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So geht es Frauen, die in deutschen Flüchtlingsheimen geschlagen werden

F. flüchtete vor den Bomben In Syrien nach Deutschland. Ihre Situation hier zeigt, welche Probleme in der Flüchtlingskrise unter den Tisch fallen. Jina Moore berichtet für BuzzFeed.

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HEIDELBERG, Deutschland — Auch in Syrien schlug er sie. Nicht so oft und nicht so schlimm. Genauer gesagt: Damals hatte er noch nicht versucht, sie zu erwürgen. Das begann erst am Ende ihrer Flucht, hier in Deutschland, wo sie sich Sicherheit und Freiheit erhofft hatte. Vielleicht wäre es besser gewesen, in Damaskus zu bleiben, auch wenn dort Bomben fallen, denkt sie heute.

Einige Menschen merkten, wie er sie schlug. Sie sagten, er sei von der Flucht traumatisiert und sei deswegen gewalttätig geworden. Doch das stimmt nicht. Darauf besteht sie hartnäckig. Es war nicht die beängstigende Reise in einem Schlauchboot über das Meer und nicht die Unsicherheit an den Grenzen Europas. Es waren nicht die ewigen Fußmärsche, die überfüllten Züge, das Schlafen ohne Dach über dem Kopf oder der Hunger. Denn in all diesen Wochen war sie nicht alleine mit ihm und das hielt ihn davon ab, sie zu schlagen.

In Syrien hatten sie nie so viel Zeit miteinander verbracht wie hier. Dort hatte er eine Arbeit und Freunde gehabt.

Hier in Deutschlang hatte er nichts zu tun, keine Beschäftigung und niemanden, der ihn kannte. Dieses Gefühl, total anonym zu sein, gab ihm ein neues Gefühl von Macht, dachte sie. Grund dafür war ihre neue Umgebung: 4.000 Menschen lebten nun um sie herum im Patrick Henry Village, einer ehemaligen US-Militärbasis in Baden-Württemberg, die zum Flüchtlingsheim umfunktioniert wurde. Hier fing ihr Mann an zu trinken. Gras zu rauchen. Und er begann, ihr nicht mehr von der Seite zu weichen. Außer, wenn er etwas Besseres zu tun hatte, wie bei Freunden mit anderen Frauen zu flirten. Doch selbst wenn er nicht bei ihr war, schrieb er ihr ständig Nachrichten auf WhatsApp, um zu kontrollieren, wo sie war.

Anfang Oktober entschloss sich F., mit mir zu sprechen. Damals war sie seit zwei Monaten im Heim (BuzzFeed News benutzt nur ihr Initial, um F. zu schützen). Ihrem Mann erzählte sie, sie hätte einen Englisch-Kurs bei einer neuen Freundin. Die Freundin war unsere Übersetzerin, ich war die "Lehrerin" im Kurs. Ich holte die Frauen mit meinem Auto vom Heim ab.

F. sprang auf den Rücksitz. Sie sah schmal aus und wirkte schüchtern. Sie war klein – vielleicht 1.55m, dünn, bis auf das weiße Kopftuch in schwarz gekleidet. Sie hatte schwarzen Eyeliner aufgelegt und schaute nach unten. Als ich mich ihr vorstellen wollte, sagte Naela Attar, die Übersetzerin: "Jetzt nicht. Wir müssen hier raus. Schnell.” In diesem Moment sah ich einen kleinen, glatt-rasierten Mann mit muskulösem Oberkörper, der direkt vor meinem Auto stand und uns anstarrte.

"Das ist der Ehemann", sagte Attar.

Ich fuhr F. und Attar zu einem Hotel ein paar Kilometer vom Heim entfernt im Zentrum von Heidelberg. Dort erzählte mir F., warum sie Hilfe brauchte.

Er hatte immer schlecht über sie gesprochen, auch in der Öffentlichkeit. "Schlampe", "Miststück”, “Fick Dich und Deine Eltern”. Aber im Heim hatte er angefangen, sie vor anderen zu schlagen. Eines Abends, zwei Wochen vor meinem Treffen mit ihr, hatte er eine Türklinke abgerissen und sie damit verprügelt. Dann hatte er sie gewürgt.

