Die Unsichtbaren

Immer schneller, immer billiger: In deutschen Unternehmen arbeiten Menschen aus der Ukraine unter ausbeuterischen Bedingungen. Kriminelle Vermittler locken sie offenbar mit falschen Versprechen.

    Die Unsichtbaren

    Immer schneller, immer billiger: In deutschen Unternehmen arbeiten Menschen aus der Ukraine unter ausbeuterischen Bedingungen. Kriminelle Vermittler locken sie offenbar mit falschen Versprechen.

    by , ,

    Dies ist der erste Teil einer dreiteiligen Serie über die Ausbeutung ukrainischer Arbeiter in Deutschland und Polen. Hier findet ihr Teil 2 „Die Wehrlosen“ und Teil 3 „Der Austauschbare“.


    Anna kennt zwei deutsche Wörter: Strafe und schneller.

    Zehn Stunden am Tag packt sie Autoteile in Kartons und klebt Sticker darauf.

    Annas Kolleginnen essen heimlich Bananen auf der Toilette. Würden die Aufseherinnen das sehen, würden sie den Frauen den Lohn kürzen.

    Um vier Uhr morgens ist Anna aufgestanden, um sich in eine Schlange zum Waschen zu stellen. 50 Leute leben in dem Haus, aber es gibt nur eine Dusche. Im Bad schimmelt es, in der Küche haben sie nicht mal eine Tasse für Kaffee. Anna gießt sich Haferflocken in einen Plastikbecher mit heißem Wasser.

    300 Euro zahlt Anna für ein Bett hier jeden Monat. Einen Euro pro Tag muss sie für Benzinkosten zahlen, außerdem verlangen die Vermittler von ihr weitere 20 Euro pro Monat, angeblich um den Multivan abzubezahlen. Fünfzig Euro kosten ihre Arbeitsschuhe.

    Anna hat jeden Morgen Angst, dass die Polizei sie kontrolliert. Sie muss sich mit 15 anderen Frauen und Männern aus der Ukraine in einen Multivan quetschen. Der Bus ist immer zu voll.

    Um sechs Uhr morgens beginnt Anna ihre Schicht. In der Lagerhalle ist es kalt. Anna ist zu dünn angezogen, ihre Füße frieren. Die Arbeit ist schwer, aber am Ende wird Anna nichts verdienen. Sie wird ihren Arbeitgebern Geld schulden. Männer, vor denen sie sich fürchtet. Deshalb ist ihr Name geändert.

    Anna ist am billigsten. Sie arbeitet umsonst

    Anna Schmidt

    Anna kommt aus der Ukraine und hat kein gültiges Visum, sie arbeitet illegal in Deutschland. Und sie ist angewiesen auf diese Männer.

    Anna hat eine Tochter, die sie auf eine gute Universität schicken will. Ein Bekannter hat ihr Arbeit in Deutschland versprochen. In einer Schokoladenfabrik in Berlin. Das goldene Ticket in ein besseres Leben.

    350 Euro hat sie dem Mann im Voraus bezahlt, angeblich für Vermittlungsarbeit und Dokumente. Geld, auf das sie gespart hatte. Alles legal, dachte sie. Doch schon bald wird sie misstrauisch. Auf den ersten Vermittler folgen viele weitere: Igor, Josef, Sergey, Mascha, Zhenya. Jeder von ihnen verlangt weitere Gebühren, hier 50 Euro, dort 50 Euro.

    Anna hat schon früher im Ausland gearbeitet; Erdbeeren in Finnland gepflückt. Sie hatte dort eine Aufenthaltserlaubnis, hat gut verdient und Steuern gezahlt. In Deutschland aber ist alles anders. Deutschland wird für Anna zum Albtraum.

