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Ein Erdbeerproduzent kidnappt Erntehelferinnen, weil die über Missbrauch aussagen wollen

Zuvor hatten hunderte Frauen Anzeige gegen die Firma erstattet.

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Ein großer spanischer Erdbeerproduzent hat offenbar mehrere Dutzend marokkanische Erntehelferinnen gefeuert und einige gegen ihren Willen in Bussen gekidnappt, damit diese nicht gegen das Unternehmen aussagen. Das berichten spanische Medien und die spanische Gewerkschaft SAT.

Zuvor hatten Hunderte Frauen vor einer Polizeistation im Erdbeeranbaugebiet demonstriert. Die Gewerkschaft SAT erstattete im Namen dieser Frauen Anzeige gegen den Erdbeerproduzenten „Doñana 1998“. Vier Frauen haben zudem Anzeige gegen ihren direkten Vorgesetzten eingereicht, der sie sexuell missbraucht haben soll.

Die Anzeigen und die Entführung sind Reaktionen auf eine gemeinsamen Recherche von BuzzFeed News und dem gemeinnützigen Recherchebüro Correctiv. Ende April hatten wir aufgedeckt, dass sexualisierte Gewalt gegen Erntehelferinnen in Spanien weit verbreitet ist.

„Meine Frau und ich, alle bei SAT kämpfen seit 30 Jahren für Menschenrechte in der Region, aber ihr habt diesen Missständen den Stecker gezogen“, schreibt der Vorsitzende der Gewerkschaft SAT in Huelva, José Antonio Regalado, BuzzFeed News.

Die Firma „Doñana 1998“ soll den Medienberichten zufolge am Sonntag Dutzende Frauen entlassen haben. Die Frauen sollten in Bussen aus der Region Huelva nach Algericas gefahren werden, um dort mit der Fähre nach Marokko gebracht zu werden.

Die Frauen sagen, man habe sie zunächst auf der Farm eingesperrt und dann gegen ihren Willen weggebracht. Das geht aus Audionachrichten hervor, welche die Frauen der Gewerkschaft SAT geschickt haben. Einige der Frauen konnten fliehen, als der Bus anhielt. Sie informierten Lokalmedien sowie die Gewerkschaft SAT.

Erdbeerproduzent wegen Entführung angezeigt

Die Zeitung „El Público“ berichtet, dass die Polizei die Busse aufgehalten habe. Der Erdbeerproduzent „Doñana 1998“ bestreitet, dass die Frauen entführt worden seien und verweist darauf, dass der befristete Arbeitsvertrag der Frauen ausgelaufen sei. Dem entgegen stehen Arbeitsverträge der Frauen, welche die Gewerkschafter von SAT auf ihrem Facebook-Profil veröffentlicht haben. Dort ist zu sehen, dass die Frauen vorzeitig entlassen wurden.

BuzzFeed News hat „Doñana 1998“ schriftlich um Stellungnahme gebeten, Antworten tragen wir hier gegebenenfalls nach. Ein Mitarbeiter sagte BuzzFeed News am Telefon, er „könne zu dem Thema gerade gar nichts sagen“ und versprach einen Rückruf, der bis zur Veröffentlichung nicht erfolgte.

Gegenüber der Zeitung „La Mar de Onuba“ sprach Manuel Matos, der Chef von „Doñana 1998“ am Dienstag allerdings von einer durch SAT „organisierten Kampagne“ gegen das Unternehmen. Matos wies alle Anschuldigungen zurück und bezeichnete sie als „Lügen“.

Der Vorsitzende der Gewerkschaft SAT in Huelva, José Antonio Regalado, hatte „Doñana 1998“ zusätzlich nochmal wegen „Entführung von Zeitarbeiterinnen“ angezeigt.

