Die Wehrlosen

Mehr als eine Million Ukrainer leben und arbeiten in Polen. Sie werden nicht bezahlt, ihre Chefs nehmen ihnen die Pässe weg oder schlagen sie sogar. Yaroslav bleibt trotzdem, es ist seine einzige Option.

    Die Wehrlosen

    Mehr als eine Million Ukrainer leben und arbeiten in Polen. Sie werden nicht bezahlt, ihre Chefs nehmen ihnen die Pässe weg oder schlagen sie sogar. Yaroslav bleibt trotzdem, es ist seine einzige Option.

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    Dies ist der zweite Teil einer dreiteiligen Serie über die Ausbeutung ukrainischer Arbeiter in Deutschland und Polen. Hier findet ihr Teil 1 „Die Unsichtbaren“ und Teil 3 „Der Austauschbare“.

    3,20 Euro am Tag. Davon muss Yaroslav Ignativ alles kaufen. Sein Essen, am besten Toast und tiefgefrorenes Hackfleisch. Ein bisschen Handyguthaben, damit er seine Töchter und seine Frau in der Ukraine anrufen kann. Ab und zu Zigaretten, weil es sonst nicht auszuhalten ist.

    Ignativ arbeitet bereits seit mehr als acht Monaten für ein Bauunternehmen in Danzig, als das ihn plötzlich nicht mehr bezahlt. Ignativ erinnert sich:

    Boss, wann bekomme ich mein Gehalt?

    Yarek, sagt der. Am Freitag gibt es einen Vorschuss. Vielleicht auch erst am Samstag.

    Aber wann bekomme ich mein Gehalt, fragt Ignativ.

    Der Chef vertröstet ihn.

    Ignativ arbeitet und wartet. Einen Monat.

    Er schreibt seinem Chef SMS, er ruft ihn immer wieder an. Zwei Monate.

    Er schläft in billigen Hostels, in Wohnungen von Bekannten. Und kann seinen Kindern kein Geld mehr schicken. Drei Monate.

    Er bekommt Kopfschmerzen, die nicht mehr weggehen. Er kann nicht mehr schlafen. Vier Monate.

    Sechs Tage die Woche baut Ignativ Häuser für Polen, zwölf Stunden am Tag.

    In Ignativs Heimatdorf in der Westukraine weiß niemand, was los ist. Dort merkt die Familie nur, dass kein Geld mehr kommt.

    Anna Schmidt

    Yarsolav Ignativ.

    So berichtet es jedenfalls Ignativ. Er sitzt in einer kleinen Wohnung im polnischen Gdynia und erinnert sich an diese Monate, die ihm heute noch zu schaffen machen. „Ich habe solche Kopfschmerzen, dass es mir schwerfällt zu sprechen“, sagt er. Das Unternehmen, für das er insgesamt fast zwei Jahre lang gearbeitet habe, heiße Euromurbet, sagt Ignativ.

    Acht Monate sei alles gut gegangen. Dann habe Ignativ sich für eine „karta pobytu“ bewerben wollen, eine temporäre Aufenthaltserlaubnis. Ab diesem Moment habe er kein Gehalt mehr bekommen. Umgerechnet etwa 3000 Euro schulde der Chef ihm noch. Ignativ sagt, er habe herausgefunden, dass er nicht krankenversichert gewesen sei. Möglicherweise habe der Chef ihn gar nicht ordentlich angemeldet.

    BuzzFeed News liegt ein Vertrag des Unternehmens mit Ignativ vom Juni 2017 vor. Darin steht weder, wie lange Ignativ angestellt ist, noch ob befristet oder nicht oder wieviel er verdient. BuzzFeed News hat die Firma Euromurbet in einer detaillierten Anfrage um Stellungnahme zu den Vorwürfen gebeten. Euromurbet hat hierauf nicht geantwortet.

