Updated on 22. Mai 2019. Posted on 5. März 2019

    Die Bundesregierung hat offenbar schwere Menschenrechtsverbrechen über Jahre mitfinanziert

    In einem vom Entwicklungsministerium geförderten WWF-Projekt im Kongo soll es zu Folter, Massenvergewaltigungen und Mord gekommen sein.

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    Evaristo Sa / AFP / Getty Images

    Die internationale Naturschutzorganisation WWF weiß seit Jahren von Vorwürfen, nach denen WWF-Mitarbeiter an Morden, Vergewaltigungen, Folter und gewaltsamen Übergriffen beteiligt sein soll. Das zeigen von BuzzFeed News recherchierte Dokumente.

    Im kongolesischen Salonga-Nationalpark ist es dabei offenbar auch mit deutschen Fördermitteln zu schwersten Menschenrechtsverbrechen gekommen, darunter Folter, Massenvergewaltigungen und Mord. Die Arbeit in dem Park wird von der Bundesregierung seit Jahren mit etlichen Millionen Euro gefördert.

    Die deutsche Förderbank KfW, die für die Bundesregierung Entwicklungshilfeprojekte organisiert, bestätigte gegenüber BuzzFeed News, man untersuche Vorwürfe von Menschenrechtsverletzungen.

    Die KfW weigerte sich, entsprechende Unterlagen zur Verfügung zu stellen. Einen entsprechenden Antrag nach dem Informationsfreiheitsgesetz (IFG) beantwortete die KfW knapp mit dem Hinweis, sie könne „nicht als Behörde“ eingeordnet werden und übe in Entwicklungshilfeprojekten ihre „Aufgaben ausschließlich privatrechtlich, und gerade nicht öffentlich-rechtlich aus“, weshalb sie nicht unter das IFG falle.

    BuzzFeed News vertritt allerdings die auch unter Juristen vorherrschende Ansicht, die KfW erfülle eine öffentlich-rechtliche Aufgabe und prüft daher, gegen die Weigerung der KfW vorzugehen.

    Eine internationale Recherche von BuzzFeed News hatte am Montag öffentlich gemacht, wie die bekannte Tierschutz-Organisation WWF über Jahre paramilitärische Einheiten finanziert und ausgestattet hatte. Diese paramilitärischen Einheiten haben den Recherchen zufolge zahlreiche Dorfbewohner in der Nähe von Nationalparks gefoltert und getötet.

    BuzzFeed News hat zwölf Monate lang in sechs Ländern recherchiert und dabei mehr als 100 Interviews geführt sowie tausende Seiten Dokumente erhalten – darunter vertrauliche Memos, interne Budgets und E-Mail-Diskussionen über den Kauf von Waffen.

    Die Recherche wirft folgende Vorwürfe auf:

    • Brutale Gewalt: Vom WWF unterstützte Anti-Wilderer-Gruppen haben Dorfbewohner mit Gürteln geschlagen, mit Macheten attackiert und mit Bambus-Stöcken ohnmächtig geprügelt. Sie haben die Dorfbewohner sexuell angegriffen, beschossen und ermordet. Dies alles geht aus Berichten und Dokumenten hervor, die BuzzFeed News recherchiert hat.
    • Illegale Tötungen: Die Mitarbeiter des WWF in Asien und Afrika haben Anti-Wilderer-Aktionen mit Einheiten organisiert, die für ihre Grausamkeit bekannt sind. Sie haben zudem ein Papier unterzeichnet, dass das Töten von unbefugten Eindringlingen erlaubt. Das Papier war von einem Park-Direktor entworfen worden, unter dessen Verantwortung dutzende Menschen getötet wurden.
    • Zusammenarbeit mit Paramilizen: Der WWF hat paramilitärische Einheiten mit Gehältern, Trainings und Zubehör ausgestattet – dazu gehörten Messer, Nachtsichtgeräte, Kampfausrüstung und Schlagstöcke. Die Organisation hat außerdem Angriffe auf Dörfer finanziert. In einem afrikanischen Land hat der WWF vergeblich versucht, Sturmgewehre von einer brutalen Armee zu kaufen. Diese Armee war zuvor mit abgetrennten Köpfen von angeblichen Kriminellen durch die Straßen gezogen.
    • Folter und Spionage: Der WWF hat weltweit wie ein Spionagering gearbeitet. Er hat dafür gefährliche und geheime Netzwerke von Informanten organisiert, geführt und finanziert. Die Spione sollten den Mitarbeitern von Nationalparks Informationen beschaffen. Auch Foltervorwürfe wie Water-Boarding werden von Opfern erhoben. Zudem sollen im Auftrag des WWF arbeitende Ranger Privat-Gefängnisse unterhalten haben. Der WWF bestritt öffentlich die Existenz solcher Spionage-Netzwerke.

