einmal kurz vor einer Olympiateilnahme – ein Punkt, der im Verlauf des Prozesses mehrmals zur Sprache gekommen war.

Am Donnerstag wandte sich die vergewaltigte Frau direkt an Turner und schilderte die ernsthaften Folgen, die seine Tat für sie gehabt hatte – von dem Abend, als sie erfuhr, dass sie in bewusstlosem Zustand von einem Unbekannten vergewaltigt worden war, bis zu dem zermürbenden Prozess, in dem Turners Anwälte behaupteten, sie habe einem Geschlechtsverkehr bereitwillig zugestimmt.

Die heute 23-jährige Frau sagte im Gespräch mit BuzzFeed News, sie sei über die milde Strafe enttäuscht und wütend, weil Turner nach wie vor abstreite, sie sexuell angegriffen zu haben.

„Trotz der milden Strafe hoffe ich, dass dies die Leute aufrütteln wird”, sagte sie. „Der Richter soll wissen, dass sein Urteil ein kleines Feuer entfacht hat. Dieser Prozess ist ein Anlass für uns alle, unsere Stimme noch lauter zu erheben.”

Mit ihrem Einverständnis hat BuzzFeed News die Stellungnahme hier in voller Länge abgedruckt.


Euer Ehren, mit Ihrer Erlaubnis möchte ich mich in meiner Stellungnahme größtenteils an den Angeklagten persönlich wenden.

Du kennst mich nicht, aber du bist in mir drin gewesen, und deshalb sind wir heute hier.

Am 17. Januar 2015 verbrachte ich einen ruhigen Abend zu Hause. Mein Vater machte was zum Abendessen und ich saß am Tisch mit meiner jüngeren Schwester, die an dem Wochenende zu Besuch war. Ich arbeitete damals Vollzeit und war es gewohnt, recht früh ins Bett zu gehen. Ich hatte vor, allein zu Hause ein bisschen fernzusehen und zu lesen, und meine Schwester wollte mit ihren Freunden zu einer Party gehen. Es war mein einziger Abend mit ihr und ich hatte nichts Besseres vor, also beschloss ich, warum nicht – da steigt eine lahme Party 10 Minuten von hier, ich geh mit ihr hin, tanze wie eine Bescheuerte und blamiere meine kleine Schwester. Auf dem Weg zur Party habe ich noch Witze gerissen über viel zu junge Studenten mit Zahnspangen. Meine Schwester hat mich aufgezogen, weil ich mit meiner beigefarbenen Strickjacke wie eine Bibliothekarin angezogen zu einer Studentenparty ging. Ich nannte mich selber „Big Mama”, denn ich wusste, dass ich dort die Älteste sein würde. Auf der Party grinste ich in die Runde, tobte mich aus und trank viel zu schnell harten Alkohol, ohne einzukalkulieren, dass ich mittlerweile viel weniger vertrug als zu meinen Unizeiten.

Als Nächstes erinnere ich mich, dass ich im Flur auf einer Bahre lag. Ich hatte getrocknetes Blut und Verbände an den Händen und an den Ellbogen. Ich dachte, ich sei vielleicht gestürzt und man hätte mich in ein Verwaltungsgebäude der Uni gebracht. Ich war vollkommen ruhig und fragte nach meiner Schwester. Ein Polizist erklärte mir, ich sei überfallen worden. Ich blieb immer noch ruhig. Er verwechselte mich mit jemandem, da war ich mir sicher. Ich hatte ja niemanden auf der Party gekannt. Als ich endlich auf die Toilette durfte, zog ich die Krankenhaushose herunter, die man mir gegeben hatte. Ich wollte auch meinen Slip herunterziehen, aber ich fasste ins Nichts. Ich weiß noch, wie ich mit den Händen meine Haut berührte, sonst war da nichts. Das dünne Stück Stoff, das sonst zwischen meiner Vagina und allem anderen lag, war weg. Und da bin ich innerlich erstarrt. Ich kann bis heute nicht in Worte fassen, was ich in diesem Augenblick fühlte. Um überhaupt weiter atmen zu können, habe ich mir eingeredet, dass die Polizei vielleicht meinen Slip als Beweisstück brauchte.

Dann spürte ich Kiefernnadeln, die in meinem Nacken kratzten, und ich habe sie aus meinen Haar gezogen. Ich dachte, die Nadeln wären vielleicht von einem Baum auf meinen Kopf gefallen. Mein Hirn redete auf meinen Bauch ein: ,Bloß nicht zusammenbrechen!’ Und mein Bauch sagte: ,Hilfe! Hilf mir!’

In eine Decke gehüllt schleppte ich mich von Raum zu Raum und hinterließ dabei eine Spur aus Kiefernnadeln. In jedem Raum, in dem ich saß, bildete sich ein kleiner Haufen Kiefernnadeln. Ich sollte Papiere unterschreiben, auf denen „Vergewaltigungsopfer“ stand. Da erst habe ich verstanden, dass wirklich etwas mit mir passiert war. Meine Kleidung wurde konfisziert und ich stand nackt da, während Krankenschwestern mit einem Lineal die diversen Abschürfungen an meinem Körper abmaßen und fotografierten. Zu dritt kämmten wir die Kiefernnadeln aus meinem Haar und füllten die gesamten sechs Handvoll in eine Papiertüte. Um mich zu beruhigen, wurde mir gesagt, das sei nur Fauna und Flora. Fauna und Flora. Mir wurden mehrfach Wattestäbchen in die Vagina und den Anus eingeführt, Infusionsnadeln in die Haut gesteckt und mir wurden Pillen verabreicht. Mit einer Nikon-Kamera wurde genau zwischen meine gespreizten Beine fotografiert. Man hat lange, spitze Instrumente in mich eingeführt und meine Vagina mit kalter blauer Farbe eingepinselt, um Abschürfungen sichtbar zu machen.

Das ging ein paar Stunden so, dann durfte ich duschen. Unter dem Wasserstrahl untersuchte ich meinen Körper und entschied, dass ich ihn nicht mehr haben wollte. Ich hatte Angst vor ihm, ich wusste nicht, was in ihm drin gewesen war, womit er kontaminiert worden war oder wer ihn berührt hatte. Ich wollte meinen Körper einfach ablegen wie eine Jacke und ihn wie alle anderen Sachen im Krankenhaus lassen.

An diesem Morgen erfuhr ich lediglich, dass man mich hinter einem Müllcontainer gefunden hatte, dass ich möglicherweise von einem Unbekannten penetriert worden war und dass ich den HIV-Test noch einmal machen sollte, weil die Ergebnisse nicht immer sofort aussagekräftig wären. Aber jetzt sollte ich erst mal nach Hause gehen und mein normales Leben weiterleben. Stell dir vor, du kehrst nur mit dieser Information in die Welt zurück. Sie haben mich herzlich umarmt, und ich habe das Krankenhaus verlassen und bin zum Parkplatz gegangen, nur mit dem neuen Sweatshirt und der Jogginghose bekleidet, die man mir gegeben hatte, weil ich nur meine Halskette und meine Schuhe behalten durfte.