    Mittlerweile arbeitet Ignativ für ein anderes Bauunternehmen. Sein Chef dort sei ein ehrlicher Kerl, sagt er. Bereits beim Probearbeiten habe er einen Vorschuss erhalten. Auch die Wohnung, in der er und seine Frau wohnen, hat der Chef ihnen zur Verfügung gestellt. „Ich kam am Montag zur Arbeit und am Donnerstag hatte ich bereits eine Personalnummer und eine Meldebescheinigung“, sagt Ignativ. „Ich hoffe, dass alles in Ordnung sein wird.“

    Schätzungen zufolge leben mehr als eine Million Ukrainer in Polen, sie sind die größte Minderheit im Land. Seit Juni 2017 können Menschen aus der Ukraine ohne Visum nach Polen einreisen und sich dort 90 Tage aufhalten. Seitdem sind viele gekommen, um im Nachbarland zu arbeiten – auch illegal. Die Arbeitsbedingungen sind häufig katastrophal.

    „Wohin fliehen? Da war ein Feld. Sie hatten Autos. Und sie bringen dich zurück. Du hast keine Papiere, kein Geld. Man kann nirgendwo hin weglaufen.“

    In Deutschland ist die Ausbeutung unsichtbar, versteckt in Einfamilienhäusern in der Hamburger Vorstadt. In Polen ist es anders. Zwei Vorfälle haben besonderes Entsetzen ausgelöst.

    Wasyl Czorna. Im Juli 2019 fällt ein Mann bei der Arbeit in einer Sargfabrik in Ohnmacht. Statt den Krankenwagen zu rufen, bringt ihn seine Chefin in den Wald. Czorna stirbt. Ein Förster findet seine Leiche.

    Oksana Karczenko. Die Frau aus der Ukraine hat im Januar 2018 einen Schlaganfall auf der Arbeit. Ihr Arbeitgeber, ein Gemüselieferant für Lidl, fährt sie zu einer Bushaltestelle. Erst dort ruft er einen Krankenwagen und tut dann so, als sei er nur ein hilfsbereiter Passant. Die Frau trägt bleibende Schäden davon und verstirbt Anfang diesen Jahres.

    Der Tod der beiden Ukrainer ist ein düsteres Symbol für das, was Arbeitern in Polen passieren kann. BuzzFeed News hat mit drei weiteren ukrainischen Arbeitern gesprochen, die angeben, in Polen missbraucht, eingesperrt und auch geschlagen worden zu sein. Die Familien der drei wissen nicht, was ihnen passiert ist, daher sind ihre Namen geändert.

    Statt Geld seien Männer gekommen, die alle verprügelt hätten

    Masha sagt, sie habe bei der Kirschenernte in Polen gearbeitet. Dort habe sie mit anderen Ukrainerinnen in Zelten leben müssen, es habe nicht genug zu Essen gegeben. Ihre Pässe seien einbehalten worden. Als Masha und ihre Kolleginnen sich über die Arbeitsbedingungen beschwert hätten, seien sie in einen Keller gesperrt worden, nicht einmal einen Eimer zum Urinieren habe es gegeben. Auf der Farm habe es Sicherheitspersonal gegeben, sagt sie. Das habe sie mit Stöcken geschlagen. „Wohin fliehen? Da war ein Feld. Sie hatten Autos. Und sie bringen dich zurück. Du hast keine Papiere, kein Geld. Man kann nirgendwo hin weglaufen“, sagt Masha.

