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Deutschland will Integration nur zum Dumpingpreis

Der Bund will, dass sich Flüchtlinge integrieren und Integrationskurse besuchen. Aber die Lehrerinnen und Lehrer dort verdienen kaum genug für den eigenen Lebensunterhalt. Deswegen wollen immer weniger Leute einen Job machen, der immer wichtiger wird.

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Letztendlich hat Marie Müller für ihre Klasse doch noch einen Adventskranz und den dazugehörigen Kalender gekauft. Schließlich sollen ihre Schüler aus Syrien, Afghanistan oder dem Irak von ihr etwas über die deutsche Kultur lernen, und da gehören zu dieser Jahreszeit Adventsdevotionalien nun mal dazu.

Dabei musste sie auch diese Sachen aus der eigenen Tasche bezahlen – so wie die Kopien von den Arbeitsblättern, die dringend benötigten Stifte und natürlich ihre Lehrbücher. Eigentlich reicht das Geld, das sie verdient, kaum für sie und ihre Familie. Aber sie möchte ihren Job gut machen. Ohne Adventskranz geht das im Dezember einfach nicht, findet sie.

Müller, die ihren richtigen Namen lieber nicht in der Presse lesen möchte, gibt an einer Leipziger Sprachschule Integrationskurse. Vor zehn Jahren wurden diese Kurse vom Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) erfunden, um Menschen, die in Deutschland leben wollen, die deutsche Sprache und Kultur nahezubringen. So soll der Grundstein gelegt werden für die Integration in unsere Gesellschaft, deren Wichtigkeit zu betonen die Politiker dieser Tage nicht müde werden.

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Der Staat zahlt nicht mal 3 Euro pro Stunde und Schüler

Die Kurse umfassen in der Regel 600 Stunden Sprachunterricht, in denen die Schüler lernen, wie sie auf Deutsch eine Wohnung mieten, eine Behörde besuchen oder alltägliche Unterhaltungen führen können. Hinzu kommen 60 Stunden Orientierungskurs. Dort wird ihnen vermittelt, wie der Bundestag gewählt wird, welche Rolle Religion in unserer Gesellschaft spielt, und dass Frauen die gleichen Rechte haben wie Männer.

Über 6000 solcher Kurse haben im ersten Halbjahr 2015 deutschlandweit begonnen. Angeboten werden sie von Volkshochschulen oder privaten Sprachschulen, die dafür selbständig tätige Dozenten beschäftigen. Diese werden nach Stunden bezahlt, erhalten aber weder Sozialleistungen, Kranken- noch Urlaubsgeld. Die Finanzierung übernimmt mit 2,94 Euro pro Stunde und Schüler das BAMF. Von denen müssen die Schulen nicht nur ihre Lehrer bezahlen, sondern zum Beispiel auch Räume, Reinigung und Sekretariat. Genau hier liegt das Problem. Denn so bleibt bei dieser Summe vom BAMF für die Lehrer zu wenig übrig.

"Ich unterrichte pro Woche bis zu 30 Stunden, zu denen etwa 15 Stunden Vor- und Nachbereitungszeit kommen. Bezahlt werden jedoch nur die gegeben Stunden, und zwar mit 17 Euro", sagt Müller. Da sie kein Geld bekommt, wenn sie krank ist, hat sie zuletzt auch mal eine Woche mit Grippe und ohne Stimme unterrichtet.

Auch ihre Kinder muss sie öfter krank in die Kita schicken. Dennoch hat sie im Schnitt monatlich nicht einmal 1.200 Euro netto zur Verfügung. Das sind fast 1.000 Euro weniger, als sie etwa als Lehrerin an einer sächsischen Grund- oder Oberschule verdienen würde. Dabei hat auch Müller viel Zeit in ihre Ausbildung gesteckt, ein Magisterstudium absolviert sowie zwei Zusatzqualifikationen erworben, um Sprachkurse für Ausländer geben zu dürfen. "Integration ist eine staatliche Aufgabe. Also muss sie auch vernünftig finanziert werden", meint sie.

