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Deutschlands Rechtsradikale nutzen die Flüchtlingskrise für ihre Ziele

Für seine Politik der offenen Grenzen für Flüchtlinge wird Deutschland gegenwärtig in der Presse viel gelobt. Doch heizen landauf landab rechtsradikale Gruppen die Stimmung gegen Flüchtlinge an, vor allem in kleineren Städten. Joshua Hersh von BuzzFeed News berichtet.

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Monate, bevor die Flüchtlinge erst zu Tausenden, dann zu Zehntausenden auf Deutschlands Bahnhöfen ankamen, wurden für die Kleinstadt Freital in Ostsachsen 280 Menschen zu einem Problem.

Noch im Frühjahr 2015 hätte niemand damit gerechnet, dass es in Freital, einer kleinen Stadt mit hohem Arbeiteranteil südwestlich von Dresden, zu Protesten gegen Flüchtlinge kommen würde, und zwar Proteste in einem Ausmaß, das sie eine landesweite Kontroverse auslösten. Mit seinen rund 40.000 Einwohnern hat das Städtchen eher bescheidene wirtschaftliche Ambitionen. Wer hier lebt, weiß dass die beruflichen Möglichkeiten begrenzt sind. Im Stadtzentrum konkurrieren Döner-Buden mit Tattoo-Studios und Spielhöllen. Auch wenn die Zugfahrt nur ein paar Minuten dauert, verschlägt es vermutlich nur wenige Dresdner nach Freital.

Im März gab die sächsische Landesregierung ihr Vorhaben bekannt, 280 Flüchtlinge von einer Zeltstadt im 75 Kilometer entfernten Chemnitz in ein leerstehendes Hotel am Ortsrand von Freital einzuquartieren. Der Aufschrei, den die Nachricht in der Stadt auslöste, war für viele eine Überraschung.

Über mehrere Wochen versammelten sich wütende Menschenmengen vor dem Hotel Leonardo. Auf Facebook wurden hasserfüllte Kommentare von Bewohnern und Flüchtlingsgegnern gepostet. Rechtsradikale Politiker aus der Region machten sich das Vokabular dieser Initiativen zu eigen. Schon bald erhielten die Proteste Rückenwind von Bürgern mit noch radikaleren Ansichten, darunter neonazistische Gruppierungen mit Namen wie „Freital wehrt sich“ und „Frigida – unsere Stadt bleibt sauber – Freital ist frei“. Deren Anhänger trafen sich in örtlichen Lokalen und unterstützten lautstark die Proteste.

Die Spannungen entluden sich schließlich Ende Juni, als die Behörden anfingen, die Flüchtlinge in Gruppen von je 50 Personen per Bus zur neuen Unterkunft zu transportieren. Bei ihrer Ankunft am Hotel Leonardo wurden sie von einer pöbelnden Menge empfangen – aus anfangs circa 70 Asylgegnern wurden bald hundert und dann Hunderte. Sie hielten Protestbanner hoch und skandierten Parolen wie „Ausländer raus!“ und „Asylschweine weg!“. Immer mehr Bewohner von Freital stießen dazu, gleichzeitig organisierte eine Gruppe von Asylbefürwortern eine Gegendemonstration. Einige Demonstranten warfen leere Flaschen und faule Eier. Jemand salutierte mit einem Hitlergruß. Die Polizei brauchte zwei Tage, um wieder Ordnung herzustellen.

Ruhe und Gelassenheit sind in Europa gegenwärtig Mangelware. Aus einer angespannten Situation durch zunehmende Flüchtlingszahlen ist in den letzten Monaten eine echte Krise geworden, und zwar nicht nur in Deutschland. Auf die Einreise von Zehntausenden von Flüchtlingen und Migranten nach Griechenland und Osteuropa reagierten Länder wie Ungarn und Kroatien mit der Errichtung von Grenzzäunen und der Schließung von Grenzübergängen. Davor stauten sich Lastwagen und Flüchtlinge, ganze Autobahnabschnitte wurden verstopft. Wiederholt kam es zu Zusammenstößen. (Laut einer Berechnung des Economist wird Europa als Folge der Flüchtlingskrise bald mehr Grenzsperren haben als zur Zeit des Kalten Krieges.) Kroatien öffnete in der vergangenen Woche zunächst seine Grenzen für Flüchtlinge, die an der ungarischen Grenze abgewiesen worden waren, änderte aber angesichts der schieren Menge ankommender Migranten schnell seinen Kurs. Mit Bussen verfrachtete die kroatische Regierung die Flüchtlinge dann an die eigene Grenze zu Ungarn, woraufhin die ungarische Regierung kroatischen Staatsbediensteten vorwarf, sie beteiligten sich an „Menschenschmuggel“.

