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Die ETH Zürich wirft nach Mobbingvorwürfen die Beschwerdepersonen raus

An einer der renommiertesten Unis Europas sollen „Psychoterror“ und „Clanstrukturen“ geherrscht haben. Die Uni schreibt, eine Untersuchungskommission kläre die Vorwürfe auf.

Die ETH Zürich hat sich nach jahrelangen Mobbingvorwürfen nicht von der beschuldigten Professorin, sondern von ihren beiden Ombudspersonen getrennt. Das zeigt ein Brief der Ombudspersonen von Anfang April diesen Jahres an Fritz Schiesser, den Präsidenten des ETH-Rats. Der Brief liegt BuzzFeed News vor. Darin wird auch der Präsident der Universität, Lino Guzzella, scharf kritisiert.

Offiziell begründet die Universität das Ende der Ombudstätigkeit damit, dass die Professoren Maryvonne Landolt und Wilfred F. Gunsteren mit 70 beziehungsweise 72 Jahren zu alt seien. „Die ETH Zürich wählt keine Personen neu oder erneut in ihre Gremien, die älter als 70 Jahre alt sind“, schreibt eine Pressesprecherin BuzzFeed News auf Anfrage. Im Zuge der Neubesetzung sei die Ombudsstelle von zwei auf drei Ombudspersonen aufgestockt worden. Dies zeige, wie ernst die Universitätsleitung die Herausforderungen dieser Stelle nehme.

Die Ombudspersonen vermuten allerdings, dass ihr Ausscheiden damit zu tun hat, dass sie einen Mobbing-Skandal aufklären wollten. In ihrem Brief schreiben sie: „Da eine Ombudsperson unabhängig von der ETH sein sollte und wir somit auch nicht an der ETH angestellt sind, kann die mitgeteilte Begründung nicht dem wirklichen Grund der Nicht-Wiederwahl der zwei bisherigen Ombudspersonen entsprechen.“

In ihrem Brief schreiben Landolt und van Gunsteren:

„Es drängt sich der Verdacht auf, dass der wirkliche Grund der Nicht-Wiederwahl in den Ereignissen bezüglich der Aufdeckung und Behebung eines Fehlverhaltens einer Professorin an der ETH liegt.“

Die ETH Zürich verweist auf Anfrage von BuzzFeed News nach den Gründen für das Ende der Ombdustätigkeit von Landolt und Gunstner auf einen Eintrag auf der Homepage. Dort wird angekündigt, dass die Ombudspersonen wechseln. Auf die Gründe wird nicht eingegangen.

Gabriela M. (Name aus rechtlichen Gründen geändert), Professorin am Institut für Astronomie, soll mehr als zehn Jahre lang Doktoranden und Post-Doktoranden gemobbt und drangsaliert haben. Betroffene hatten BuzzFeed News und der NZZ gegenüber Vorwürfe gegen die Professorin und die Universität erhoben und von „Psychoterror“ gesprochen. Als die Fälle der ETH Zürich im Februar bekannt wurden, reagierte die Leitung – und löste kurzerhand das gesamte Institut auf.

Gabriela M. und ihr - ebenfalls an der Universität beschäftigte - Mann befanden sich bereits seit dem Frühjahr 2017 in einem Sabbatical. Nun dürfen sie offenbar zurückkehren. Auch dies geht aus dem Brief hervor, der BuzzFeed News vorliegt.

Betroffene Wissenschaftler sprachen im vergangenen Herbst gegenüber BuzzFeed News von „der dunkelsten Episode ihres Lebens“ und von „Clanstrukturen“.

„Ich bin depressiv und krank geworden“

Walter Bieri/Keystone/dpa

Im November 2017 hatten Doktoranden der ETH Zürich der Astronomie-Professorin schwerwiegendes Mobbing vorgeworfen und Hierarchien an der Universität kritisiert.

Christian Müller (Name geändert) war mehr als vier Jahre am Institut. In seinem letzten halben Jahr habe er nur noch versucht, Gabriela M. aus dem Weg zu gehen, solche Angst habe er gehabt „Wenn ich gehört habe, dass sie den Flur runterkommt, habe ich mich auf der Toilette versteckt und gehofft, dass sie weg ist, bis ich wieder rauskomme“, sagte er.

