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5 der 10 erfolgreichsten Artikel von unzensuriert.at sind Falschnachrichten über Flüchtlinge

Der ehemalige Unzensuriert-Chefredakteur Alexander Höferl war im Kommunikationsteam der FPÖ. Er wird nun als Kommunikationsleiter ins Innenministerium wechseln.

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Eine Auswertung von BuzzFeed News zeigt, dass fünf der zehn erfolgreichsten Artikel von unzensuriert.at Falschmeldungen über Flüchtlinge sind, die zum Teil von mehreren Medien widerlegt wurden.

Unzensuriert.at hat auf Facebook große Erfolge mit Falschmeldungen über Flüchtlinge. Der erfolgreichste Artikel von unzensuriert.at ("20 Asylwerber traten in Hungerstreik: Sie fordern 2.000 Euro netto Taschengeld") hat sogar rund 187.000 Facebook-Interaktionen — kein anderer Artikel österreichischer Zeitungen hat so viele Interaktionen. Unter anderem heute.at widerlegt die Meldung allerdings als Falschnachricht und die Polizei St. Kanzian dementiert die Geschehnisse.

BuzzFeed News hat mit Hilfe einer Software 7202 Artikel von unzensuriert.at herausgesucht und sie nach Anzahl ihrer Interaktionen auf Facebook sortiert. Facebook-Interaktionen sind Reaktionen, Kommentare und Shares. Unser Analyse-Zeitraum erstreckt sich auf alle Artikel der vergangenen 5 Jahre, aber die erfolgreichsten Artikel auf Facebook hatte unzensuriert.at in den Jahren 2015 und 2016.

Darum geht's: In Österreich bildet sich gerade eine neue Regierung und am Dienstag sollte Alexander Höferl zum Pressesprecher des Innenministeriums berufen werden. Höferl, aktuell im Kommunikations-Team der FPÖ, war zuvor Chefredakteur von unzensuriert.at. Die umstrittene Webseite wird als "Österreichisches Breitbart" bezeichnet.

Österreich hat jetzt seinen Steve Bannon: Der Chefredakteur des Desinformationsportals "unzensuriert.at" Alexander… https://t.co/mkN1AEW64T

Nach Kritik dementierte ein Sprecher des Innenministeriums, dass Höferl der neue Sprecher werden soll. BuzzFeed News hat sich trotzdem unzensuriert.at angeschaut und wollte wissen, was ihre erfolgreichsten Artikel sind.

Update: Wie Profil.at aber nun berichtet, soll Höferl doch ins Innenministerium wechseln und dort Kommunikationsleiter werden.

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Der erfolgreichste Artikel von unzensuriert.at wurde von mehreren anderen Medien als falsch widerlegt.

Der Artikel "20 Asylwerber traten in Hungerstreik: Sie fordern 2.000 Euro netto Taschengeld" hat auf Facebook mehr als 187.300 Interaktionen hervorgerufen. Das ist sehr viel, denn keine Zeitung Österreichs hat einen Online-Artikel mit so vielen Facebook-Interaktionen.

Zum Vergleich: Im gleichen Zeitraum hat der erfolgreichste Artikel von DerStandart.at nur halb so viele Interaktionen (93.000) erzeugen können. Auch die erfolgreichsten Artikel von Krone.at (53.000 Facebook-Interaktionen) oder oe24.at (67.400 Facebook-Interaktionen) kommen bei Weitem nicht an die Aufmerksamkeit heran, die unzensuriert.at mit ihrem erfolgreichsten Artikel auf Facebook hatte.

Die Aussagen dieses Artikels werden von mehreren anderen Medien als falsch widerlegt. Heute.at berichtet, dass die Polizei einen Hungerstreik unter den Migranten dementiert und bezeichnet den Artikel als Falschnachricht. Auch der ORF und die Kleine Zeitung widerlegen den Artikel. Unzensuriert.at hat in einem weiteren Artikel auf die Anschuldigungen reagiert und schreibt in Bezug auf den angeblichen Hungerstreik: "Es mag sein, dass die Nahrungsverweigerung nicht länger als vom Mittag- bis zum Abendessen gedauert hat".

Auch der zweiterfolgreichste Artikel von unzensuriert.at enthält falsche Behauptungen.

