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An der ETH Zürich hat eine Professorin zehn Jahre lang Studenten gemobbt und die Uni hat nichts dagegen unternommen

"Sie hat meine Karriere zerstört."

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An der ETH Zürich hat eine Professorin am Institut für Astronomie über zehn Jahre lang Doktoranden und Post-Doktoranden gemobbt und drangsaliert. Zuvor hatte die NZZ darüber berichtet. Buzzfeed News hat mit zwei Betroffenen gesprochen, die erhebliche Vorwürfe gegen die Professorin und die Universität erheben. Es geht um Drohungen, Demütigungen und verhinderte Karrieren. Als die Fälle der ETH Zürich im Februar bekannt werden, reagiert die Leitung - und löst kurzerhand das gesamte Institut auf.


Der Kosmos war Maryam Shirazis Traum. Schon während ihrer Schulzeit im Iran wollte sie Wissenschaftlerin werden, studierte später Physik, machte einen Doktor. Dann kommt sie im November 2013 ans Institut für Astronomie der ETH Zürich. Und hier, an einer der renommiertesten Universitäten Europas, zerbricht ihr Traum - an Gabriela M. (Name geändert).

„Sie hat meine Karriere zerstört“, sagt Shirazi in einem Skype-Interview mit Buzzfeed News. Gabriela M. habe sie und andere Wissenschaftler gemobbt und schikaniert. Ein ehemaliger Doktorand spricht von „Psychoterror“. Bei Meetings wurde sie persönlich, warf Mitarbeiterinnen vor, sich falsch zu kleiden oder Make-Up zu tragen. Sie setzt Treffen so an, dass sie bis spät in die Nacht dauern, erwartet, dass Emails auch nachts sofort beantwortet werden oder drängt Mitarbeiter dazu, keinen Urlaub zu nehmen. Das geht aus übereinstimmenden Berichten von Betroffenen hervor.

M., eine international renommierte Wissenschaftlerin, kommt 2002 gemeinsam mit ihrem Mann, dem britischen Astronom Paul F. (Name geändert) an die ETH Zürich. Gemeinsam bauen sie das Institut für Astronomie auf. Außer dem Ehepaar gibt es lange Zeit keine anderen Professoren.

„Du hast keine Chance, gegen mich zu gewinnen“

„Die Zeit dort war sehr hart für mich“, sagt Shirazi. „Ich bin depressiv und krank geworden.“ Shirazi war als Post-Doktorandin angestellt. Die Datensätze und Instrumente, mit denen sie das Weltall vermisst, kannten damals nicht viele, sagt sie. „Ich hatte eigentlich die Chance eine gute Karriere zu machen.“

Doch die Professorin verbietet Shirazi Kontakt mit ihrem Doktorvater. „Vergiss Daddy, hat sie zu mir gesagt. Mommy ist jetzt für dich da.“ Die lang geplante Teilnahme Shirazis an einem Kongress in Asien sagt M. am Abend vorher ab.

M., so schildern es Betroffene, mit denen Buzzfeed News gesprochen hat, versucht, ihre Mitarbeiter und Studenten zu isolieren. Sie sollen nicht miteinander und nicht mit Kollegen sprechen. Sie will alles kontrollieren. Die Doktoranden tauschen sich heimlich aus, wenn M. schon nach Hause gegangen ist oder in der Mittagspause, wenn sie sie nicht sieht.

M. selbst will sich nicht zu den Vorwürfen äußern. Eine Mitarbeiterin schreibt Buzzfeed News auf Anfrage, die Pressestelle der ETH Zürich sei der Ansprechpartner. Aber auch dort möchte man sich nicht zu konkreten Fragen äußern, sondern verweist weiter auf eine Pressemitteilung vom 25. Oktober.

Darin ist zu lesen, dass die Hochschulleitung der ETH Zürich beschlossen hat, „eine unabhängige Untersuchung aufgrund der Vorwürfe im früheren Institut für Astronomie zu eröffnen“. Die Vorwürfe seien der Universität seit Februar 2017 bekannt. Sie stünden „in klarem Widerspruch zu dem, was wir von unseren Professoren und Professorinnen erwarten“, wird ETH-Präsident Lino Guzzella darin zitiert.

