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Spanien ermittelt nach BuzzFeed-Recherchen gegen Erdbeerproduzenten wegen Verdacht auf Menschenhandel

Erntehelferinnen geben an, vergewaltigt, sexuell belästigt und ausgebeutet worden zu sein. Das Unternehmen hatte auch an Aldi Süd geliefert.

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Drei der Erntehelferinnen, die einen Erdbeerproduzenten wegen Ausbeutung und sexueller Belästigung angezeigt haben.
Cristina Quicler / AFP / Getty Images

Drei der Erntehelferinnen, die einen Erdbeerproduzenten wegen Ausbeutung und sexueller Belästigung angezeigt haben.

Erntehelferinnen, die ihre Kolleginnen zur Prostitution zwingen; versuchte Vergewaltigungen; sklavenähnliche Arbeitsverhältnisse: Das sind Vorwürfe gegen einen Erdbeerproduzenten in Spanien, die nach Recherchen von BuzzFeed News Deutschland und Correctiv nun vom nationalen Gerichtshof in Madrid untersucht werden, der zweithöchsten spanischen Instanz. Das geht aus einem richterlichen Schreiben hervor, das BuzzFeed News vorliegt.

BuzzFeed News liegen die Strafanzeigen der Anwälte beim Nationalen Gerichtshof, Aussagen von zehn Angestellten von „Doñana 1998“, sowie sechs Anzeigen bei der Polizei vor. Darin erheben die Frauen schwere Vorwürfe.

„Er hat sich auf mich gestürzt wie ein Monster“

So sollen die Frauen von ihren Chefs mehrfach aufgefordert worden sein, für 50 Euro Geschlechtsverkehr mit ihnen zu haben. Außerdem sollen die Vorgesetzten sie verbal belästigt und beleidigt haben. Eine der Arbeiterinnen gibt an, dass ihr Chef sie unter einem Vorwand in sein Auto gelockt, mit ihr an eine abgelegene Stelle gefahren sei und sie dort vergewaltigt habe:

„Er hat versucht mich zu Küssen [...] er hat mich sehr hart angefasst [...] der Sitz hat unter seinem Gewicht nachgegeben und ich bin nach hinten gefallen. Dann habe ich mich nicht mehr wehren können. Er hat sich auf mich gestürzt wie ein Monster [...], meine Brüste gedrückt , seine Hand in meine Vagina gesteckt. Ich habe geweint und ihn geschlagen. Er hat von mir abgelassen, ohne in mich einzudringen. Dann bin ich geflohen.“

Eine andere Frau gibt in ihrer Aussage an: „Du bist eine Art Sklavin, die seinen Befehlen folgen muss. Wir sind wie Schafe [...] die von ihrem Hirten zum Grasen rausgebracht und später auf der Farm eingesperrt werden.“

Arbeiterinnen sollen von Kolleginnen zur Prostitution gezwungen worden sein

Eine der Frauen, die Strafanzeige gestellt haben.
Cristina Quicler / AFP / Getty Images

Eine der Frauen, die Strafanzeige gestellt haben.

Drei Arbeiterinnen, die schon länger auf der Farm arbeiten, sollen andere Frauen zur Prostitution gedrängt haben. Sie hätten die finanziell prekäre Lage der Erntehelferinnen ausgenutzt. Die Frauen geben an, dass „jeden Abend Autos mit Männern“ vor der Unterkunft gestanden hätten.

Laut der Anzeige hätten die Frauen zudem gehungert, weil sie nicht oder nicht ihrem Vertrag entsprechend bezahlt worden seien. Die Arbeiterinnen geben an, deshalb verdorbenes Essen und Wildkräuter gegessen zu haben. Eine Angabe, die sich mit Aussagen deckt, die eine Gruppe von rund 50 Frauen BuzzFeed News gegenüber im April 2017 auf der Farm von „Doñana 1998“ gemacht hatte (siehe Video am Ende des Textes). Schon damals hatten die Erntehelferinnen berichtet, dass sie nicht genug zu Essen hätten. Die Anwälte geben an, dass viele der Arbeiterinnen aufgrund von Überanstrengung oder mangelhafter medizinischer Versorgung krank geworden seien.

Produzenten haben offenbar massiv gegen Arbeitsrecht verstoßen

Eine der Frauen soll Mumps bekommen haben und daraufhin nicht behandelt worden sein. Darüber hatte die Lokalzeitung „Mar de Onuba“ berichtet, der eigenen Angaben zufolge medizinische Dokumente vorliegen. Mumps ist äußerst ansteckend. Das Unternehmen wäre deshalb – sofern die Angaben stimmen – auch verpflichtet gewesen, das Gesundheitsamt zu informieren. Dies soll aber den Anwälten zufolge nicht passiert sein.