Meine Schwester war da, um mich abzuholen. Ihr Gesicht war tränenüberströmt und vor Sorge ganz verzerrt. Instinktiv wollte ich sie beruhigen. Ich habe sie angelächelt und gesagt: „Schau mich an, hier bin ich, mir geht's gut. Alles ist in Ordnung, ich bin doch da. Mein Haar ist gewaschen und sauber, sie haben mir ein ganz seltsames Shampoo gegeben. Beruhige dich und schau mich an. Guck mal, die komische neue Jogginghose und das Sweatshirt, ich sehe aus wie eine Sportlehrerin. Wir fahren jetzt nach Hause und essen was." Meine Schwester wusste nicht, dass ich unter dem Jogginganzug Kratzer und Verbände verbarg, dass meine Vagina wund war und von dem vielen Herumstochern eine seltsam dunkle Farbe angenommen hatte, dass meine Unterwäsche weg war und dass ich mich so leer fühlte, dass ich kaum reden konnte. Sie wusste nicht, dass ich wie sie furchtbare Angst hatte und am Boden zerstört war. An dem Tag sind wir nach Hause gefahren und meine Schwester hat mich stundenlang schweigend in den Armen gehalten.

Mein Freund wusste nicht, was passiert war, aber er rief noch am selben Tag an. „Ich habe mir gestern Abend Sorgen um dich gemacht, du hast mir wirklich einen Schreck eingejagt. Bist du heil nach Hause gekommen?” Er berichtete mir, dass ich am vorigen Abend während meines Blackouts eine unverständliche Sprachnachricht auf seiner Mailbox hinterlassen hatte und dass wir danach auch telefoniert hatten. Ich hatte so stark gelallt, dass er mir mehrmals sagte, ich solle zu meiner Schwester gehen. Ich war vollkommen entsetzt. Dann fragte er mich noch einmal: „Was war los gestern Abend? Bist du heil nach Hause gekommen?” Ich sagte Ja, legte auf und weinte nur noch.

Ich konnte meinem Freund und meinen Eltern noch nicht erzählen, dass ich womöglich hinter einem Müllcontainer vergewaltigt worden war, ohne zu wissen, von wem und wann und wie. Wenn ich es ihnen erzählte, würde ich die Angst in ihren Gesichtern sehen, und meine eigene Angst würde sich verzehnfachen. Also tat ich einfach so, als wäre das Ganze gar nicht real.

Ich versuchte, nicht an den Vorfall zu denken, aber es beschäftigte mich die ganze Zeit. Ich sprach nicht, ich aß nichts, ich schlief nicht, ich traf mich mit niemandem. Nach der Arbeit fuhr ich an einen abgelegenen Ort, wo ich nur laut schrie. Ich kapselte mich von den Menschen ab, die ich am meisten liebte. Mehr als eine Woche nach dem Vorfall hatte immer noch niemand angerufen und mich darüber informiert, was an dem Abend mit mir geschehen war. Ich hatte nur einen einzigen Beweis, dass es nicht doch nur böser Traum gewesen war: das Sweatshirt aus dem Krankenhaus in meiner Schublade.

Eines Tages, ich war bei der Arbeit, ging ich auf meinem Handy die Nachrichten durch und stieß auf einen Artikel. Darin erfuhr ich zum ersten Mal, wie man mich bewusstlos aufgefunden hatte – mit zerzaustem Haar, herausgezogenem BH, das Kleid von den Schultern geschoben, nackt von der Taille abwärts bis hinunter zu den Stiefeln, die Beine gespreizt, meine lange Halskette war mir um den Hals gewickelt worden. Jemand, den ich nicht kannte, hatte mich mit einem Fremdkörper penetriert. So habe ich erfahren, was mit mir passiert war – an meinem Schreibtisch auf der Arbeit, beim Lesen der Nachrichten. Als ich es erfahren habe, hat es gleichzeitig auch jeder andere auf der Welt erfahren. Ich hatte endlich eine Erklärung für die Kiefernnadeln in meinem Haar – sie waren doch nicht von einem Baum gefallen. Er hatte mir die Unterwäsche ausgezogen, er hatte seine Finger in mir gehabt. Ich kenne diesen Menschen nicht, bis heute kenne ich diesen Menschen nicht. Als ich das über mich las, sagte ich zu mir selbst: „Das kann nicht sein, das bin doch nicht ich.” Ich konnte die Informationen weder verarbeiten noch akzeptieren. Ich konnte mir nicht vorstellen, dass meine Familie das durch einen Artikel im Internet erfahren musste. Dann las ich weiter. Und im nächsten Absatz stand etwas, was ich ihm niemals verzeihen werde. Da stand, dass es mir, laut seiner Aussage, gefallen habe. Mir habe es gefallen. Wieder fehlen mir die Worte für das, was ich beim Lesen dieses Satzes empfand.

"Und dann, am Ende des Artikels, nachdem ich die grausamen Details meiner eigenen Vergewaltigung erfahren hatte, waren seine Schwimmzeiten aufgeführt."

Das ist so, als würdest du in einem Artikel lesen, ein Auto wurde angefahren und verbeult in einem Graben gefunden. Und dann steht da, dass es dem Auto ja vielleicht gefallen hat, angefahren zu werden. Das andere Auto wollte es vielleicht gar nicht anfahren, sondern nur ein bisschen anstupsen. Autos sind ständig in Unfälle verwickelt, die Leute passen nicht immer auf, und können wir wirklich entscheiden, wer eigentlich schuld war.

Und dann, am Ende des Artikels, nachdem ich die grausamen Details meiner eigenen Vergewaltigung erfahren hatte, waren seine Schwimmzeiten aufgeführt. Als sie gefunden wurde, atmete sie, war aber nicht ansprechbar, ihre Unterwäsche war 15 cm weit von ihrem nackten Bauch entfernt. Sie wurde mit angewinkelten Beinen auf der Seite liegend entdeckt. Übrigens, er ist ein richtig guter Schwimmer. Meinen Rekord über 1500 Meter auch noch, wo wir schon dabei sind. Ich kann auch gut kochen, schreibt das ans Ende, wo immer die Hobbys stehen, als Ausgleich für all die widerlichen Dinge, die passiert sind.

An dem Abend, nachdem der Artikel erschienen war, erzählte ich meinen Eltern, dass ich vergewaltigt worden war. Dass sie die Artikel darüber nicht lesen sollten, weil sie sich sonst zu sehr aufregen würden. Ich versicherte ihnen, dass es mir gut geht: Seht her, ich bin da, und es geht mir gut. Aber mitten im Gespräch musste mich meine Mutter halten, weil ich nicht mehr stehen konnte.

An dem Abend, nachdem es passiert war, sagte er aus, er kenne meinen Namen nicht und könne mich im Fall einer Gegenüberstellung nicht identifizieren. Er erwähnte kein Gespräch zwischen uns, kein Wort, das wir miteinander gesprochen hatten, nur dass wir getanzt und uns geküsst hätten. „Tanzen“ ist ein dehnbarer Begriff – haben wir mit den Fingern geschnippt und uns um die eigene Achse gedreht, oder haben wir nur unsere Körper in einem überfüllten Raum aneinander gerieben? Ich frage mich, was mit Küssen gemeint war – haben wir nur unsere verschwitzten Gesichter aneinander gedrückt? Als der ermittelnde Kommissar ihn fragte, ob er vorgehabt habe, mich mit auf sein Zimmer zu nehmen, sagte er Nein. Auf die Frage, wie wir überhaupt hinter den Müllcontainer gekommen wären, sagte er, er wisse es nicht. Er räumte ein, dass er auf der Party andere Mädchen geküsst habe, unter anderen meine Schwester, die ihn aber wegstieß. Er gab zu, dass er ein Mädchen abschleppen wollte. Ich war die verwundete Antilope in der Herde, völlig allein und verletzlich, körperlich nicht in der Lage, mich zur Wehr zu setzen, und er wählte mich. Manchmal denke ich, wenn ich nicht auf die Party gegangen wäre, dann wäre das nie passiert. Aber dann wird mir klar, dass es trotzdem passiert wäre, nur wäre es einer anderen Frau passiert. Aus deiner Sicht lagen vier Jahre vor dir, mit verfügbaren, betrunkenen Mädchen auf Studentenpartys, und wenn du schon so anfängst, dann ist es richtig, dass es für dich vorbei ist. An dem Abend, nachdem es passiert war, sagte er aus, er habe angenommen, es würde mir gefallen, denn ich hätte ihm den Rücken gerieben. Den Rücken gerieben!