Die Anzeige gegen „Doñana 1998“

facebook.com / Via Facebook/ Diego Martin

Am Freitag hatten hunderte Marokkanerinnen vor der Polizeistation in der Stadt Almonte im Erdbeeranbaugebiet protestiert. Danach reichte die Gewerkschaft SAT eine Sammelklage für 400 Frauen ein. Die Frauen werfen ihren Vorgesetzten unter anderem Missachtung von Arbeitsrechten, Missbrauch und Belästigung vor. Ein Gewerkschafter von SAT hatte die Proteste gefilmt.

Am Montag wollten die Arbeitsinspektion und die Gewerkschaft die Farm von „Doñana 1998“ besuchen. SAT wertet das Vorgehen des Unternehmens am Sonntag deshalb als Versuch, die Frauen an einer Aussage zu hindern.

Proteste vor der Polizeistation in Almonte

Facebook: video.php / Via Diego Cañamero Valle

Hunderte Erntehelferinnen protestieren gegen Ausbeutung vor der Polizeistation in Almonte.

Die Gewerkschaft gibt an, dass sie am Freitag versucht hatte, bei Staatsanwaltschaften in mehreren Städten Anzeige zu erstatten. Diese sei dort aber nicht angenommen worden – unter anderem mit dem Verweis darauf, dass Wochenende sei.

Am Montag wurde der Gewerkschaft und einem Abgeordneten des andalusischen Parlamentes, Diego Cañamero, nach eigenen Angaben der Zugang zur Arbeitsinspektion verwehrt. Gewerkschaftsführer Oscar Reina schrieb in einem Facebook-Post: „Dieser Institution ist Ausbeutung und sexueller Missbrauch offenbar nicht wichtig.“

Oscar Reina vor der Arbeitsinspektion in Huelva

facebook.com

Arbeiterinnen von „Doñana 1998“, die ebenfalls am Montag vor der Arbeitsinspektion mit der Presse sprachen, beschuldigten einen Vorgesetzten namens „Antonio“, sie sexuell missbraucht zu haben. Vier Betroffene sollen deshalb am Sonntag Anzeige gegen den Mann erstattet haben. Das berichtet „La Mar de Onuba“.

Die Webseite von „Doñana 1998“ war am Montag und Dienstag für BuzzFeed News nicht erreichbar. Der Twitter-Account und das Facebook-Profil sind gelöscht. Stattdessen teilten Nutzer auf Facebook Fotos der Chefs mit Texten wie: „Das sind die Unternehmer von „Doñana 1998“, der Firma, in der Frauen auf den Erdbeerfeldern vergewaltigt und entführt werden.“

BuzzFeed News hatte während der Recherche in Spanien auch Erntehelferinnen von „Doñana 1998“ auf der Farm interviewt. Weil es keinen Bus gibt, sagen sie, müssen sie per Anhalter fahren. Die Männer, die sie mitnehmen, zwingen sie dafür zum Sex.

„Er hat sie mit in den Wald genommen und mit ihr gemacht, was er wollte“

Facebook: video.php

„Doñana 1998“ produziert laut dem für die Firma ausgestellten Global G.A.P Zertifikat neben Erdbeeren auch Orangen, Mandarinen und Blaubeeren. Das Unternehmen war im Februar 2018 auch bei der größten europäischen Fruchtmesse, der „Fruit Logistica“, in Berlin vertreten und präsentierte sich dort mit dem Slogan: „Wir sind Leidenschaft. Wir sind Innovation.“

Hier lest ihr mehr über die Recherche:

Vergewaltigt auf Europas Feldern

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Pascale Müller ist Reporterin für Politik und sexualisierte Gewalt. Kontakt: Pascale.mueller@buzzfeed.com

Contact Pascale Mueller at pascale.mueller@buzzfeed.com.

Stefania Prandi is an award-winning journalist and photographer. She reported for example from Ethiopia, Argentina, Morocco, Spain and Italy – and published among others with Vice, Al Jazeera and El País. In April 2018 she published her first book in Italian, Oro rosso.

Contact Stefania Prandi at prandi.stefania@gmail.com.

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