Die Frauen sollen auch keine Kopie ihres Arbeitsvertrags erhalten haben, heißt es weiter in der Anzeige. Zudem soll es keine Übersetzer gegeben haben, um mit Vorgesetzten zu kommunizieren. Auch über gesundheitliche Arbeitsrisiken seien die Frauen nicht aufgeklärt worden.

Eine Erntehelferin, die BuzzFeed News im April 2017 auf der Farm von „Doñana 1998“ interviewt hat. Die Frau sagte, dass sie seit mehreren Wochen mit einem verletzten Bein im Bett liege und ihr Arbeitgeber sie nicht zum Arzt bringe.
Pascale Müller

Eine Erntehelferin, die BuzzFeed News im April 2017 auf der Farm von „Doñana 1998“ interviewt hat. Die Frau sagte, dass sie seit mehreren Wochen mit einem verletzten Bein im Bett liege und ihr Arbeitgeber sie nicht zum Arzt bringe.

Das verstößt – sollte es stimmen – gegen die Rahmenvereinbarungen des Arbeitsmigrations-Abkommen zwischen Spanien und Marokko, auf dessen Grundlage die Marokkanerinnen in Huelva arbeiten.

Die Anwälte gehen in ihrer Anzeige noch darüber hinaus und werfen „Doñana 1998“ nicht nur Verstöße gegen das spanische Straf- und Arbeitsrechts, sondern auch Menschenhandel vor. Menschenhandel ist seit 2000 in dem sogenannten Palermo-Protokoll der Vereinten Nationen international einheitlich definiert als: „Menschen anwerben [...] oder vermitteln durch die Anwendung unerlaubter Mittel wie Täuschung, Zwang, Drohung oder Nötigung zum Zweck der Ausbeutung.“ Die Einwilligung eines Opfers in die Ausbeutung ist dabei unerheblich.

BuzzFeed News wollte „Doñana 1998“ um Stellungnahme zu den Vorwürfen bitten. Die Webseite des Unternehmens ist allerdings seit einigen Wochen offline, auch telefonisch ist der Erdbeerproduzent nicht erreichbar. Auf eine Anfrage per E-Mail hat „Doñana 1998“ bislang nicht reagiert. Sollte dies noch erfolgen, tragen wir die Antwort an dieser Stelle nach.

Auch die spanische Presse macht jetzt Druck

Eingereicht wurde die Strafanzeige gegen „Doñana 1998“ Ende Juni von einer Gruppe von Anwälten aus Huelva, im Namen von zehn marokkanischen Erntehelferinnen des Unternehmens. Die Anwälte werfen der Firma „Menschenhandel“ und „Verstoß gegen die Menschenrechte“ vor.

Mit dem nationalen Gerichtshof ermittelt die zweithöchste juristische Instanz in Spanien. Anders als in Deutschland können Strafanzeigen in Spanien direkt an ein Gericht adressiert werden. Ein Ermittlungsrichter entscheidet dann über ihre Zulässigkeit und beauftragt die Staatsanwaltschaft. Das hat Bundesrichter Santiago Pedras Gómez nun getan. In einem Schreiben, das BuzzFeed News vorliegt, spricht er vom „möglichen Vorliegen einer Straftat“.

Auch die spanische Presse macht Druck. „Die gerichtlichen Institutionen müssen mit höchster Sorgfalt die Wahrheit über Vorkommnisse aufklären, die im Spanien von 2018 keinen Platz finden dürfen,“ kommentierte die Zeitung El País die neuen Entwicklungen. „Die spanischen Gerichte müssen beweisen, dass sie in der Lage sind, die Unversehrtheit der Erntehelferinnen im Fall von Missbrauch zu schützen und die mutmaßlichen Verantwortlichen ohne Verzögerung zur Rechenschaft zu ziehen.“

Die Ermittlungen sind unter anderem eine Reaktionen auf eine gemeinsame Recherche von BuzzFeed News und dem gemeinnützigen Recherchebüro Correctiv. Die Recherche hatte Ende April aufgedeckt, dass sexualisierte Gewalt gegen Erntehelferinnen in Spanien weit verbreitet ist. Danach war es zu landesweiten Protesten und dutzenden Anzeigen gekommen.

Welche Verantwortung tragen die Polizei und das Gericht in La Palma?

Eine marokkanische Erntehelferin die ihren Arbeitgeber angezeigt hat, während eines Interviews mit ihren Anwälten.
Cristina Quicler / AFP / Getty Images

Eine marokkanische Erntehelferin die ihren Arbeitgeber angezeigt hat, während eines Interviews mit ihren Anwälten.