Im Artikel "Asylanten in Offenbach fordern WLAN und Gebetsräume, sonst drohe Randale" bezieht sich die Redaktion auf dieses Interview in der WELT. Die WELT berichtet aus einem Flüchtlingsheim und schreibt, dass es dort unter anderem an Decken, medizinischer Versorgung und WLAN fehle. Im Artikel von unzensuriert.at heißt es: "Dort untergebrachte 'Flüchtlinge' drohen mit Aufständen, sollten sie nicht rascher registriert werden und Gebetsräume sowie kostenloses WLAN bekommen." — Aber das stimmt nicht.

Im Artikel in der WELT wird ein freiwilliger Helfer mit den Worten „Wenn nichts passiert, wird es hier richtig funken“ zitiert.

Hier zitiert die WELT keinen Flüchtling, sondern einen freiwilligen Helfer, der empfiehlt einige Missstände (Fehlende Winterkleidung, Hygiene-Artikel, Decken, richtige Decken, medizinische Versorgung und WLAN) abzustellen, da er ansonsten von einer Eskalation ausgeht. Anders als es unzensuriert.at darstellt, droht aber kein Flüchtling wegen fehlendem WLAN mit einem Aufstand — deshalb haben wir diesen Artikel als "falsch" eingestuft. Außerdem ist das Wort "Randale" an keiner Stelle des WELT-Artikels gefallen — dieses Wort fällt erst im Text bei unzensuriert.at

Dieser Artikel über Bürgerwehren in Deutschland ist tendenziös geschrieben.

Einige Passagen im vierterfolgreichsten Artikel "Weil der Staat versagt: In Deutschland formieren sich erste Bürgerwehren" zeigen, wie tendenziös unzensuriert.at schreibt und berichtet.

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unzensuriert.at

Der Text benutzt Begriffe wie "Gutmenschen" oder "Anführerin Angela Merkel", die vor allem von Rechten verwendet werden. Außerdem werden Behauptungen verbreitet, die nicht mit Fakten oder Quellen belegt sind. Dazu zählt die Aussage, dass Deutschland auf "bürgerkriegsähnliche Zustände" zusteuere.

Auch diese Falschmeldung über ein Frankfurter Schwimmbad nur für Muslimas verbreitete sich auf Facebook massiv.

Im Artikel "Deutsche ausgesperrt: Frankfurter Schwimmbad nur für Muslimas" (40.500 Facebook Interaktionen) behauptet unzensuriert.at, dass die SPD in Frankfurt am Main Badezeiten nur für muslimische Frauen vorgeschlagen haben soll.

Wie aber unter anderem die FAZ hier berichtet, ging es beim Vorschlag der SPD aber um mehr Badezeiten für alle Frauen. Der SPD-Fraktionschef im Ortsbeirat, Martin Völker, sagt hier sogar explizit, dass sich dieses Angebot an alle Frauen, nicht nur an Muslimas richte. Der Frankfurter SPD-Vorsitzende Mike Josef äußerte sich dagegen skeptisch zu diesem Plan, was zeigt, dass separate Schwimmzeiten nur für Frauen auch innerhalb der SPD umstritten sind.

Weil unzensuriert.at im Artikel muslimische Frauen als "Zuwanderer" bezeichnet, haben wir auch diesen Artikel zum Thema "Flüchtlinge" gezählt.

Zeit Online nennt diesen unzensuriert.at Artikel "Nachweislich falsch".

Auch der Unzensuriert-Artikel "AKH-Mitarbeiterin packt aus: Asylwerber sollen bei Operationen bevorzugt werden" ist eine Falschmeldung. Im Artikel berichtet eine anonyme Quelle, dass Flüchtlinge bei Operationen angeblich bevorzugt behandelt werden sollen.

Die unabhängigen Fakten-Checker von Mimikama.at haben die Falschmeldung enttarnt. Das betroffene Krankenhaus sagt auf Anfrage von Mimikama.at, dass es sich hierbei um eine Falschmeldung handelt.

"Von Seiten des AKH wird es dazu keine weiteren Aussagen geben, denn es handele sich schlicht um eine Falschmeldung, eine Bevorzugung irgendeiner Personengruppe habe es zu keinem Zeitpunkt gegeben. Es sei bezeichnend, dass der Verfasser sich nicht zu erkennen geben würde, was jeder seriöse Journalist täte", zitiert Mimikama das Krankenhaus in ihrem Artikel hier.

Zeit Online nennt die Meldung von unzensuriert.at hier "Nachweislich falsch".

"Kein Mitarbeiter hat zugunsten der Flüchtlingshilfe auf einen Cent verzichten müssen – dass Weihnachtsgeld gekürzt oder gestrichen wurde, ist eine Falschmeldung."

