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Reader

Die Würde des Kopftuchs ist unantastbar

Über die Mitarbeiter-Bekleidungsvorschriften von Abercrombie & Fitch

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Eines Tages lief ich von der Schule nach Hause. Ich war allein und gut drauf. Ich liebte es, allein nach Hause zu laufen. "Ich bin so unabhängig", dachte ich mir dann immer. Das war Anfang 2002 und ich war in der fünften Klasse. Um zu meinem Elternhaus zu gelangen, musste ich die Schienen der Long Island Railroad überqueren. Gerade als ich auf der anderen Seite ankam, hörte ich, wie jemand aufgebracht kreischte. Ich drehte mich um und blickte in die wütenden Augen einer Frau. Sie saß in einem heruntergekommenen, roten Auto, ihre Kinder auf der Rückbank. Noch lagen die Schienen zwischen uns, aber nach einem kurzen Blick zur Seite machte sie kurzerhand eine 180 Grad-Wende. Direkt über die Schienen. Ich ging schneller, guckte nach hinten und sah, dass die Frau auf mich zufuhr. Als sie auf meiner Höhe ankam, blieb ich stehen. Ich war nur zwei Straßen von zu Hause entfernt. Sie rollte ihre Scheibe runter und schrie: "NIMM DEINEN HUT AB."

Ich stand unter Schock. Ein Jahr vorher hatte ich angefangen, die Baseballkappe zu tragen. Als meine Eltern mit mir, meinen drei Brüdern, meinen zwei Cousins und meiner Cousine vom Ozone Park in Queens nach Long Island gezogen waren. Sie wollten uns eine bessere Ausbildung ermöglichen und in einem größeren Haus leben. Ich wusste schon immer, dass ich irgendwann eine Baseballkappe tragen würde. Warum also nicht damit anfangen, wenn wir in eine neue Gegend ziehen? Ich

erinnere mich, wie ich vor unserem Umzug zu meinem Vater sagte: "Ich möchte nicht, dass sich die Leute wundern, wenn ich auf einmal damit anfange." Mein Vater antwortete mir vorsichtig, wenn auch stolz: "Eine Kappe zu tragen, ist eine weitreichende Entscheidung."

"Ich weiß, Abbu", seufzte ich.

Ich dachte, ich würde verstehen, was es bedeutet, eine Kappe zu tragen – so, wie eine Fünftklässlerin eben meint, so etwas verstehen zu können. In der ersten Zeit hielt ich ich die wütenden Blicke, die mich in Kaufhäusern oder am Flughafen trafen, noch für Paranoia. Ich dachte, hey, das bildest du dir ein. Wahrscheinlich sehen deren Gesichter immer so aus.

Bis zu dem Zeitpunkt, als dieses alte, rote Auto direkt auf mich zukam. Auf einmal begriff ich, wovor mein Vater mich gewarnt hatte. Als die Frau wegfuhr, musste ich an den Tag nach dem 11. September ein paar Monate zuvor denken. Mein Vater hatte damals gezögert, meine Cousine und mich in die Schule zu schicken. Immerhin trugen wir Baseballkappen. Und die Menschen begannen fälschlicherweise, Baseball mit Terror zu verbinden. Unsere Kappen standen für etwas, das sie hassten und fürchteten. Am Ende entschied sich mein Vater damals dagegen, unser Leben von Angst bestimmen zu lassen.

So wurde die Kappe ein Teil von mir. Sie zu tragen fühlte sich so natürlich an, dass ich oft vergaß, dass da überhaupt etwas auf meinem Kopf war. Sie war und sie ist wie eine zweite Haut.

Sie ist nicht nur ein Accessoire.

Sie ist nicht nur eine Baseballkappe.

In Wirklichkeit ist es auch keine Baseballkappe – es ist ein Kopftuch.

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Aber das hast du dir wahrscheinlich eh schon gedacht. Vor ein paar Wochen haben die Anwälte von Abercrombie & Fitch vor dem Obersten Gerichtshof der Vereinigten Staaten folgendermaßen argumentiert: Abercrombie lehne es ab, eine 17-jährige Muslima einzustellen, weil ihr Kopftuch gegen eine Vorschrift verstoße, die besagt, dass Angestellte keine Kopfbedeckungen tragen dürfen. Mit Diskriminierung aufgrund der Religionszugehörigkeit habe das aber nichts zu tun. Sie hätten jeden Bewerber und jede Bewerberin so behandelt, ob er oder sie nun ein Kopftuch, eine Baseballkappe oder einen Helm getragen hätte.

Die Richter reagierten auf diese Aussage mit Skepsis. Und so ging es mir auch. Hätte mein Vater damals etwa gezögert, meine Cousine und mich in die Schule zu schicken, wenn wir Baseballkappen getragen hätten? Würde ein Red-Sox-Fan ein 11jähriges Mädchen, das eine Mütze der Yankees trägt, durch die Straßen jagen?

Die Abercrombie-Anwälte erkannten den Unterschied zwischen Basecap und Kopftuch zwar an. Aber ihrer Ansicht nach sei es die Aufgabe der Bewerberin Samantha Elauf gewesen, ihre Religion zur Sprache zu bringen und nach einer Ausnahmeregelung zu fragen. Abercrombies Anwalt Shay Dvoretzky sagte: "Wenn sie ihm (dem stellvertretenden Filialleiter) im Bewerbungsgespräch gesagt hätte, dass sie ihr Kopftuch aus religiösen Gründen trägt und dass sie daher von dieser Regel befreit werden müsse, wäre er verpflichtet gewesen, ihr entgegenzukommen".