Keine Rede davon, dass ich zugestimmt hätte, keine Rede davon, ob wir überhaupt miteinander gesprochen hatten, aber einmal über den Rücken gerieben. Wieder erfuhr ich aus den Nachrichten, dass mein Po und meine Vagina völlig entblößt gewesen waren, dass meine Brüste begrabscht worden waren, dass jemand seine Finger in mich gesteckt hatte, zusammen mit Dreck und Kiefernnadeln, dass meine nackte Haut und mein Kopf hinter einem Müllcontainer über den Boden schrappten, während ein erregter Erstsemester meinen halb nackten, bewusstlosen Körper vögelte. Aber ich kann mich daran nicht erinnern, wie soll ich also beweisen, dass es mir nicht gefallen hat?

Ich dachte, nie im Leben wird das vor Gericht gehen; es gab Zeugen, es war Dreck in meinem Körper, er wollte abhauen, aber er wurde gefasst. Es wird in einem Vergleich enden, er zahlt, entschuldigt sich offiziell bei mir und wir beide gehen unserer Wege. Stattdessen erfuhr ich, dass er einen bekannten Anwalt, Sachverständige und Privatdetektive beauftragte. Sie sollten in meinem Privatleben nach Dingen schnüffeln, um sie gegen mich zu verwenden, sie sollten meine Geschichte auf Unstimmigkeiten überprüfen, um die Aussagen von mir und meiner Schwester zu entkräften und zu beweisen, dass die sexuelle Gewalttat im Grunde genommen ein Missverständnis war. Mir wurde klar, dass er alles unternehmen würde, um die Welt davon zu überzeugen, dass er einfach nur verwirrt gewesen war.

Man hat mir gesagt, ich sei sexuell angegriffen worden. Gleichzeitig wurde mir gesagt, ich könne genau genommen gar nicht beweisen, dass es gegen meinen Willen geschehen war. Eben weil ich mich ja an nichts erinnerte. Und das hat meine Selbstwahrnehmung verzerrt und unterminiert, hat mich beschädigt und hat mich beinahe gebrochen. Nichts ist so schlimm wie die Verwirrung, die ich empfand, als man mir sagte, ich sei dreist an einem öffentlichen Ort angegriffen und fast vergewaltigt worden, aber tja, wir wissen noch nicht, ob es überhaupt als sexueller Angriff gewertet werden kann. Ich musste ein ganzes Jahr kämpfen, um klarzustellen, dass an dieser Situation etwas grundsätzlich verkehrt war.


„Man bombardierte mich mit engstirnigen, zugespitzten Fragen, nahm mein Privatleben und mein Liebesleben auseinander, meine Vergangenheit, mein Familienleben. Jede Menge alberner Fragen, ein Haufen von trivialen Einzelheiten, nur um eine Entschuldigung zu finden für diesen Typen, der mich halb nackt ausgezogen hatte, ohne überhaupt nach meinem Namen zu fragen.“ 

Man hat mir geraten, ich solle mich für alle Fälle darauf einstellen, dass wir nicht gewinnen, und ich sagte: Darauf kann ich mich nicht einstellen. Er ist schuldig seit dem Augenblick, als ich aufgewacht bin. Niemand kann mir die Schmerzen ausreden, die er mir zugefügt hat. Am Schlimmsten war, als man mich warnte: Er weiß jetzt, dass du dich nicht erinnern kannst, ab jetzt schreibt er das Drehbuch. Er kann sagen, was er will, und niemand kann seine Aussage anfechten. Ich war machtlos, ich hatte keine Stimme, ich war wehrlos. Mein Blackout wurde gegen mich verwendet. Meine Aussage war nicht überzeugend, sie war unvollständig, und mir wurde eingeredet, ich hätte vielleicht nicht genügend Argumente, um hier zu gewinnen. Sein Anwalt erinnerte die Geschworenen ständig daran, dass sie nur Brock Glauben schenken dürften, weil ich mich ja nicht erinnern könne. Diese Hilflosigkeit war traumatisierend.

Ich hätte Zeit gebraucht, um die sexuelle Gewalttat zu verarbeiten, stattdessen versuchte ich ständig, mich an die grauenhaften Einzelheiten dieses Abends zu erinnern. Ich musste mich auf die Fragen des Anwalts vorbereiten, die übergriffig und aggressiv waren und darauf angelegt, mich von meiner Aussage abzubringen und meine Schwester und mich in Widersprüche zu verstricken. Der Anwalt stellte die Fragen auf eine manipulierende Art und Weise, so fragte er nicht: »Haben Sie irgendwelche Schürfwunden bemerkt?“, sondern er fragte: „Sie haben keine Schürfwunden bemerkt, oder?“ Das war seine Strategie, als könne er mir mit seinen Tricks mein Selbstwertgefühl rauben. Die Tat war offensichtlich ein sexueller Angriff gewesen, doch nun war ich es, die vor Gericht solche Fragen beantworten musste:

Wie alt sind Sie? Wie viel wiegen Sie? Was haben Sie an jenem Tag gegessen? Und was haben Sie abends gegessen? Wer hat das Abendessen zubereitet? Haben Sie zum Abendessen etwas getrunken? Nein? Nicht einmal Wasser? Wann haben Sie Alkohol getrunken? Wie viel haben Sie getrunken? Aus was für einem Gefäß haben Sie getrunken? Wer hat Ihnen das Getränk gegeben? Wie viel trinken Sie normalerweise? Wer hat Sie zu dieser Party gefahren? Um welche Uhrzeit? Aber wo genau sind Sie ausgestiegen? Welche Kleidung haben Sie angehabt? Warum wollten Sie auf diese Party gehen? Was haben Sie getan, als Sie dort ankamen? Sind Sie sicher, dass Sie das getan haben? Aber um wie viel Uhr haben Sie das getan? Was bedeutet diese SMS? Wem haben Sie die SMS geschickt? Wann haben Sie uriniert? Wo haben Sie uriniert? Mit wem haben Sie draußen uriniert? War Ihr Handy stummgeschaltet, als Ihre Schwester Sie angerufen hat? Können Sie sich daran erinnern, dass Sie es stummgeschaltet haben? Wirklich? Ich möchte darauf hinweisen, dass Sie auf Seite 53 ausgesagt haben, es sei nicht stummgeschaltet gewesen. Haben Sie während Ihres Studiums getrunken? Sagten Sie nicht, Sie wären ein echter Partylöwe gewesen? Wie oft haben Sie schon Blackouts gehabt? Waren Sie damals auch auf Studentenpartys? Sind Sie mit Ihrem Freund fest zusammen? Haben Sie mit ihm Geschlechtsverkehr? Wann haben Sie sich kennengelernt? Würden Sie jemals fremdgehen? Sind Sie in der Vergangenheit fremdgegangen? Was meinten Sie, als Sie Ihrem Freund sagten, Sie würden ihn belohnen? Wissen Sie noch, wann Sie aufgewacht sind? Hatten Sie da Ihre Strickjacke an? Welche Farbe hatte Ihre Strickjacke? Können Sie sich an weitere Einzelheiten dieses Abends erinnern? Nein? Okay, na ja, bei den Lücken kann uns ja Brock aushelfen.