    So schildert zumindest Anna ihre Erlebnisse. „Es war alles eine Lüge“, sagt sie ein halbes Jahr später, im Sommer 2019, in einem McDonalds in einer Hamburger Vorstadt, während sie in ihrem schwarzen Kaffee rührt. Was Anna erzählt, ist nicht vollständig nachprüfbar, es deckt sich aber mit Erzählungen weiterer ukrainischer Arbeiter und Arbeiterinnen, mit denen BuzzFeed News während der Recherche gesprochen hat. Eine davon will in derselben Lagerhalle gearbeitet haben wie Anna.

    „Die dargestellten Vorfälle sind für uns untragbar und inakzeptabel“ 

    Zweieinhalb Monate habe sie in der Lagerhalle mit den Autoteilen gearbeitet, sagt Anna. Diese Lagerhalle gehört dem deutschen Logistikriesen Fiege. Ein milliardenschweres Unternehmen und nach eigenen Angaben einer der führenden Logistikdienstleister in Europa.

    Eine Sprecherin von Fiege schreibt auf Anfrage von BuzzFeed News: „Die von Ihnen dargestellten Vorfälle sind für uns untragbar und inakzeptabel. Sollten sich Ihre Vorwürfe bestätigen, so werden wir umgehend Maßnahmen und auch rechtliche Schritte gegen die Verantwortlichen einleiten.“ Man habe außerdem eine umfassende Prüfung veranlasst und den Betriebsrat eingeschaltet. Grundsätzlich halte Fiege die „gesetzlich vorgeschriebenen Arbeitspausen“ sowie die „Bestimmungen zur Höchstarbeitszeit“ ein.

    Fiege arbeitet unter anderem mit dem Autozulieferer Bosch, mit Zalando, Haribo, der Zeit, dem Tagesspiegel, der Berliner Morgenpost und der Warenhauskette Galeria Karstadt Kaufhof. Es gibt keinerlei Hinweise darauf, dass diesen oder anderen Kunden die angeblichen Zustände in der Lagerhalle von Fiege bekannt waren.

    Anna Schmidt

    Lagerhallen von Fiege in Hamburg Moorfleet.

    Immer mehr Menschen wollen immer mehr Dinge immer schneller geliefert bekommen. Dafür braucht es immer mehr billige Arbeitskräfte. Anna ist am billigsten. Sie arbeitet umsonst.

    Die Männer, die Anna nach Deutschland gebracht haben sollen, verdienen an der Miete und der Vermittlung. Anna hat am Ende nichts. Außer Schulden und Angst.

    Unklar ist, für wen die Frauen gearbeitet haben

    Das Lagerhaus von Fiege in Hamburg werde von Russen und Tschetschenen kontrolliert, sagt Nadiya, eine weitere Frau, die ebenfalls angibt, dort gearbeitet zu haben. Nadiya sagt, sie habe im Sommer 2019 zwei Tage illegal und unter ausbeuterischen Verhältnissen bei Fiege gearbeitet und dabei kein Geld verdient. Auch Nadiyas Name ist geändert. Das Unternehmen gibt an, auch die Vorwürfe von Nadiya erst prüfen zu müssen.

    Es ist unklar, für wen Nadiya und Anna genau gearbeitet haben – ob für Fiege selbst oder ein mögliches Subunternehmen. Selbst die beiden Frauen wissen es nicht. In einem Punkt geben sie jedoch an, sich sicher zu sein: Die Lagerhalle, in der sie Kartons gepackt haben, soll zu Fiege gehört haben. Anna gibt an, dort Autoersatzteile mit Logos von Ford und Bosch gepackt zu haben. Fiege betont in seiner Stellungnahme, dass beide Unternehmen keine Kunden am Standort Hamburg seien.

    „Ich glaube, es sind sehr mächtige Leute“ 

    Wer ist für die angebliche Ausbeutung verantwortlich? BuzzFeed News hat mögliche Verbindungen zwischen den Geschichten von Anna und Nadiya sowie sechs weiteren Ukrainern gefunden, die alle in einem Punkt zusammenlaufen: Einem mutmaßlichen Netzwerk von russischen und tschetschenischen Kriminellen. Hamburg scheint ein Zentrum ihrer Aktivitäten zu sein.