Hätte sie ihn angezeigt, hätte die Anschuldigung versuchter Totschlag geheißen. Wären Sachverständige gefragt worden, hätten sie ausgesagt, dass Männer, die ihre Frauen würgen, sie später häufig töten. Und wenn Flüchtlingshelferinnen und -helfer gefragt worden wären, hätten sie bezeugen können, dass Frauen in Flüchtlingsheimen seit langer Zeit großer Gefahr ausgesetzt sind.

Deutschland steht an der Spitze in den internationalen Bemühungen, der aktuellen Flüchtlingskrise zu begegnen. Bundeskanzlerin Merkel rief unlängst zu einem Gipfel mit 14 europäischen Regierungschefs, um wirksame Hilfsmaßnahmen zu beschließen. Eine davon soll sein, Heime für bis zu 100.000 Menschen zu eröffnen. Die Hälfte davon soll in Griechenland, die andere Hälfte entlang der zentral-europäischen Route entstehen, die Flüchtlinge nach Deutschland nehmen.

Aber die Heime in Deutschland selbst können kein Vorbild dafür sein, zumindest nicht, wenn es um den Schutz von Frauen dort geht. Momentan gibt es in Deutschland de facto keine Garantie darauf, als Frau in eine Flüchtlingsheim Schutz zu finden. Es gibt kein Gesetz, das Frauen in Flüchtlingsheimen Sicherheit garantiert, und es gibt keine einheitlichen, klaren Regeln, wie Heime mit Missbrauch und Misshandlungen durch Partner oder Fremde umgehen sollen. In der Praxis gibt es nicht einmal eine Einigung darüber, wer für die Sicherheit der Frauen verantwortlich ist: Die Regierungen der Länder und der Kommunen zeigen mit dem Finger auf die privaten Betreiber der Unterkünfte, die durch sie beauftragt wurden. Die wiederum machen die Politik verantwortlich.

Die meisten Frauen in den Flüchtlingsheimen sprechen kein Englisch, geschweige denn Deutsch, und sie kommen aus Ländern, in denen Männer nicht dafür bestraft werden, ihre Partnerin zu schlagen. Eine 25-jährige Syrerin beschrieb die Situation in ihrer Heimat wie folgt: "Wenn Dein Mann Dich umbringen will, kann er das. Niemand wird ihm gegenüber etwas dagegen sagen."

Ende September kam F.s Ehemann betrunken in das Zimmer des Paares. Dann vergewaltigte er sie und schlug sie, sagt sie. Als sie versuchte, mit dem Telefon Hilfe zu holen, zerstörte er es.

F. sagt, das Sicherheitspersonal im Heim habe bemerkt, dass ihr Mann sie angriff. Die Polizei hat einen Beamten im Heim abgestellt. Er macht an den Abenden mit privaten Sicherheitsleuten, die von den Heimbetreibern bezahlt werden, Kontrollgänge im Heim.

Die Sicherheitsleute brachten F.s Ehemann weg und versuchten, ihn zu beruhigen. Sie fragten, ob F. Hilfe brauchte. Sie versteht kaum Englisch und die Sicherheitsleute sprachen kein Arabisch. Was F. verstand, war, dass sie gefragt wurde, ob sie Anzeige erstatten wolle. Das lehnte sie ab.

Einen Tag, nachdem F.s Ehemann sie vergewaltigt und ihr Telefon kaputt gemacht hatte, hatte die Familie ihre Asylanhörung. F. wurde gesagt, dass sie den Ort wechseln sollte, zusammen mit ihrem Mann und ihren beiden kleinen Kindern. Sie hatte Angst. Sie wusste nicht, an welchen Ort sie geschickt werden würden. Sie war sicher, wenn sie von der Gemeinschaft mit anderen Menschen wegkommen würden, würde ihr Mann sie umbringen.