Man bombardierte mich mit engstirnigen, zugespitzten Fragen, nahm mein Privatleben und mein Liebesleben auseinander, meine Vergangenheit, mein Familienleben. Jede Menge alberner Fragen, ein Haufen von trivialen Einzelheiten, nur um eine Entschuldigung zu finden für diesen Typen, der mich halb nackt ausgezogen hatte, ohne mich überhaupt nach meinem Namen zu fragen. Nach der körperlichen Gewalt wurde mir Gewalt angetan mit diesen Fragen, die darauf abzielten, mich anzugreifen, nur damit der Anwalt sagen konnte: Seht her, ihre Angaben widersprechen sich, sie ist nicht ganz bei Sinnen, quasi eine Alkoholikerin, wahrscheinlich wollte sie mit einem Kerl rummachen. Er ist ziemlich athletisch gebaut, oder? Und sie waren beide betrunken, aber egal. Und die ganzen Sachen im Krankenhaus, woran sie sich erinnert, das war später, warum soll man das berücksichtigen? Für Brock steht hier eine Menge auf dem Spiel, er hat es im Moment wirklich schwer.

Dann kam der Zeitpunkt, wo er aussagen sollte, und ich erlebte am eigenen Leib, was es bedeutet, ein zweites Mal zum Opfer zu werden. Ich möchte daran erinnern, dass er am Abend, als es passiert war, ausgesagt hatte, er habe nie vorgehabt, mich mit auf sein Zimmer im Wohnheim zu nehmen. Er hatte ausgesagt, er wisse nicht, wie wir hinter den Müllcontainer gelangt wären. Er sei aufgestanden und gegangen, weil ihm nicht gut war, als er plötzlich gejagt und angegriffen wurde. Dass ich mich an nichts erinnern konnte, erfuhr er erst viel später.

Ein Jahr später klang das alles ganz anders, wie man es mir prophezeit hatte. Brock kam nun mit einer seltsamen neuen Geschichte an, die klang wie ein schlecht geschriebener Jugendroman, mit Küssen, Tanzen, Händchenhalten und einem verliebten Stolpern, bei dem man im Überschwang der Gefühle zu Boden geht. Doch das Wichtigste an seiner neue Geschichte war, dass alles plötzlich im gegenseitigen Einvernehmen stattgefunden hatte. Ein Jahr nach dem Vorfall fiel es ihm ein – ach, sie hat übrigens Ja gesagt, zu allem.

Er hat mich gefragt, ob ich tanzen will, und ich habe anscheinend Ja gesagt. Er hat mich gefragt, ob ich mit auf sein Zimmer kommen möchte, und ich habe Ja gesagt. Dann hat er mich gefragt, ob er mich fingern dürfe, und wieder sage ich Ja. Die meisten Typen fragen nicht: „Darf ich dich fingern?“ Normalerweise entwickelt Sex sich natürlich und einvernehmlich, ohne ein solches Frage-Antwort-Spiel. Aber anscheinend erteilte ich meine volle Erlaubnis, und damit ist er von jedem Vorwurf befreit. Doch selbst in seiner Geschichte habe ich insgesamt nur drei Worte gesprochen – Ja, Ja und Ja –, bevor er mich halb nackt auf dem Boden hatte. Ein Tipp für die Zukunft: Wenn du nicht genau weißt, ob ein Mädchen seine Zustimmung geben kann, dann überzeuge dich, ob sie noch einen ganzen Satz sagen kann. Nicht einmal das hast du getan. Nur einen zusammenhängenden Satz. Was ist daran verwirrend? Das ist gesunder Menschenverstand, eine Frage des Anstands.

Ihm zufolge lagen wir nur auf dem Boden, weil ich hingefallen war. Kleine Anmerkung: Wenn ein Mädchen hinfällt, dann hilf ihr, wieder aufzustehen. Wenn sie so betrunken ist, dass sie nicht mehr laufen kann und hinfällt, dann leg dich nicht auf sie, reib dich nicht an ihr, zieh ihr nicht die Unterwäsche aus und führe deine Hand nicht in ihre Vagina ein. Wenn ein Mädchen stürzt, dann hilf ihm hoch. Wenn sie über ihrem Kleid eine Strickjacke trägt, dann zieh sie ihr nicht aus, um ihre Brüste anzufassen. Vielleicht ist ihr kalt, vielleicht hat sie deshalb die Strickjacke übergezogen.

Die Geschichte geht weiter, als Nächstes kamen zwei Schweden auf Fahrrädern vorbei, sprachen dich an, und du bist weggerannt. Als sie dich stoppten und zu Fall brachten, wieso hast du da nicht gesagt: „Hört auf! Alles ist in Ordnung, fragt sie doch. Sie ist dort drüben, sie kann es euch selbst sagen.“ Ich meine, du hattest mich doch gerade selbst nach meinem Zustimmung gefragt, oder? Ich war doch wach, richtig? Später traf die Polizei ein und wollte den bösen Schweden befragen, der dich angegriffen hatte. Der Zeuge weinte so stark, dass er nicht sprechen konnte wegen dem, was er hatte mitansehen müssen.

Dein Anwalt betont immer wieder: „Nun, wir wissen nicht, wann genau sie ohnmächtig wurde.“ Und du hast Recht, vielleicht haben meine Augenlider noch geflattert und ich war nicht völlig weggetreten. Aber darum ging es auch nie. Ich war zu betrunken, um Englisch zu sprechen. Ich war zu betrunken, um meine Zustimmung zu geben, lange bevor ich hingefallen bin. Brock behauptete: „Zu keinem Zeitpunkt konnte ich erkennen, dass sie nicht ansprechbar war. Wenn ich zu irgendeinem Zeitpunkt gedacht hätte, dass sie nicht ansprechbar ist, hätte ich unverzüglich aufgehört.” Und das ist der entscheidende Punkt: Wenn du erst dann aufhören wolltest, wenn ich nicht mehr reagiere, dann hast du es immer noch nicht verstanden. Aber du hast nicht einmal aufgehört, als ich bereits bewusstlos war! Andere haben dich zum Aufhören gebracht. Zwei Jungs auf Fahrrädern ist aufgefallen, dass ich mich im Dunkeln nicht bewege, und sie haben eingegriffen. Wie konntest du das nicht mitkriegen, wo du doch auf mir drauf warst?

Du hast beteuert, dass du aufgehört und Hilfe geholt hättest. Du sagst das zwar, aber erklär mir doch, wie du mir geholfen hättest. Schritt für Schritt, erzähl es mir ganz genau. Ich will wissen, wie der Abend ausgegangen wäre, wenn die beiden bösen Schweden nicht gekommen wären. Ich frage dich: Hättest du mir die Unterhose wieder hochgezogen und die Halskette entwirrt, die um meinen Hals gewickelt war? Meine Beine zusammengeschoben und mich zugedeckt? Hättest du die Kiefernnadeln aus meinen Haaren gestrichen und mich gefragt, ob die Abschürfungen an meinem Hals und Hintern wehtun? Hättest du einen Freund geholt und ihn gebeten: „Hilf mir mal, sie irgendwohin zu bringen, wo sie es warm und bequem hat.” Ich kann nicht schlafen, wenn ich daran denke, wie es wohl geendet hätte, wenn die beiden Schweden nicht gekommen wären. Was wäre aus mir geworden? Darauf wirst du nie eine gute Antwort haben, das kannst du mir auch ein Jahr später immer noch nicht erklären.