Maryam Shirazi war bei Gabriela M. als Post-Doktorandin angestellt. „Die Zeit dort war sehr hart für mich. Ich bin depressiv und krank geworden“, sagte sie BuzzFeed News im November. „Ich hatte eigentlich die Chance eine gute Karriere zu machen.“ Heute arbeitet Shirazi für ein Finanzinstitut und hat mit Astronomie nichts mehr zu tun.

Bereits Ende Juni 2017, so schreiben es die Ombudspersonen, sei klar geworden, dass der Präsident der ETH Zürich, Lino Guzzella, der Professorin „eine Wiederaufnahme der professoralen Tätigkeiten im Frühling 2018“ erlauben würde. Einen entsprechende schriftliche Vereinbarung, die es zwischen Guzzella und Professorin Gabriela M. gegeben habe, hätten die Ombudspersonen nicht einsehen dürfen.

Die Universität teilt BuzzFeed News am Samstag auf Anfrage mit, dass es keine solche Vereinbarung zwischen den beiden Professoren und dem ETH-Präsidenten gegeben habe. „Es wurden Gespräche geführt, deren Inhalte in Form von Gesprächsnotizen Teil der Personaldossiers sind. Zu diesen Gesprächsnotizen haben die Ombudspersonen aus persönlichkeitsrechtlichen Gründen keinen Zugriff“, so eine Pressesprecherin.

Im Januar hatte die Universität eine Stellungnahme veröffentlicht, in der eine Untersuchung gegen Gabriela M. wegen Verdachts auf Fehlverhalten in der Forschung angekündigt wird. Außerdem sei eine Administrativuntersuchung eingeleitet worden. Die Untersuchungskommission soll klären, ob es tatsächlich zu Verstößen gegen die Integritätsrichtlinien der ETH Zürich gekommen sei. Die betroffene Professorin sei bis zum Abschluss beider Untersuchungen freigestellt. Beide Verfahren sollen bis zum Sommer abgeschlossen werden.

Ombudsmann wurden von der Universitätsleitung aufgefordert seine Untersuchung einzustellen

Die Ombudspersonen haben eine Übersicht mit allen E-Mails angefertigt, die sie zum Thema erhalten oder gesendet haben. Dieses Dokument liegt BuzzFeed News vor. Die Ombudspersonen schreiben, dass sie am 7. März 2017 sowohl vom Vize-Präsidenten für Personal, Ueli Weidmann, als auch von ETH-Präsident Guzzella aufgefordert wurden, im Fall Gabriela M. nicht weiter aktiv zu werden.

Screenshot/ BuzzFeed News

Auszug der Übersicht von Emails, die durch den Ombudsmann der ETH zwischen Januar und November 2017 versandt oder empfangen wurden.

Am 4. Mai 2017 habe man der Universitätsleitung einen ausführlichen schriftlichen Bericht vorgelegt, schreiben van Gunsteren und Landolt. Die Rückmeldung des Präsidenten darauf habe sich auf ein Telefongespräch mit van Gunsteren am 4. Juli 2017 beschränkt, in welchem der Präsident dem Ombudsmann mitgeteilt habe, dass im Fall der Professorin Maßnahmen ergriffen worden seien. Auf die Frage des Ombudsmannes, worin diese Maßnahmen bestünden, habe der Präsident jegliche Auskunft verweigert.

Die Ombudspersonen befürchten, dass eine „neue Generation von Doktorierenden und Post-docs [...] den psychischen Übergriffen der Professorin“ ausgesetzt würden. Daher meldeten sie das ihrer Ansicht nach „ethisch und rechtlich unkorrekte Verhalten“ der Professorin und des Präsidenten am 7. Juli 2017 dem Rat der ETH Zürich.