    Schon wenige Stunden nach Veröffentlichung der Recherche von BuzzFeed News hatten mehrere Abgeordnete des britischen Parlamentes eine unabhängige Untersuchung der Vorwürfe gefordert. „Steuerzahler und Spender müssen wissen, dass ihr Geld nicht falsch ausgegeben wird und sie keine entsetzlichen Menschenrechtsverbrechen unterstützen“, sagte Priti Patel, ein konservativer Abgeordneter und ehemaliger Minister für internationale Entwicklung. Der bekannte britische Abenteurer Ben Fogle legte seine Position als WWF-Botschafter am gleichen Tag und mit sofortiger Wirkung nieder.

    Die deutsche Linken-Abgeordnete Eva-Maria Schreiber forderte am Tag nach der Veröffentlichung eine Reaktion der Bundesregierung. Diese kooperiere „bei der Förderung von Schutzgebieten eng mit dem WWF, listet ihn sogar als eigene Durchführungsorganisation“, schreibt Schreiber, Obfrau der Linken im Ausschuss für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung. „Zudem finanziert auch die Bundesregierung die Ausbildung, Ausrüstung und Bezahlung von fragwürdigen Wildhütern und paramilitärischen Kräften in Schutzgebieten.“

    BuzzFeed News recherchiert weiter zum Thema. Habt ihr Tipps oder Hinweise? Dann meldet euch bei unserem Reporter Marcus Engert: marcus.engert@buzzfeed.com. Marcus ist auch über WhatsApp und Signal zu erreichen: +49 163 / 25 23 21 7. Für Hinweise und vertrauliche Dokumente haben wir außerdem einen anonymen und sicheren digitalen Briefkasten.

    Der WWF hat eine „unabhängige Prüfung“ der Vorwürfe durch Experten für Menschenrechte angekündigt. „Wir sehen es als unsere dringliche Verantwortung, diesen Vorwürfen nachzugehen. Und wir erkennen an, wie wichtig solche Recherchen sind“, schrieb die gemeinnützige Organisation in einem Statement.

    „In diesem Sinne – und obwohl viele von BuzzFeeds Beschreibungen nicht mit unserem Verständnis der Vorfälle übereinstimmen – haben wir eine unabhängige Prüfung der Vorwürfe veranlasst“, schreibt der WWF. Detaillierte Fragen von BuzzFeed News wollte die Umweltschutzorganisation allerdings nicht beantworten.

    Der WWF Deutschland schreibt, die Vorwürfe hätten die deutsche Sektion „zutiefst bestürzt“. Der WWF Deutschland habe deshalb zusätzlich Markus Löning und sein Institut „Human Rights & Responsible Business“ als unabhängigen Menschenrechtsberater engagiert. Löning war von April 2010 bis Januar 2014 Menschenrechtsbeauftragter der Bundesregierung. Der WWF kündigte einen ersten Zwischenbericht Lönings für April an.


    Brent Stirton / Getty Images

    Der WWF will die Vorwürfe überprüfen – erneut

    Die nun eingeleitete Prüfung ist allerdings nicht die erste, die der WWF wegen des Verdachts schwerster Menschenrechtsverletzungen unter seinem Dach veranlasst. Denn die internationale Tierschutzorganisation WWF ist schon vor Jahren gewarnt worden, dass ihre Mitarbeiter eine Mitschuld an gewaltsamen Angriffen auf einheimische Dörfer tragen sollen.

    Hochrangige Führungskräfte im Hauptsitz des WWF in der Schweiz hatten 2015 einen Bericht in Auftrag gegeben, der untersuchen sollte, inwiefern der WWF in Gewalt gegen indigene Völker in Kamerun verwickelt war. Der Bericht liegt BuzzFeed News vor.

    „Indigene Völker und lokale Gemeinschaften, die an der Grenze zu Schutzgebieten leben, sind Opfer von Menschenrechtsverletzungen und gewalttätigen Übergriffen durch Umweltschützer“, heißt es in dem Bericht. Die Täter seien durch „erhebliche technische, logistische und finanzielle Unterstützung“ des WWF unterstützt worden.