Bis „zum Abschluss der Untersuchungen und der Kenntnisnahme durch den ETH-Rat in dieser Angelegenheit“ könne man aber keine weiteren Auskünfte geben, so eine Sprecherin.

Ins Rollen gebracht hat den Fall im Februar eine Doktorandin, die aktuell noch an der ETH forscht und deshalb ihren Namen nicht im Internet lesen will. Gabriela M. setzte sie unter Druck, eine Erklärung zu unterschreiben, in der sie all ihre "Schwächen" bestätigen soll - und dass sie selbst daran schuld ist, dass es mit ihrem Doktor nicht so gut laufe. Tue sie das nicht, dann „können wir nicht mehr zusammenarbeiten“. Die Doktorandin schreibt in einer Stellungnahme, M. habe gedroht: „Du hast keine Chance gegen mich zu gewinnen.“ Auch eine zweite Doktorandin wird gedrängt, so ein Dokument zu unterzeichnen.

“Es war für mich die dunkelste Episode in meinem Leben"
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Die Doktorandin geht zum Ombudsmann. Gemeinsam sammeln sie Stellungnahmen von ehemaligen Studenten und Post-Doktoranden über ihre Zeit mit Gabriela M. In den Stellungnahmen, die Buzzfeed News vorliegen, wird der Professorin Mobbing und Machtmissbrauch vorgeworfen. Die Medienbeauftragte der ETH Zürich schreibt dazu: "Es ist nicht aktenkundig, dass es schon früher zu Problemen zwischen der Professorin und ihren Doktorierenden gekommen ist." Dem allerdings stehen Aussagen von ehemaligen Doktoranden und Post-Doktoranden gegenüber, die Buzzfeed News vorliegen. Diese versichern glaubhaft und unabhängig voneinander, sich innerhalb der vergangenen zehn Jahre mit Beschwerden an universitäre Stellen wie den Ombudsmann und den Pro-Rektor gewandt zu haben. Warum diese keinen Aktenvermerk über die Beschwerden erstellten, ist unklar.


„Mir ist klargeworden, dass ich von meiner eigenen Vorgesetzten psychologisch missbraucht wurde“, schreibt die Doktorandin. M. sei aggressiv, erwarte, dass man auch nachts ständig erreichbar sei und immer arbeite. Das Beunruhigendste sei aber, so die Doktorandin: „wir haben wirklich niemals über Physik gesprochen“. Stattdessen sei es um Farbschemata von Präsentationen gegangen, ihre Körperhaltung oder ihre Arbeitsmoral.

Mit Frauen geht M. ruppiger um als mit Männern, bestätigen die Aussagen. Eine weitere Doktorandin schreibt über ihre Zeit mit M., dass diese sie vor männlichen Kollegen bloß stellte: „Mir wurde gesagt, dass wenn ich Zeit für Make-up hätte, auch mehr Plots produzieren könnte.“ M. beschuldigt sie, sexuelle Beziehungen mit Kollegen zu haben und fragt sie vor anderen Wissenschaftlern intime Dinge. In mindestens drei der Stellungnahmen berichten Doktorandinnen davon, dass sie nach Beleidigungen von M. unter Tränen zusammengebrochen seien.

“Es war für mich die dunkelste Episode in meinem Leben und der Grund, warum ich mich entschiede habe nicht weiter in der Astronomie zu arbeiten, obwohl ich vor und während meinem Post-Doc an der ETH sehr erfolgreich war“, schreibt eine dritte ehemalige Mitarbeiterin.

Die Stellungnahmen sind kein Rachefeldzug gescheiterter Wissenschaftler. Auch ein Post-Doktorand, der heute an einer renommierten Universität forscht, spricht im Hinblick auf das Ehepaar F. und M. von „Clanstrukturen“ im Institut.

Als klar wird, dass es sich nicht um Einzelfälle handelt, reagiert die Universität. Das Institut für Astronomie wird im August still und heimlich aufgelöst. Die „personelle Konstellation am Institut für Astronomie war rückblickend betrachtet ungünstig“, heißt es in einem Statement vom 25. Oktober. Gabriela M. und ihr Mann befinden sich seit September in einem sechsmonatigen Sabbatical. Die drei Doktorandinnen, die noch am Institut waren, wurden schon im Februar an andere Fakultäten umverteilt.

