Darum solltest du die Finger vom Multitasking lassen

    Auch wenn du denkst, du schaffst so mehr. Multitasking ist wirklich nichts für dich.

    Son Tuyen Huynh / BuzzFeed

    Aller Wahrscheinlichkeit nach versuchst du viele Aufgaben gleichzeitig zu erledigen. Du scrollst womöglich durch Instagram, während du zum Beispiel an einer Ampel wartest. Du chattest mit Kolleg*innen, während du einen Bericht raushaust. Du schreibst Nachrichten, während sich jemand mit dir unterhält. Oder du spielst Candy Crush während du so tust, als würdest du Westworld wahnsinnig spannend finden.

    Vielleicht glaubst du, du könntest gut zwischen verschiedenen Aufgaben hin und her wechseln. Vielleicht bist du sogar stolz darauf. Schließlich erfordert es meisterhafte Jonglierkünste, der Kollegin heimlich die Details von Ninas Beziehungsdrama zu stecken und gleichzeitig total aufmerksam am Meeting teilzunehmen, stimmt's?

    Ich möchte niemandem zu nahe treten (und außerdem Nina mein Mitgefühl aussprechen), aber es ist erwiesen, dass Multitasking nicht gut für dich ist und du es lieber lassen solltest. Darum habe ich mit vier Expert*innen über das Thema gesprochen. Wie man es auch dreht und wendet: Du machst dir etwas vor, wenn du glaubst, dass deine geteilte Aufmerksamkeit keine Konsequenzen hat.

    Weil du vermutlich gerade noch drei andere Dinge machst, während du das hier liest, werde ich die negativsten Auswirkungen von Multitasking für dich zusammenfassen: Studien haben gezeigt, dass Multitasking die Zufriedenheit am Arbeitsplatz senkt, persönliche Beziehungen schädigt, das Erinnerungsvermögen nachteilig beeinflusst, die Kreativität beeinträchtigt und generell schlecht für die Gesundheit ist.

    Multitasking verringert die Zufriedenheit am Arbeitsplatz, macht persönliche Beziehungen kaputt, beeinflusst das Erinnerungsvermögen nachteilig und behindert die Kreativität.

    In ihrem Buch The Mind of the Leader schreiben Rasmus Hougaard und Jacqueline Carter: „Umfangreiche Forschungen haben bestätigt, dass Menschen nicht in der Lage sind, verschiedene Aufgaben gleichzeitig zu erledigen.“ Wenn wir das auf der Arbeit versuchen, so schreiben sie, widmen wir uns allem, was irrelevant ist und lassen uns leicht ablenken. Tatsächlich sind nur 2 Prozent der Bevölkerung in der Lage, mehrere Aufgaben auf einmal durchzuführen, ohne dass dabei die Qualität oder die Effizienz ihrer Arbeit darunter leiden. Diese Ergebnisse sind sogar wissenschaftlich belegt.

    Um eine Vorstellung davon zu bekommen, warum deine Arbeit durch Multitasking eher schlechter als besser wird, musst du dir diesen Prozess wie einen Schalter vorstellen. Jede geistig anspruchsvolle Tätigkeit ist eine eigene Aufgabe. Das könnte zum Beispiel ein Text sein, den du schreibst, ein Buch, das du liest, oder Zahlen, die du berechnest. Wenn wir versuchen, mehr als eine Aufgabe davon gleichzeitig zu erledigen, dann machen wir diese verschiedenen Aufgaben nicht wirklich zur gleichen Zeit, sondern wir wechseln zwischen ihnen hin und her. Weil wir diese beiden Aufgaben nicht gleichzeitig kompetent wahrnehmen können, schalten wir einfach um, und das hat seinen Preis. „Jedes Mal, wenn du von einer Aufgabe zur anderen wechselst, muss dein Gehirn seine Aufmerksamkeit neu ausrichten“, so Mark. „Dieser Verlust an geistigen Ressourcen verschwendet Zeit, verursacht Stress und bedeutet, dass die Qualität der Dinge, an denen du arbeitest, sinkt.“