In Osteuropa machen viele Deutschland für die Zuspitzung der Krise verantwortlich – im August hatte die deutsche Regierung verkündet, alle Syrer als Flüchtlinge anzuerkennen, die die Landesgrenzen erreichten. Doch Merkels innenpolitische Probleme könnten diese diplomatischen Herausforderungen bald in den Schatten stellen: Die Flüchtlingskrise hat zu einem heftigen Konflikt über nationale Solidarität und Stabilität geführt, und rechtsextreme Gruppen und Initiativen fordern die Gesellschaft heraus wie seit Jahrzehnten nicht mehr.

Freital war nicht die einzige Stadt, in der es zu heftigen Protesten gegen die Unterbringung von Flüchtlingen kam. Im April marschierten Demonstranten mit Sprüchen wie „Asylantenhotel nein“ und „Nauen bleibt weiß!“ durch die Straßen des brandenburgischen Nauen. Bis Ende Sommer 2015 wurden in Deutschland mehr Angriffe und Proteste gegen Flüchtlinge und Flüchtlingsunterkünfte gezählt als im gesamten Jahr 2014. Wenige Wochen nach den Zusammenstößen in Freital versammelten sich gewaltbereite Demonstranten vor einem Flüchtlingsheim in Heidenau, einem Ort südöstlich von Dresden. Und in Nauen taten Unbekannte schließlich das, was die Demonstranten seit langem angedroht hatten: Sie brannten eine Turnhalle nieder, in der 130 Flüchtlinge untergebracht werden sollten.

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„Die Frage ist nicht, warum ein bestimmtes Flüchtlingsheim in Brand gesteckt wurde, sondern warum es so viele Menschen in unserer Gesellschaft gibt, die die Häuser von Flüchtlingen niederbrennen möchten.“ 

Noch unterstützt eine solide Mehrheit der Deutschen die Regierung bei ihren Hilfsanstrengungen für die Flüchtlinge. Doch das rechtsextreme Spektrum nutzt die sich durch die Krise bietende Gelegenheit nach Kräften, rechtsradikale politische Bewegungen befinden sich im Aufwind. In Dresden bildete sich 2014 die Pegida-Bewegung (Pegida steht für Patriotische Europäer gegen die Islamisierung des Abendlandes), die innerhalb kurzer Zeit einen enormen Zulauf erhielt. Pegida veranstaltete wöchentliche Protestkundgebungen gegen die angeblich viel zu laxe Grenzsicherungspolitik und vermeintlich zu großzügigen Sozialleistungen an Asylsuchende.

Bis Ende 2014 wuchs die Zahl der Teilnehmer an den wöchentlichen Demonstrationen in der Dresdener Altstadt auf um die 20.000 an. Vor der Statue von Martin Luther forderten die Redner den Rücktritt von Bundeskanzlerin Merkel und eine strikte Begrenzung jeglicher Einwanderung. Dazu skandierte die Menge: „Wir sind das Volk!“. Hinter ihrem Protest – der an den Widerstand der Tea Party gegen die Politik Barack Obamas in den USA erinnert – steht die Vorstellung, die Bundesregierung würde die Interesse der Einwohner außerhalb Berlins mit Füßen treten, indem sie ihnen die Aufnahme von Flüchtlingen aus der arabischen Welt zumute, dadurch Deutschen Arbeitsplätze wegnähme, Kriminelle und Terroristen einschleppe und – nun wird der Ton bedrohlicher – irgendwie das Nationalgefühl schwäche.