Je näher der Umzug rückte, umso klarer wurde ihr, dass sie sich an die Polizei wenden musste. Sie nahm Attar, die Übersetzerin mit, um ihr zu helfen. Attar sagt, der Polizist, mit dem die Frauen sprachen, habe die beiden nicht verstanden oder so getan, als hätte er sie nicht verstanden. Er brachte sie zu einer Arabisch sprechenden Sozialarbeiterin. "So sind Araber nun mal", sagte diese laut Attar zu F. Dann riet sie Attar: "Heiraten Sie bloß niemals!"

F. wollte Anzeige erstatten, um ihren Antrag auf Asyl von dem ihres Mannes zu trennen. Das Ziel: Unabhängig von ihrem Mann einen sicheren Ort für ihre Kinder und sich zu finden, am besten in einem Frauenhaus. Sowohl Anwälte als auch Regierungssprecher und Frauenrechtler sagten BuzzFeed News gegenüber, dass dies möglich ist. Es sind sogar gesetzlich geregelte Rechte.

Aber die Sozialarbeiterin, mit der F. gesprochen hatte, sagte ihr, das sei nicht machbar. "Er hat ein Recht, seine Kinder zu sehen und wir können gar nichts machen, bevor wir nicht seine Seite gehört haben", habe die Frau zu F. laut Attar gesagt. Attar sagt, die Sozialarbeiterin habe nicht gewusst, wie sie die Asylanträge des Paares trennen solle und ob das möglich sei. Auch das habe sie F. gesagt.

Ein Frauenhaus käme auch nicht in Frage, sagte die Sozialarbeiterin. Das einzige, was sie ihr anbot, war ein Einzelzimmer ohne ihren Mann. Sie sagte F., dass sie ihrem Mann nicht sagen solle, wo sie sei, und jemanden finden solle, der ihr etwas zu essen bringt, bis sie eine bessere Lösung gefunden hätten. Vielleicht könnte man sie am nächsten Tag in ein anderes Heim bringen, sagte die Sozialarbeiterin.

Aber genau das war schon einmal passiert. Sie war bereits vorher von ihrem Mann getrennt und in einem Einzelzimmer untergebracht worden. Er hatte sie gefunden und so lange bedroht und belästigt, bis sie wieder zurückgekehrt war.

Ein Einzelzimmer war es auch, was das Flüchtlingsheim eine Woche zuvor einer jungen Frau angeboten hatte. Die Frau hatte ein Stockwerk unter Attar gelebt. Ihr Mann hatte sie so schwer misshandelt, dass sie irgendwann versucht hatte, sich das Leben zu nehmen, so einer ihrer Verwandten. Die Mitarbeiter im Flüchtlingsheim hatten ihr daraufhin ein Einzelzimmer gegeben und ihr eingeschärft, es nicht zu verlassen. Die Frau verweigerte jede Nahrung, die Freunde ihr brachten, und wurde nach Tagen ohne Essen und Trinken ins Krankenhaus gebracht. (Weder die Mitarbeiter des Heims noch Regierungssprecher haben auf unsere Anfragen reagiert, wie auf Gewalt und ihre Folgen im Heim reagiert wird.)

F. hatte keine Wahl. Anfang Oktober zog sie in ihr neues Zimmer und wartete darauf, in ein Heim gebracht zu werden, dessen Ort ihr Mann nicht kannte. Ihre Hoffnung war, dass es sicher wäre, eingeschlossen zu sein. So sicher, wie es wäre, ihren Mann auszuschließen.

Am Tag nach ihrem Umzug schickte ihr Mann Nachrichten an sie, in denen er ihr sagte, dass es sie liebe und sie aufforderte, ihm zu sagen, wo sie war. Gleichzeitig rief er ständig ihre Freunde an, um sie zu fragen, wohin F. gegangen war. Ich bekam es mit, weil ich bei den Freunden war, um Interviews über ein anderes Thema zu führen, als F.s Mann anrief.

“Ich werde sie umbringen", sagte er. "Und die Frau, die ihr hilft."

Das ist nicht die Art, wie es laufen sollte.

