Wir haben die Menschen in einer AfD-Hochburg gefragt, warum sie so frustriert sind

    Eine AfD-Wählerin will alle Parteien „in die Tonne treten“, andere fürchten eine neue NSDAP.

    Mit mehr als 27 Prozent ist die AfD stärkste Kraft im Wahllokal 318. Am Stadtrand Berlins wählt mehr als jeder Vierte rechts, zwischen dem Regine-Hildebrandt-Park entlang der U-Bahn-Schienen und den Altberliner Plattenbauten.

    Bei den Menschen, die in der Volkshochschule in der Mark-Twain-Straße ihre Stimme abgeben, liegt Die Linke mit fast 25 Prozent auf Platz zwei. Die CDU besetzt abgeschlagen mit gut 17 Prozent den dritten Platz.

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    Berlin-Marzahn-Hellersdorf. Das Wahllokal 318 in der Mark-Twain-Straße, am Morgen der Bundestagswahl.

    Schon 2016 fuhr die AfD in diesem Wahllokal einen Riesenerfolg ein. Bei den Berliner Landtagswahlen gaben 30,7 Prozent der Wähler ihre Erst- und Zweitstimme der AfD – das beste AfD-Ergebnis unter allen Wahllokalen in Berlin.

    Warum ist die AfD hier so stark? Wir haben uns am Morgen der Bundestagswahl vors Wahllokal gestellt. Und jeden angequatscht, der gerade seine Stimme abgegeben hat.

    Dieses junge Paar vertraut eigentlich keiner Partei mehr.

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    „Die AfD sagt als einzige Partei wirklich die Wahrheit. Andere lügen uns nur die Taschen voll“, meint der junge Mann. Seine Partnerin geht noch weiter: „Alle lügen. Sie wollen gewählt werden, aber was machen sie wirklich aus ihren Versprechen? Im Endeffekt kannst du fast alle in die Tonne treten.“

    Aus seiner Sicht spricht nur die AfD aufrichtig über die Arbeitslosigkeit in Deutschland: „Das wird sonst schöngeredet – nach dem Motto: Wir haben nicht so viele Arbeitslose. Ist ja auch klar mit den vielen Ein-Euro-Jobbern oder Menschen, die sich in Maßnahmen vom Arbeitsamt befinden.“

    Im Wahlkreis Marzahn-Hellersdorf liegt die Arbeitslosenquote bei 9,4 Prozent. Unter Jugendlichen von 15 bis 19 Jahren sind sogar 12,6 Prozent arbeitslos. Beide Werte liegen deutlich über dem deutschen Durchschnitt: In der Bundesrepublik sind 5,7 Prozent ohne Job.

    Das Misstrauen gegenüber den Parteien abseits der AfD haben die beiden seit der Flüchtlingskrise. Die junge Frau sagt: „Die Flüchtlinge werden schöngeredet. Ich arbeite im Handel – und die einzigen, die da klauen, sind immer die Ausländer.“ Sie behauptet, dass auch Kinder aus dem angrenzenden Flüchtlingsheim klauen würden.

    Es sind ja nicht alle schlecht, um Gottes Willen. Das würde man bei uns ja auch nicht sagen“, fügt sie dann hinzu. Doch beide wollten keine „Wirtschaftsflüchtlinge“, die nur „wegen der Kohle“ nach Deutschland kämen.

    Für die nächsten vier Jahre rät das Paar: Erstmal abwarten, was aus der AfD wird. „Die Leuten sollen wirklich mal das machen, was sie auch versprechen.“

    Diese Frau findet es schade, dass die vielen AfD-Wähler den Ruf von Marzahn-Hellersdorf weiter runterziehen.

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    Sie hat mit der Erststimme Petra Pau von der Linken und mit Zweitstimme SPD gewählt. „Weder die einen noch die anderen aus Überzeugung – sondern aus Protest, damit nicht AfD oder Merkel und Lindner was zu sagen haben.“

    Die schlechte Stimmung im Kiez kriegt sie auf der Arbeit mit: „Da höre ich dann schon mal sowas wie: 'Wir müssen mal wieder aufräumen!' Das ist schon schlimmer, seit die vielen Flüchtlinge kamen.“

    Eine Diskussion fängt sie bei solchen Sprüchen selten an: „Man wird nicht beliebt, wenn man sich allen Problemen stellt.“ Seit 30 Jahren wohnt sie in der Gegend. Das starke AfD-Ergebnis ärgert sie: „Ich finde es traurig, dass man so wenig nachdenkt.“ Selbst die Wähler wüssten gar nicht, was genau die AfD will. „Das ist auch peinlich für den Bezirk. Eigentlich ist Marzahn-Hellersdorf super.“

    Diese Frau sagt zu den vielen AfD-Wählern in ihrem Kiez: „Am besten gar nicht drüber nachdenken.“

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    Mit beiden Stimmen hat sie SPD gewählt, obwohl sie schon nicht mehr an Martin Schulz' Erfolg glaubt. „Die eigentlich spannende Frage ist: Wie viel Prozent kriegt die AfD? Ich hoffe, so wenig wie möglich“, sagte sie gestern Vormittag vor dem Wahllokal.

