Posted on 8. Juni 2020

    Was ich meine, wenn ich sage, ich bin müde

    Jede Narbe wird aufgerissen.

    „Ich bin so müde.” – Immer fällt der gleiche Satz. Meine Kolleginnen, meine Freundinnen, ich, wir alle geben die gleiche Antwort auf die Frage, wie's uns geht. Und mich erschrickt das. Dass Schwarze ermordet werden, ihre Wut explodiert und in Talkshows diskutiert wird, ob der Vandalismus und die Plünderungen denn jetzt wirklich sein müssen, ist nicht neu.

    Ich kannte bisher die Abstumpfung sehr gut; die Resignation, wenn die Liste mit den Namen jener wieder länger wird, die durch die Polizei ihr Leben verloren und nie Gerechtigkeit erfahren haben. Oury Jalloh, Trayvon Martin, Eric Garner, Sandra Bland, Tamir Rice, Philando Castile, Adama Traoré, Breonna Taylor, Ahmaud Arbery, George Floyd sind nur ein paar davon ... Doch diese Müdigkeit, die kannte ich bisher nicht.

    Demonstranten am 5. Juni in Hamburg.
    Stuart Franklin / Getty Images

    Demonstranten am 5. Juni in Hamburg.

    Sie ist ein Gewicht auf den Schultern, das ich nicht abschütteln kann oder will, weil sowohl dort, als auch hier andere Menschen mit meiner Hautfarbe um ihr Leben fürchten müssen und ich gerade jeden Tag, jede Stunde daran erinnert werde. Ich sage, ich bin müde und was ich meine, ist: Ich bin überwältigt.

    Die Gewalt, die täglich neue Grenzen sprengt, die Wut, die sich seit Jahrhunderten staut, der Schmerz, der immer da ist. Jede Narbe wird gerade aufgerissen. Dieser Rhythmus, in dem ich zurzeit mit der Brutalität gegen andere Schwarze konfrontiert werde, lässt nicht zu, die Bilder zu verarbeiten, die mir und meinesgleichen täglich in den Feed gespült werden. Wir scrollen und wir sehen, wie wir umgebracht werden.

    „Ausschalten und unbeschwert weitermachen fühlt sich falsch an, wie ein Verrat.“

    Mag ich noch so weit entfernt vom Geschehen sein, ich bin mittendrin. Wenn eine Schwarze Frau in ihrem Zuhause erschossen wird, weil sich die Polizei in der Tür geirrt hat. Wenn einem Schwarzen Kind mit Milch das Pfefferspray aus den Augen gewaschen wird. Wenn einem Schwarzen Mann am Boden neun Minuten lang ein Knie in den Nacken gedrückt wird, bis er nicht mehr atmen kann. Ich bin mittendrin. Ausschalten und unbeschwert weitermachen fühlt sich falsch an, wie ein Verrat. Ich bin so müde und kann doch nicht schlafen, denn wenn mich, wenn uns endlich alle anhören, dann jetzt.

    Torn between needing to stay present and connected so that I know exactly what’s going on & needing to unplug to catch my breath because I am extremely overwhelmed

    „Ich möchte, dass ihr versteht, wie schmerzhaft es ist, jeden Tag daran erinnert zu werden, dass eure Ethnie nichts wert ist,“ so Schauspieler John Boyega bei einer Black Lives Matter-Demo in London. Ich möchte, dass ihr versteht, wie müde wir sind. Müde davon, diesen Schmerz erklären zu müssen, unsere Grenzen zu verteidigen, unsere Wut in Schach zu halten, unser Gesicht nicht zu verlieren. Nach unseren demütigendsten Momenten gefragt zu werden, als erkundige man sich nach der Uhrzeit, wenn die Leute von dir wissen wollen, welche rassistischen Erfahrungen du denn schon gemacht hast, und dann staunen: „Nein, wirklich, das gibt's heute noch?“

    Sie wissen nicht, wie es ist, einen sechsten Sinn für die feindseligen Blicke zu haben. Binnen Sekunden weiß ich, wen ich meiden, wo ich ausweichen, wann ich zu Boden sehen muss. Mit den persönlichsten und beschämendsten Erfahrungen – den Beleidigungen, den Hitlergrüßen, den herablassenden Komplimenten, der Fetischisierung meiner Herkunft – kämpfe ich um ihr Einsehen, dass „keine Farbe“ zu sehen ein Privileg und kein Gefallen ist.

    Being black is having a good day and then seeing another black person was killed for no reason. then you have to think about/talk about that all day. or don't and numb yourself. It's a constant emotional war.

    Ich bin umgeben von Menschen, die unsere Präsenz als Bedrohung verstehen. Ich spüre ihre Blicke sofort, wenn wir den Raum betreten.

    Ich bin umgeben von Menschen, die „keine Farbe“ sehen, weil sie keine haben. Ich bin nur Schwarz, weil ich nicht aussehe wie sie.

    Ich bin umgeben von Menschen, die sich keiner Verantwortung bewusst sind. Ich sage, dass dieses Land ein rassistisches Land ist, und sie werden wütend.

    „Das ganze Tosen auf weißes Rauschen herunter regeln zu können, ist überlebenswichtig.“ 

    Das ist Schwarzer Alltag. Jede Beleidigung, jede Demütigung, jede Entmenschlichung dir selbst und anderen gegenüber an sich heranzulassen, ist gefährlich. Das ganze Tosen auf weißes Rauschen herunter regeln zu können, ist überlebenswichtig.

    Doch während andere Antirassismus zurzeit als thematischen Kurswechsel begrüßen, und statt ihres Bananenbrots nun MLK-Zitate posten, fliegt Schwarzen im Moment das ganze Trauma um die Ohren.

    Und dann werden wir gefragt, wie's uns geht. Wir halten einer Woge aus Wut, Trauer, Scham, Schmerz und Fassungslosigkeit stand, die gnadenlos über uns schwappt. Und wir haben so viel mehr zu sagen und stattdessen sagen wir: Ich bin müde.

    BuzzFeed Daily

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