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Tennisspieler der Weltspitze sollen Spiele manipuliert haben

Wetten in Milliardenhöhe. Weltklasse-Spieler. Gewaltandrohungen. Geheime Nachrichten an sizilianische Zocker. Und verdächtige Spiele in Wimbledon. Vertrauliche Dokumente zeigen Hinweise auf Spielabsprachen, welche die Entscheider der Tennis-Welt seit Jahren unter Verschluss halten.

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Die BBC und BuzzFeed News haben geheime Dokumente ausgewertet, die darauf hinweisen, dass Tennis-Spieler der Weltspitze seit Jahren Spiele manipulieren.

Funktionäre des Tennis-Sports sind seit Jahren auf verdächtige Aktivitäten einer Gruppe von 16 Spielern hingewiesen wurden - von denen alle in den Top 50 der Tennis-Weltrangliste stehen - aber in keinem Fall kam es bis heute zu Sanktionen und mehr als die Hälfte der Spieler wird in diesen Tagen bei den Australian Open auf dem Platz stehen.

Seit sieben Jahren gibt es Hinweise auf verdächtige Aktivitäten in einem Spielernetzwerk. Die Verdächtigen sollen Spiele bei großen Turnieren wie Wimbledon manipuliert und die Ergebnisse abgesprochen haben. Trotz internen Ermittlungen gegen sie dürfen sie weiterspielen.

Die Nachforschungen von BuzzFeed News und der BBC basieren auf einer Reihe geheimer Dokumente, die uns von internen Quellen aus dem Herren-Profitennis zugespielt wurden. Außerdem haben wir mehr als 26.000 Spiele ausgewertet und Gespräche mit Experten für Spielmanipulation, Tennisoffiziellen und Spielern geführt.

Die Akten enthalten detaillierte Beweise für den Verdacht, dass es Spielmanipulationen gab, die durch Wettbetrüger-Gruppen in Russland und Italien organisiert wurden. Bereits 2008 hatten Ermittler den Offiziellen der Welttennisverbände Hinweise auf Manipulationen vorgelegt, aber sie waren vollständig ignoriert worden. "Sie hätten vor Jahren den Sport säubern und die verdächtigen Spieler rauswerfen können", sagt Mark Phillips, einer der damaligen Ermittler. "Wir haben ihnen die Beweise mit einer rosa Schleife darum serviert, aber sie haben sie ignoriert."

BuzzFeed News begann mit den Nachforschungen, nachdem wir einen Algorithmus erarbeitet hatten, mit dem wir die Sportwetten im Profitennis der letzten sieben Jahre analysieren konnten. So fanden wir 15 Spieler, die regelmäßig Spiele verloren, auf die über Wettbüros sehr riskant und gegen hohe Wahrscheinlichkeiten gewettet wurde - ein Hinweis auf mögliche Spielmanipulationen.

Vier Spieler zeigten unübliche Muster, da sie fast alle der Spiele verloren, bei denen ihre Chancen gut gestanden hätten und bei denen riskant gegen sie gewettet wurde. Ausgehend von ihrer Leistung vor den jeweiligen Spielen lagen die Quoten in den Wettbüros bei weniger als 1:1000 dafür, dass sie schlecht spielen würden. (Hier gibt es mehr Informationen dazu)

Nach Fußball und weiteren Sportarten ist Tennis der jüngste Sport, in dem Korruptionsverdacht auf höchster Ebene aufkommt.

Was wir heute sagen können:

  • Unter den 16 Spielern, die im Zentrum der Verdächtigungen stehen, sind Gewinner von Einzel- und Doppeltiteln in Grand Slam-Turnieren. Sie sollen wiederholt Spiele verloren haben, bei denen hochriskante Wetten gegen sie abgeschlossen worden waren.

  • Einer der Top 50-Spieler, der an den Australian Open teilnimmt, soll wiederholt seinen ersten Satz manipuliert haben.

  • Spieler wurden im Rahmen großer Turniere in ihren Hotelzimmern besucht, wo ihnen von Wettbetrügern 50.000 US-Dollar angeboten wurden, wenn sie Spiele absichtlich verlieren.

  • Wettsyndikate in Russland und Italien haben hunderttausende Dollar verdient durch hochriskante Wetten auf unwahrscheinliche Spielausgänge - auch bei Turnieren wie Wimbledon oder den French Open.

  • Die Namen von mehr als 70 Spielern, die im Verdacht stehen mit den illegalen Machenschaften zu tun zu haben, tauchen auf neun geheimen Dokumenten auf. Sie sind den Offiziellen des Spitzentennis seit Jahren bekannt, ohne dass es zu Folgen kam.

Nigel Willerton führt die Tennis Integrity Unit (TIU), eine Organisation, die nach den Ergebnissen der Ermittlungen 2008 eingesetzt wurde, um Fair Play im Tennis zu fördern. Er sagt, dass die Offiziellen der Tenniswelt 2008 einen Schlussstrich unter die Beweise gegen Spieler zogen. Damals wurden 28 Spieler verdächtigt, Spiele zu manipulieren und die Ermittler forderten ihre Bestrafung. Aber Willerton sagt, dass es keinerlei Konsequenzen für die Verdächtigen gab.

Spieler wurden im Rahmen großer Turniere in ihren Hotelzimmern besucht, wo ihnen von Wettbetrügern 50.000 US-Dollar angeboten wurden, wenn sie Spiele absichtlich verlieren.