Ulli Jentsch ist der Leiter von Apabiz (Antifaschistisches Pressearchiv und Bildungszentrum Berlin), einer Organisation, die den Rechtsextremismus in Deutschland beobachtet. Er vergleicht die aktuelle Atmosphäre mit der Stimmung im Jahr 1992, als kurz nach der Wiedervereinigung pöbelnde Neonazis in Ostberlin und Rostock-Lichtenhagen Wohnhäuser von Migranten angriffen. Damals war die Regierung wegen ihrer zögerlichen Reaktion stark kritisiert worden, erklärt Jentsch. Ein bis heute berühmtes Foto zeigt Angela Merkel, die damalige Jugendministerin, bei einem Treffen mit einer Gruppe Rostocker Skinheads. Dass den Sorgen der randalierenden Demonstranten viel mehr Aufmerksamkeit gewidmet wurde als der Sicherheit der Migranten, sehen viele heute als eine moralische Fehleinschätzung.

Angela Merkel scheint fest entschlossen, diesen Fehler nicht zu wiederholen. Nach den gewaltsamen Ausschreitungen besuchte sie Heidenau und verurteilte die Krawalle als „beschämend und abstoßend“. Einheimische begrüßten sie auf Schildern als „Volksverräterin“, eine wütende Demonstrantin beschimpfte sie als „blöde Schlampe“.

Anfang September entdeckten offenbar viele Deutsche eine neue Großzügigkeit und Wärme gegenüber Flüchtlingen, vor allem in München und Berlin. Jentsch gehört zu denen, die damit rechnen, dass die Stimmung umschlagen wird. „Als antifaschistischer Forscher in Deutschland kann ich nicht optimistisch sein“, sagt er. Es sei nur eine Frage der Zeit, bis es erneut zu Übergriffen und Anschlägen kommen werde – zu tief sitze die Wut und Unzufriedenheit. (Am letzten Sonntag wurde in Heilbronn eine Sporthalle, die die Behörden für Flüchtlinge herrichten ließen, durch einen versuchten Brandanschlag beschädigt.) Bislang ist unklar, ob die Wut über den rechtsextremen Rand der Gesellschaft hinausreicht. „Für die Rechtsradikalen geht es dabei um deutsches Blut“, sagt er. „Es ist nicht nur der alte Rassismus, sondern die Überzeugung, dass es eine rein deutsche Identität gibt, die bewahrt werden muss. Die Frage ist nicht, warum ein bestimmtes Flüchtlingsheim in Brand gesetzt wurde, sondern warum es so viele Menschen in unserer Gesellschaft gibt, die die Häuser von Flüchtlingen niederbrennen möchten.“

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„Ich war nur froh, dass die Flüchtlinge kein Deutsch verstanden haben“, sagt Nico Brachtel, als wir Anfang September auf den grasbewachsenen Ufern der Elbe in Dresden sitzen. Ein erster kalter Hauch des herannahenden Winters hängt in der Luft. Brachtel ist 16 Jahre alt. Der sanfte Gesichtsausdruck unter den struppigen Haaren verrät wenig von dem, was in ihm vorgeht. Er trägt ein dickes Flanellhemd, dunkelgraue Stoffschuhe und eine Baseballmütze mit flachem Rand, die er tief über die Augen gezogen hat. In den letzten Monaten hat er sich in seinem Heimatort Freital für die Flüchtlinge engagiert und dazu beigetragen, dass gegenüber der immer stärker angewachsenen Zahl fremdenfeindlicher Randalierer Flagge gezeigt wird.

