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Das Sat1 Frühstücksfernsehen lässt zwei Männer diskutieren, wie „gefährlich” Feiern auf dem Oktoberfest durch MeToo geworden ist

„Die MeToo-Debatte kann das Ganze für Frauen und natürlich auch für Männer sehr gefährlich machen.“

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Im Sat1 Frühstücksfernsehen diskutierte Moderator Chris Wackert mit dem Anwalt Alexander Stevens am Dienstagmorgen zum Thema: „Thema Oktoberfest-Zeit – Zeit für Grapscher?“. In der Sendung, die mit der Frage „Wenn die Angst mitfeiert“ übertitelt war, ging es darum, ob Flirten auf dem Oktoberfest nach „MeToo“ und der Änderung des Sexualstrafrechts schwieriger geworden sei.

Viele Zuschauer äußern sich auf Twitter und Facebook empört über den Beitrag, weil er keine Frau zu Wort kommen lässt und Stereotype über sexualisierte Gewalt und Belästigung reproduziert. Eine Pressesprecherin von Sat1 schreibt auf Anfrage von BuzzFeed News, dass es „redaktionell unglücklich“ gewesen sei, dass bei dem Thema keine Frau zu Wort kam.

„ [...] die MeToo-Debatte kann das Ganze für Frauen und natürlich auch für Männer sehr gefährlich machen.“

„Und selbstverständlich ist auch Flirtzeit, doch die MeToo-Debatte kann das Ganze für Frauen und natürlich auch für Männer sehr gefährlich machen“, sagte Wackert in der Anmoderation. Der Moderator sprach anschließend über einen Fall aus dem letzten Jahr, in dem jetzt ein Mann zu neun Monaten auf Bewährung verurteilt wurde. Er hatte einer Frau in den Schritt gefasst. Wacker fragte: „Ist das noch gerechtfertigt?“

Alexander Stevens antwortet darauf: „Das ist natürlich nicht in Ordnung, aber allerdings, ob das noch verhältnismäßig ist.“ Für Körperverletzungsdelikte gäbe es weniger harte Strafen, so der Anwalt.

Der Moderator Wackert sagte weiter, er habe nun das Gefühl, dass diese Verschärfung des Sexualstrafrechts auch „in erster Linie natürlich für die Männer schlimm“ sei – aber auch für die Frauen, „weil sich Männer eventuell ja gar nicht mehr trauen vernünftig zu flirten.“

Stevens stimmte dem zu. „Die Gratwanderung zwischen dem unverbindlichen Flirt und der Tatsache wo es dann irgendwie zu weit geht ist fließend“, so der Anwalt.

Er bedauerte, dass durch die „MeToo“-Debatte „auch so ein Opferverständnis“ entstanden sei. „Auch leider bei den Richtern, bei denen man völlig undifferenziert alles glaubt, was gesagt wird.“ Belege oder Zahlen dafür führte er keine an.

Tatsächlich steigen seit der Änderung des Sexualstrafrechts die Anzeigen, aber nicht die Verurteilungen. Laut dem Wiesn-Report von 2017 haben sich die angezeigten Sexualdelikte auf dem Oktoberfest im Vergleich zum Vorjahr fast verdoppelt. 2016 waren es 34 Anzeigen, 2017 waren es 67.

Ein Pressesprecher der Polizei München sah den Grund in mehr Videoüberwachung und Ausweitung der Kontrollen. Auch in diesem Jahr kam es bereits zu sexualisierten Übergriffen, wie Vice berichtet.

Viele Zuschauerinnen sind wütend über den Beitrag und finden er verharmlost sexualisierte Gewalt.

Auf Twitter und Facebook haben viele Menschen kein Verständnis für die Fragen, welche in dem Gespräch diskutiert werden.

Buzzfeed News / Via Twitter: @maike_wrtschd
Buzzfeed News / Via Twitter: @MandyMatz
Buzzfeed News / Via Twitter: @nora_felicitas
Buzzfeed News / Via Twitter: @Ni_Naseweis
Buzzfeed News
Buzzfeed News / Via Facebook: fruehstuecksfernsehen

Stevens ist ein Rechtsanwalt, der sich auf Vergewaltigung, sexuellen Missbrauch und Kinderpornografie spezialisiert hat und insbesondere auf die Verteidigung mutmaßlicher Täter. In einem Interview im MDR gab er an, mittlerweile lieber mutmaßliche Täter zu verteidigen als Betroffene. Die bezeichnet er laut MDR als „Suggestiv-Opfer“.

Laut einem Interview in der Welt von 2016 hat Stevens sich auf das Thema spezialisiert, weil er einen Mandanten hatte, der seiner Meinung zu Unrecht der Vergewaltigung schuldig gesprochen wurde. In der Welt sagt er: „Andererseits gibt es Einschätzungen, nach denen 50 Prozent der Vergewaltigungsanzeigen falsch sind.“ Auch hierfür gibt es keine belastbaren Zahlen.

UPDATE

Eine Pressesprecherin von Sat1 schreibt BuzzFeed News am Donnerstagmorgen: „Es war redaktionell durchaus unglücklich, dass bei diesem Talk keine Frau zu Wort kam bzw. den Talk geführt hat. Normalerweise ist das Standard beim „SAT.1-Frühstücksfernsehen", Talks gemischt-geschlechtlich zu führen, in Zukunft wird dies auch so gehandhabt werden.“

Wie viele andere Themen, werde auch dieses Thema kontrovers in den sozialen Medien diskutiert. Die Redaktion beobachte das sehr genau und sei mit den Zuschauern im regelmäßigen Austausch. Der Anwalt Alexander Stevens sei schon häufig Gesprächspartner im „SAT.1-Frühstücksfernsehen“ gewesen, bislang habe es keine Beanstandungen gegeben.

Ein Teil dieser Stellungnahme wurde weiter oben im Text ergänzt.

Mittlerweile hat sich auch der Moderator Christian Wackert auf Twitter zu der Kritik geäußert:

Liebe alle, Kritik angekommen. Talk nochmal angeschaut, redaktionell besprochen. Fehler gesehen und notiert. Dafür möchte ich mich entschuldigen. @Antialleslisa @AmadeuAntonio @HaZimmermann @BuzzFeedNewsDE @BuzzFeedGermany



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Pascale Müller ist Reporterin für Politik und sexualisierte Gewalt. Kontakt: Pascale.mueller@buzzfeed.com

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