    Nataliia musste gebrauchte Kleider in einem Lagerhaus in der Nähe von Łańcut sortieren. Ihre Pässe habe eine Polin eingesammelt, angeblich, um das Arbeitsvisum zu bearbeiten und die Arbeiterinnen bei der Krankenversicherung anzumelden. „Keiner hat sich etwas dabei gedacht“, sagt Nataliia. Schlafen müssen habe sie in großen, zugigen Hallen, ohne Bettwäsche, ohne Heizung. Die Handys seien ihnen abgenommen worden. Bezahlt worden seien sie nicht, deshalb hätten sie an Weihnachten aufgehört zu arbeiten. Doch statt Geld seien Männer in einem Auto gekommen und hätten alle verprügelt. „Wir hatten nur Angst, dass wir da nicht rauskommen“, sagt Nataliia. „Ich bin nach Polen Ende November 2015. Wir wurden Anfang Februar 2016 freigelassen.“

    Anna Schmidt

    Mykhailo hat wie Yaroslav Ignativ auf einer Baustelle gearbeitet, für ein anderes Unternehmen, im Februar 2017. Er habe in einem Zelt gelebt. Es sei sehr kalt gewesen. Einen Monat lang seien sie nicht bezahlt worden. Nur Zigaretten hätten die Aufseher gebracht. Als Mykhailo und seine Kollegen nach ihrem Gehalt fragen, kommen bewaffnete Männer. „Seid dankbar, dass wir euch Essen geben und einen Schlafplatz, solange ihr nicht fertig gearbeitet habt“, sollen die Aufseher gesagt haben, erinnert sich Mykhailo. Als sie abreisen droht man ihnen. „Sagt niemanden etwas, sonst rechnen wir mit euren Lieben ab.“

    BuzzFeed News konnte die Geschichten von Mykhailo, Nataliia und Masha nicht verifizieren, da keiner von ihnen einen Arbeitsvertrag oder etwas Ähnliches unterschrieben hat. Auch andere Belege wie Fotos oder Nachrichten haben sie nicht. Beraterinnen einer ukrainischen Hotline zur Bekämpfung von Menschenhandel, bei denen die drei Hilfe gesucht haben, halten sie jedoch für glaubwürdig. Die Hotline arbeitet eng mit der Internationalen Organisation für Migration (IOM) in der Ukraine zusammen. Rund 20 Prozent der von der IOM identifizierten, ukrainischen Opfer von Menschenhandel wurden 2018 in Polen ausgebeutet. Tendenz steigend.

    „Eigentlich sind das keine Arbeitgeber, sondern Betrüger.“

    Auch Yaroslav Ignativ wendet sich an die Hotline, nachdem er über Monate nicht bezahlt worden sein soll. Nach mehreren Telefongesprächen behandeln die Beraterinnen ihn als potentielles Opfer von Menschenhandel und Zwangsarbeit. Seine Geschichte sei typisch, sagt eine Beraterin der Hotline, Oksana Shliusar. Die allermeisten Opfer von Menschenhandel werden laut IOM zur Arbeit gezwungen, mehr als die Hälfte sind Männer und sehr viele arbeiten auf dem Bau.

    Yaroslav Ignativ reist zwar visafrei nach Polen ein, aber um dort legal arbeiten zu können, muss er einen Arbeitgeber finden, der eine Erklärung für ihn unterzeichnet. Er kann den Arbeitgeber nicht einfach wechseln, sonst wird er ausgewiesen. Das verleiht dem Arbeitgeber große Macht. Und Arbeitnehmer sind dadurch potentiell erpressbar. „Am Ende bist du einfach abhängig von diesem Arbeitgeber“, sagt Ignativ. „Wobei, eigentlich sind das keine Arbeitgeber, sondern Betrüger.“

    Ignativ ist nicht der Einzige, der angibt, von Euromurbet ausgebeutet worden zu sein. BuzzFeed News hat mit vier weiteren Arbeitern gesprochen, denen das Unternehmen ebenfalls keinen oder zu wenig Lohn gezahlt haben soll. Einer von ihnen ist Vitaly, seinen Nachnamen möchte er nicht veröffentlicht wissen. Er gibt an, von Februar 2018 bis Februar 2019 für Euromurbet gearbeitet zu haben, gemeinsam mit Yaroslav Ignativ. Das Unternehmen schulde ihm noch mehr als zwei Monatslöhne.