Er sagt, die Beweise seien auf Eis gelegt worden, weil Anwälte gesagt hätten, dass neue Verhaltensregeln für faires Handeln nicht rückwirkend angewandt werden können. "Das Ergebnis davon war, dass keine der Ermittlungen von 2008 weitere Folgen hatte.“

Mindestens neun Spieler, die 2008 verdächtigt wurden, spielten danach weiter in Spielen, die aus heutiger Sicht im Verdacht stehen, manipuliert gewesen zu sein.

Willerton sagt, dass der Tennissport "Null Toleranz" gegenüber Wettbetrug zeigt und dass die TUI kritische Informationen analysiert und von Ermittlern prüfen lässt. Er wies auch darauf hin, dass die Tennis Integrity Unit 13 Spieler bestraft hat (alle mit einem unteren Rang in der Weltrangliste) sowie fünf mit einer lebenslangen Sperre belegt hat, auch wenn, wie er sagt, Betrugsfälle schwierig zu beweisen sind.

“Ich kann versichern, dass der Tennissport diese Verdachtsmomente nicht auf die leichte Schulter nimmt", sagt Chris Kermode, Präsident der Association of Tennis Professionals (ATP), die das Herren-Profitennis weltweit vertritt. “Der Gedanke, dass wir keine angemessen Maßnahmen treffen, ist lächerlich."

Aber nun, da die neue Grand Slam-Saison mit den Australian Open beginnt, brechen frühere Verantwortliche für regelkonformes Tennis ihr Schweigen, um davor zu warnen, dass Spielmanipulationen unter den Teppich gekehrt werden.

Ben Gunn ist einer von ihnen. Er war als Polizist bei den Ermittlungen dabei, die 2008 empfahlen, eine eigene interne Kontrollgruppe im Tennis einzurichten, um Spielmanipulationen zu verhindern. Er sagt, die Offiziellen hätten die perfekte Gelegenheit verpasst, den Sport zu säubern und stattdessen eine interne Ermittlungsgruppe geschaffen, die zahnlos und unterbesetzt sei und Beweise ignoriere. "Sie haben ein paar Schönheitsreparaturen gemacht, aber die waren damals nicht wirksam und sie sind es heute nicht“, sagt er.

Richard Ings ist der frühere Vizepräsident für Regeln und Wettbewerb in der ATP. Er sagt, dass Spielabsprachen im Sport an der Tagesordnung waren. Er sagt, die Reaktion der Integrity Unit sei enttäuschend und geheimniskrämerisch.

Die Ermittlungen von 2008 begannen nach einem auffälligen Spiel der damaligen Nummer Vier der Weltrangliste, dem Russen Nikolay Davydenko und dem argentinischen Spieler Martin Vassallo Arguello. Auf das Match wurden Millionen Dollar aus dubiosen Wettbüros in Italien und Moskau gesetzt.

Am Ende ihrer Ermittlung gaben die Offiziellen des Tennis bekannt, dass sie keine Beweise für einen Regelbruch durch Vassallo Arguello oder Davydenko gefunden hatten. Aber Akten zeigen, dass Vassallo Arguello 82 Nachrichten mit einem im Verdacht der Spielmanipulation stehenden Chef eines italienischen Wettsyndikat ausgetauscht hatte. Dieses Syndikat hatte hunderttausende Dollar mit Wetten auf andere Spiele verdient. Ermittlungen gegen russische Wettbüros, die verdächtige Summen auf Davydenko gesetzt hatten, schliefen ein, nachdem es Gewaltdrohungen gegen die Ermittler gab. Insgesamt sollen die italienischen und russischen Wett-Ringe verdächtige Wetten auf 72 Spiele gesetzt haben, bei denen die 28 Spieler mitspielten, die in den internen Akten als der Manipulation verdächtig genannt wurden.

Wochen nachdem die Tennis-Oberen Beweise für Manipulationen erhalten hatten, erklärte Bill Babcock, Leiter des International Tennis Federations Grand Slam-Komitee, dass der Tennissport "gesund" sei und es keine Korruption gebe. Aber die Akten zeigen, dass auch in den Jahren nach den ersten Ermittlungen 2008 weiter Verdachtsmomente der Manipulation an die Integrity Unit getragen wurden.

Die Quellen aus dem Inneren der Tenniswelt, die uns die Akten zugespielt haben, wollen anonym bleiben. Phillips und zwei andere Ermittler, die die ersten Verdachtsmomente aufzeichneten, sagen, dass es trotz starker Beweislage keine Konsequenzen für Spieler gab.

BuzzFeed News und die BBC nennen keine Namen der Spieler, deren Spiele der Manipulation verdächtigt werden. Ohne Aufzeichnungen über Kontobewegungen, Telefongespräche oder Computerdateien ist es nicht möglich, eine direkte Verbindung zwischen Spielern und Wettbetrügern herzustellen. Die Integrity Unit hat die Macht, diese Daten zu erhalten. Dennoch spielen viele Spieler, die der Manipulation verdächtigt werden, einfach weiter. Und Tennis ist zu einem milliardenschweren Sport geworden.

Fürs Deutsche gekürzt und übersetzt von Juliane Leopold. Die Originalversion des Artikels gibt es hier.






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