Deutschland hat Gesetze, die Frauen vor dem Missbrauch und vor Gewalt ihrer Partner schützen. Diese Gesetze gelten nicht nur für deutsche Staatsbürgerinnen, sondern auch für Flüchtlinge. Es gibt einen Notruf für Frauen, die von Gewalt bedroht sind und Hilfe brauchen. Dort gibt es Übersetzer für verschiedene Sprachen, darunter auch Arabisch. Darüber hinaus gibt es ein Netzwerk von Frauenhäusern, wo Frauen kostenlos unterkommen können, um vor ihren Partnern zu flüchten, wenn sie geschlagen oder bedroht werden.

Alles das gibt es auf dem Papier. In der Realität nützte F. dies gar nichts.

Niemand von den Mitarbeitern im Flüchtlingsheim erzählte ihr vom Frauennotruf. Niemand erzählte ihr, dass es Frauenhäuser gibt. Niemand bot ihr Hilfe an, außer, sie in einem Zimmer auf dem Gelände zu verstecken und auf das beste zu hoffen.

F. und ich sprachen das erste Mal an einem Dienstag miteinander. Danach rief ich zwei Frauenschutzorganisationen in Heidelberg an. Niemand ging ans Telefon. Also rief ich beim Internationalen Frauen- und Familienzentrum Heidelberg e.V. (IFZ) an. Dort wurde mir gesagt, dass Flüchtlinge kein Recht auf einen Platz im Frauenhaus hätten. Ich sagte, dass ich wusste, dass dies nicht wahr ist. Dann wurde mir gesagt, solange F. keine Anzeige erstattet habe, könnte sie keinen Platz im Frauenhaus bekommen.

Mittwoch morgen versuchte F. Anzeige zu erstatten. Aber die Polizei nahm die Anzeige nicht entgegen. Ob aus Unverständnis oder Unfähigkeit, ist nicht klar. (Die Polizei in Heidelberg leitete Presseanfragen über die Vorgänge im Patrick Henry Village an die Stadtverwaltung weiter. Dort reagierte niemand auf meine Nachrichten.)

Also rief ich "Frauen helfen Frauen" an, eine Organisation in Heidelberg, die Schutzunterkünfte für Frauen zur Verfügung stellt. Die Frau, die ans Telefon ging, sagte, niemand im Büro wisse, ob Flüchtlingsfrauen in Frauenhäuser dürften. Ich solle am nächsten Tag am Nachmittag anrufen.

Das machte ich. Ich wurde gebeten, einen Termin für F. zu machen. Der frühstmögliche Zeitpunkt sei in einer Woche.

Ich sagte, dass dies zu spät sei, und bekam die Nummer eines Frauenhauses. Die ehrenamtliche Mitarbeiterin, die dort ans Telefon ging, sagte, sie seien nicht sicher, wie sie mit Flüchtlingen umgehen sollten. Die Frage, wer für ihre Unterbringung bezahlt, sei kompliziert, und es sei unklar, ob sie ihr ein Zimmer geben könnten. Ob ich nicht nächste Woche zurückrufen könnte?

Weil ich mit den Organisationen vor Ort kein Glück hatte, rief ich am Donnerstag den Frauennotruf an, der für ganz Deutschland gilt. Die Nummer soll Frauen helfen, die missbraucht und bedroht werden. Ich bekam eine Frau ans Telefon, die Verständnis für F.s Situation zeigte. Aber sie sagte auch, dass sie nicht wisse, was sie mir raten könne. Es gäbe momentan Probleme mit der Finanzierung der Flüchtlingsheime, sagte sie. Alles sei unklar und chaotisch, weil derzeit so viele Flüchtlinge nach Deutschland kämen.

Sie klang traurig, weil sie mir nicht helfen konnte. Und sie schlug vor, ich sollte zurück rufen. Montag morgen.

