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Griechenlands pro-europäische Opposition hat große Angst vor der Zukunft

Die 39% der Griechen, die in der Abstimmung über Austerität mit "Ja" stimmten, finden sich langsam mit der Niederlage ab. Sie glauben, die in Verruf geratenen Oppositions-Parteien sollten durch eine einzige pro-europäische Partei ersetzt werden.

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ATHEN – "Ich fühle mich wie ein Idiot, der zwischen Idioten lebt", sagte Niki Kamtsios in einem von Athens besseren Vierteln, am Arm eine Gucci-Tüte. Kamtsios gehört zu der Minderheit, die mit "Ja" dafür stimmte, weitere Finanzhilfen durch die EU anzunehmen, um die griechische Wirtschaft zu retten. "Wir haben kein Geld! Alle denken, dass sie aufwachen und viel Geld haben werden, und dass wir keine Einigung mit der EU brauchen. Das sind Idioten. Wir leben zwischen Idioten, und wir müssen Idioten ertragen."

Seit Griechenland die EU-Vorschläge in einer Abstimmung ablehnte, gab es wenige Gespräche zwischen der Opposition und der linken Syriza-Regierung. Die Oppositionellen sind die 39 Prozent der Bevölkerung, die für weitere finanzielle Einschnitte stimmten, in der Hoffnung auf ein neues Schulden-Abkommen mit Europa. Diese Wähler waren tendenziell älter, besser ausgebildet und reicher: Menschen wie Kamtsios und andere relativ Wohlhabende, die im privaten Sektor arbeiten und Ersparnisse haben, die sie aufgrund der Kapital-Beschränkungen nicht mehr von griechischen Banken abheben können.

"Die Ja-Seite ist vollständig verrufen, da sie mit einem alten politischen System in Verbindung gebracht wird", sagt Costis Zombanakis, ein millionenschwerer Geschäftsmann und Basketball-Direktor, der in Harvard studiert hat. Er kämpfte für das "Ja", sagt aber, dass seine Seite keine klare Botschaft an die Nation hatte. "Die Nein-Seite hatte eine simple Nachricht. Sie sagten: 'Die Deutschen sind Fotzen und [der vorherige Premierminister] Samaras ist eine Fotze.' Auf der Ja-Seite wirst Du nicht gewinnen, indem Du über liberale europäische Werte sprichst, wenn die Nachricht beim Nein ist, dass die Deutschen Fotzen sind."

Das sind die Griechen, die große Angst davor haben, was in ihrem Land passiert. Doch sie fügen sich auch der Tatsache, dass die bestehenden Oppositionsparteien, die die nationale Politik für zwei Generationen dominierten, beim Großteil der Bevölkerung verrufen sind. Das stellt sie vor einem Problem: die Mitte-rechts-Partei Neue Demokratie und die Mitte-links-Partei PASOK sind strukturell schwach und ihre Umfragewerte stagnieren, während ihnen die Schuld für die wirtschaftliche Krise des Landes gegeben wird. Wenig überraschend fühlen sich diese Gruppen nicht in der Lage, mit Syrizas populistischen Botschaften zu konkurrieren.

Nur fünf Minuten vom Syntagma-Platz, wo jubelnde Nein-Unterstützer in den vergangenen Tagen vor dem Parlament feierten, sagt Zobanaikis, er glaube, dass Griechenland eine neue, vereinte, liberale pro-europäische politische Bewegung brauche, die die alten Parteien ersetzt. Auch stellt er Premierminister Alexis Tsipras' Nutzung von Drohungen in Verhandlungen mit internationalen Organisationen verklausuliert ein vernichtendes Zeugnis aus: "Ein wirklich starker Mann fordert Dich niemals auf, mit seiner Mutter zu vögeln; er erschießt Dich einfach."

Stattdessen stehen die Ja-Wähler nun anderen Problemen gegenüber: Kleinunternehmer kämpfen ums Überleben ihrer Geschäfte, IT-Unternehmer können aufgrund von Beschränkungen für Ausgaben im Ausland keine Cloud-Services mehr nutzen. Hinzu kommt die Angst, dass jede Einigung über Finanzhilfen die Syriza wählenden Angestellten im öffentlichen Dienst schützen wird – zu Lasten des ums Überleben kämpfenden privaten Sektors. Importe aller Arten, von medizinischen Gütern bis hin zu Plastik-Tassen für Griechenlands geliebte Eis-Kaffees, kommen aufgrund von Kapital-Kontrollen zum Erliegen.

Alexandros Soultos, einer dieser Unternehmer, sagt, dass er "ein Gefühl der Taubheit" bezüglich der Zwangslage seines Landes hat. "Ich habe keinen Zweifel, dass eine Einigung erzielt werden wird, und dass angesichts dessen, was wir von Syriza und der vorher regierenden Koalition gesehen haben, der private Sektor den größten Schlag erleiden wird, während der öffentliche Sektor dem Schuss ausweichen wird. Als Geschäftsmann weiß ich, dass ich vor allem eine stabile Umgebung mit klar umrissenen Regeln brauche."

Selbst Mitglieder der alten Parteien schlagen vor, dass es Zeit sein könnte, alte Differenzen zu begraben und die gemeinsame pro-europäische parlamentarische Wahlliste in Opposition zu Syriza zu starten, über die derzeit viel getuschelt wird. Doch es bleiben Zweifel, ob die Gruppen ihre alten Rivalitäten begraben und trotz des Rücktritts des langjährigen Neue Demokratie-Vorsitzenden Antonis Samaras am Tag des Referendums einen einzigen Anführer für eine Wahl stellen können.

Dimitris Kareles, Parlaments-Anwärter der PASOK, sagt, die Idee eines Beitritts seiner Partei zu einer pro-europäischen Gruppe könnte zwar in Athen populär sein, jedoch "absolut nirgendwo sonst" außerhalb der Hauptstadt. Stattdessen verurteilt er die derzeitigen Perspektiven seiner eigenen Partei. Er erklärt, dass sie nun für die jungen Menschen in Griechenland nur eingeschränkt attraktiv ist, da sie als Teil der alten Garde wahrgenommen wird.

"Die einzige vertrauenswürdige Stimme in unserem politischen System ist Tsipras", seufzt der Architekt, als er ein Glas Stella Artois trinkt und sich Zigaretten dreht. Er prognostiziert, dass Tsipras für Jahre an der Macht bleiben könnte, wenn der Premierminister es schafft, eine Einigung mit der EU zu erkämpfen und die lästigen linksaußen-Mitglieder der Syriza-Koalition zu entfernen. "Er war nicht Teil des alten politischen Systems, das gibt ihm Glaubwürdigkeit. Wir anderen [politischen Parteien] können schöne Dinge sagen, aber die Leute glauben uns nicht."

Kareles hat wenig Zeit für die Idee einer pro-europäischen Partei. Stattdessen fürchtet er den Aufstieg einer populistischen Rechtsaußen-Regierung, wenn Syriza mit seinen Zielen scheitert.

"Alle sind müde", warnt er. "Und wenn eine Gesellschaft müde ist, wendet sie sich hin zu einer sehr konservativen Alternative."

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