    Weiterhin stellte der Bericht fest, dass sich der WWF Kamerun an „beängstigenden“ und „gewaltsamen“ nächtlichen Razzien in Dörfern beteiligt habe, in denen von der Regierung beschäftigte und von der Wohltätigkeitsorganisation unterstützte Park-Ranger „die Rechte der Gemeinschaften verletzen“, indem sie Häuser plünderten und ihre Bewohner schlügen. Der Bericht kam zu dem Ergebnis, dass die Täter nicht bestraft worden seien, auch wenn es „Beweise und Zeugenaussagen der Opfer“ gegeben habe.

    Die explosive Untersuchung wurde von einem Wissenschaflter durchgeführt, der vom WWF selbst damit beauftragt worden war. Der WWF wollte seine Arbeit in Kamerun untersuchen, nachdem die Umweltschutzorganisation verschiedene Berichte über Gewalt vonseiten der Park-Ranger erfahren hatte.

    Trotz klarer Hinweise stützte der WWF die Ranger weiter

    Der Wissenschaftler kam zu dem Ergebnis, dass einige der Mitarbeiter im WWF-Büro in Kamerun „ernsthaft besorgt“ über die von ihnen beobachteten Gewalttaten waren. In der Öffentlichkeit aber leugneten WWF-Verantwortliche die Vorwürfe weiterhin und taten sie als „Angelegenheit der Regierung in Kamerun“ ab.

    „Es war der WWF, der diese Ranger geschickt hatte. Es war der WWF, der sie bezahlt hat. Es war der WWF, der das alles getan hat.“

    Und mehr noch: Der WWF hat den Park in Kamerun und die dortigen Ranger danach noch weiter unterstützt. Interne Dokumente belegen, dass die Ranger weiterhin mit den kamerunischen Einheiten zusammenarbeiteten und an Razzien in den Dörfern teilnahmen, bei denen sie Wilderer aufspüren sollten.

    Nachdem der Bericht BuzzFeed News zugespielt wurde, haben wir dessen Autor kontaktiert: Diel Mochire Mwenge. Er sagt, die Umweltschutzorganisation würde die Ergebnisse des Berichtes deswegen nicht öffentlich anerkennen, „weil sie den WWF belasten würden“.

    Mwenge sagte BuzzFeed News, es sei offensichtlich gewesen, dass der WWF am Missbrauch indigener Völker beteiligt gewesen sei. „Wir fanden heraus: es war der WWF, der diese Ranger geschickt hatte. Es war der WWF, der sie bezahlt hat. Es war der WWF, der das alles getan hat“, sagte Mwenge. „Und so mussten wir zu dem direkten Schluss kommen, dass der WWF hinreichend beteiligt war.“

    Der WWF wollte auf detaillierte Fragen von BuzzFeed News zu den Missbrauchsfällen in Kamerun nicht antworten. Aber in einem Interview im Januar erklärte COO Dominic O`Neill, er sei persönlich zum örtlichen Büro gereist, um den Partnern des WWF in Kamerun deutlich zu machen, dass der WWF „keinerlei Menschenrechtsverletzungen tolerieren könne“.

    „Wir hatten Probleme und die haben wir gelöst“, sagte er. „Aber nicht in dem Maße, dass wir sagen würden, die Beziehung sei daran zerbrochen.“


    Untersuchung der Bundesregierung bestätigt Vorwürfe

    Im vergangenen Jahr war außerdem ein von der deutschen Regierung unterstütztes Forscherteam in Kamerun, um in Lobeke zu arbeiten. Der WWF war Partner des Projekts. Die Ergebnisse der Untersuchung, die im November 2018 in Berlin vorgestellt wurden, bestätigten die Kern-Vorwürfe des Mwenge-Berichts.

    „In beinahe allen Dörfern, in denen wir arbeiteten, bestätigten uns die Einwohner die Vorwürfe und sagten, die Parkwächter würden Gewalt gegen die örtliche Bevölkerung anwenden“, sagte Yannic Kiewett, der zum Forscherteam gehörte. Das Ergebnis sei ein Klima aus „Angst und Misstrauen“ zwischen den Parkwächtern und der lokalen Bevölkerung.

    Neben den Vorfällen in Kamerun gibt es auch Vorwürfe in einem anderen Park: dem kongolesischen Salonga-Nationalpark, dem größten Naturschutzreservat in Afrika.