Zu diesem Zeitpunkt war F. in einem geheimen Einzelzimmer im Heim untergebracht und wir alle hofften, dass sie Freitag in ein anderes Flüchtlingsheim gebracht werden würde: Wer mit Frauen gearbeitet hat, die häusliche Gewalt erlebt haben, weiß, dass der gefährlichste Moment für diese Frauen der ist, in dem sie den Mann verlassen. Aber die Bürokratie, die F.s Situation so kompliziert machte, war mächtiger als die Gefahr, der F. jeden Moment ausgesetzt war. Polizei, Sicherheitspersonal und Mitarbeiter im Patrick Henry Village-Flüchtlingsheim, die Frauenrechts-Organisationen: Alle waren überfordert.

Der Haken war das Geld: Zimmer in Frauenhäusern werden gratis angeboten und im Prinzip stehen sie allen Frauen offen, unabhängig von ihrem Pass oder ihrem Flüchtlingsstatus. In der Praxis werden sie vom Bundesland und von der Kommune finanziert. Im Fall von Flüchtlingen gibt es eventuell sogar noch mehr Töpfe, aber der Prozess der Abrechnung ist so kompliziert, dass einige Frauenhäuser sich schlicht weigern, Flüchtlingsfrauen aufzunehmen.

"Aus der Praxis einiger Frauenhäuser/ Schutzeinrichtungen wird berichtet, dass sich die Kostenklärung für Asylbewerberinnen als schwierig erweist, so dass nicht alle Frauenhäuser gewaltbetroffene Asylbewerberinnen und Frauen mit ungesichertem Aufenthaltsstatus aufnehmen können", so Verena Herb, eine Sprecherin des Familienministeriums in einer E-Mail an BuzzFeed News.

Das Problem liegt nicht nur beim Patrick Henry Village oder European Homecare, dem Unternehmen, das im Auftrag der Kommune das Flüchtlingsheim betreibt und damit Geld verdient. Es betrifft auch nicht nur Flüchtlinge aus dem Irak oder Syrien. Häusliche Gewalt gibt es in jeder Kultur, in jedem Land der Welt – und Frauen, die davor Schutz suchen, stehen in Deutschland seit mehr als 10 Jahren vor den gleichen Problemen.

“Wir wissen aus unserer Erfahrung, dass es keine Sicherheit für Frauen gibt, die auf der Flucht [in Deutschland] sind. Immer, wenn sie angegriffen werden, entweder körperlich angegriffen oder sexuell belästigt, weiß niemand, wie man ihnen helfen kann. Es gibt keine klare Linie", sagt Betty Ngari, Mitgründerin von Women in Exile. Das ist ein Verein in Berlin, der sich für den besseren Schutz und die Integration von Frauen auf der Flucht einsetzt.

Die Gruppe kämpft mit ProAsyl für bessere Gesetze und Standards, um Frauen in Flüchtlingsheimen zu schützen. Aber noch immer gibt es keinen bundesweiten Standard – oder gar ein klares Gesetz – um das Problem zu lösen.

Am Ende brachten die Mitarbeiter des Patrick Henry Village-Heims F. am Freitag morgen weg. Zusammen mit ihren beiden Kindern kam sie in ein anderes Heim. (Attar, die Übersetzerin, sagt, dass F.s Mann darauf nicht auffällig reagiert habe und sie sich nicht bedroht fühle).

Am Tag von F.s Umzug führten mich zwei Vertreter des Patrick Henry Village -Flüchtlingsheims über das Gelände. Oberstleutnant der Reserve Ralf Scheffel und Alexander Billmaier, Pressesprecher der Gemeinde, die für das Heim verantwortlich ist, erzählten mir, dass es keine Probleme mit häuslicher Gewalt im Heim gäbe. Sie sagten, es gäbe Streit zwischen Albanern und Kroaten, Kämpfe zwischen betrunkenen Männern und "echte Probleme" zwischen Indern und Pakistanis.

"Gegen Frauen hatten wir noch keinen Fall [von Gewalt]”, sagte Billmaier.

Ich sagte ihnen, dass ich nach zwei Tagen im Heim drei Fälle selbst mitbekommen hatte. Die Männer sahen mich verwirrt an.