    „Mein erster Eindruck von der Baustelle war, dass es so etwas wie... ein Gefängnis war. Ich weiß es nicht. Ich hatte einfach diesen schrecklichen Eindruck“, sagt er BuzzFeed News am Telefon. Er habe Baumaterial schleppen müssen, für das die Polen auf der Baustelle den Kran genommen hätten. „Es war unmenschlich“, sagt Vitaly. Außerdem habe der Chef von Euromurbet Lohn einbehalten, etwa wenn Arbeiter vergessen hätten, eine Schutzbrille anzuziehen. Irgendwann hätten die Zahlungen ganz aufgehört. Warum er überhaupt Geld brauche, habe der Chef ihn gefragt. Euromurbet hat auf unsere detaillierte Anfrage zu diesen Vorwürfen nicht geantwortet.

    Drei andere Arbeiter, die angeben, bei Euromurbet gearbeitet zu haben, stehen an einem Abend im August um eine Parkbank herum, in einem Vorort von Danzig. Um die Hochhäuser schwirren Schwärme von Stechmücken, die die Männer beim Sprechen verscheuchen. Zwei von ihnen, Oleg und Bogdan, sind Vater und Sohn. Beide sind gelernte Feuerwehrmänner, ihre Namen sind geändert. Jeweils mehrere hundert Euro schulde Euromurbet ihnen, sagen die beiden. Vier Monate hätten sie für das Unternehmen gearbeitet.

    Oleg, der Vater, ist mit 54 eigentlich schon berentet, zwanzig Jahre hat er bei der Feuerwehr gearbeitet. Doch in der Ukraine bekommt er nur rund 90 Euro Rente im Monat, zu wenig, um davon zu leben.

    Anna Schmidt

    Nachbarschaft in Danzig, in der Oleg und Bogdan leben.

    Bogdan sagt, sie hätten schon vor dem Gebäude der polnischen Arbeitsinspektion gestanden. Von dort aus hätten sie den Chef von Euromurbet angerufen und ihm gedroht, ihn anzuzeigen, wenn er ihnen das ausstehende Gehalt nicht auszahle. Die Verträge von Oleg und Bogdan liegen BuzzFeed News vor, darin ist kein definierter Arbeitszeitraum festgelegt und auch kein Arbeitslohn. Außerdem liegen uns unterschriebene Schichtpläne vor, aus denen hervorgeht, dass die beiden im September 2018 für das Unternehmen gearbeitet haben.

    Der Mann sei sofort gekommen, habe ihnen umgerechnet etwa 230 Euro in bar gegeben und versprochen, dass sie den Rest auch noch bekämen. Danach sei nichts passiert. Stattdessen seien die 90 Tage ausgelaufen, in denen sie sich legal in Polen aufhalten können. Die Männer hätten zurück in die Ukraine gemusst. Es ist ein Schema, wie es sich tausendfach in ganz Polen wiederholt. Euromurbet hat auf eine detaillierte Anfrage von BuzzFeed News zu den Vorwürfen der Männer nicht geantwortet. Die polnische Arbeitsinspektion PIP schreibt auf Anfrage, das Unternehmen sei bisher nicht kontrolliert worden.

    Das Unternehmen schicke Bauarbeiter über die Grenze nach Deutschland

    Auch die ukrainische Hotline zur Bekämpfung von Menschenhandel kennt dieses Vorgehen: Die Menschen bekommen einen Vorschuss und danach nur leere Versprechen. „Während dieser Zeit wird eine Person zur Arbeit gezwungen, sie ist unter Kontrolle“, sagt Beraterin Oksana Shliusar. „Diese Person hat kein Recht zurückzugehen, etwas zu ändern, und sie wird kein Geld für ihre Arbeit bekommen.“

    Die Männer von der Parkbank arbeiten teilweise seit vielen Jahren im Ausland. Immer wieder seien sie nicht bezahlt worden, hätten sie in schäbigen Unterkünften wohnen müssen. Sie sind schlechte Zeugen für das Unrecht, das ihnen mutmaßlich angetan wurde, denn sie haben sich an solche Zustände gewöhnt.