Mit diesem Vorgehen hat die Hochschulleitung vermieden, dass der Fall öffentlich wird. Arbeitsrechtliche Konsequenzen gab es bisher keine. Wenn Gabriela M. im Frühjahr wieder am Institut ist, soll es ein Coaching für sie geben. Ehemalige Studenten sind skeptisch, ob es damit besser wird.

„Wenn ich gehört habe, dass sie den Flur runterkommt, habe ich mich auf der Toilette versteckt."
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Christian Müller (Name geändert) war mehr als vier Jahre am Institut. Für ihn ist M. das Produkt eines Wissenschaftsbetriebs, in dem ohne Rücksicht auf Verluste für die Karriere gekämpft wird. „Wenn man wie sie so im System ist, merkt man nicht, dass da ein Mensch dahintersteht“, sagt er im Interview mit Buzzfeed News. „Den man bricht.“

In seinem letzten halben Jahr als Doktorand habe er deshalb nur noch versucht ihr aus dem Weg zu gehen. „Wenn ich gehört habe, dass sie den Flur runterkommt, habe ich mich auf der Toilette versteckt und gehofft, dass sie weg ist, bis ich wieder rauskomme“, sagt er.

Mitten in der Nacht kommen Emails von M. - wenn er nicht innerhalb von 30 Minuten antwortet, schickt sie noch eine Mail hinterher. Betreff: „?“

„Psychoterror“ sei das gewesen, sagt Müller. Er sei nicht der einzige gewesen, der Angstzustände und schlaflose Nächte gehabt habe. Doch wem es nicht so schlecht ging, der versuchte es irgendwie über sich ergehen zu lassen. „Da hatte jeder Angst um sein eigenes Überleben.“

Als Doktorand oder Post-Doktorand bekommt man nur befristete Verträge. Viele fürchten um ihren Job, sollten sie sich kritisch über Gabriela M. äußern. Für Maryam Shirazi hing an ihrem Arbeitsvertrag auch ihr Visum. „Ohne die Arbeit hätte ich das Land sofort verlassen müssen“, sagt sie. Deshalb beschwerte sich sie nie über ihre Chefin.

Erst als diese ihr kein ordentliches Arbeitszeugnis ausstellen will, beauftragt sie einen Anwalt. Am Ende verfasst Gabriela M. ein Arbeitszeugnis, aber das ist so schlecht, dass es Shirazi eher schadet als hilft. Heute arbeitet sie bei einer Bank und ist immer noch in psychologischer Behandlung. „Nachdem es mit der Astronomie vorbei war, habe ich kein neues Ziel in meinem Leben gefunden.“

Etwa ein Drittel aller Doktoranden, die Gabriela M. betreut, scheitern mit ihrer Doktorarbeit. Deutlich mehr als im ETH-Durchschnitt. Viele von denen, die es schaffen, arbeiten heute in anderen Bereichen. Auch Christian Müller ist von der Wissenschaft in die Privatwirtschaft gewechselt.

Die Ombudsstelle wusste seit 2005 von Problemen am Institut

Eine Gruppe von Forschern, die am 23. Oktober einen Unterstützerbrief für M. verfasst, führt an, dass es mindestens eine Handvoll Studenten gibt, deren Karriere positiv verlaufen ist. Außerdem seien die angesprochenen Probleme „weitläufig und in akademischen Kreisen sehr relevant“. Eine einzige Professorin deswegen anzuschuldigen sei „höchst ungerecht“ und „frauenfeindlich“, heißt es in dem Brief, der Buzzfeed News vorliegt.

„Die genannten erfolgreichen Studenten hatten alle einen externen Zweitbetreuer“, so Müller. Sein Zweitbetreuer hingegen war Paul F., der Ehemann von Gabriela M. „Wenn man ein Problem mit ihr hatte, konnte man nicht zu ihm gehen und sich beschweren“, so Müller.

