go to content

So wurden in 7 Stunden tausende Flüchtlinge in Berlin untergebracht

In nur sieben Stunden wurde im Sommer aus in einer alten Kaserne in Berlin-Spandau ein Flüchtlingsheim. Woher bekommt man so schnell 1000 Klappbetten? Wer kann helfen? Wie reagieren die Nachbarn? Ein Blick zurück.

Gepostet am

"Nö." Die Antwort ist für den jungen Mann, der gerade aus den Einfamilienhaus gegenüber des Flüchtlingsheims kommt, ganz einfach. "Am Anfang war es ein wenig ungewohnt. Sonst ist da ja niemand. Aber verändert hat sich für mich nichts. Nö."

Es ist ein wolkenverhangener Dezembervormittag in der Schmidt-Knobelsdorf-Straße im Berliner Stadtteil Spandau. Bis auf ein paar Autos ist die Straße leer und trostlos. Auf der einen Seite liegt hinter hohen Mauern eine Polizeiwache; daneben ein paar Wohnhäuser, eine Bushaltestelle und die Kleingartenanlage Hasenheide.

Auf der anderen erstreckt sich über mehrere hundert Meter ein Kasernengelände. Hinter einem Zaun mit Stacheldrahtkrone liegen hohe, rote Backsteinbauten. Bis zum Sommer wurden diese nur ab und an von der Polizei bei sogenannten Großlagen, etwa am 1. Mai, genutzt. Doch dann zogen Ende August über Nacht Flüchtlinge auf das Gelände.

"Die Busse sind jetzt voller. Das ist es aber auch."

Zwischenzeitlich waren etwa 1.700 Menschen in den Gebäuden sowie in großen Zelten im Hof untergebracht. Als die Temperaturen fielen, wurden diese jedoch abgebaut. Seitdem leben noch knapp 1000 Flüchtlinge hier. Zu sehen ist von diesen allerdings gerade niemand. Aus manchen Fenstern hängen Plastiktüten, in denen bei diesen Temperaturen wohl Essen und Getränke gekühlt werden. Sonst wirkt das Areal verlassen.

An der Bushaltestelle gegenüber wartet ein etwa 50-jähriger Mann aus dem angrenzenden Wohngebiet. Wie alle Nachbarn erzählt er zwar gerne von seinen Eindrücken. Mit Namen in der Presse stehen möchte er jedoch nicht.

"Am Anfang hat es mich schon geärgert. Niemand hat uns Bescheid gesagt", er. Erst beim Vorbeifahren habe er an den Zelten gesehen, dass sich auf dem Areal etwas verändert habe. Als Nachbar habe man sich dadurch schon überrollt gefühlt. Mittlerweile hat es sich aber arrangiert, zumal auch er keinerlei Veränderung in seinem Leben bemerkt. "Die Busse sind jetzt voller. Das ist es aber auch."

Um 12 Uhr kam der Anruf, um 19 Uhr die ersten Flüchtlinge

Doch die Anwohner waren nicht die einzigen, die an jenem Augusttag von der Umwandlung der Kaserne überrumpelt wurden. So erging es auch Prisod. Seit 2002 betreibt das Unternehmen Flüchtlingsheime in Berlin. Aktuell sind es 14 mit ungefähr 4.500 Bewohnern. "Normalerweise gibt es ein Vergabeverfahren", erklärt Sprecherin Susan Hermenau. Aktuell sei dafür aber nicht immer Zeit. "Im Fall der Kaserne kam der Anruf um 12 Uhr. Um 19 Uhr kamen die ersten Bewohner."

Für die Benachrichtigung der Nachbarn war da einfach keine Zeit.

Stattdessen galt es, in der kurzen Zeit Personal, Mobiliar und Essen zu organisieren. "In solchen Fällen greifen wir zunächst auf unsere Fachkräfte aus den anderen Heimen zurück. Die leisten Überstunden und springen im Rotationsystem ein, bis wir die offenen Stellen schnellstmöglich besetzt haben", erklärt Hermenau. Auch Kleidung oder Hygieneprodukte wurden kurzfristig aus den Lagern der anderen Heime besorgt.

Parallel kümmerte sich die Einkaufsabteilung um Essen und Möbel. Auf die Schnelle galt es etwa einen Caterer zu finden, der bis zum Abend 300 Essen für die ersten Ankommenden liefern konnte. "Der Druck wurde so weitergegeben", meint Hermenau. Außerdem mussten Reinigungs- und Sicherheitskräfte sowie ein Facility-Management organisiert werden. Zum Glück hat Prisod mittlerweile ein gutes Netzwerk, auf das in solchen Fällen zurückgegriffen werden kann.

Nur um eins musste sich der Betreiber nicht kümmern: um ehrenamtliche Helfer. Die kamen von ganz allein.

"Wenn Menschen aus Krisenregionen vor meiner Haustür einziehen, kann ich nicht zu Hause bleiben und zusehen"

Eine, die es gleich am Tag nach der Eröffnung zur Kaserne zog, ist Hannah Hübner. Heute ist sie Sprecherin des Netzwerks Wilhelmstadt hilft – benannt nach dem Spandauer Ortsteil Wilhelmstadt, in dem das Heim liegt. Damals was sie einfach eine Studentin mit einer Wohnung zehn Gehminuten von der Kaserne entfernt. "Wenn Menschen aus Krisenregionen vor meiner Haustür einziehen, kann ich nicht zu Hause bleiben und zusehen", meint sie. Also zog sie los.