Die Frauen und ihre Anwälte hatten bereits bei der Polizei und einem Gericht in La Palma in der Region Huelva Anzeige erstattet. Diese hätten jedoch bisher kaum etwas unternommen, kritisiert der Anwalt Jesús Díaz Formoso. Über einen Monat lang sei ihnen der Zugang zu Akten ihrer Mandantinnen verwehrt geblieben. Das Gericht betrachte die Vorkommnisse als Einzelfälle.

„Wenn es keine Zeugen gibt, gibt es keinen Fall.“

Außerdem hätten die Frauen Angst, mit lokalen Behörden zu sprechen, sagt Formoso. So würden sie die lokalen Polizeibeamten verdächtigen, eher auf der Seite der Erdbeerproduzenten zu stehen. Deshalb heißt es in der Anzeige an den Nationalen Gerichtshof auch, dass gegen „weitere natürliche oder juristische Personen“ ermittelt werden solle, die eventuell für die hervorgebrachten Anschuldigen mitverantwortlich seien.

Im Telefonat mit BuzzFeed News äußert Anwalt Formoso den Verdacht, dass ein Grund für die Inaktivität der Polizei und des Gerichts Korruption sei.

Die Region Huelva ist wirtschaftlich auf den Anbau des „roten Goldes“, wie die Erdbeeren dort genannt werden, angewiesen. Die Veröffentlichungen von BuzzFeed News und Correctiv provozierten daher auch deutliche Ablehnung. Politiker und Unternehmer aus der Region stritten das Problem ab. Leser kommentierten, es handele sich nicht um ein Problem Spaniens. Schließlich stammten die Opfer und auch einige der Täter ja aus Marokko.

Anwälte befürchten, dass die Arbeiterinnen Spanien verlassen müssen, bevor sie aussagen können

Da die zehn Frauen, auf die sich die Anklage stützt, nur ein dreimonatiges Visum haben, ist es laut Formoso wahrscheinlich, dass sie nach Marokko zurückkehren müssen, bevor es zu einer Verhandlung kommt. Da ihr Arbeitgeber ihnen kein Gehalt gezahlt habe, befänden sie sich in einer äußerst prekären Situation. Die Anwälte sammeln derzeit Geld für sie. Einige der Frauen seien bereits in ihr Heimatland zurück geschickt worden, obwohl sie eine Aussage hätten machen wollen.

„Wenn es keine Zeugen gibt, gibt es keinen Fall“, so Formoso. Und fügt hinzu: „Ich möchte, dass deutsche Käufer wissen: Der Grund, warum das alles passiert, ist der hohe Preisdruck.“

Beschuldigtes Unternehmen lieferte an Aldi Süd

Über den Erdbeerproduzenten „Doñana 1998“ hatte BuzzFeed News bereits mehrfach berichtet. Anfang Juni hatte das Unternehmen offenbar mehrere Dutzend marokkanische Erntehelferinnen gefeuert und einige gegen ihren Willen in Bussen gekidnappt, damit diese nicht gegen das Unternehmen aussagen. Zuvor hatten Hunderte Frauen im Erdbeeranbaugebiet demonstriert und einen der Chefs von „Doñana 1998“ wegen sexualisierter Gewalt und Belästigung angezeigt.

Aldi Süd hatte in der Vergangenheit Obst von „Doñana 1998“ bezogen, diese aber aus dem Sortiment genommen, nachdem BuzzFeed News das Unternehmen mit den Ergebnissen der Recherche konfrontiert hatte.

Arbeiterinnen auf der Farm „Er hat sie mit in den Wald genommen und mit ihr gemacht, was er wollte.“

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KORREKTUR

In einer früheren Version dieses Artikels hieß es, dass hundert Frauen Anfang Juni vor der Polizeistation demonstriert hatten. Die Anwälte der Frauen haben uns darauf hingewiesen, dass die Proteste aber vor der Farm „Doñana 1998“ statt fanden und auch dort die Anzeigen aufgenommen wurden. Die entsprechende Stelle im Text wurde korrigiert.

Außerdem hieß es, BuzzFeed News läge ein Tondokument vor, in dem Frauen andere Erntehelferinnen zur Prostitution überreden wollen. Hier ist uns ein Übersetzungsfehler unterlaufen. Tatsächlich liegen diese Aussagen nur schriftlich vor.

Pascale Müller ist Reporterin für Politik und sexualisierte Gewalt. Kontakt: Pascale.mueller@buzzfeed.com

Contact Pascale Mueller at pascale.mueller@buzzfeed.com.

Stefania Prandi is an award-winning journalist and photographer. She reported for example from Ethiopia, Argentina, Morocco, Spain and Italy – and published among others with Vice, Al Jazeera and El País. In April 2018 she published her first book in Italian, Oro rosso.

Contact Stefania Prandi at prandi.stefania@gmail.com.

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