"Wer erfolgreich sein will, kann keinen Urlaub nehmen"

Müller versucht, sich trotzdem zu wehren, geht gemeinsam mit anderen Doktoranden und Post-Doktoranden zum Ombudsmann und zum Pro-Rektor. Dort sagt man ihm, man werde versuchen eine Lösung zu finden, einen neuen Zweitbetreuer etwa. Doch alle Vorschläge laufen darauf hinaus, dass Gabriela M. irgendwann am Gespräch beteiligt wird. „Davor hatten wir so viel Angst“, sagt Müller. „Wir wollten immer, dass sie eigentlich nichts davon mitbekommt.“

Eine andere Doktorandin, die sich eigenen Angaben nach bereits 2005 an den Ombudsmann wendet, erhält als Antwort: „Wir wissen von dem Problem, aber wir können nichts tun.“

Müller schleppt sich bis zum Ende durch. Weil er so viel arbeitet, hat er am Ende seiner Zeit noch mehrere Wochen Urlaub übrig. Doch freinehmen kann er nicht. Wer erfolgreich sein will, könne keinen Urlaub nehmen, habe das Credo seiner Chefin gelautet. M. sagt ihm zwar, seine Daten seien es nicht wert, dass er dafür einen PhD kriege. Trotzdem muss er für die Übergabe alles haarklein dokumentieren, braucht dafür bis zum letztem Tag.

Noch heute ist sein Selbstbewusstsein von den Jahren am Institut angeschlagen. Vielleicht habe sie ja doch recht gehabt, dass er dumm ist, denkt er dann. Ein Versager. In der Firma, in der er jetzt arbeitet, bekommt er zum ersten Mal seit vielen Jahren ein positives Feedback.

Böse Absichten unterstellt er Gabriela M. nicht. „Sie hat manchmal gesagt, dass wir ihre Kinder sind. Nach außen hat sie uns dann auch verteidigt, aber nach innen hat sie uns niedergemacht.“ Vertrau mir, habe sie immer gesagt. „Ich bin dein Freund“.

UPDATE

Buzzfeed News hat der ETH Zürich am 2.11. die Möglichkeit gegeben, sich zu den Vorgängen zu äußern und zu erklären, wann die Vorwürfe gegen Gabriela M. der Universität bekannt waren. Diese Frage wurde durch die Universität nicht direkt beantwortet. Stattdessen wurde auf eine allgemeine Pressemitteilung vom 25. Oktober verwiesen. Buzzfeed News hat sich daher in einer vorherigen Version dieses Textes auf Aussagen von ehemaligen Doktoranden und Post-Doktoranden gestützt. Die Medienbeauftragte der ETH Zürich meldete sich am Tag nach der Veröffentlichung per Email bei Buzzfeed News und wies darauf hin, dass die ETH Zürich "sofort reagiert hat, als sie von den Vorwürfen im Februar 2017 erfahren hat." Die entsprechende Stelle im Text wurde daraufhin angepasst.

Die Pressestelle erklärte außerdem, es sei nicht aktenkundig gewesen, dass es vor Februar 2017 zu Problemen zwischen der Professorin und ihren Doktorierenden gekommen sei. Dem stehen Aussagen von ehemaligen Doktoranden und Post-Doktoranden gegenüber, die Buzzfeed News vorliegen, und die glaubhaft und unabhängig voneinander versichern, sich innerhalb der vergangenen zehn Jahre mit Beschwerden an universitäre Stellen, wie den Ombudsmann und den Pro-Rektor, gewandt zu haben. Warum diese keinen Aktenvermerk über die Beschwerden erstellten ist unklar. Die entsprechende Stelle im Text wurde angepasst.

UPDATE

Als Reaktion auf die Berichterstattung haben mittlerweile 690 internationale Wissenschaftler der Astronomie einen Brief an die Betroffenen verfasst, darunter führende Forscher aus den USA und Großbritannien. Sie schreiben dort: "Wir glauben an den Forschungsgeist von Nachwuchswissenschaftlern [...] Mobbing hat keinen Platz in der Astronomie."

UPDATE

Das Pseudonym des betroffenen männlichen Doktoranden wurde nachträglich zu Christian Müller geändert, um eine Verwechslung mit am Institut beschäftigten Personen zu vermeiden.


Pascale Müller ist Reporterin für Politik und sexualisierte Gewalt. Kontakt: Pascale.mueller@buzzfeed.com

Contact Pascale Mueller at pascale.mueller@buzzfeed.com.

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