Für sein Engagement hat Brachtel einiges auf sich genommen. Sowohl er selbst als auch seine Mutter Steffi, eine 40-jährige Kellnerin, die in einem Automatencasino arbeitet, sind mehrfach bedroht worden. Freunde haben sich von ihnen abgewandt, sogar Verwandte. „Mein Onkel zum Beispiel – genauer gesagt, mein früherer Onkel“, sagt Brachtel, „denn ich darf ihn nicht mehr ‚Onkel’ nennen.“ Heftigen Streit über die Flüchtlingspolitik gab es auch zwischen Steffi Brachtel und einem ihrer Brüder. Seitdem reden sie nicht mehr miteinander. Manchmal haben Nico und seine Mutter das Gefühl, die ganze Stadt sei gegen sie. Als ich sie um ein Interview bat, wollten sie sich lieber in Dresden treffen, um freier reden zu können. Die Proteste in Freital gingen unterdessen weiter. Ende Juli wurde das Auto eines Politikers, der sich auf die Seite der Flüchtlinge gestellt hatte, vor seinem Haus durch einen Sprengsatz zerstört.

Nach unserem Gespräch am Elbeufer fahren Brachtel und ich gemeinsam mit dem Zug zurück nach Freital. An der ersten Haltestelle in der Stadt steigen wir aus und gehen über einen gewundenen Pfad hinauf zum Hotel Leonardo. Unterwegs kommen wir an einem kleinen Bauernhof vorbei. Auf der Wiese steht ein Apfelbaum, es grasen Schafe. Im Juni, an dem Abend mit den schlimmsten Protesten, kam Brachtel mit seiner Mutter und ein paar Freunden hierher. „Was wir da gesehen haben, hat uns total schockiert“, erzählt er. „Wir haben versucht, uns vor das Hotel zu stellen, so als eine Art Schutzpersonal. Und wir haben uns alle Mühe gegeben, die Demonstranten zu ignorieren und den Flüchtlingen das Gefühl zu geben, dass sie hier willkommen sind.“ Zwischen den gegnerischen Gruppen flogen leere Flaschen hin und her, es kam zu Handgreiflichkeiten. Erst am zweiten Abend rückte die Polizei in ausreichender Stärke an.

Irgendwann nach den Krawallen haben die Behörden den Großteil des Hotelkomplexes mit einem hellgrünen Metallzaun umzogen. Der Eingang ist jedoch ohne Wachschutz. Wir halten an, um uns kurz mit einem Bewohner zu unterhalten. Auf seinem übergroßen schwarzen T-Shirt prangt die Karikatur eines Kaninchens, das mit Hilfe einer riesigen Wasserpfeife Marihuana raucht. (Er habe das Hemd in Deutschland gekauft, sagt er, und lacht über die seltsame Karikatur.) Der Mann heißt Sameh al-Mahrous und ist aus Damaskus geflohen. In letzter Zeit sei die Lage am Hotel ruhig gewesen. „Ich habe gehört, es gab vorher ein paar Probleme“, erzählt er. „Ich bin erst seit einem Monat hier – bisher habe ich hier nicht viel gesehen.“

Er bietet an, uns das Hotel zu zeigen. Drinnen liegt Abfall auf dem dunkelroten Teppich. „Außer uns macht hier niemand sauber“, sagt Mahrous. Wir gehen nach unten in den Hof, wo ein Dutzend tunesischer Männer auf einem ungepflasterten Platz mit viel Einsatz Fußball spielen. Mahrous beschwert sich, das Leben sei an diesem abgelegenen Ort sehr eintönig. „Es ist langweilig hier“, sagt er. „Ich wäre lieber in einer Stadt, statt hier draußen festzusitzen.“

„Es muss nur einer kommen, der Öl ins Feuer gießt – die erste Vergewaltigung, der erste Mord – keiner weiß, was dann passiert.“

Ab und zu, so Mahrous, geht er in die Stadt, aber nicht sehr oft. „Ich habe keine Angst vor den Menschen hier“, sagt er. „Manchmal sagen sie etwas, oder man sieht ihnen an, was sie über einen denken. Doch was soll man machen? Ich ignoriere es einfach.“

Als Nico Brachtel und ich das Hotel verlassen, bleibt er kurz an einem Laternenpfahl direkt vor dem Gebäude stehen. Jemand hat dort einen Aufkleber mit der Aufschrift „Flüchtlinge nicht willkommen“ angebracht. Das Bild auf dem Sticker zeigt, wie eine Flüchtlingsfamilie mit dem Zug aus der Stadt gebracht wird. „Es ist wie in Auschwitz“, sagt Brachtel und versucht, den Aufkleber runterzureißen. Schließlich gibt er auf. „Ihre neuen Sticker kleben besser“, sagt er.