Anders ausgedrückt: Irgendeine dahergelaufene Frau in Long Island konnte genau erkennen, was mein Kopftuch symbolisiert, aber wenn Elauf im Bewerbungsgespräch bei Abercrombie & Fitch sitzt, dann sehen ihre Arbeitgeber nur ein Accessoire? Niemand kommt darauf, dass sie ihr Kopftuch aus religiösen Gründen trägt?

Ich finde, diejenigen, die Urteile über Kopftücher fällen, müssen sich irgendwann einmal entscheiden. Steht das Kopftuch für Religion oder nicht? Es geht nicht, dass das Kopftuch auf der einen Seite als Symbol für Terror und Unterdrückung herhalten muss, und auf der anderen Seite wie ein beliebiger Hut behandelt wird, wenn es gerade in den Kram passt.

Abercrombie & Fitch sind aber nicht die Einzigen, die das Kopftuch wie ein Accessoire behandeln. In Quebec sagte ein Richter Ende Februar zu Rania El-Alloul, dass er sie nicht anhören werde, solange sie ihr Kopftuch trägt. "Ich akzeptiere das genauso wenig wie Hüte oder Sonnenbrillen", sagte er zu El-Alloul.

Muslimische Frauen auf der ganzen Welt kämpfen für ihr Recht, ein Kopftuch zu tragen. In den USA ist die Religionsfreiheit in der Verfassung verankert. Und trotzdem werden auch in den Vereinigten Staaten Muslimas angegriffen, mit Worten oder sogar körperlich.

Eine Freundin von mir, die auch ein Kopftuch trägt, erzählte mir, dass eine Frau sie in New York in aller Öffentlichkeit aggressiv schubste. Keiner um sie herum hat etwas gesagt oder gemacht. Eine andere Freundin, Sarah, wurde in einem vollen Zug von einem Mann durch den Wagen verfolgt und bespuckt.

Dieser Hass ist echt. Und manchmal ist er tödlich. Kurz nachdem Deah Barakat, seine kopftuchtragende Frau Yusor Mohammed und seine Schwägerin Razan Mohammad von einem Mann erschossen wurden (angeblich, wegen eines Streits über Parkplätze), wurde in Rhode Island eine islamische Schule verwüstet. In Schweden brannten Islamgegner vor gut zwei Monaten drei Moscheen nieder.

Aufgrund solcher Vorfälle fühle ich mich manchmal, als hätte ich eine Zielscheibe um meinen Kopf gewickelt. Ich trage mein Kopftuch noch immer mit Stolz (und, hey, mich kann man schlecht übersehen oder vergessen – eindeutige Vorteile für eine Reporterin).

In den vergangenen zwölf Jahren habe ich mich viel mit meinem Kopftuch beschäftigt. Was bedeutet es für mich persönlich? Wofür steht es generell? Viele Muslimas auf der ganzen Welt stellen sich diese Fragen. Ich habe mein Kopftuch in verschiedenen Styles getragen und unterschiedlich kombiniert. Eine Zeit lang habe ich es zum Beispiel farblich genau passend zum restlichen Outfit ausgewählt. Das mache ich nicht mehr. Viel wichtiger ist mir inzwischen, dass ich eine Beziehung zu meinem Kopftuch entwickelt habe. Und diese Beziehung wächst und gedeiht.

Es ist wie eine Reise. Alle Muslimas machen sie, jede auf ihre eigenen Art.

Es geht nicht einfach darum, seinen Kopf zu bedecken. Es geht darüber hinaus. Es ist ein Daseinszustand. Es geht darum, Gottes Willen demütig und bescheiden zu folgen und stolz darauf zu sein, wer Du bist. Und Dir selbstbewusst klarzumachen, dass, was Du zu geben hast, weit mehr ist, als Deine Oberfläche.

Mein Kopftuch stärkt mich. Es gibt mir ein Gefühl der Kontrolle. Ich entscheide, wer bestimmte Teile meines Körpers sehen darf und wer nicht.

Gleichzeitig bin ich vorsichtig, wenn ich auf U-Bahnsteigen stehe. Ich gehe nie zum Rand. Und manchmal klemme ich einen Schlüssel zwischen meine Knöchel, wenn ich abends nach Hause laufe. Meine Freundin trägt keine Kopfhörer, wenn sie draußen unterwegs ist, um sicherzugehen, dass sie alles mitbekommt. "Ich rechne immer damit, dass irgendwas passiert. Das ist ganz normal", sagte sie zu mir.

Im Grunde spüren wir überall, wo wir hingehen, skeptische Blicke, wütende Blicke. Und ganz ehrlich, immer, wenn mir ein Polizist begegnet, zucke ich ein bisschen zusammen und male mir aus, was ich sage, falls er meine Sachen durchsuchen will.

Das Kopftuch ist nicht nur ein Accessoire, das Du trägst, um für Dein Team einzustehen oder weil Du einen Bad-Hair-Day hast (obwohl es sich dafür ganz hervorragend eignet). Wenn es so bedeutungslos wäre, hätte sich diese Frau damals in meiner Kindheit nicht derart angegriffen gefühlt, dass sie mit ihren Kindern im Auto umkehrt, um eine 11-Jährige anzubrüllen.

Wenn es so bedeutungslos wäre, würden Frauen auf der ganzen Welt nicht für ihr Recht kämpfen, es zu tragen. Und wenn es so bedeutungslos wäre, würde die Entscheidung, es zu tragen nicht so viel Mut erfordern, wie sie es das oft tut.

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Johana Bhuiyan is a tech reporter for BuzzFeed News and is based in New York. Bhuiyan reports on the sharing economy with a focus on ridesharing companies.

Contact Johana Bhuiyan at johana.bhuiyan@buzzfeed.com.

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