    Die Männer, die dahinter stehen, sind offenbar gefährlich. Das meint jedenfalls Anna. Wir treffen sie im Herbst in einem Hostel in der Nähe des Hamburger Hauptbahnhofs wieder, um unter vier Augen sprechen zu können. Sie hat Angst, dass die Mitglieder dieses mutmaßlichen Netzwerks ihr schaden könnten. „Ich glaube, es sind sehr mächtige Leute. Ich möchte nichts mit ihnen riskieren. Wie kann ich wissen, wie das alles endet? Ich habe keinen Bodyguard“, sagt sie.

    BuzzFeed News hat ein Jahr lang zur Arbeitsausbeutung von ukrainischen Staatsbürgern in Deutschland und Polen recherchiert. Die Recherchen zeigen, dass die Arbeiter offenbar systematisch mit falschen Versprechen über Polen nach Deutschland gelockt werden, von kriminellen Einzelpersonen, Netzwerken und Agenturen. Hier arbeiten sie für deutsche Unternehmen. Nach Informationen von BuzzFeed News dürften tausende Ukrainer von diesem Betrug betroffen sein. Die Menschen scheinen in Deutschland vielfach unter Bedingungen zu leben, die man als moderne Sklaverei bezeichnen kann. Oft ist ihnen zunächst nicht bewusst, dass ihr Aufenthalt illegal ist. Später werden sie dadurch erpressbar. Oft arbeiten sie wie Anna, mutmaßlich, ohne am Ende Geld dafür zu bekommen.

    Zwei umfangreiche Ermittlungsverfahren in Hamburg

    Auf Anfrage von BuzzFeed News schreibt die Pressesprecherin der Staatsanwaltschaft Hamburg: „In Hamburg werden (mindestens) zwei umfangreiche Ermittlungsverfahren geführt, die Bezugspunkte zu den von Ihnen aufgeworfenen Fragen aufweisen.“ Leider könne man aufgrund der laufenden Ermittlungen keine weiteren Angaben machen. Die Sprecherin verweist allerdings auf eine Durchsuchung im Zusammenhang mit diesen Ermittlungen, die am 15. Januar 2020 stattfand. Während der Durchsuchung wurde „eine erhebliche Anzahl ukrainischer Staatsbürger von den Einsatzkräften des Hauptzollamts Hamburg überprüft.“ In der dazugehörigen Pressemitteilung des Hamburger Hauptzollamtes heißt es, der Zoll habe 24 Geschäfts- und Privaträume in Norddeutschland durchsucht.

    Gegen die mutmaßlichen Täter wird laut Zoll bereits seit Ende 2018 ermittelt. Den Beschuldigten werde zur Last gelegt, mindestens 3.000 Arbeitnehmer eingesetzt und beschäftigt zu haben, ohne Sozialversicherungsbeiträge abzuführen. Laut Zoll sei dabei ein Schaden in Höhe von rund sechs Millionen Euro entstanden.

    Ob sich die Ermittlungen von Zoll und Staatsanwaltschaft gegen die hier genannten Personen und Unternehmen richten, wollten die Behörden mit Hinweis auf die laufenden Verfahren nicht kommentieren.

    BuzzFeed News ist Arbeitern, die im selben Haus untergebracht waren, in dem Anna gewohnt haben will, im Oktober 2019 auf ihrem Weg zur Arbeit verdeckt gefolgt. Wir haben beobachtet, wie mindestens fünf Personen am frühen Morgen von einem Fahrer an diesem Haus abgeholt und in einem Kleinwagen bis durch das große Tor des Fiege „Mega-Center“ in Hamburg-Moorfleet gefahren wurden. Sie stiegen direkt vor dem Eingang aus und betraten das „Mega-Center“.

    Anna Schmidt

    Arbeiter steigen am Morgen auf dem Gelände des Fiege „Mega-Center“ aus.