    In Russland sei es schlimmer gewesen, im Vergleich sei Polen gut, sagt Viktor. Auch er hat nach eigenen Angaben für den Chef von Euromurbet gearbeitet, allerdings für ein weiteres Unternehmen des Mannes. Das schicke Bauarbeiter über die Grenze nach Deutschland, sagt Viktor. Weil das illegal gewesen sei, will er nur seinen Vornamen nennen. Wir treffen ihn an einem anderen Tag in einer Plattenbausiedlung.

    „Wir sind praktisch aus Deutschland geflüchtet“

    Anna Schmidt

    Viktor sagt, er habe in Deutschland Gebäude für große deutsche Supermarktketten gebaut.

    „Wer einmal wegfährt, wird wieder wegfahren. So ist es mit fast allen“, sagt Viktor. „Weil du dir sagst, vielleicht wird es das nächste Mal anders.“ Die Chance, dass im Ausland etwas passiere, stünden 50:50. Sein Sohn studiere am polytechnischen Institut in Kyiv. „Die Stadt ist sehr teuer, er muss eine Wohnung mieten“, sagt Viktor. „Deswegen bin ich weggegangen, weil mein Gehalt nicht gereicht hat.“ Mit fast fünfzig sei er aber langsam zu alt für solche Fahrten. Sein halbes Leben habe er im Ausland gearbeitet, Polen, Deutschland, Tschechien, Russland. Wenn er davon erzählt, fallen fast beiläufig Sätze, die erahnen lassen, was das bedeutet.

    „Ich wurde in Tschechien geschlagen.“

    „In Polen ist es üblich, die Gehälter viel später zu bezahlen. Da kannst du nichts machen.“

    „Wir sind praktisch aus Deutschland geflüchtet.“

    In Deutschland habe er für den Chef von Euromurbet und seinen Geschäftspartner immer rund zwei Wochen auf einer Baustelle gearbeitet, unter anderem in Feuchtwangen und in der Nähe von Berlin. Viktor sagt, er habe dort Gebäude für große deutsche Supermarktketten gebaut. Nicht überall seien er und seine Kollegen bezahlt worden. An einem Ort habe es plötzlich geheißen: Eure Dokumente sind nicht richtig, bleibt zuhause. Sie seien zwei oder drei Tage nicht auf der Baustelle erschienen. Dann habe es geheißen: Ihr müsst fahren, sonst werdet ihr ausgewiesen. So erinnert sich Viktor. „Und das war’s dann.“ Der deutsche Zoll habe das Geld „eingefroren“, sei ihnen gesagt worden. „Ich glaube das war so ein Schema: Zwei Gehälter wurden gezahlt, das dritte nicht mehr.“

    Mit einem Auto der Firma seien sie über die Grenze nach Polen gefahren, viele der Männer hätten große Angst gehabt, verhaftet zu werden – sie hätten gefälschte Pässe gehabt. Doch niemand habe sie kontrolliert. „Ich hatte keine Angst“, sagt Viktor, schaut auf den kleinen Park, faltet seine Hände. „Das war ja nicht das erste Mal, dass so etwas mit mir geschieht.“

    Auf eine detaillierte Anfrage zu diesen Vorwürfen hat die Firma Euromurbet nicht geantwortet.

    Anna Schmidt

    Yaroslav Ignativ und seine Frau in einer Arbeiterwohnung in Danzig.

    Ignativ steht auf dem Balkon einer kleinen Wohnung in Gdynia und raucht. Er lebt hier gemeinsam mit seiner Frau und weiteren Arbeitern des neuen Unternehmens, für das er arbeitet. Seine Frau und er teilen sich das Wohnzimmer. Beide wirken müde und sind sehr dünn. Wenn sie abends nach Hause kommen, ist es meist schon dunkel. Sie haben gerade noch Zeit, etwas zu essen und gehen sofort schlafen.