    Den Grund der meisten AfD-Wähler sieht sie im „allgemeinen Frust“. „Das hier ist ein sozialer Brennpunkt. Und da ist es natürlich am einfachsten, die ganze Schuld den Ausländern zuzuschieben. Auf diesen Zug springen viele auf, ohne sich das Wahlprogramm überhaupt angeguckt zu haben.“

    Sie glaubt auch, dass sich die Linke Sorgen machen muss, den Bundestags-Direktsitz in Marzahn-Hellersdorf eines Tages an die AfD zu verlieren. Denn seit der deutschen Einheit ging das Direktmandat bisher jedes Mal an Die Linke. Doch die Frau sagt: „Die Wähler sterben glaub ich auch irgendwann weg.“

    Tatsächlich gewinnt Petra Pau an diesem Tag den Wahlkreis Marzahn-Hellersdorf – zum vierten Mal in Folge. Mit 34,2 Prozent liegt sie deutlich vor der Berliner CDU-Vorsitzenden Monika Grütters. Bei den Zweitstimmen ist das Rennen deutlich knapper: Auf Platz zwei wählen die Menschen in Marzahn-Hellersdorf die AfD – sie bekommt 21,6 Prozent. Die Linke liegt nicht einmal fünf Prozentpunkte darüber.

    Bei jeder Bundestagswahl seit 1990 hat diese Dame SPD gewählt. Sie macht sich große Sorgen, weil viele Junge keinen sicheren Job finden.

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    Seit einem Vierteljahrhundert wohnt sie hier im Kiez. „Ich bin der Meinung, man muss zu seiner Partei stehen.“ Deshalb wählt die Frau bei ihrer achten Bundestagswahl mit beiden Stimmen SPD – so wie jedes Mal seit der deutschen Einheit.

    Martin Schulz als Kanzler, das ist nicht ihr Wunschkandidat – aber er sei immer noch das kleinere Übel im Vergleich zu Angela Merkel. Die Erfolge in der vergangenen Bundesregierung habe die SPD angestoßen, obwohl das in der Öffentlichkeit nicht anerkannt werde. „Zu viele Leute in der Bundesrepublik sehen immer nur Frau Merkel.“

    Das starke Abschneiden der AfD erklärt sie so: „Die haben kein Programm. Leute wählen sie nur aus Wut.“ Viele Menschen hätten trotz Job zu wenig Geld in der Tasche und könnten nur befristet arbeiten – und sollten dann trotzdem was für die Rente zurücklegen. Das Problem kennt sie von ihrem Schwiegersohn.

    Den Frust vieler Leute kann die Dame nachvollziehen. Aber nicht die Wahl der AfD. „Die sollen mal überlegen, ob das wirklich die einzige Möglichkeit ist. Wenn ich die großen Parteien nicht wählen will, kann ich immer noch eine von den kleinen nehmen. Aber nicht die Rechten.“

    Vor der Zukunft hat sie Sorge: „Viele sind so unzufrieden, wie ich das vorher noch nie gehört habe. Da brodelt was.“ In der Pflicht sieht sie die großen Parteien: „Die sagen zwar immer, sie haben das Ohr am Volk. Aber ich habe den Eindruck, das haben sie nicht.“

    Dieses Paar hofft, dass die AfD-Wähler bald zu anderen Parteien zurückkehren.

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    Beide haben „aus Tradition und aus Überzeugung“ die SPD gewählt. „Die AfD versteht leider sehr gut, Themen, die die CDU nicht anfassen will, für sich zu verkaufen“, sagt der Mann. Auch er wünscht sich, dass Geflüchtete nur gesteuert nach Deutschland kommen.

    Ihr Sohn arbeitet als Integrationslehrer für Flüchtlingskinder in Berlin-Wilmersdorf. „Er hat uns erzählt, dass vieles auf ihn einströmt, ohne dass es koordiniert wurde“, berichtet die Frau. Sie wohnt seit 34 Jahren im Kiez. Ihr Mann ist gebürtiger Berliner aus Köpenick.

    Sie sagt: „Ich liebe diesen Stadtbezirk.“ Und ergänzt dann: „Egal, wie viele Ausländer hier wohnen – was weiß ich, von wo überall her.“ Dabei liegt der Ausländeranteil gar nicht so hoch, sondern gerade mal bei 6,6 Prozent. Das sind deutlich weniger als in ganz Deutschland: 10,6 Prozent Ausländer leben in der Bundesrepublik. Einen Migrationshintergrund haben 24,1 Prozent der Menschen in Marzahn-Hellersdorf – etwas mehr als im deutschen Durchschnitt von 22,6 Prozent.

    Dieser Mann fürchtet eine neue NSDAP.

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    Er hat mit beiden Stimmen Die Linke gewählt: „Weil der Bezirk keine AfD braucht.“ Dass die rechte Partei hier im Kiez so stark abschneidet, findet er „scheiße“.

    „Es sind genug Parallelen zur NSDAP damals. Man brauch sich ja nur die Aufstiege beider Parteien angucken – und die Denkrichtung.“ Die NSDAP sei auch nicht von Anfang an rechtsradikal gewesen. Das habe sich Stück für Stück entwickelt. Eine ähnliche Entwicklung sieht er bei der AfD.

    Die Wähler der AfD seien vor allem Männer und Menschen aus dem Mittelstand – also Leute, die von den Politikideen der AfD gar nicht so stark betroffen wären.

    Das Gegenmittel aus seiner Sicht: Bildung. Nur die könnte helfen gegen Hetze.

    Das ganze Video unserer Befragung kannst du dir hier ansehen.


    Contact Tobias Schmutzler at tobias.schmutzler@buzzfeed.com.

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