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Deutschland muss sich die Frage stellen, ob die rechtsextremistischen Angriffe der letzten sechs Monate und die radikale Rhetorik der Proteste ein Ausnahmephänomen sind, oder ob sich darin eine tief verwurzelte Antipathie zeigt. Letzteres würde die Integration der Flüchtlinge in die Gesellschaft langfristig zu einer großen Herausforderung machen.

Der Politikwissenschaftler Joachim Klose arbeitet in Dresden für die Konrad-Adenauer-Stiftung. Er beschäftigt sich seit vielen Jahren mit rechtsextremistischen Gruppierungen in Sachsen. Den Aufstieg der Pegida-Bewegung, samt ihrer verschiedenen Untergruppen und Bündnisse, hat er sehr genau verfolgt. Was man gegenwärtig beobachte, so Klose, sei Teil eines weitflächigen sozialen Phänomens, dessen Ursachen in einer jahrzehntelangen Vernachlässigung Ostdeutschlands und der damit einhergehenden Bevölkerungsabwanderung zu finden sind. Seit dem Ende des Kommunismus, sagt Klose, stehe der Osten unter dem enormen Druck, wirtschaftlich und gesellschaftlich mit dem Westen Schritt zu halten. Dadurch vollziehe der gesellschaftliche Wandel sich mit doppelter Geschwindigkeit.

„Die Gesellschaft hat hier in 20 Jahren 45 Jahre Entwicklung durchgemacht“, sagt Klose. „Dabei gibt es bei solchen gesellschaftlichen Veränderungsprozessen schon bei normaler Geschwindigkeit mehr als genug Probleme – ein freierer Umgang mit Sexualität, Integration von Ausländern, die veränderte Rolle der Religion. Nun stellen Sie sich vor, all das läuft doppelt so schnell ab.“ Trotzdem hinkt der Osten dem Westen weiter hinterher. Demografische wie wirtschaftliche Schlüsselindikatoren belegen das: Ostdeutschland ist ärmer, private Verschuldung und Arbeitslosigkeit sind höher. (In Sachsen liegt die Arbeitslosigkeit bei 8%, zwei Prozentpunkte über dem bundesdeutschen Durchschnitt.) Der Überhang von Männern gegenüber Frauen beträgt in Sachsen 16%, sagt Klose, und die Gesamtbevölkerung ist in den letzten 30 Jahren um ein Fünftel gesunken. „Das macht die Leute verrückt“, sagt er. „Wer Pegida verstehen will, muss sich damit auseinandersetzen, dass sich hier ein Teil der Gesellschaft als Verlierer wahrnimmt.“

Dennoch gehört der typische Pegida-Anhänger durchaus der Mittelschicht an, ist gebildet und verfügt über ein Einkommen, das über dem Durchschnitt liegt – so das Ergebnis einer Studie des Politikwissenschaftlers Hans Vorländer, der an der TU Dresden forscht. Trotzdem sind diese Bürger der Meinung, das politische System werde von Eliten dominiert, denen die Sorgen der allgemeinen Bevölkerung egal seien. („Wir trauen der Regierung nicht, und die Regierung traut uns nicht“, erklärte ein Pegida-Anhänger mir neulich am Rande einer Demonstration in Dresden.) Auf meine Interview-Anfrage reagierte Pegida nicht.