"Manchmal gab es auf der Flucht selbst Gewalt oder es gab Probleme, weil sie vor ihrer Flucht Gewalt erlebt haben", sagte Scheffel. Diese Frauen sollten zu den Sprechstunden im Heim gehen, die von verschiedenen Organisationen, meist Kirchen, angeboten werden. Der Vorteil daran wäre, dass diese Sprechstunden von Frauen gehalten würden.

“Haben Sie eine Stelle für jemanden, der sich nur um den Schutz von Frauen hier kümmert? Oder einen Berater für das Thema Schutz von Frauen?", fragte ich. Beides Tätigkeiten, die in Hilfsorgansationen bekannt und üblich sind.

"Davon habe ich noch nie gehört", sagte Billmaier.

Über zwei Wochen hatte ich mehrmals versucht, mit der Pressestelle der Landesregierung in Baden-Württemberg Kontakt aufzunehmen, um meine Fragen zur sexuellen Gewalt und dem Missbrauch von Frauen im Heim zu stellen. Ich wollte wissen, wie die Regierung mit diesen Fällen umgeht und was ihr Vorgehen ist. Ich bekam nie eine Antwort.

Patrick Henry Village wird wie die meisten Flüchtlingsheime in Deutschland von einem privaten Träger betrieben. European Homecare ist ein Unternehmen aus Essen. Es betreibt mehr als 100 Pflegeheime, sagte mir Klaus Kocks, der für das Unternehmen Presseanfragen beantwortet. In einem langen E-Mail-Austausch fragte BuzzFeed News nach den Regeln, nach denen European Homecare Unterkünfte führt, und nach der Haltung des Unternehmens gegenüber Gewalt gegen Frauen in seinen Unterkünften. Kocks ging an keiner Stelle darauf ein, was diese Haltung ist. Stattdessen sagte er, dass Gewalt gegen Frauen in Unterkünften das Problem der Regierung sei.

European Homecare sei Dienstleister, kein Entscheidungsträger, sagte Kocks in einer E-Mail. Die kommunale Regierung sei in der Verantwortung, schrieb er. Trotzdem sähe das Unternehmen die Relevanz des Themas, habe eine Debatte über Menschenrechte angestoßen und diskutiere nun über Frauenrechte.

Ich fragte per E-Mail nach, ob die Debatte über Gewalt gegen Frauen nach meiner ersten E-Mail oder davor begonnen hatte und wollte mehr über diese Debatte erfahren. Kocks antwortete mir nicht.

Ich schrieb ihm noch einmal und fragte, welche Haltung European Homecare in Bezug auf Gewalt gegen Frauen hat. Er antwortete mir, dass alle Berichte darüber in den Heimen dokumentiert und an die Polizei oder die Sicherheitskräfte übergeben würden. Das sei der Standard.

Die Sicherheit von Frauen in Flüchtlingsheimen wird nicht nur von ihren Partnern gefährdet. Ihnen drohen auch Überfälle und Vergewaltigung von anderer Seite. Erfahrungen aus anderen Ländern zeigen, dass Frauen in Flüchtlingsunterkünften am besten geschützt werden, wenn die Schlafräume von Männern und Frauen getrennt werden und es Schlösser an den Türen gibt.

Aber die aktuelle Unterbringung im Patrick Henry Village – dem Ort, wo die Flüchtlinge direkt nach ihrer Ankunft untergebracht werden – erfolgt nicht getrennt nach Geschlechtern, sondern gemischt. Hundert Menschen liegen auf provisorischen Liegen in einem Raum, der früher einmal das Casino der US-Militärbasis war. Auch die Toiletten sind nicht nach Männern und Frauen getrennt.

Im ehemaligen Kindergarten der US-Militärbasis, die zum Heim wurde, sei es noch schlimmer, sagen syrische Frauen. Dort gingen die Männer wie selbstverständlich in die Toiletten der Frauen. Viele Frauen sagten, sie würden in dieser Unterkunft nur ungern duschen. Sie warten, bis sie in die Hauptgebäude der ehemaligen Kaserne kommen. Dort haben sie Einzelzimmer.