Van Gunsteren und Landolt sind der Meinung, dass ihr ausführlicher Bericht an den Universitätsrat der Grund für ihren Rauswurf ist. Van Gunsterens Amtszeit endete Ende März 2018, die von Maryvonne Landolt wird diesen Sommer enden. Die Universitätsleitung habe mit dem „Vorgehen gegen kritische Ombudspersonen“ das Amt untergraben, schreiben die beiden in ihrem Brief.

Dokumente, die den Fall betreffen, vor allem eine Vereinbarung zwischen Lino Guzzella und Gabriela M., seien von der Universitätsleitung nicht an die Ombudspersonen weitergeleitet worden.

ETH-Präsident soll Ombudsstelle als „lästig“ betrachten

Screenshot/ BuzzFeed News

Aus den Dokumenten geht hervor, dass sich die Universitätsleitung geweigert hat, den Ombudsmann Dokumente zum Fall Gabriela M. einsehen zu lassen.

Deshalb kritisieren Landolt und van Gunsteren den Präsidenten der ETH scharf. Sie schreiben: „Die Ereignisse des vergangenen Jahres haben uns gezeigt, dass der Präsident kein inhaltliches Interesse an Überlegungen und Anregungen der Ombudsstelle hat, und dass er diese als lästig betrachtet.“

Guzzella sehe sich selber als „den CEO einer hierarchisch strukturierten Organisation, als Befehlsgeber, dessen Vorgaben befolgt werden müssen“.

Ein ehemaliger Wissenschaftler der ETH Zürich schreibt BuzzFeed News in einer Email, das Vorgehen der Universität mache ihn sprachlos. „Ich hätte mir nie vorstellen können, dass Amtsmissbrauch so offensichtlich ausgeübt wird.“

Auch Christian Müller ist enttäuscht: „Jetzt da die unliebsamen Leute weg sind, lässt man Gras über die Sache wachsen und macht einfach weiter.“

BuzzFeed News hat Wilfred F. van Gunsteren und Maryvonne Landolt um ein Gespräch gebeten. Auf diese Anfrage haben die Professoren bisher nicht reagiert. Antworten werden hier gegebenenfalls nachgetragen.

UPDATE

BuzzFeed News hat der ETH Zürich am 20.4. die Möglichkeit gegeben, sich zu den Vorgängen zu äußern und zu erklären, warum die Zusammenarbeit mit Maryvonne Landolt und Wilfred F. Gunsteren beendet wurde. Diese Frage wurde durch die Universität nicht direkt beantwortet. Stattdessen wurde auf zwei allgemeine Pressemitteilung vom 12. April bzw. 17. Januar verwiesen. BuzzFeed News hat sich daher in einer vorherigen Version dieses Textes auf Aussagen von ehemaligen Wissenschaftlern und von den Ombudspersonen verfasste Dokumente gestützt. Die Pressesprecherin der ETH Zürich meldete sich am Tag nach der Veröffentlichung per Email bei BuzzFeed News und wies darauf hin, dass es sich „nicht um einen Rauswurf, sondern um eine Nicht-Wiederwahl“handele, da „die ETH Zürich keine Personen neu oder erneut in ihre Gremien wählt, die älter als 70 Jahre alt sind.“ Die entsprechende Stelle im Text wurde daraufhin angepasst.

Die Pressestelle erklärte außerdem, dass es keine Vereinbarung zwischen Gabriela M. und dem ETH-Präsidenten Lino Guzzella gegeben habe, zu denen die Ombudspersonen keinen Zugang hatten. Es seien „Gespräche geführt worden, deren Inhalte in Form von Gesprächsnotizen Teil der Personaldossiers seien“. Zu diesen Gesprächsnotizen hätten die Ombudspersonen aus persönlichkeitsrechtlichen Gründen keinen Zugriff. Dem entgegen stehen Passage aus dem Brief der Ombudspersonen und Emails zu diesem Sachverhalt, die diese angeben empfangen und gesendet zu haben. Die entsprechenden Stellen im Text wurden angepasst.

Pascale Müller ist Reporterin für Politik und sexualisierte Gewalt. Kontakt: Pascale.mueller@buzzfeed.com

Contact Pascale Müller at pascale.mueller@buzzfeed.com.

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