Der Gipfel war, dass er behauptete, ich hätte nach einer Minute Fingerpenetration einen Orgasmus gehabt. Die Krankenschwester sagte aus, an meinen Genitalien wären Abschürfungen, Risse und Schmutz dokumentiert worden. Ist das passiert, bevor oder nachdem ich gekommen bin?

Dass du vor uns allen unter Eid ausgesagt hast, ich hätte es gewollt, ich hätte es gestattet, und du wärst das eigentliche Opfer, das aus unbekannten Gründen von zwei Schweden angegriffen wurde – das ist haarsträubend, irrwitzig, es ist egoistisch und es ist verletzend. Es ist schon schlimm genug, so zu leiden. Aber es ist noch viel schlimmer und unbegreiflich, wenn es jemand skrupellos darauf anlegt, die Schwere und die Echtheit meines Leidens in Frage zu stellen.

Meine Familie und Verwandten mussten Fotos sehen, auf denen mein Kopf auf einer Bahre voller Kiefernnadeln festgeschnallt war, Fotos von meinem Körper im Dreck, die Haare zerzaust, die Gliedmaßen verbogen, mit hochgeschobenem Kleid. Und dann mussten sie sich von deinem Anwalt anhören, dass die Bilder später entstanden seien und man sie deshalb ad acta legen könne. Sie mussten sich anhören, dass die Krankenschwester zwar aussagte, ja, da waren Rötungen und Abschürfungen in ihr, die auf erhebliche Gewalteinwirkung im Genitalbereich hindeuten, aber das passiere nun mal beim Fingern, und der Angeklagte hätte ja schon zugegeben, dass er mich gefingert hätte. Sie mussten sich anhören, wie dein Anwalt ein Bild von mir zeichnete, das Bild eines wilden Mädchens, das die ganze Geschichte selbst provoziert hatte. Er stellte es so dar, als hätte ich am Telefon nur betrunken gewirkt, weil ich herumwitzelte und meine Stimme dann eben so albern klang. Und er betonte, ich hätte in der Sprachnachricht gesagt, ich wolle meinen Freund belohnen, und wir wüssten ja alle, was ich damit gemeint hätte. Ich kann dir versichern, dass mein Belohnungssystem nicht übertragbar ist, schon gar nicht auf irgendeinen Unbekannten, der sich an mich ranmacht.

Er hat mir und meiner Familie während des Prozesses Schaden zugefügt, der nie wieder gutzumachen ist. Wir haben still dagesessen und ihm bei seiner Darstellung der Ereignisse jenes Abends zugehört. Doch am Ende konnten seine haltlosen Behauptungen und die verdrehte Logik seines Anwalts niemanden täuschen. Die Wahrheit hat gesiegt, die Wahrheit hat für sich selbst gesprochen.

„Das hier ist nicht die übliche Abschlepp-Geschichte mit viel Alkohol und ein paar unüberdachten Entscheidungen.“ 

Du bist schuldig. Zwölf Geschworene haben dich dreier schwerer Verbrechen zweifelsfrei für schuldig befunden. Das sind drei mal zwölf Ja-Stimmen, sechsunddreißig Stimmen haben deine Schuld einstimmig und hundertprozentig bestätigt. Und ich dachte, dass es endlich vorbei ist, dass er endlich die Verantwortung übernimmt für das, was er getan hat, sich aufrichtig entschuldigt, und wir gehen unserer Wege und der Heilungsprozess beginnt. Dann habe ich deine Stellungnahme gelesen.

Falls du hoffst, dass ich vor Wut fast platze, kann ich dir sagen: Ja, ich bin kurz davor. Du hast es fast geschafft. Das hier ist nicht die übliche Abschlepp-Geschichte mit viel Alkohol und ein paar unüberdachten Entscheidungen. Sexuelle Gewalt ist kein Unfall, das hast du offenbar immer noch nicht kapiert. Du klingst irgendwie immer noch verwirrt. Ich werde nun Teile der Erklärung des Angeklagten vorlesen und mich dazu äußern.

Du sagst: Weil ich betrunken war, war ich nicht mehr in der Lage, richtige Entscheidungen zu treffen, genauso wenig wie sie.

Alkohol ist keine Entschuldigung. Aber spielte Alkohol eine Rolle? Ja, das tat er. Doch es war nicht der Alkohol, der mich auszog und fingerte, der meinen Kopf über den Boden schleifte, während ich fast nackt war. Ich gebe zu, dass ich einen Fehler gemacht und zu viel getrunken hatte, aber das ist keine Straftat. Jeder hier im Gerichtssaal hat schon einmal zu viel getrunken und es später bereut, oder kennt Freunde oder Verwandte, denen das passiert ist. Doch übermäßiges Trinken ist nicht dasselbe wie sexuelle Gewalt. Wir waren beide betrunken, aber ich habe dir nicht die Hosen und die Unterwäsche ausgezogen, ich habe dich nicht unsittlich berührt, ich bin nicht weggelaufen. Das ist der Unterschied.

Du sagst: Wenn ich sie kennen lernen wollte, hätte ich besser nach ihrer Telefonnummer gefragt, anstatt sie auf mein Zimmer einzuladen.

Ich bin nicht wütend, weil du nicht nach meiner Nummer gefragt hast. Selbst wenn wir uns gekannt hätten, wollte ich nie in so einer Situation Sex haben. Mein Freund kennt mich gut, aber wenn er mich auf dem Boden hinter einem Müllcontainer fingern wollte, würde ich ihm eine knallen. Kein Mädchen will in so einer Situation Sex haben. Niemand will das. Egal, ob du ihre Telefonnummer hast oder nicht.

Du sagst: Dummerweise hielt ich es für okay, das zu tun, was alle um mich herum auch taten, nämlich trinken. Ich habe einen Fehler gemacht.

Wie gesagt, nicht das Trinken war dein Fehler. Niemand von denen, die um dich herum Alkohol tranken, wollte mich vergewaltigen. Dein Fehler war, dass du etwas getan hast, was niemand sonst getan hat: Du hast deinen erigierten Schwanz in der Hose gegen meinen nackten, wehrlosen Körper gedrückt, in einer dunklen Ecke, so dass keiner der anderen Partygänger mich sehen oder mir helfen konnte und meine eigene Schwester mich nicht finden konnte. Nicht das Whiskytrinken war dein Verbrechen, sondern dass du mir die Unterwäsche ausgezogen und sie wie Bonbonpapier weggeschmissen hast, damit du mich fingern konntest. Warum muss ich das eigentlich erklären?

Du sagst: Ich wollte sie bei der Verhandlung nicht zum Opfer machen. Das war nur mein Anwalt und die Art, wie er meine Verteidigung aufgebaut hat.

Dein Anwalt ist nicht dein Sündenbock, sondern er vertritt dich. Hat dein Anwalt unglaubliche, unverschämte und erniedrigende Dinge gesagt? Ja, das hat er. Er sagte, du hättest eine Erektion gehabt, weil es kalt gewesen sei.