    Der WWF unterstützt dort seit langem den Kampf gegen Wilderer. 2016 wurde der WWF im Salonga sogar zum Mitverantwortlichen (Co-Manager) bestimmt. Seitdem teilt er sich die Verantwortung für den Park mit der kongolesischen Naturschutzbehörde. Ein Vertreter des WWF vor Ort, Oliver Nelson, war somit verantwortlich für hunderte Parkwächter und Soldaten. Ein Foto auf der Webseite des WWF zeigt Nelson neben kongolesischen Offiziellen, die ihm in einer Zeremonie ein Gewehr übergeben.

    Doch Recherchen von BuzzFeed News zeigen nun, dass der WWF vergangenen Sommer eine zweite Untersuchung eingeleitet hat. Darin geht es um Vorwürfe von Massenvergewaltigungen und Mord durch Parkwächter – in ebenjenem Salonga Nationalpark. Der WWF bestätigt, dass mehrere Ranger suspendiert oder entlassen wurden. Die Organisation weigert sich allerdings, Fragen zu ihrer weiterhin anhaltenden Unterstützung der Anti-Wilderer-Patrouillen im Park zu beantworten.

    „Augenzeugen berichteten, dass die Parkranger ihn mit Stichwunden verletzt und ihm die Augen ausgestochen hätten. Anschließend sollen sie ihn geschlagen haben, bis er tot war, und die Leiche dann vor die Kirche im Dorf geworfen haben.“

    Die Bundesregierung, die dem WWF in den vergangenen Jahren etliche Millionen Euro Fördermittel zur Unterstützung des Parks bereitgestellt hat, erklärte auf Anfrage von BuzzFeed News, man habe vom WWF „Stellungnahmen und Informationen“ bezüglich der Vorwürfe angefordert und darum gebeten, die Ergebnisse der internen Untersuchung zu erhalten.

    Parkranger sollen Leiche vor die Dorfkirche geworfen haben

    Bereits im Mai des vergangenen Jahres hatte die Nichtregierungsorganisation „Rainforest Foundation“ dem WWF einen detaillierten Bericht übergeben. Darin erhoben Angehörige der indigenen Bevölkerung schwerste Vorwürfe gegen die Parkwächter: Darunter Vergewaltigung und sogar Mord. Der Bericht wurde auch der KfW und damit der deutschen Bundesregierung geschickt.

    Dem Bericht zufolge hatten Parkwächter einen Mann, der zu dem Zeitpunkt gerade Fische fing, zunächst eingesperrt und ihn anschließend gefoltert. Als abschreckendes Beispiel sei er in ein naheliegendes Dorf gebracht worden, wo Augenzeugen berichteten, dass die Parkranger ihn mit Stichwunden verletzt und ihm die Augen ausgestochen hätten. Anschließend sollen sie ihn geschlagen haben, bis er tot war, und die Leiche dann vor die Dorfkirche geworfen.

    Parkwächter im Salonga Nationalpark sollen dem Bericht zufolge im Jahr 2015 außerdem vier Frauen in einer Gruppenvergewaltigung missbraucht haben. Ayme Elema, ein Anwalt, die die Opfer vertritt, sagte BuzzFeed News, die Frauen seien ebenfalls beim Fischen gewesen. „Leider sahen sie dann die Park-Wächter“, so Elema gegenüber BuzzFeed News. Die Ranger hätten sie „auf eine sehr erniedrigende Weise verletzt“, so Elema weiter.

    Der Salonga-Untersuchungsbericht wird wohl bis auf Weiteres unter Verschluss bleiben. Ein WWF-Sprecher bestätigte gegenüber BuzzFeed News, die Naturschutzorganisation habe „eine Untersuchung begonnen“, die die „Anschuldigungen von Menschenrechtsverletzungen“ untersuchen solle, sowie mehrere Parkwächter entlassen. „Der WWF arbeitet mit den kongolesischen Behörden zusammen, um die Aufklärung der Fälle voranzutreiben“, hieß es in dem Statement.

    Die deutsche Regierung, eine der wichtigsten finanziellen Unterstützer des WWF, erklärte unterdessen, sie wolle die Situation „aufmerksam“ weiter beobachten.


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    Tom Warren is an investigations correspondent for BuzzFeed News and is based in London.

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    Marcus Engert ist Senior Reporter bei BuzzFeed News Deutschland. Verschlüsselter Kontakt per Mail mit PGP-Key: bzfd.it/PGP-engert / Signal oder WhatsApp: bzfd.it/engert / Threema-ID: F8H994R7

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