    „Wie kann es sein, dass in Polen jeder betrügt und keiner macht etwas“, sagt Ignativ. „Die machen nicht ein Auge zu, sondern beide. Ich hatte so viele Betrugsfälle und keiner Firma, keinem Arbeitgeber, ist je etwas passiert. Keiner wurde verklagt.“ Nach Euromurbet habe er noch für zwei weitere Bauunternehmen gearbeitet, die ihn nicht bezahlt hätten. Er mache immer wieder Gelegenheitsjobs, um wenigstens irgendetwas zu verdienen.

    Seine Frau bringt Kaffee. Sie und Ignativ kommen aus demselben Dorf in der Westukraine, sie kennen sich seit ihrer Kindheit. Ihr Haus dort sei klein gewesen, sagen sie. Weil nur mit einem Ofen geheizt werde, sei es im Winter sehr kalt. Wenn es schneit, komme man mit dem Auto nicht mehr durch. Ignativ war 2014 als Söldner im Krieg auf der Krim, wurde von einer Mine verletzt. Er deutet vom Balkon aus auf den nahegelegenen Wald. So nah war die Front. Er zieht an seiner Zigarette.

    Jetzt leben seine Kinder bei der Großmutter, der Mutter seiner Frau. Die beiden versuchen jeden Tag mit ihnen zu telefonieren, doch das ist schwer: wegen der Zeitverschiebung und weil es in dem Haus der Großmutter keinen Empfang gibt. Ignativs Frau arbeitet für eine Reinigungsfirma, sie kommt oft erst um 23 Uhr polnischer Zeit nach Hause. Da schlafen die Kinder schon lange.

    Anna Schmidt

    Yarsolav Ignativ auf der Baustelle seines neuen Arbeitgebers.

    Es ist ein Paradox. Polen ist massiv auf Arbeitskräfte aus der Ukraine angewiesen. Arbeitgebervertreter fordern seit langem eine verbesserte Einwanderungspolitik von der polnischen Regierung. Andererseits wird zu wenig getan, um Menschen wie Ignativ zu helfen. Ein interkultureller Berater, mit dem wir sprechen, fasst es so zusammen: „Der Ukrainer ist wie ein Hase auf einem Feld, auf dem rundherum nur Wölfe stehen. Alle versuchen, ihn zu jagen und auszunutzen.“

    Olga Dobrowolska ist Anwältin und arbeitet bei der NGO „Stowarzyszenia Interwencji Prawnej“ in Warschau. Die Organisation unterstützt Flüchtlinge und Migranten dabei, ihren Aufenthalt in Polen zu legalisieren. „Man spricht sehr viel über die Arbeitnehmer, aber niemand spricht darüber, dass die polnischen Arbeitgeber illegal einstellen“, sagt sie. „Als ob die Arbeitnehmer eine Wahl hätten.“ Vielfach fehle es an Aufklärungskampagnen und Hilfsangeboten. Die Schuld werde den Arbeitern zugewiesen, dabei sitze der Arbeitgeber immer am längeren Hebel.

    „Jede Erklärung und Genehmigung ist immer an einen bestimmten Arbeitgeber gebunden“, sagt Dobrowolska. „Sodass das ganze Leben des Ausländers immer von diesem Arbeitgeber abhängt.“ Ein weiteres Problem: Die polnische Arbeitsinspektion kündigt ihre Besuche offenbar an. „Ich habe von meinen Klienten gehört, dass, wenn eine Kontrolle naht, dann wird immer gesagt: Bitte kommen Sie an diesem Tag nicht zur Arbeit.“

    Anti-ukrainischer Rassismus begünstigt Arbeitsausbeutung

    Auf Anfrage von BuzzFeed News antwortet die polnische Arbeitsinspektion PIP, dass es sowohl angekündigte, als auch nicht angekündigte Kontrollen gebe. Unangekündigte Kontrollen fänden zu jeder Tages- und Nachtzeit statt. Dies sei besonders dann der Fall, wenn eine Straftat vermutet werde. Allerdings gibt die Behörde auch an, dass der Arbeitgeber vor den Kontrollen benachrichtigt werde, wenn die Behörde sicher ist, dass diese Ankündigung das Ergebnis der Kontrollen nicht negativ beeinflusst. Der Arbeitgeber werde dann zwischen sieben und 30 Tage vor der Inspektion informiert.