    Die Fiege Gruppe ist ein Familienbetrieb in fünfter Generation und gehört nach eigenen Angaben zu den führenden Logistikdienstleistern in Europa. Das Unternehmen betreibt Logistikzentren, insbesondere sogenannte „Mega-Center“, in 15 Ländern, darunter Polen, Italien, Indien, China und Taiwan. Erst kürzlich hat die Fiege Gruppe ein Joint Venture mit der Warenhauskette Galeria Karstadt Kaufhof abgeschlossen. Auf der Webseite der Gruppe heißt es: „Wir tragen Verantwortung für die Gesellschaft als Teil der Gesellschaft.“

    Fiege betonte, dass bei neuen Mitarbeitern, die durch Subunternehmer beschäftigt würden, „stets alle erforderlichen Unterlagen wie Aufenthaltstitel, Arbeitsgenehmigung und Ausweisdokumente“ kontrolliert würden. Es sei dem Unternehmen „nicht bekannt, dass Personen in unserem Logistikzentrum illegal beschäftigt werden.“

    „Es war ein Albtraum“

    Das Einfamilienhaus liegt in einer Hamburger Vorstadt. Fichten grenzen es vom Nachbargrundstück ab, Schulkinder radeln vorbei. Alles an dem Haus wirkt unverdächtig – bis auf zwei graue Müllcontainer. Die Container sind zu groß für eine Familie, bis oben hin voll mit Plastiktüten und beklebt mit Schildern auf Kyrillisch. Die Jalousie im Erdgeschoss des Hauses bewegt sich leicht. Für einen kurzen Moment ist ein Mann zu sehen, der auf die Straße blickt. Dann ist er verschwunden.

    Anna sagt, sie habe in diesem Haus gewohnt, während sie bei Fiege gearbeitet habe. Schimmel, Kälte, Mehrbettzimmer voller fremder Männer und Türen, die man nicht abschließen könne. Lange habe sie es dort nicht ausgehalten: „Es war ein Albtraum.“

    Am Briefkasten des Hauses standen über einen Zeitraum von neun Monaten immer wieder unterschiedliche Namen. Im Frühjahr 2019 waren es zwei dem Klang nach tschetschenische Namen, außerdem die Firma Alfa Logistik GmbH sowie der des derzeitigen Geschäftsführers dieser Firma. Im Januar 2020 ist der Name des Geschäftsführers verschwunden – der Firmenname aber nicht.

    Auf Anfrage von BuzzFeed News schreibt die Alfa Logistik GmbH, weder das Unternehmen noch der Geschäftsführer seien Eigentümer des Grundstückes in Barsbüttel. In der Email heißt es: „Nach unserer Kenntnislage ist das dortige Haus aktuell und auch im Januar 2020 unbewohnt. Es steht insoweit leer. Es ist schlichtweg falsch, dass unser Unternehmen dieses Haus an Personen zu menschenunwürdigen Wohnbedingungen überlassen haben soll.“

    Auf die Nachfrage, woher und warum dem Unternehmen das Haus bekannt ist, ging Alfa Logistik nicht ein. Ebenso wenig auf die Nachfrage, wie man sich die Namen am Briefkasten erklärt. Auch die Frage, ob das Unternehmen oder einer der derzeitigen oder ehemaligen Geschäftsführer das Haus nutze oder jemals Eigentümer oder Mieter war, hat Alfa Logistik nicht beantwortet.

    Personenschützer, Tschetschenen in militärischer Aufmachung, Fotos von teuren Autos

    Zwei der ehemaligen Geschäftsführer der Alfa Logistik GmbH sind Ruslan Tsinaev und Alexander Alekseev. Letzterer ist ein ehemaliger Profiboxer. 2013 kämpft er um den IBF WM-Titel. Auch sein Geschäftspartner Tsinaev hat offenbar Kontakte in die Hamburger Kampfsportszene. Das zumindest legt seine Facebook-Freundesliste nahe. Sonst finden sich dort: Personenschützer, Tschetschenen in militärischer Aufmachung und Fotos von teuren Autos. Tsinaev ist laut Handelsregister bereits im Mai 2018 als Geschäftsführer ausgeschieden, Alekseev im September 2019. Er wird auf der Website des Unternehmens aber nach wie vor als Geschäftsführer genannt.