    Wenn du neue Emails in deinem Postfach liest, während du an einem Projekt arbeitest, dann ist das ein sogenanntes Switch-Tasking. Wenn dich deine Kollegin auf Theos neuen Gürtel mit Wal-Muster hinweist, während er eine Präsentation hält, dann ist das auch Switch-Tasking. Untersuchungen haben gezeigt, dass deine Produktivität durch Switch-Tasking um 40 Prozent zurückgeht. Crenshaw schätzt, dass wir jeden Monat 40 zusätzliche Stunden (!!!!!!) Freizeit zurückgewinnen könnten, wenn wir dieses Umschalten um 80 Prozent zurückschrauben.

    Aber nicht alle Aspekte des Multitasking sind per se schlecht. Multitasking ist ein Sammelbegriff, der das sogenannte Switch-Tasking beinhaltet, sich aber auch auf das sogenannte Background-Tasking bezieht. Background-Tasking bedeutet, mehrere Dinge auf einmal zu tun, die jedoch keine Aufmerksamkeit erfordern. So kannst du zum Beispiel nebenbei den Food Network Kanal schauen, während du auf dem Laufband bist, oder Carly Rae Jepsen hören, während du mit dem Staubsaugen beschäftigt bist.

    Son Tuyen Huynh / BuzzFeed

    Alle bisherigen Beispiele beziehen sich auf die Arbeit. Die Expert*innen, mit denen ich zum Thema gesprochen habe, betonen aber auch, wie schädlich Switch-Tasking im Privatleben ist. Dafür gibt es zwei naheliegende und weitverbreitete Beispiele. Zum einen geht es gar nicht, mit deinem Handy herumzuspielen, während du dich mit einer anderen Person unterhältst. Der Psychologe Ryan Howes hat mir erzählt, dass das Handy deinem Gegenüber das Gefühl gibt, das dritte Rad am Wagen zu sein. „Die Nutzung des Handys vermittelt das Gefühl, nicht so wichtig zu sein und keine Aufmerksamkeit zu bekommen", so Howes. „Wir denken, dass wir diese geteilte Aufmerksamkeit gut vor anderen verstecken könnten, das können wir aber nicht. Ganz im Gegenteil, es gibt der anderen Person das Gefühl, weniger Aufmerksamkeit und damit eine niedrigere Priorität zu bekommen, und das nervt.“

    Das zweite Beispiel bezieht sich auf die Nutzung des Handys beim Autofahren. Miller ist in seiner Meinung zur Beziehung zwischen Handys und Autos ganz deutlich: die beiden gehören nicht zusammen. „Es geht nicht nur um das Handy als Gerät, oder darum, generell beim Autofahren zu telefonieren. Es geht darum, was eine Unterhaltung einem Menschen geistig abverlangt“, so Miller. „Eine Unterhaltung über eine Freisprechanlage zu führen, ist fast genau so schlimm. Wenn sich zwei Menschen im wahren Leben in einem Auto unterhalten, wissen beide in der Regel, wann sie leiser oder still sein sollten. Außerdem kann die Person auf dem Beifahrersitz auch auf den Verkehr achten. Das geht nicht, wenn der Gesprächspartner oder die Gesprächspartnerin körperlich nicht anwesend ist“, fügt er hinzu.