Du sagst, dass du gerade ein Programm für Schüler und Studenten aufbaust, bei dem du über deine Erfahrung sprechen wirst, um etwas „gegen die Trinkkultur an den Universitäten und die damit einhergehende sexuelle Promiskuität” zu tun.

Die Trinkkultur an den Universitäten. Ist es das, wogegen wir uns hier einsetzen? Glaubst du, dagegen habe ich das ganze letzte Jahr gekämpft? Nicht gegen sexuelle Gewalt und die Vergewaltigungskultur an den Unis und für mehr Aufklärung darüber, wie man erkennt, ob jemand mit Sex einverstanden ist oder nicht? Die Trinkkultur an der Uni also. Nieder mit Jack Daniels, nieder mit Skyy-Wodka. Wenn du mit Leuten über das Trinken reden willst, dann geh zu einem Treffen der Anonymen Alkoholiker. Dir ist schon klar, dass da ein Unterschied ist, ob man ein Alkoholproblem hat oder ob man trinkt und dann jemanden mit Gewalt zum Sex zwingt, nicht? Zeig Männern, wie man Frauen respektiert, und nicht, wie man weniger trinkt.

Die Trinkkultur und die damit einhergehende sexuelle Promiskuität. „Einhergehend“ sagst du, als wäre es ein Nebeneffekt, wie die Pommes, die man als Beilage zum Essen kriegt. Warum wird Promiskuität hier überhaupt erwähnt? Ich sehe keine Schlagzeilen, in denen es heißt: Brock Turner, verurteilt wegen übermäßigen Trinkens und der damit einhergehenden Promiskuität. Sexuelle Gewalt an den Universitäten. Das ist der Titel deiner ersten Powerpoint-Folie. Aber keine Sorge, wenn du dich für deinen Vortrag nicht auf ein Thema festlegen willst, folge ich dir gerne an jede Schule und mache die Abschlusspräsentation.

Zum Schluss sagst du: Ich möchte den Menschen zeigen, dass ein betrunkener Abend ein ganzes Leben ruinieren kann.

EIN ganzes Leben, nämlich deins. Meins hast du vergessen. Ich formuliere das noch mal neu für dich: Ich will den Menschen zeigen, dass ein betrunkener Abend zwei ganze Leben ruinieren kann. Deins und meins. Du bist die Ursache, ich bin die Wirkung. Du hast mich mit dir in diese Hölle geschleift, du hast mich immer und immer zu diesem Abend zurückgeholt. Du hast dein und mein Leben zerstört, meins ist im selben Moment zusammengebrochen wie deins. Falls du denkst, ich wäre verschont geblieben und käme unbeschadet davon, falls du glaubst, dass ich heute Abend in den sprichwörtlichen Sonnenuntergang reite, während du selber den schwersten Schlag erleidest, dann täuschst du dich. Niemand gewinnt. Wir sind alle zerstört, wir haben alle versucht, in all diesem Leid noch einen Sinn zu finden. Dein Schaden ist konkret greifbar: Abschlüsse aberkannt, Auszeichnungen verloren, exmatrikuliert. Mein Schaden ist innerlich und unsichtbar, ich trage ihn ständig mit mir herum. Du hast mir mein Selbstwertgefühl genommen, meine Privatsphäre, meine Energie, meine Zeit, meine Sicherheit, meine Intimsphäre, mein Selbstvertrauen und meine eigene Stimme – bis heute.

Eine Sache hatten wir gemeinsam, wir waren beide morgens nicht mehr in der Lage aufzustehen. Leid ist für mich kein Fremdwort. Du hast mich zum Opfer gemacht. In der Zeitung wurde ich als „bewusstlose, betrunkene Frau“ bezeichnet, neun Silben, mehr nicht. Eine Zeitlang glaubte ich tatsächlich, das sei alles, was ich bin. Ich musste mich zwingen, meinen richtigen Namen wieder anzunehmen, meine Identität wieder zu finden. Ich musste mich selbst überzeugen, dass ich mehr bin als nur diese neun Silben. Dass ich nicht nur ein betrunkenes Opfer hinter dem Müllcontainer auf einer Studentenparty bin, und du der vorbildliche amerikanische Schwimmer an einer Spitzenuniversität, für den die Unschuldsvermutung gilt und für den so wahnsinnig viel auf dem Spiel steht. Ich bin ein Mensch, der Verletzungen erlitten hat, die nie wieder heilen können. Mein Leben lag über ein Jahr lang auf Eis, während ich versuchte herauszufinden, ob ich überhaupt noch etwas wert war.

Meine Unabhängigkeit, meine Fähigkeit mich zu freuen, mein Sanftmut und mein geregelte Leben – das alles wurde bis zur Unkenntlichkeit entstellt. Ich wurde verschlossen, wütend, über die Maßen selbstkritisch, müde, reizbar und leer. Manchmal war meine Selbstisolation unerträglich. Du kannst mir mein Leben vor diesem Abend auch nicht zurückgeben. Während du dich um deinen zerstörten Ruf sorgst, habe ich nachts Löffel gekühlt. Am Morgen hielt ich sie gegen meine vom Weinen geschwollenen Augen, damit ich überhaupt etwas sehen konnte. Ich kam jeden Tag eine Stunde zu spät zur Arbeit und weinte heimlich im Treppenhaus. Ich kann dir die besten Orte in dem Gebäude verraten, wo du weinen kannst, ohne dass dich einer hört. Mein Zustand wurde so schlimm, dass ich meiner Chefin private Details erklären musste, damit sie verstand, warum ich kündigte. Ich musste eine Auszeit nehmen, denn ich konnte nicht einfach Tag für Tag weitermachen. Ich verbrauchte meine Ersparnisse und ging so weit weg, wie ich konnte. Vollzeit arbeiten konnte ich nicht mehr, weil ich ja wusste, dass ich mir für die Anhörungen und den Prozess, der ständig neu angesetzt wurde, wieder wochenlang freinehmen musste. Mein Leben lag mehr als ein Jahr lang auf Eis, mein Fundament war zusammengebrochen.

Wenn ich alleine bin, kann ich nachts nur mit eingeschaltetem Licht schlafen, wie eine Fünfjährige. Ich habe Albträume, in denen mich jemand anfasst und ich nicht aufwachen kann. Eine Zeitlang habe ich das Licht brennen lassen, bis die Sonne aufging. Dann erst fühlte ich mich sicher genug, um zu schlafen. Drei Monate lang bin ich um sechs Uhr morgens schlafen gegangen.

Früher war ich stolz auf meine Unabhängigkeit. Heute habe ich Angst, abends alleine spazieren zu gehen, ich habe Angst vor Treffen mit meinen Freunden, wenn dort getrunken wird. Dabei sollte ich mich bei ihnen eigentlich wohlfühlen. Ich bin wie eine Klette geworden, die immer jemanden an ihrer Seite braucht. Mein Freund steht neben mir, schläft bei mir und beschützt mich. Es ist beschämend, wie schwach ich mich fühle, wie schüchtern ich durchs Leben gehe, immer auf der Hut, immer bereit, mich zu verteidigen und immer kurz vor dem Ausrasten.

