back to top

“Aus der Schulparty wurde eine Putschnacht”

Wie in junger Türke beinahe Teil des Militärputsches geworden wäre – und warum er sich jetzt nicht mehr zurück in die Türkei traut.

Gepostet am

Gerade einmal drei Jahre war Zeynel Tufanöz von seinem Traum entfernt. Zeynel Tufanöz wollte Berufssoldat werden. Er heißt eigentlich anders, seinen tatsächlichen Namen will er aus Angst vor Verfolgung aber geheim halten.

Dabei ist der schlanke Junge mit moderner Frisur gerade einmal 16 Jahre alt. Seine Angst rührt nicht von irgendwo: “Kameraden in meinem Alter mussten schon für mehrere Wochen in ein türkisches Gefängnis”, sagt er.

Wenn Zeynel Tufanöz von Kameraden spricht, meint er nicht irgendwelche pubertierende Jungs aus dem Kiez. Er meint Kadetten einer türkischen Militärschule in Istanbul: Die Kuleli Askeri Lisesi. Eine historische und renommierte Einrichtung, 1843 im osmanischen Reich gegründet. Hier werden Schüler zwischen 14 bis 18 Jahren auf eine Karriere im türkischen Militär vorbereitet. Oder aber sie schlagen danach andere Ausbildungswege ein, gehen beispielsweise auch auf die Universität. Mehrere Generalstabschefs der Türkei wurden hier ausgebildet.

In der Putschnacht vom 15. Juli vergangenen Jahres tauchte der Name dieser Schule mehrfach auf. Der Grund: Die Kadetten der Kuleli Askeri Lisesi sollen maßgeblich am Putschversuch beteiligt gewesen sein.

“Vor einigen Tagen schien noch alles normal”

Der 16-jährige Zeynel war damals gerade in Deutschland: auf Sommerurlaub bei seinem Onkel. Sie saßen beim Abendessen, als überraschend eigenartige Nachrichten aus der Heimat auftauchten.

"Über Twitter und Facebook bekamen wir zu hören, dass in der Türkei gerade etwas Schreckliches passiert. Bald stellte sich heraus, dass es sich tatsächlich um einen Putschversuch handelt. Ich war fassungslos, weil ich vor wenigen Tagen noch dort war. Alles schien so normal”.

In der Schockstarre der Putschnacht konnten Zeynel und sein Onkel noch nicht darüber nachdenken, ob sein Urlaub zu diesem Zeitpunkt nun Fluch oder Segen für ihn ist. “Erst am nächsten Tag ist mir klar geworden, dass mein Urlaub für mich unangenehme Konsequenzen haben könnte, denn meine Freunde wurden am nächsten Nachmittag von der Polizei festgenommen”, schildert Zeynel seine Befürchtungen. Obwohl sein Antrag auf Urlaub in Deutschland von der Schulleitung genehmigt war, “hatte ich Angst, verdächtigt zu werden, weil ich einfach nicht dort war”.

Wie aus der Schul-Party ein Putsch wurde

Seine Angst hat einen Grund: vor der Putschnacht hat es einen SMS-Verkehr zwischen der Schulleitung und den Kadetten sämtlicher Klassenstufen gegeben. Dort wurden die Schüler auf den 15. Juli vorbereitet.

Es habe keinen Hinweis auf eine Übungssimulation, geschweige denn auf eine Putschvorbereitung gegeben. Die Lehrlinge wurden lediglich auf eine Schülerfete eingeladen. “Auch ich war natürlich eingeladen, aber eben beurlaubt. Ich hatte per WhatsApp Kontakt zu meinen Freunden. Sie schrieben hin und wieder”.

Die Veranstaltung, die eigentlich auf 16 Uhr gesetzt war, sei im Laufe des Nachmittags zweimal um je zwei Stunden verschoben worden. “Um ca. 20 Uhr haben meine Kumpels dann plötzlich Waffen in die Hand gedrückt bekommen und alle mussten per Anordnung sofort ihre Uniformen anziehen”, erinnere sich Zeynel, dem man auch heute noch die Verunsicherung ansieht.

Die Schüler bekamen Waffen. Munition nicht.