    „Wenn du mit jemandem telefonierst, dann hat der- oder diejenige keine Ahnung, was um dich herum passiert“, sagt Miller. „Diese Ablenkung ist schlichtweg gefährlich für die Person hinterm Steuer und alle Beteiligten.“

    Warum sind wir also so heiß auf Multitasking, obwohl die Argumente deutlich dagegen sprechen? Die Antwort ist einfach, denn es liegt quasi in unserer Natur, viele verschiedene Aufgaben gleichzeitig erledigen zu wollen. Eigentlich machen wir das schon seit Urzeiten, hat mir Earl Miller verraten. Er ist Professor der Neurowissenschaften am Massachusetts Institute of Technology (MIT). „Damals war das eine gute Sache, denn es gab nur wenige Informationsquellen. Die wenigen Quellen, die es gab, waren lebenswichtig“, sagt er. „Ein Rascheln im Gebüsch konnte bedeuten, dass uns ein Tiger auflauert. Neue Informationen dieser Art konnten von entscheidender Bedeutung für unser Leben sein.“

    Unser zielstrebiges Gehirn (Millers Worte, nicht meine) lechzt noch immer nach all diesen Informationen. Unsere Gehirne sind aber nicht in der Lage, um mit der unglaublichen Anzahl an Informationsquellen in unserer heutigen Gesellschaft mitzuhalten. Auch wenn wir tief im Innern wissen, dass Switch-Tasking nicht gut ist, sind unsere Gehirne extrem gut darin, sich selbst zu täuschen. „Das Gehirn rationalisiert. Es lässt dich glauben, dass du gut in etwas wärst. Das passiert auch dann, wenn du es nicht bist“, so Miller.

    Switch-Tasking reduziert deine Produktivität um 40 Prozent. Wenn wir dieses Umschalten um 80 Prozent zurückschrauben, würden wir im Monat 40 zusätzliche Stunden an Freizeit zurückgewinnen.

    Für unser derzeitiges Switch-Tasking-Problem können wir außerdem, wie für so viele Dinge, Windows 95 die Schuld geben. Dave Crenshaw, Autor von The Myth of Multitasking, hat mir erzählt, dass uns die Leichtigkeit begeistert hat, mit der unsere Computer nahtlos von Programm zu Programm umschalten. „Seitdem es uns der Computer vormacht, wollen wir dieses Verhalten imitieren. Das Problem ist jedoch, dass Computer nicht auf die gleiche Art und Weise zwischen einzelnen Aufgaben hin und her schalten, wie es ein menschliches Gehirn tun würde. Das, was wir uns von ihnen abschauen wollen, funktioniert nicht so, wie wir uns das vorstellen“, so Crenshaw.

    Nach den Computern kamen die Handys für ständige Erreichbarkeit und damit der Höhepunkt aller Ablenkungen, nämlich E-Mails. Darin sind sich alle Experten einig, mit denen ich über das Thema gesprochen habe. Gloria Mark, Professorin für Informatik an der UC Irvine, hat mir erzählt, dass Leute ihre E-Mails im Schnitt 74 Mal am Tag checken. Unser Postfach beansprucht unsere volle Aufmerksamkeit. Es lässt unser Handy vibrieren. Es zieht unsere ständige Aufmerksamkeit auf sich, weil das kleine, leuchtende Icon erst dann verschwindet, wenn alle E-Mails gelesen wurden. Das ist der perfekte Nährboden für Stress. „In einer Studie haben wir untersucht, wann die Menschen ihren Posteingang aufrufen und verlassen. Darauf basierend haben wir uns Stressmessungen angeschaut, die dann vom Herzschlag abgeleitet wurden“, so Mark. „Wir haben beobachtet, dass die Menschen mehr unter Stress stehen, je mehr Zeit sie mit E-Mails verbringen."