    Personen, mit denen BuzzFeed News gesprochen hat, haben Tsinaev und Alekseev auf Fotos als die Männer wiedererkannt, die ihnen illegale Arbeit in Logistikzentren, die zu Fiege gehören, vermittelt haben sollen. Eine Person gibt an, dass sie Alekseev auch in den Lagerhallen von Fiege gesehen hätte. Eine weitere Person sagt, dass er in ein Hostel gekommen sei, um dort Arbeiter anzuwerben, die „Autoteile sortieren“ sollten.

    Eine Sprecherin von Fiege schreibt auf eine Anfrage von BuzzFeed News, dass das Unternehmen weder in Hamburg noch an einem anderen Standort der Gruppe in einer Geschäftsbeziehung mit der Alfa Logistik GmbH stand oder steht. Auf die Frage, ob das Unternehmen Geschäftsbeziehungen zu Alexander Alekseev oder Ruslan Tsinaev unterhält oder unterhielt, ging Fiege bisher nicht ein.

    Anna Schmidt

    Das Haus in Barsbüttel, in dem Anna sagt, dass sie gewohnt habe.

    BuzzFeed News hat neben dem Haus in Barsbüttel zwei weitere Unterkünfte identifiziert, die möglicherweise mit dem mutmaßlichen Netzwerk um Alexander Alekseev und Ruslan Tsinaev zusammenhängen. Eines ist im nordrhein-westfälischen Lotte, eines im niedersächsischen Tespe, rund eine Autostunde von Hamburg entfernt.

    Auch das Haus in Tespe liegt unscheinbar in einem Wohngebiet, direkt an einem Deich. Es ist ein Neubau, Kabel hängen aus der Wand, vor der Gartentür steht ein Plastikstuhl. Von außen sind keine Bewohner zu sehen, weder Haustür noch Hausnummer sind von der Straße oder der Hinterseite des Hauses einsehbar. Es scheint, als ob das Haus in den Garten eines Grundstücks gebaut wurde. Es ist deshalb nicht möglich, den oder die Besitzer herauszufinden. Ein Antrag, die Grundbuchakten einsehen zu dürfen, wird vom Grundbuchamt Winsen (Luhe) abgelehnt. BuzzFeed News liegen allerdings Fotos und Beschreibungen vor, anhand derer das Haus identifizierbar ist. Eine der ehemaligen Bewohnerinnen des Hauses ist Nadiya.

    Nadiya sagt, sie sei ebenfalls von diesem Netzwerk nach Deutschland gelockt worden. Mit einem sehr ähnlichen Versprechen wie Anna: Sie könne in einer Kaffeefabrik in Berlin arbeiten. Ihr seien sieben Euro Stundenlohn versprochen worden. Umgerechnet rund 200 Euro habe sie noch in der Ukraine an zwei Vermittler gezahlt, die Überweisungsbelege liegen BuzzFeed News vor. Dafür habe sie einen gefälschten Ausweis und ein polnisches Visum bekommen, sagt Nadiya. Für Reisekosten und Dokumente habe sie insgesamt fast 1000 Euro ausgegeben. Geld, auf das sie lange habe sparen müssen. Doch als sie am Zentralen Busbahnhof in Berlin angekommen sei, habe ihr der Mann gesagt, die Jobs in der Kaffeefabrik seien alle vergeben. Stattdessen solle sie nach Hamburg kommen. Dort habe sie ein weiterer Mann am Busbahnhof abgeholt. „Ruslan war sein Name“, sagt Nadiya.

    „Und die Leute bleiben und arbeiten, weil sie keine Wahl haben“ 

    BuzzFeed News hat Ruslan Tsinaev gebeten, zu dieser Schilderung Stellung zu nehmen und anzugeben, ob er dieser Mann war. Tsinaev hat auf diese Anfrage nicht geantwortet. Die Frau gibt an zu glauben, dass Alexander Alekseev ihr eigentlicher Arbeitgeber gewesen sei. BuzzFeed News hat eine Telefonnummer angerufen, von der Arbeiter angeben, dass sie Alekseev gehöre. Der Mann am anderen Ende sagte, Alexander Alekseev zu sein und auch, dass er nach wie vor für Alfa Logistik arbeite.