Viele Lehrer geben lieber auf und gehen dorthin, wo sie besser bezahlt werden

Ihre Arbeit empfindet Müller als sehr fordernd: Etwa 20 Schüler hat sie in der Klasse – mit völlig unterschiedlichem Bildungsstand und kulturellem Hintergrund. Manche sprechen fließend Englisch, andere können kaum in ihrer Muttersprache schreiben. "Eigentlich muss man jeden einzeln beschäftigen."

Hinzu kommt, dass sie für viele Flüchtlinge die erste Deutsche ist, die sie nach dem Sicherheitsdienst des Flüchtlingsheims und dem Sachbearbeiter auf dem Amt kennenlernen. Mit Fragen wenden sie sich daher nach der Stunde an sie. Hier will eine Bewerbung geschrieben, dort ein Telefonat geführt oder rasch etwas übersetzt werden. Müller bemüht sich, allen weiterzuhelfen. "In meiner Zulassung als Dozentin vom BAMF steht, dass ich eine Schlüsselrolle bei der Integration der Migranten in Deutschland habe." Auf dem Konto mache sich aber nicht bemerkbar, dass sie eine so große Verantwortung trage.

So sieht das auch Doreen Krüger vom Deutschen Volkshochschul-Verband. Etwa 40 Prozent der Integrationskurse finden an Volkshochschulen statt. Diese würden ihre Dozenten nur zu gerne besser bezahlen. Aber die Pauschale vom BAMF reicht dafür einfach nicht aus. Puffer, das Honorar aus anderen Töpfen aufzustocken, gibt es nicht.

"Deutsch zu sprechen ist essentiell, um sich in der Gesellschaft und auf dem Arbeitsmarkt zu integrieren", meint Krüger. Daher sei es ganz wichtig, dass diese Aufgabe von gut qualifizierten Lehrern übernommen und diese entsprechend bezahlt würden. "Wir fordern eine Anhebung der Unterrichtsstundenpauschale von derzeit 2,94 auf 4,40 Euro. Die Entscheidung liegt aber beim Bundesamt für Flüchtlinge und Migration. Uns sind die Hände gebunden."

Allein die Volkshochschulen erwarten, dass im kommenden Jahr 200.000 Plätzen in Integrationskursen benötigt werden. Das sind mehr als doppelt so viele wie 2015. Doch schon jetzt werde händeringend nach Personal gesucht, erklärt Krüger. "Viele Dozenten gehen derzeit lieber an die Schulen, wo sie besser bezahlt werden und eine Festanstellung und somit auch Sozialleistungen erhalten."

Der erste Schritt für die Integration in Deutschland gerät damit ernsthaft in Gefahr.

Der Staat bringt die Dozenten in eine schwierige rechtliche Situation

Auch Marie Müller hat sich schon die Frage gestellt, ob sie nicht lieber Flüchtlingskinder an einer Schule unterrichten sollte. Doch die Arbeit mit den Erwachsenen, die ihre Kurse besuchen, macht ihr Spaß. "Und es kann doch nicht die Lösung sein, wenn jeder die erstbeste Gelegenheit nutzt, den Job zu wechseln."

Verübeln kann sie es den Kollegen, die diesen Weg gehen, jedoch nicht: Manche müssen, damit sie überhaupt über die Runden kommen, beim Sozialamt aufstocken. Für Akademiker, die Vollzeit arbeiten, ist das eine sehr frustrierende Erfahrung.

Auf die Sprachschule, bei der sie Integrationskurse unterrichtet, lässt Müller dennoch nichts kommen. "Sie ist sehr fair im Umgang mit den Lehrkräften und hat finanziell einfach keinen Spielraum", meint sie.