    Zum Glück gibt es eine Menge Dinge, die wir tun können, um dem Switch-Tasking nicht zum Opfer zu fallen. Zunächst einmal sollten wir die häufigsten Quellen für das ständige Umschalten in unserem Alltag kennen und sie beseitigen, damit wir uns besser auf die einzelnen Aufgaben konzentrieren können. Durch viele interessante Apps und Webseiten haben wir den Eindruck bekommen, dass Switch-Tasking unglaublich aufregend für unser Gehirn wäre. Denke dabei nur an die plötzliche Aufmerksamkeit, wenn eine neue E-Mail in deinem Postfach landet! Aber mit etwas Zeit und Übung können wir diesen Stress in den Griff bekommen und lernen, uns besser zu konzentrieren. Hier sind einige Tipps, um das zu schaffen:

    • Schließe dein Postfach und stelle alle Benachrichtigungen aus. Checke deine E-Mails stattdessen anhand eines vorbestimmten Zeitplans über den Tag verteilt.
    • Lege dein Handy außer Reichweite. Miller schlägt vor, dass Autofahrer*innen es am besten in eine Tasche oder ins Handschuhfach stecken sollten.
    • Priorisiere deine Aufgaben auf der Arbeit und erstelle einen Zeitplan dafür. Wenn du merkst, dass deine Gedanken abschweifen, wenn du konzentriert an einer Aufgabe arbeitest (was vermutlich nach ungefähr 18 Minuten passieren wird), stehe auf und mach einen kleinen Spaziergang, um die Durchblutung zu fördern und den Herzschlag zu erhöhen.
    • Und wenn du trotzdem zwischen verschiedenen Aufgaben hin und her wechseln musst, dann fasse ähnliche Aufgaben zusammen, damit du nicht so viel umdenken musst.


    Außerdem kann es hilfreich sein, wenn du wichtige Personen in deinem Leben mit in dein Ziel einbeziehst und sie darin einweihst, dass du dich besser auf einzelne Aufgaben konzentrieren möchtest. Crenshaw schlägt zum Beispiel vor, darüber persönlich mit deinem Chef zu sprechen. Du könntest ihm sagen: „Ich versuche konzentrierter zu arbeiten. Deshalb werde ich meine E-Mails nicht ständig abrufen. Ich habe mir einen Zeitplan dafür überlegt, ist das okay für Sie?“ Crenshaw sagt außerdem, dass es dir helfen wird, produktiver zu sein, wenn du diese Personen zu aktiven Partnern machst. Vielleicht kannst du sie dadurch auch überzeugen, konzentrierter an einzelnen Aufgaben zu arbeiten.

    Son Tuyen Huynh / BuzzFeed

    Egal ob du gerade an einer oder an mehreren Aufgaben arbeitest (denn ehrlich gesagt lässt sich das manchmal nicht vermeiden), es gibt ein paar einfache Tricks für deine Aufmerksamkeit, die eine Menge bewirken können. Dazu schlägt Howes vor, zu kommentieren was du tust, damit du bewusst im Moment bleibst. Sage dir zum Beispiel: „Ich bin im Fahrstuhl, ich gehe ins Büro, ich schaue mir meine Notizen an.“ Wenn du anfängst, Dinge bewusst zu erledigen, wird es leichter, deine einzelnen Aufgaben zu ordnen.

    Es kann auch hilfreich sein, deinen Tag etwas mehr durchzuplanen. „Prüfe zu verschiedenen Zeitpunkten, wo du mit deinen Aufgaben stehst. Gib dir selbst alle 15 Minuten einen kurzen Lagebericht, wenn du stark konzentriert an etwas arbeitest“, so Howes. „Plane deine Aufgaben entsprechend, wenn du weißt, dass du normalerweise morgens voller Energie steckst und gegen Abend etwas nachlässt.“

    Zu guter Letzt empfiehlt Howes, dich nicht zu sehr unter Druck zu setzen. Crenshaw fügt hinzu, dass es deinem Gehirn schon hilft, aus seinen gewohnten Mustern auszubrechen, wenn du dich fragst: „Was sollte ich stattdessen machen?“ Fordere dich immer wieder bewusst heraus, an einer Aufgabe zu arbeiten. Ich hoffe, dass du zumindest diesen Beitrag gelesen hast, ohne auf irgendetwas anderes umzuschalten. ✨

    Dieser Artikel erschien zuerst auf Englisch.

    BuzzFeed Daily

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