Du hast keine Ahnung, wie hart ich arbeiten musste, um Teile von mir wieder aufzubauen, die nach wie vor schwach sind. Ich brauchte acht Monate, um überhaupt über das sprechen zu können, was passiert ist. Ich konnte mich nicht mehr mit Freunden oder anderen Menschen austauschen. Ich schrie meinen Freund, meine eigene Familie an, sobald jemand das Thema auch nur ansprach. Wegen dir durfte ich nie vergessen, was mir widerfahren war. Nach den Anhörungen und den Prozesstagen war ich zu erschöpft, um zu reden. Ausgelaugt und wortlos bin ich nach Hause gegangen, schaltete mein Handy aus und sprach tagelang kein Wort. Jedes Mal, wenn ein neuer Artikel erschien, überfiel mich die Paranoia, dass jeder in meiner Heimatort davon erfahren und ich für alle nur noch „das vergewaltigte Mädchen“ sein würde. Ich wollte kein Mitleid, und nur ganz langsam akzeptiere ich, dass ein Opfer zu sein für immer ein Teil meiner Identität sein wird. Es ist deine Schuld, dass ich mich an meinem Heimatort nicht mehr wohl fühle.

Du kannst mir meine schlaflosen Nächte nicht zurückgeben. Ich kann schluchzend zusammenbrechen, wenn ich mir einem Film anschaue und einer Frau wird etwas angetan. Meine Erfahrung hat, gelinde gesagt, mein Mitgefühl für andere Opfer sehr verstärkt. Durch den Stress habe ich abgenommen, doch wenn man mich darauf anspricht, behaupte ich, dass ich in letzter Zeit viel gelaufen sei. Es gibt Zeiten, da will ich nicht, dass man mich berührt. Ich muss erst wieder lernen, dass ich nicht zerbrechlich bin, dass ich leistungsfähig und gesund bin und nicht nur wütend und schwach.

Wenn ich sehe, wie meine jüngere Schwester leidet, wie sie in der Schule nicht mehr mithalten kann, wie sie keinen Spaß mehr hat, wie sie nicht schlafen kann, dann kann ich dir nicht vergeben. Manchmal weint sie am Telefon so sehr, dass sie kaum noch Luft bekommt, und sie sagt mir immer wieder, wie leid es ihr tut, dass sie mich an dem Abend allein gelassen hat, es tut mir leid, es tut mir leid, es tut mir so leid. Sie fühlt sich schuldiger als du es je getan hast, und das kann ich dir nicht verzeihen. An dem Abend hatte ich sie angerufen, weil ich sie auf der Party finden wollte, aber du hast mich vorher gefunden. Das Schlusswort deines Anwalts begann so: „Ihre Schwester sagte, dass es ihr gut geht, und wer kennt sie besser als die eigene Schwester?” Du hast versucht, die Aussage meiner eigenen Schwester gegen mich zu verwenden? Deine Attacken waren so schwach, so mies, dass es fast schon peinlich war. Du kannst ihr nicht mal das Wasser reichen.

Du hättest mir das nie antun dürfen. Und dann hättest du mich nicht so lange kämpfen lassen dürfen, damit ich dir sagen kann: Du hättest du mir nicht antun dürfen. Aber jetzt sind wir hier. Der Schaden ist da, und niemand kann ihn rückgängig machen. Und jetzt haben wir beide die Wahl: Entweder diese Sache zerstört uns, ich bleibe wütend und leide, und du streitest weiterhin deine Verantwortung ab. Oder wir blicken den Tatsachen ins Gesicht, ich akzeptiere den Schmerz, du akzeptierst deine Strafe, und wir gehen unserer Wege.

Dein Leben ist nicht vorbei, du hast noch Jahrzehnte vor dir, um deine Biografie neu zu schreiben. Die Welt ist riesengroß, viel größer als Palo Alto und Stanford, und du wirst darin einen Platz finden, wo du eine Aufgabe hast und glücklich bist. Aber jetzt darfst du nicht mehr mit den Schultern zucken und sagen, du seist verwirrt gewesen. Du darfst nicht mehr behaupten, du hättest die Warnsignale nicht gesehen. Du bist verurteilt worden, weil du mich vergewaltigt hast, vorsätzlich, mit bösartiger Absicht – und du gestehst nur, dass du betrunken warst. Erzähl mir nicht, wie traurig es ist, dass dein Leben auf den Kopf gestellt wurde, weil der Alkohol dich böse Dinge hat tun lassen. Du musst lernen, Verantwortung für dein Verhalten zu übernehmen.

Und nun zum Urteil. Als ich den Bericht des Bewährungshelfers gelesen habe, konnte ich es nicht fassen. Erst packte mich die Wut, die dann bald einer tiefen Traurigkeit wich. Meine Aussagen wurden aus dem Zusammenhang gerissen und durch Kürzungen massiv verzerrt. Ich habe in diesem Prozess hart gekämpft und ich werde nicht zulassen, dass die Bedeutung des Urteils heruntergespielt wird von einem Bewährungshelfer, der meinen aktuellen Zustand und meine Wünsche beurteilen sollte und dies in einem 15-minütigen Gespräch tat, welches hauptsächlich darin bestand, meine Fragen zum Rechtssystem zu beantworten. Auch der Kontext ist wichtig: Brock hatte seine Erklärung noch nicht abgegeben, und ich hatte seine Anmerkungen nicht gelesen.

Mein Leben steckt seit einem Jahr fest, ein Jahr voller Ärger, Schmerz und Ungewissheit, bis eine unparteiische Jury ihr Urteil fällte und bestätigte, dass mir ein Unrecht angetan wurde. Hätte Brock seine Schuld eingestanden, Reue gezeigt und frühzeitig einen Vergleich angeboten, hätte ich mich auch mit einer milderen Strafe zufrieden gegeben. Ich hätte seine Aufrichtigkeit respektiert und wäre dankbar gewesen, dass unser beider Leben weitergehen können. Stattdessen ist er das Risiko eines Prozesses eingegangen. Er zwang mich, den Schmerz noch einmal zu durchleben, als sein Anwalt wie zum Hohn Details aus meinem Leben und Einzelheiten des sexuellen Angriffs in aller Öffentlichkeit brutal analysierte. Brock hat mich und meine Familie ein Jahr lang aus unerfindlichen Gründen und völlig unnötig leiden lassen. Er soll die Konsequenzen dafür tragen, dass er sein Verbrechen leugnete, meinen Schmerz nicht wahrhaben wollte und uns so lange auf Gerechtigkeit hat warten lassen.

Ich habe dem Bewährungshelfer gesagt, dass es mir nicht darum geht, Brock im Gefängnis verrotten zu sehen. Ich habe ihm nicht gesagt, dass Brock es nicht verdient hätte, hinter Gitter zu kommen. Die vom Bewährungshelfer empfohlene Strafe von einem Jahr oder weniger im Bezirksgefängnis kommt einer lockeren Auszeit gleich. Angesichts der Schwere des sexuellen Angriffs ist sie blanker Hohn und eine Beleidigung für mich und alle Frauen. Damit wird die Botschaft gesendet, dass ein Fremder ohne dein Einverständnis in dich eindringen darf und dafür weniger als die Mindeststrafe bekommt. Die Bewährung sollte abgelehnt werden. Ich habe dem Bewährungshelfer auch gesagt, dass ich möchte, dass Brock versteht, was er getan hat und sein Fehlverhalten eingesteht.