Vielmehr haben die Schulen noch ein ganz anderes Problem. Denn viele ihrer Dozenten arbeiten ausschließlich für einen Arbeitgeber. Damit gelten sie als scheinselbständig. Das deutsche Recht sieht das als ein unlauteres Mittel eines Arbeitgebers an, sich um Sozialbeiträge für ihre Angestellten zu drücken.

Fliegt eine Scheinselbständigkeit auf, hat es für die Sprachschulen empfindliche Folgen, da diese die eingesparten Leistungen nachzahlen müssen. Die Dozenten hingegen könnten sich in eine Festanstellung einklagen. Das macht jedoch kaum jemand. "Das Problem ist, dass der Bund ja bewusst unsere Stellen so geschaffen hat. Damit ist der Beklagte der Richter, wenn jemand seine Scheinselbständigkeit anzeigt", erzählt Marie Müller.

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Frauen haben keine Zeit, neben Job und Familie auch noch gegen diese Arbeitsbedigungen zu protestieren

Auch sonst geben sich die Dozenten wenig kämpferisch. Eine Petition gegen die schlechte Bezahlung hat derzeit gerade einmal 4.000 Unterstützer. Ein Grund dafür könnte sein, dass der Job bislang hautsächlich von Frauen ausgeübt wird, meint Müller. Laut der Gewerkschaft für Erziehung und Wissenschaft (GEW) liegt deren Anteil unter den Lehrkräften bei etwa 80 Prozent. "Viele Frauen haben schlichtweg keine Zeit, neben Job und Familie auch noch Protest zu üben", glaubt sie.

Vielleicht ist diese fehlende breite Basis mit ein Grund, dass die GEW mit ihrem Engagement für höhere Honorare bislang so wenig Erfolgt hatte. "Seit zehn Jahren – also seitdem es die Integrationskurse gibt – beschäftigen wir uns mit diesem Problem", sagt GEW-Sprecher Ulf Rödde. Er hofft darauf, dass sich der Bund nun, da alle von der Bedeutung der Integration sprechen, endlich des Themas annimmt.

Dabei ist es der Politik durchaus bewusst, dass in diesem Bereich Verbesserungsbedarf besteht. Auf Seite 75 des aktuellen Koalitionsvertrags zwischen CDU, CSU und SPD ist festgehalten, die Integrationskurse "qualitativ weiter [zu] verbessern (Differenzierung nach Zielgruppen, Kursgrößen und angemessene Honorierung der Lehrkräfte)". Geschehen ist jedoch bislang wenig.

Statt dessen werden nicht einmal bestehende Vorgaben eingehalten. So sollen die Dozenten seit 2013 mindestens 20 Euro pro Stunde erhalten. Eine Schule, die weniger bezahlt, bekommt ihre Zulassung als Kursanbieter nur für ein Jahr. Das ist auch bei der Sprachschule von Marie Müller mit einem Stundenlohn von 17 Euro der Fall. "Einmal im Jahr die neue Zulassung zu bekommen, ist jedoch nur eine Formalie", sagt sie. Als Sanktion hat diese Regelung damit versagt.

"Wir können diese Integration schaffen. Wenn wir anders als in den 1960er Jahren gleich denen, die eine gute Bleibeperspektive haben, 600 Stunden Integrationskurs geben, dann sind sie natürlich auch sehr viel besser integriert", erklärte vor wenigen Wochen Bundeskanzlerin Angela Merkel. Doch damit diese Kurse stattfinden können, müssen ausreichend gute Lehrer gefunden und diese auch mit guten Arbeitsbedingungen bei der Stange gehalten werden.

Verbessern könnte diese Situation das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge mit einer Anhebung der Pauschale. Doch dessen Sprecher Christoph Sander antwortet auf eine Anfrage von Buzzfeed Deutschland lapidar: "Arbeitskonditionen sowie die Frage der Vergütung obliegen den privatrechtlichen vertraglichen Vereinbarungen zwischen Integrationskursträger und Lehrkraft im Einzelfall. Das Bundesamt kann hierzu keine Aussage treffen."

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