Die Repräsentanten des Heims sagten mir während meiner Tour, die Unterbringung dort erfolge nach Geschlechtern getrennt. Aber es kommt darauf an, wie die Familien zusammengesetzt sind, die untergebracht werden sollen. Die Zimmer in der Kaserne sind für maximal fünf Menschen ausgelegt. Es ist egal, ob sie eine Familie sind oder nicht. Zwei Zimmer teilen sich ein Badezimmer. Attar und ihre Schwester waren mit einer dreiköpfigen Familie untergebracht. Dort gab es einen 17-jährigen Jugendlichen. Ein weiterer Junge schlief nebenan. Ohne Vorankündigung wechselten die Bewohner des Nebenzimmers ständig. Attar und ihre Schwester teilten das Bad mit Unbekannten und sie konnten nie sicher sein, dass es keine Männer waren.

Diese Probleme sind nicht spezifisch für das Henry Village-Flüchtlingsheim. Sie sind auch nicht auf eine Region beschränkt. Eine Allianz von Wohlfahrtsorganisationen und Frauenrechtlerinnen schrieb im August einen Brief an die Landesregierung in Hessen und berichtete von Gewalt gegen Frauen und Missbrauchsfällen in einem Heim in Giessen. Sie forderten getrennte und sichere Toiletten für Frauen.

"Hier handelt es sich nicht um Einzelfälle", stand im Brief. "Es kann und darf nicht sein, dass schutzlosesten Flüchtlinge – Frauen und Kinder – am ehesten zu Opfern einer schwierigen Versorgungssituation werden."

European Homecare betreibt einige der Heime, die im Brief kritisiert wurden, sagt Brigitte Ott, Leiterin von ProFamilia in Hessen. Auch sie hat den Brief unterzeichnet. Aber Ott sagte, dass "strukturelle Probleme" ein größeres Problem seien als die Betreiber der Heime. Die Politiker hätten konkrete Hilfe versprochen, inklusive besserer Kommunikation.

Eine Studie zu Menschenrechten, die in Flüchtlingsheimen in Dresden und Leipzig durchgeführt wurde, sagt, dass Frauen, die in gemischten Wohnbereichen in den Heimen untergebracht sind, belästigt werden.

Die Gesetze, die in Deutschland die Unterbringung von Flüchtlingen regeln, sind geprägt von EU-Regeln, die 2003 beschlossen wurden, sagt das Bundesinnenministerium. 2013 wurden die EU-Regeln ergänzt, um gegen geschlechtsspezifische Gewalt vorzugehen: "Laut Artikel 18 müssen die Mitgliedstaaten geeignete Maßnahmen treffen,
um Übergriffe und geschlechtsbezogene Gewalt in den zur Verfügung gestellten
Räumlichkeiten zur Unterbringung zu verhindern."

Deutschland änderte seine Asylgesetzgebung entsprechend der angepassten EU-Richtlinie im Juli, zwei Jahre nach der Aktualisierung. Ein Sprecher des Innenministeriums sagte, dass die neuen Regeln nicht in Kraft treten können, bevor sich Bundesregierung, Landesregierung und Kommunen nicht auf die Umsetzung geeinigt haben. Der Hintergrund dafür ist, dass die Unterbringung von Flüchtlingen in Deutschland Sache der Länder und Kommunen ist.

Zwei Regierungssprecher antworteten nicht auf meine Anfragen zu dem Thema.

Familienministerin Manuela Schwesig hat gesagt, dass Deutschland besser darin werden müsse, geflüchtete Frauen sicher unterzubringen. Sie fordert abschließbare Duschen und Toiletten.

Die allgemein gehaltene Stellungnahme, die nach einer Anfrage von BuzzFeed News aus dem Familienministerium kommt, klingt, als beziehe sie sich exakt auf das Flüchtlingsheim, in dem F. untergebracht war. "Eine Rückzugsmöglichkeit für Frauen gibt es in einer Turnhalle mit 700 Männern nicht."

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