    Yaroslav Ignativ schildert genau so eine angekündigte Kontrolle: Im Sommer 2019 – nach seiner Zeit bei Euromurbet – habe es eine Kontrolle bei seinem damaligen Arbeitgeber gegeben. Der Chef habe gesagt, bleibt zuhause. Auch bei diesem Bauunternehmen habe er versucht, eine Bescheinigung zu bekommen, um seine Arbeit zu legalisieren. Doch der Chef habe ihn hingehalten und immer wieder gesagt: Morgen, morgen.

    „Es gibt diese Erzählung, dass die uns unsere Jobs weggenommen haben.“

    Deshalb müssten die Arbeitnehmerrechte für Migranten und Migrantinnen gestärkt werden, sagt Dobrowolska. Die Beratungsstelle bekomme so viele Anfragen, dass sie nicht mehr hinterherkomme. Zuletzt sei ihnen auch staatliche Förderung entzogen worden. Die Probleme würden immer größer, aber das Geld immer weniger.

    Das hat auch politische Gründe. In Polen grassiert seit Jahren anti-ukrainischer Rassismus, der Arbeitsausbeutung begünstigt. Das sagt auch Anna Tatar, Aktivistin der antirassistischen Organisation „Nigdy Więcej“. Wir treffen Tatar in einem Café in einem Shopping Center in Warschau. In Polen werde Hass gegen Ukrainer von rechten bis rechtsradikalen Politikern geschürt, sagt Tatar. „Es gibt diese Erzählung, dass die uns unsere Jobs weggenommen haben.“

    Zu diesem Schluss kommt auch eine Studie der Union der Ukrainer in Polen. Vor allem 2016 und 2017 habe es anti-ukrainische Demonstrationen von rechtsextremen Politikern gegeben, mit dem Slogan „Nein zur Einwanderung aus dem Osten“. Diese Politiker redeten über Ukrainer, als seien sie Menschen zweiter Klasse, sagt Tatar. Das stehe im krassen Widerspruch zur Realität. „Ukrainische Arbeiter sind heute ein wichtiger Teil unserer Wirtschaft.“

    Anna Schmidt

    Busstation in Warschau West: Hier kommen viele Busse aus der Ukraine an.

    An Polens Busbahnhöfen fahren die Busse in die Ukraine im Viertelstundentakt. In einem kleinen Häuschen am Busbahnhof Danzig sitzt Grazyna Klepacka hinter ihrem Schreibtisch. Seit 17 Jahren verkauft sie für ein polnisches Busunternehmen Tickets. Jedes Jahr verdoppeln sich die Verkäufe von Tickets in die Ukraine, sagt sie. Besonders mit den Frauen, die auf dem Stuhl in dem kleinen Häuschen Platz nehmen, kommt Klepacka oft ins Gespräch. „Wenn wir etwas länger als fünf Minuten sprechen, steigen ihnen Tränen in die Augen“, sagt sie. Es müsse schrecklich sein, von seinen Kindern getrennt zu sein. „Ich bewundere diese Leute“, sagt sie. „Umso mehr, weil sie es nicht tun, um sich ein neues Auto zu kaufen. Sie fahren wirklich nur, weil sie nichts zum Leben haben.“ Die Frauen seien mutig. Aber Frauen seien schließlich überall mutig.