    Der Mann namens Ruslan habe sie in eine Lagerhalle gebracht, in der sie Autoteile verpacken soll, sagt Nadiya. Die Beschreibungen der Lagerhalle von Nadiya und Anna sind sich sehr ähnlich, obwohl die beiden Frauen sich nie begegnet sind: Autoreifen, Kisten mit Alkohol, Kälte. Außerdem geben beide an, dass die Lagerhalle neben einem McDonalds und einer Tankstelle gelegen habe. Dies würde zur Lage des „Mega-Center“ in Moorfleet passen.

    „Zwei Tage. Ich habe zwei Tage dort gearbeitet. Es war sehr schwer. Du kannst dich nicht mal hinsetzen. Ich habe mich eine Minute hingesetzt und sofort haben sie mich angeschrien“, sagt sie BuzzFeed News am Telefon. „Der Name [der Firma] ist Fiege.“

    Eine Sprecherin von Fiege schrieb auf Anfrage von BuzzFeed News, das Unternehmen halte die „gesetzlich vorgeschriebenen Arbeitspausen“ sowie die „Bestimmungen zur Höchstarbeitszeit“ ein.

    Untergebracht worden sei sie im Haus am Deich, sagt Nadiya. Dort hätten noch mehr Menschen gewohnt, etwa 30, die meisten aus der Ukraine. Allen sei etwas anderes versprochen worden. Stattdessen seien sie alle bei Fiege gelandet. Einige seien bereits ein halbes Jahr dort gewesen. „Sie hatten kein Geld, um zu gehen. Also mussten sie bleiben, um was zu verdienen, im Glauben, dass sie nach einem Monat etwas hätten. Aber das hat nie geklappt, weil sie zwei Monatsmieten im Voraus bezahlen mussten“, sagt Nadiya. 600 Euro seien das gewesen.

    „Und die Leute bleiben und arbeiten, weil sie keine Wahl haben.“

    Anna Schmidt

    Haus im nordrhein-westfälischen Lotte, in dem ukrainische Arbeiter untergebracht wurden.

    Wenn die Angaben von Nadiya und Anna über die Belegung der Häuser stimmen und man davon ausgeht, dass viele der Arbeiter – wie die beiden Frauen – nur wenige Wochen bleiben, dann bedeutet das: Allein über dieses Netzwerk könnten in den vergangenen Jahren hunderte Ukrainer nach Deutschland geschleust und ausgebeutet worden sein.

    Auch Expertinnen für den Kampf gegen Menschenhandel, Gewerkschafter und die Internationale Organisation für Migration (IOM) in Kiew sprechen BuzzFeed News gegenüber von einem wachsenden Problem.

    „Wir haben viel mehr Opfer von Menschenhandel, die in Polen ausgebeutet werden als in Deutschland, aber was wir beobachten, ist, dass den Menschen in der Regel vorgeschlagen wird, über Polen nach Deutschland zu gehen“, sagt Irina Mydlovets, Expertin für die Bekämpfung von Menschenhandel der IOM in Kiew. Das kann auch Vitaly Mahinko bestätigen, Vorsitzender der ukrainischen Gewerkschaft „Trudova solidarnist“. „Wir begegnen nirgendwo solcher Grausamkeit wie in Deutschland“, sagt Mahinko. Mit Grausamkeit meint er vor allem körperliche Gewalt. Seine Gewerkschaft unterstützt seit vielen Jahren Ukrainer, die im Ausland arbeiten und dort unrechtmäßig behandelt werden. Sie registriert alle Fälle, die sie aus Polen, Deutschland und auch aus anderen Ländern erreichen – und würde diese gerne auch an die Behörden weitergeben. „Aber wir haben festgestellt, dass es kein Land gibt, kein Staat, die daran interessiert sind“, sagt Mahinko.