In ihrer offiziellen Rhetorik und Symbolik verurteilt Pegida ausdrücklich extremistische und neonazistische Bewegungen und deren Gedankengut. (Auf dem Pegida-Logo ist eine Person – ein Strichmännchen – abgebildet, die ein Hakenkreuz und eine ISIS-Flagge in einen Mülleimer wirft.) Es sei auch wenig hilfreich, so Klose, Pegida einfach als extremistisch abzutun. „Das Konzept dahinter ist problematisch“, sagt er, „denn es zwingt uns Konflikte auf, es impliziert, was sein sollte und was nicht sein darf in der Gesellschaft, und es behauptet, dass alles, was aus der Reihe fällt, extremistisch sei. Man kann aber nicht eine ganze Gesellschaft als extremistisch aburteilen.“

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Eike Sanders ist eine Kollegin von Ulli Jentsch beim Apabiz in Berlin. Sie habe an den Ereignissen in Freital am meisten die Tatsache beunruhigt, so die Wissenschaftlerin , dass „nicht nur die Neonazis demonstriert haben, sondern ganz normale Leute aus ihren Häusern gekommen sind, um die Randalierer zu unterstützen.“ Die Trennlinien im rechten Spektrum haben sich so stark verwischt, meint Sanders, dass Pegida und extremistischere Gruppierungen mittlerweile eine Art Symbiose bilden, von der die Bewegungen wechselseitig profitieren. „Das Problem ist, dass die Leute, wenn sie etwas sehen, was rassistisch ist, dazu neigen, es sofort mit dem Nazi-Label zu belegen“, sagt sie. „Das ist natürlich nicht automatisch richtig, oder es stimmt nicht in allen Fällen. Doch Pegida kann dann behaupten, ‚Schaut her, wir sind keine Nazis’ – was richtig ist. Und die Rechtsextremen können sagen, ‚Seht euch Pegida an. Wir sprechen nur aus, was die Leute fühlen, aber was sie nicht öffentlich sagen können.’“ (Als die Proteste im Juni in Freital losbrachen, rief Pegida-Gründer Lutz Bachmann, der in der Nähe von Freital wohnt, die die Einwohner von Freital über seine Facebookseite dazu auf mitzumachen: „Auf die Straße, Leute! Wehrt euch!“)

Seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs sind in Deutschland bestimmte Themen mit einem Tabu belegt – Rasse, kulturelle Überlegenheit, überhaupt jegliches nationalsozialistisches Gedankengut. Das macht es schwierig einzuschätzen, wo der deutsche Rechtsextremismus ideologisch tatsächlich steht. „Es gibt in Deutschland eine tiefe Kluft zwischen dem öffentlichem Diskurs und dem, was die Leute privat über Themen wie Einwanderung und ‚Rasse’ von sich geben“, sagt Werner Patzelt, ebenfalls Politikwissenschaftler an der TU Dresden und Experte für rechtsradikale Bewegungen. „Im öffentlichen Diskurs ist es absolut inakzeptabel, für eine Begrenzung von Einwanderung zu plädieren. Doch die Meinungen, die im realen Leben in Tausenden und Millionen von Haushalten tagtäglich geäußert werden, unterscheiden sich davon massiv. Es gibt ein erhebliches Unbehagen, sogar Wut gegenüber der politischen Klasse.“ Er fügt hinzu: „Es ist ein Wunschdenken der politischen Klasse, dass diese Phänomene sich auf den rechten Rand beschränken und keine größere Bedeutung haben.“

Für Klose werden die Spannungen zwischen einheimischen Deutschen und größeren Gruppen von Flüchtlingen oder Migranten andauern, solange der Unzufriedenheit und Entfremdung nicht mehr Aufmerksamkeit gewidmet wird. „Es ist sehr wichtig, den Flüchtlingen mit Offenheit zu begegnen und nicht mit Feindseligkeit zu reagieren. Aber das ist nur eine Seite der Medaille“, sagt er. „Wir müssen uns auch um die Menschen kümmern, die hier leben. Und das tun wir nicht ausreichend, deshalb bin ich etwas nervös. Es muss nur einer kommen, der Öl ins Feuer gießt – die erste Vergewaltigung, der erste Mord – keiner weiß, was dann passiert.“