    Unweit von Klepackas Verkaufshäuschen kommt ein Reisebus an. Die Passagiere die ein- und aussteigen, wirken müde, viele haben Plastiktaschen und billige Rollkoffer dabei. Schon am Busbahnhof werden sie von riesigen Werbetafeln empfangen und von bunten Flyern mit Nummern von Arbeitsvermittlungen.

    Wenn Ignativ und seine Frau genug Geld gespart haben, um ihre Kinder zu besuchen, steigen auch sie in einen dieser Busse. Mehr als zwanzig Stunden sind es von Danzig bis Ternopil, fast 900 Kilometer.

    Anna Schmidt

    Polnisch-ukrainischer Grenzübergang.

    Die meisten Leute fahren nachts, sie klappen die Lehnen der Stühle um, Paare lehnen die Köpfe aneinander. Die Busse haben oft mehrere Stunden Verspätung. Stickig ist es und heiß, die Heizung meist voll aufgedreht, das Radio dafür leise. Am Fenster zieht die Landschaft vorbei, während es dunkel wird. Irgendwann leuchten nur noch die Schilder der Bordelle und von „Aroma Kava“, dem ukrainischen Starbucks.

    An der Grenze schieben sich die Autos durch die Kontrolle. Auf der polnischen Seite geht es schneller. Wer auf der ukrainischen Seite steht, muss lange warten. Hinter der Grenze wechselt die Uhrzeit und alle ihre SIM-Karten.

    Von Ternopil aus sind es noch vierzig Minuten bis zum Dorf von Ignativ und seiner Frau: Boliazuby, ein paar Häuser, ein Brunnen, eine blaue Kirche auf einem Hügel, kreischende Gänse. Nur noch etwa 300 Menschen leben hier, die meisten sind weggegangen. „Das Dorf stirbt“, sagt Vasyl Ignativ, Yaroslavs Vater. „Bald wird es kein Dorf mehr geben.“ Nur die Alten und die Kinder sind in Boliazuby übrig geblieben. Ignativs Eltern mussten einige Felder und ihre Kühe verkaufen, seit der Sohn gegangen ist. Es sei alles nicht mehr so leicht. Sie stehen um sechs Uhr morgens auf, um ihre Tiere zu versorgen: die Ziegen, die Katzen, die Hunde, die Puten und Tauben. Vasyl Ignativ bekommt umgerechnet gerade einmal 66 Euro Rente im Monat. Zu wenig, um seinem Sohn zu helfen. „Ich weiß nicht, wie er das überleben konnte“, sagt er. ●


    Diese Recherche ist eine Kooperation mit der polnischen Tageszeitung Gazeta Wyborcza. Hier könnt ihr die polnische Version lesen.

    Korrektur

    In einer früheren Version dieses Artikels, hieß es, dass die Beratungen der NGO „Stowarzyszenia Interwencji Prawnej“ außerhalb von Warschau kostenpflichtig seien. Dies ist nicht richtig. Wir haben den Text entsprechend angepasst und bitten den Fehler zu entschuldigen.


    Die Recherche wurde vom Kartographen-Stipendium der Mercator-Stiftung gefördert worden.


    Für diese Recherche sind vier Reporter*innen für BuzzFeed News Deutschland über einen Zeitraum von zwölf Monaten mehrfach in Hamburg, Nordrhein-Westfalen, Niedersachen, Polen und der Ukraine gewesen. Die Recherche erscheint auf Deutsch, Englisch und Polnisch. Wenn Ihr solche Recherchen in Zukunft fördern möchtet, könnt Ihr hier Fördermitglied von BuzzFeed News werden.

    Pascale Müller ist Reporterin für Politik und sexualisierte Gewalt. Kontakt: Pascale.mueller@buzzfeed.com

    Contact Pascale Müller at pascale.mueller@buzzfeed.com.

    Contact Eugen Shakhovskoy at pascale.mueller+eugen@buzzfeed.com.

    Contact Anna Schmidt at pascale.mueller+anna@buzzfeed.com.

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