Seine Freunde haben Zeynel erzählt, dass die Waffen keine Munition hatten. Die Schüler seien in den Abendstunden nahezu blind auf die Straßen geschickt worden. “Geht auf die Straße und probt den Ernstfall. Dies ist nur eine Übung”, soll ein Kommandeur zu ihnen gerufen haben.

“Auf der Straße hat sich das aber nach purer Realität angefühlt ”, gibt Zeynel heute die Eindrücke seiner Freunde wieder. “Weil die Jungs richtig Angst hatten, rannten sie bei der ersten Gelegenheit schnell wieder zurück in die Kaserne. Meine Freunde haben selber zugegeben, dass einigen die ganze Nacht lang die Knie zitterten.

Erst in der Kaserne hätten die ahnungslosen Kadetten in den Nachrichten die Ansprache von Präsident Erdoğan gesehen. Der sprach von einem Putschversuch! “Entgegen der Info des Kommandeurs, es handele sich um eine einfache Übung, war die Lage auf der Straße ernst und keinesfalls geeignet für Kadetten wie uns”, meint Zeynel heute. Derselbe Kommandeur habe die Jungs nachher ins Bett geschickt.

“Es kann nicht sein, dass diese Jungs eine Waffe in die Hand gedrückt bekommen. Wir sind doch noch Kinder!” Die ersten Waffen bekomme ein Auszubildender erst ab dem dritten Jahr im Training, sagt Zeynel. “Die Schulleitung hat uns Schüler mit der Ausrede einer Fete gelockt, um uns anschließend in ein Haifischbecken zu werfen. Die Jungs hätten vielleicht unter einen wütenden Mob, oder in ein Gefecht mit der Polizei geraten können”.

Tatsächlich sind in der Putschnacht Soldaten durch wütende Zivilisten zu Tode gelyncht worden. Ein Vater eines ermordeten Soldaten berichtete in türkischen Medien, dass sein Sohn ursprünglich an einer Übungseinheit teilnehmen sollte. Stattdessen wurde er in der Putschnacht von einem Mob enthauptet.

Für die größtenteils regierungsfreundliche türkische Medienlandschaft sind die Vorfälle rund um die Militärschule nur ein weiterer Beweis dafür, dass hinter dem Putschversuch die Gülen-Bewegung steckt.

Der in die USA ausgewanderte Prediger Fethullah Gülen bestreitet das – und auch Zeynel findet diese Argumentation merkwürdig, denn “als ich auf der Schule war hat niemand über Gülen gesprochen. Ich kenne auch keinen Gülenisten unter meinen Klassenkameraden. Eher stellt sich mir die Frage, wie eine staatliche Schule sich an einem Putsch beteiligen soll, ohne dass der Staat selber etwas davon mitbekommt?”

“Ich kann da nicht mehr zurück.”

Zeynel ist immer noch verunsichert: “Obwohl meine Freunde mit einem Umsturzversuch nichts zu tun haben, wurden sie eine Zeit lang eingesperrt. Ich kann da nicht mehr zurück. Vor allem jetzt nicht. Ich habe Angst, dass sie mich ausgerechnet wegen meines Urlaubs verdächtigen könnten”. Deshalb hat er sich gemeinsam mit seiner Familie entschieden, von nun an in Deutschland zu leben - und einen Asylantrag gestellt. Auch wenn der Antrag derzeit noch geprüft wird, lernt Zeynel nun Deutsch an einer deutschen Schule. Wo genau, das möchte er nicht verraten: “Ich versuche mich an den Schulalltag zu gewöhnen”, sagt er. Auch, wenn sein Traum vom Berufssoldaten erstmal in weite Ferne gerückt ist.

Investigativ Journalist, spezialisiert auf Themen wie Islam, Muslime, Türken, Deutsch-Türken, Türkei, Deutsch-Türkische Beziehungen, Verbände und Strukturen, politische Flucht aus der Türkei Arbeitet unter anderem bei Deutschlandfunk, WDR, ZDF, ARD

Contact Hueseyin Topel at htopel10@gmail.com.

Got a confidential tip? Submit it here.