Möglicherweise denkt niemand intensiver über diese Fragen nach als die Flüchtlinge selbst. Nach der Ankunft in Deutschland müssen sie herausfinden, welche Möglichkeiten es für sie gibt, sich in Deutschland zu integrieren. In Dresden traf ich den 34-jährigen Arzt Abdelwahhab Azzawi, der seit etwas über einem Jahr in Deutschland lebt. Azzawi ist aus Deir Ezzor, einer Stadt im Nordosten Syriens. Er ist nicht nur Arzt, sondern auch ein international bekannter Dichter. Mittlerweile arbeitet er im Krankenhaus von Freital in der Abteilung für Augenheilkunde. Den täglichen Blicken und subtilen Anfeindungen auszuweichen, sei ein Bestandteil seines Lebens geworden, erzählt er mir. Damit könne er umgehen. In die Stadt selbst geht er, abgesehen vom kurzen Fußweg von der Bushaltestelle zum Krankenhaus, fast nie. Doch manchmal, sagt er, würde er sich am liebsten auf die Stirn schreiben: „Ich bin Arzt. Ich spreche Deutsch. Ich bin kein radikaler Moslem.“

„Wir sind wirklich sehr dankbar, dass die Menschen in Deutschland uns aufgenommen haben“, sagt Azzawi, als wir im Zentrum von Dresden in einem Café sitzen. Einige seiner deutschen Freunde seien Flüchtlingen gegenüber extrem großzügig, würden Mahlzeiten kochen und Kleidung spenden. „Sie putzen dir sogar die Wohnung, wenn du es nicht selber tun kannst – es ist kaum zu glauben!“ Doch immer wieder erlebte er auch Momente von feindseligem Unverständnis, die ihn überrascht haben. Nach Einbruch der Dunkelheit geht er grundsätzlich nicht nach draußen. Die meisten Syrer, die in Sachsen leben, verhalten sich genauso, sagt er. Wenn er mit dem Bus zur Arbeit fährt, liest er oft demonstrativ ein deutsches Buch. Das verhindert trotzdem nicht, dass er manchmal feindselig angeschaut wird oder ihn jemand daran hindert, sich auf einen leeren Platz zu setzen.

Auf einem medizinischen Kongress reagierte ein deutscher Fachkollege mit Bestürzung, als Azzawi ihm erzählte, er spreche mit seinen Kindern zu Hause Arabisch. „Er hat mich ganz schockiert angesehen“, sagt Azzawi, „‚Warum tun Sie das? Wir haben Ihnen diese großartige Chance gegeben, warum halten Sie jetzt noch an der Vergangenheit fest?’ Das ist der große Fehler der Deutschen. Sie meinen, Integration heißt, Syrer müssen zu 100% Deutsche werden – Deutsche nur mit einer etwas dunkleren Haut.“

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„Das ist der große Fehler der Deutschen. Sie meinen, Integration heißt, Syrer müssen zu 100% Deutsche werden – Deutsche nur mit einer etwas dunkleren Haut.“

Auch Azzawis jüngerer Bruder kam vor kurzem in Deutschland an – nach einer langen und beschwerlichen Reise übers Mittelmeer, dann durch Griechenland, Mazedonien, Ungarn und Österreich. Um die Zukunft seines Bruders macht Azzawi sich Sorgen. Seiner Ansicht nach sollen Syrer, die in Deutschland leben, den Gewohnheiten und Verhaltensweisen ihres Gastlandes mit Offenheit und nicht mit einer ablehnenden Haltung begegnen. „Wir müssen auch selbst zu Eigenkritik bereit sein“, sagt er. „Die deutschen Gesetze gelten auch für uns. Wir leben hier in einem säkularen Staat, und das müssen wir respektieren.“

Aber, sagt er, eine Verpflichtung gibt es für beide Seiten. „Einer meiner deutschen Freunde sagte mir, in ein paar Jahren würde für jeden Syrer der Zeitpunkt kommen, an dem die deutschen Behörden die Möglichkeit einer Einbürgerung prüfen. Und dann würde die Frage gestellt werden, ob diese Person es verdiene, die deutsche Staatsbürgerschaft zu erhalten. Dabei sollte das gar nicht die Frage sein, meinte mein deutscher Freund. Die Frage sollte sein, ‚Haben wir als Deutsche das Nötige getan, um diesem Menschen eine Chance zu geben?’