Was in ihrer Nachbarschaft passierte, hatte sie über Facebook erfahren. Schon in den ersten Stunden fanden sich in einer Gruppe über hundert Mitglieder, von denen viele auch praktisch helfen wollten. "Es war irre, wie viele Menschen da waren", erinnert sich Hübner heute.

Diese Menge an Engagierten war zwar beeindruckend, aber nicht direkt hilfreich. Vielmehr herrschte zunächst Chaos. Spenden wurden abgegeben, Kleider stapelten sich, jemand brauchte Zahnbürsten, Ansprechpartner fehlten. "Es war klar, dass es auf die Dauer so nicht laufen kann", sagt Hübner. Auch ehrenamtliche Hilfe braucht System.

So sieht es auch Susan Hermenau vom Betreiber Prisod. Sehr diplomatisch und nicht speziell auf die Spandauer Kaserne gemünzt formuliert sie, dass es ja gut gemeint sei, wenn schon innerhalb der ersten Stunden die Ehrenamtlichen bereit ständen. "Aber für unsere Arbeit kann das manchmal anstrengend sein. Manche stellen uns säckeweise Altkleider vor die Tür, ohne zu bedenken, dass diese sortiert und gelagert werden müssen."

Langfristig sei eine Kleiderkammer sinnvoll. Aber in den ersten Stunden gehe es um ein Dach über dem Kopf und Essen. "Bei uns bekommen die Menschen drei Mahlzeiten, Getränke, Hygieneartikel. Es ist nicht nötig, dass Nachbarn Stullen vorbeibringen." Das ehrenamtliche Engagement nennt sie die "Kirsche auf dem Kuchen. "Für die elementaren Aufgaben sind aber wir verantwortlich. Es ist uns wichtig, dass Haupt- und Ehrenamt getrennt sind."

Bei manchen Helfern ist die Luft inzwischen raus

Die Spandauer haben daraus gelernt und sich wenige Wochen nach der Eröffnung in einer Kneipe mit einem Prisod-Mitarbeiter zusammengesetzt. Seitdem gibt es Arbeitsgemeinschaften. Die einen betreiben die Kleiderkammer, andere geben Deutschunterricht oder bieten eine Kinderbetreuung an.

Eine wichtige Aufgabe ist zudem, die Kommunikation unter den Helfern zu organisieren und die Website zu betreuen, auf der alle Termine und aktuelle Bedarfe zu finden sind. Gerade werden Männerkleidung in kleinen Größen, Kinderwagen und Regale benötigt. Außerdem sucht die Nähwerkstatt, in der Beschäftigung und Deutsch Üben in einem angeboten werden, Materialspenden.

"Wir Helfer professionalisieren uns", meint Hübner. Gleichzeitig merkt sie aber auch, dass mittlerweile die staatlichen Strukturen greifen. Deutschkurse müssen nicht mehr von Ehrenamtlichen angeboten werden, die Kinder gehen in die Schule. Parallel ziehen sich manche Helfer zurück. "Vielleicht ist die Luft raus."

Auch die Studentin selbst hat ihr Engagement mittlerweile auf etwa zehn Stunden pro Woche heruntergefahren, nachdem sie im Sommer noch im Dauereinsatz war. Für ein persönliches Treffen für diesen Text blieb ebenfalls keine Zeit. Vorweihnachtszeit, zu viele Termine.

Die Flüchtlinge finden alles "good"

Ein Einblick in die praktische Arbeit der Ehrenamtlichen blieb damit verwehrt. Auch der Betreiber lehnte die Bitte ab, sich vor Ort in der Kaserne umzusehen. Es fehle schlichtweg das Personal, der Vielzahl an Presseanfragen zu genügen, erklärt Sprecherin Hermenau. Zudem hätten die Flüchtlinge mehrfach den Wunsch nach Privatsphäre und Schutz ihrer Identität geäußert.

Das Heim ist jetzt ihr Zuhause. Wer wollte dort ständig die Medien auf der Matte stehen haben?

Mittlerweile ist die Sonne durch die Wolken gebrochen und am Eingang zur Kaserne lassen sich doch ein paar Flüchtlinge blicken. Vielleicht zehn Männer hocken und lehnen am Zaun. Die meisten haben ihr Telefon mitgebracht. "Good", sagen sie auf die Frage, wie es ihnen hier geht. "Good" ist es in Spandau. "Good" das Essen, die Unterbringung, das Verhältnis zu den Nachbarn. Für mehr Gespräch reichen die Sprachkenntnisse nicht, auf beiden Seiten.

Ahmed aus dem Irak lässt sich noch den Namen geben und schickt später über Facebook ein Foto von sich vor einem Weihnachtsbaum. Als Wohnort hat er noch Bagdad eingegeben.

"Nein. Verändert hat sich eigentlich nichts", sagt auch die Rentnerin mit der roten Fleecemütze, die gerade aus den Kleingärten kommt. "Ist eher ganz schön, dass hier jetzt ein bisschen mehr los ist. In Spandau leben schon viele Menschen mit Migrationshintergrund. Die Flüchtlinge fallen da gar nicht auf."

Hol Dir BuzzFeed auf Facebook! Like uns hier.

Every. Tasty. Video. EVER. The new Tasty app is here!

Dismiss