Unzensuriert.at verbreitet im Artikel "Rewe spendet Geld für Flüchtlinge und streicht Mitarbeitern Weihnachtsfeier" eine Falschmeldung.

Die Fakten-Checker von Mimikama.at bezeichnen diese Meldung als "Fake". Die Supermarkt-Kette wurde von einigen kritisiert, weil sie sich aktiv für Flüchtlinge eingesetzt hatten. Mimikama hat die Stellungnahme veröffentlicht, die zeigt, dass die Vorwürfe von unzensuriert.at haltlos sind. Die Supermarkt-Kette schreibt: "Kein Mitarbeiter hat zugunsten der Flüchtlingshilfe auf einen Cent verzichten müssen – dass Weihnachtsgeld gekürzt oder gestrichen wurde, ist eine Falschmeldung. Wie jedes Jahr, können sowohl Filial-, als auch Zentralmitarbeiter Weihnachtsfeiern abhalten.
Nach einer beeindruckenden Welle der Hilfsbereitschaft im Sommer (...) wurden in den vergangenen Wochen auch Stimmen laut, die unser Engagement kritisieren. (...) Dennoch hat sich an unserer Überzeugung, den Menschen auf der Flucht helfen zu wollen und sie dabei zu unterstützen, dass sie sich rasch in Österreich integrieren können, nichts geändert.“

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BuzzFeed News hat Alexander Höferl, unzensuriert.at und die FPÖ um einen Kommentar gebeten.

Von unzensuriert.at und Alexander Höferl wollte BuzzFeed News einen Kommentar zu unsere Analyse. Unter anderem wollten wir außerdem wissen, ob die Redaktion von unzensuriert.at absichtlich Falschnachrichten über Flüchtlinge verbreitet, welche journalistischen Standards bei unzensuriert.at gelten und was sie über den Vorwurf denken, als "Österreichs Breitbart" zu gelten.

"Das behaupten sie, weil sie offensichtlich gerne bewusst Fake News verbreiten wollen", schreibt unzensuriert.at an BuzzFeed News. Hier die ganze Antwort der 1848 Medienvielfalt Verlags GmbH, die hinter unzensuriert.at steht:

Mit den Ergebnissen unserer Analyse haben wir auch die FPÖ konfrontiert und wollten wissen, ob aus ihrer Sicht Höferl auf dem Amt des Pressesprechers richtig ist, wenn bei unzensuriert.at unter ihm Falschmeldungen über Flüchtlinge verbreitet wurden. Bisher hat BuzzFeed News von der FPÖ keine Antwort erhalten.

BuzzFeed News hat in den vergangenen Monaten immer wieder über erfolgreiche Fake-News-Seiten berichtet.

In einer Analyse konnten wir zeigen, dass 7 der 10 erfolgreichsten Artikel über Angela Merkel auf Facebook falsch sind. Außerdem haben wir am Beispiel von Halle-Leaks gezeigt, wie eine Seite mit Fake-Zitaten traditionelle Medien überholen kann oder wie erfolgreich eine Falschnachricht über kostenlose Führerscheine für Flüchtlinge sein kann.

UPDATE - Profil.at berichtet, dass Höferl als Kommunikationschef ins Innenministerium wechselt.

Diese Information haben wir in der Einleitung zu diesem Post aktualisiert.

Wie BuzzFeed News die Daten gesammelt hat:

BuzzFeed News hat das Content-Analyse-Tool BuzzSumo genutzt. Dieses Tool erlaubt es Internetseiten und ihre Artikel nach Anzahl ihrer Interaktionen auf sozialen Netzwerken wie Facebook, Twitter oder YouTube zu sortieren.

BuzzFeed hat in BuzzSumo nach allen Artikeln von unzensuriert.at gesucht. Gefunden haben wir insgesamt 7202 Artikel. Unsere Rohdaten mit den allen Artikeln von unzensuriert.at, sortiert nach Facebook-Interaktionen, stehen hier zur Verfügung.

Hier die Liste der österreichischen Zeitungen, mit denen wir unzensuriert.at verglichen haben.

Mit BuzzSumo lassen sich nur die vergangenen fünf Jahre durchsuchen. Wir haben unsere Daten am 19.12.2017 und 20.12.2017 erhoben.

Karsten Schmehl ist Senior Staff Writer bei BuzzFeed und lebt in Berlin.

Contact Karsten Schmehl at karsten.schmehl@buzzfeed.com.

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