Nachdem ich die Erklärung des Angeklagten gelesen habe, bin ich leider schwer enttäuscht. Es ist ihm nicht gelungen, aufrichtige Reue zu zeigen oder Verantwortung für sein Verhalten zu übernehmen. Ich respektiere sein Recht auf einen Prozess. Aber selbst nachdem zwölf Geschworene ihn einstimmig in drei Anklagepunkten für schuldig befunden haben, gesteht er einzig und allein die unbestrittene Tatsache, dass er Alkohol konsumierte. Wer nicht fähig ist, die volle Verantwortung für seine Taten zu übernehmen, der hat keine mildernden Umstände verdient. Es ist eine Unverschämtheit, dass er von „Promiskuität“ spricht und damit den Tatbestand der Vergewaltigung verharmlost. Vergewaltigung wird durch das Fehlen von Einvernehmlichkeit definiert, schon deshalb hat Promiskuität nichts mit Vergewaltigung zu tun. Es verstört mich zutiefst, dass er nicht einmal diesen Unterschied erkennt.

Der Bewährungshelfer machte geltend, der Angeklagte sei noch jung und habe keine Vorstrafen. Meiner Meinung nach ist er alt genug, um zu verstehen, dass das, was er getan hat, falsch war. Mit 18 Jahren darf man in unserem Land in den Krieg ziehen. Mit 19 Jahren ist man alt genug, um die Konsequenzen für eine versuchte Vergewaltigung zu tragen. Er ist zwar jung, aber nicht so jung, dass er es nicht hätte besser wissen müssen.

Weil es seine erste Straftat ist, kann ich verstehen, dass ein gewisses Maß an Nachsicht geboten scheint. Allerdings können wir als Gesellschaft nicht jedem den ersten sexuellen Angriff vergeben. Das macht keinen Sinn. Es muss schon früh klargestellt werden, was für ein schwerwiegendes Verbrechen eine Vergewaltigung ist. Sonst schaffen wir eine Kultur, in der vermittelt wird, dass erst die zweite sexuelle Gewalttat wirklich falsch ist. Die Konsequenzen von sexuellen Angriffen müssen hart sein, damit potentielle Täter aus Angst auch im betrunkenen Zustand ihren gesunden Menschenverstand einschalten. Die Konsequenzen müssen hart sein, damit sie präventive Wirkung haben.

Der Bewährungshelfer wies auf die Tatsache hin, dass Brock ein hart erkämpftes Schwimmstipendium aufgegeben hat. Wie schnell Brock schwimmen kann, hat nichts mit der Schwere seiner Tat zu tun, und es sollte auch nicht die Schwere seiner Strafe beeinflussen. Welche Strafe würde wohl ein Ersttäter mit einem weniger privilegiertem Hintergrund erhalten, der wegen dreier Verbrechen angeklagt ist und keinerlei Verantwortung für seine Taten übernimmt, außer der Tatsache, dass er getrunken hatte? Dass Brock ein Sportler an einer Elite-Universität war, darf nicht als mildernder Umstand gewertet werden. Vielmehr wäre der Prozess eine gute Gelegenheit, um in aller Schärfe deutlich zu machen, dass sexuelle Angriffe immer ein Kapitalverbrechen sind, und zwar unabhängig von der Gesellschaftsschicht, aus der die Täter kommen.

Der Bewährungshelfer führte an, dass man im Vergleich zu anderen, ähnlichen Verbrechen diesen Fall wegen des hohen Alkoholpegels beim Angeklagten als weniger gravierend betrachten könne. Für mich WAR es gravierend. Mehr werde ich dazu nicht sagen.

Was hat er getan, um zu zeigen, dass er Nachsicht verdient hätte? Er hat sich bislang nur für das Trinken entschuldigt. Er hat seine Tat noch nie selbst als einen sexuellen Angriff bezeichnet. Er hat mich während des Prozesses immer wieder unbarmherzig zum Opfer gemacht. Ein Gericht hat ihn dreier schwerer Verbrechen für schuldig befunden und nun wird es Zeit, dass er die Konsequenzen für seine Taten akzeptiert. Er wird nicht mit einem Klaps auf die Hand davonkommen.

Er wird lebenslang als Sexualstraftäter registriert sein. Dieser Eintrag wird nie mehr gelöscht. Genauso wenig wird das, was er mir angetan hat, nach einer bestimmten Anzahl von Jahren vorbei sein. Es bleibt bei mir, es ist Teil meiner Identität, es hat meine Haltung und die Art und Weise, wie ich weiterlebe, für immer verändert.

Zum Abschluss möchte ich mich bedanken. Ich danke der Praktikantin, die mir ein Müsli machte, als ich an jenem Morgen im Krankenhaus aufwachte. Ich danke dem Polizisten, der an meiner Seite wartete, der Krankenschwester, die mich beruhigte, dem Kommissar, der mir zuhörte und mich nicht verurteilte, meinen Anwälten, die standhaft an meiner Seite waren, meiner Therapeutin, die mir in meiner Verletzlichkeit beibrachte, neuen Mut zu fassen, meiner Chefin für ihre Freundlichkeit und ihr Verständnis, meinen wunderbaren Eltern, die mir zeigten, wie man Schmerz in Stärke verwandelt, meiner Großmutter, die mir immer Schokolade in den Gerichtssaal schmuggelte, meinen Freunden, die mich nicht vergessen ließen, was Glück bedeutet, meinem geduldigen, liebevollen Freund, meiner unbesiegbaren Schwester, der mein halbes Herz gehört, und meinem großen Vorbild Alaleh, die unermüdlich kämpfte und nie an mir zweifelte. Ich danke allen, die mit dem Prozess zu tun hatten, für ihre Zeit und ihre Aufmerksamkeit. Danke an die Mädchen aus dem ganzen Land, die mir Karten schickten, danke an all die Unbekannten, denen mein Schicksal am Herzen lag.

Vor allem danke ich den beiden Männern, die mich gerettet haben und die ich noch nicht kennengelernt habe. Ich schlafe unter zwei Fahrrädern, die ich über meinem Bett an die Wand gemalt habe. Sie erinnern mich daran, dass es in dieser Geschichte auch Helden gibt. Dass wir aufeinander aufpassen. Ich habe alle diese Menschen getroffen und durfte ihren Schutz und ihre Fürsorglichkeit spüren. Das ist etwas, was ich niemals vergessen werde.

Und zu guter Letzt möchte ich mich an all die Mädchen da draußen wenden: Ich bin bei euch. Wenn ihr euch abends alleine fühlt, bin ich bei euch. Wenn Leute an euch zweifeln oder euch nicht ernst nehmen, bin ich bei euch. Ich habe jeden Tag für euch gekämpft. Deshalb hört niemals auf zu kämpfen, denn ich glaube an euch. Die Autorin Anne Lamott hat einmal geschrieben: „Leuchttürme rennen auch nicht überall auf der Insel herum und suchen nach Booten, die sie retten können; sie stehen nur da und senden ihr Licht aus.“ Ich kann nicht jedes Boot retten, aber ich hoffe, dass euch mit meinen Worten heute ein kleiner Lichtstrahl erreicht – das Wissen, dass man euch nicht zum Schweigen bringen kann, dass Gerechtigkeit erreicht wurde, dass wir jeden Tag Fortschritte machen. Aber noch wichtiger ist das Wissen, dass ihr es wert seid, ohne jeden Zweifel. Ihr seid unberührbar, ihr seid schön, ihr sollt geachtet werden und respektiert, ohne Einschränkung, jeden Tag und jede Minute. Ihr seid mächtig, und das kann euch niemand nehmen. An die Mädchen auf der ganzen Welt: Ich bin bei euch. Vielen Dank.

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