Und noch etwas sagt Azzawi: „Man hat uns Syrern in Deutschland eine Chance geboten, und wir müssen diese Chance nutzen. Doch das hängt auch davon ab, ob wirklich alle Deutschen bereit sind, uns eine solche Chance zu geben. Ich bin nicht sicher, ob wir an diesem Punkt sind.“

Ein paar Tage nach meinem Besuch in Freital zusammen mit Nico Brachtel fahre ich erneut dorthin. Mein Ziel ist eine Bar namens Las Vegas. Das Lokal sei bei Neonazis beliebt, hatte Nico erzählt. Es ist noch früh am Nachmittag, die Bar hat gerade erst aufgemacht. Ich schließe Bekanntschaft mit dem Barkeeper, einem jungen Mann mit gepiercter Unterlippe und ziemlich ausladendem Bauch. Er ist damit beschäftigt, mit einem Lappen die Theke abzuwischen. „Ach, ich habe das Thema so satt“, sagt der Barkeeper, der mir seinen Namen nicht nennen will. Er seufzt laut und lehnt sich mit verschränkten Armen gegen den Schrank in seinem Rücken. Um uns herum blinken grell die Lampen der Spielautomaten und werfen ihr Licht auf kitschige, fast karikaturhafte Fotos der Skylines von New York und Las Vegas, mit denen die Fenster zugeklebt sind.

Seit Monaten, erklärt mir der Barkeeper, würde die Presse – er benutzt den Ausdruck ‚Lügenpresse’ – die Stadt stürmen und sämtliche Einwohner als Rassisten und Neonazis beschimpfen. Alles falsche Anschuldigungen, sagt er, und er sei es leid, sich dagegen verteidigen zu müssen. „Die behaupten, wir seien hier alle Nazis, aber das stimmt nicht“, sagt er. „Nimm mich zum Beispiel. Ich habe nichts dagegen, wenn Flüchtlinge hierherkommen, solange sie wirklich vor einem Krieg fliehen und nicht einfach nur Arbeit suchen. Mir gefällt vor allem nicht, wie die Politiker oder die Regierung das Problem angehen.“ Dann sagt er: „Ich bin kein Linksextremer und ich bin auch kein Rechtsextremer. Ich würde mich als Patrioten bezeichnen.“

Am Abend zurück in Dresden gehe ich zur wöchentlichen Pegida-Kundgebung im Stadtzentrum. Während ich mit anderen darauf warte, dass es losgeht, erklärt mir ein gut gekleideter junger Mann, wie sehr die Ziele der Bewegung überall falsch wiedergegeben werden.

„Die Medien behaupten ständig, wir seien alle Rassisten, dabei stimmt das überhaupt nicht“, sagt er. „Die Linken glauben, wir sind alle Nazis und möchte die Immigranten umbringen, statt ihnen zu helfen. Das ist doch eine eigene Form von Faschismus.“

Ich frage ihn nach den Brandanschlägen auf Flüchtlingsheime, und er sagt: „Diese Anschläge sind eindeutig zu verurteilen. Die Flüchtlinge, die hierherkommen, die sind nicht das Problem – die werden nur benutzt, wie alle anderen auch.“

Als die Kundgebung beginnt, tritt Lutz Bachmann auf die Bühne. „Widerstand! Widerstand!“, skandiert das Publikum. Bachmanns Message ist ähnlich: Pegida würde in unfairer Weise als Nazibewegung verunglimpft, was mit der Realität nichts zu tun habe. „Das sagen die nur, weil sie Angst haben, die Macht zu verlieren“, ruft er. „Merkel muss weg!“, brüllt die Menge zurück. In den nächsten Monaten, fährt Bachmann fort, würde Pegida eine eigene politische Partei gründen und sich den Wählern stellen – „um unser Land, unsere Kultur, unsere Zukunft zu schützen“, sagt er. Als er die Bühne verlässt, erhasche ich einen Blick auf die Rückseite seines T-Shirts. Zu sehen ist die Silhouette eines Kriegers zu Pferde, der an einen Mongolen erinnert und mit einem Speer in der Hand eine flüchtende Frau und ihr Kind verfolgt. Darunter steht: „Islamisten nicht willkommen“.

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