    „Wir waren ohne Geld, ohne Essen, nichts. Ich war so verzweifelt, ich wollte zur Polizei gehen“

    Das mutmaßliche Netzwerk um den Boxer Alekseev reicht nach Recherchen von BuzzFeed News offenbar noch weiter. Vier ukrainische Staatsangehörige, mit denen wir in Deutschland und Polen gesprochen haben, geben an, bei einem Unternehmen namens „texidea care GmbH“ im nordrhein-westfälischen Rheine gearbeitet zu haben, darunter Kateryna und Olga. Sie kommen aus dem Süden der Ukraine. Wir filmen verdeckt, als sie an einem Tag im Juli 2019 von ihrer Unterkunft zu texidea gefahren werden. Es ist schon fast hell, obwohl es erst halb sechs ist. Die Frauen kommen mit anderen Arbeitern aus dem Haus, steigen durch die Heckklappe in einen grünen Multivan. Er ist völlig überfüllt. Wir fahren ihnen bis vor das Lagerhaus hinterher.

    Kateryna und Olga geben an, Retoure von Kleidern zu packen. Möglicherweise für den Internethändler EMP, denn die Adressen eines der Standorte der texidea care GmbH und die für den EMP-Retourenservice sind identisch. Eine detaillierte Anfrage bezüglich der Vorwürfe sowohl an texidea care GmbH, als auch an EMP, blieben unbeantwortet.

    Anna Schmidt

    Lagerhalle von texidea care in Rheine.

    Neben den beiden Frauen hat BuzzFeed News noch mit einem Ehepaar gesprochen, das in Rheine gearbeitet hat. Es bestätigt die Berichte von Kateryna und Olga in vielen Punkten. Was die beiden Frauen beschreiben, klingt noch schlimmer als in Hamburg. Zwei Monate hätten sie ohne irgendeine Entlohnung in der Lagerhalle gearbeitet. Stattdessen hätten sie mehr als 400 Euro Vermittlungsgebühr bezahlen müssen, dazu noch 3 Euro pro Tag für die Fahrt in dem Multivan und 300 Euro pro Monat für die Unterkunft. Außerdem noch 50 Euro Zuschuss, von dem der Multivan „abbezahlt“ werden müsse.

    BuzzFeed News liegt ein Vertrag von Kateryna mit einer ukrainischen Arbeitsvermittlung namens „EuroWay“ vor, der diese Vermittlungsgebühr bestätigt. Hinter diesem Firmennamen verbirgt sich laut ukrainischem Handelsregister allerdings kein Unternehmen, sondern eine Einzelperson. BuzzFeed News hat „EuroWay“ um Stellungnahme gebeten, jedoch keine Antwort erhalten.

    „Wir waren ohne Geld, ohne Essen, nichts. Ich war so verzweifelt, ich wollte zur Polizei gehen“, sagt Olga, als wir sie nach der Arbeit in einem nahegelegenen Park treffen. „Egal was passiert und wenn sie mich ausweisen, ich wollte sie nur zur Rechenschaft ziehen, irgendwie. Weil es mir so weh tut, ich kann gar nicht sagen, wie sehr.“ Kateryna und Olga sagen, sie hätten rund drei Monate jeden Tag zwischen acht und zehn Stunden gearbeitet. Insgesamt hätten sie dafür nur 250 Euro bekommen. Ein polnischer Kollege habe ihnen mit Geld für Brot aushelfen müssen, sagen sie.

    Alekseev soll mit einer Tasche voller Bargeld gekommen sein

    Der Mann soll sich bei einer deutschen Vorgesetzten auch über die Arbeitsbedingungen der Ukrainer beschwert haben. Daraufhin soll die Vorgesetzte jemanden in Hamburg angerufen haben. Direkt am nächsten Morgen, es sei der 15. oder 16. Juli 2019 gewesen, sei Alexander Alekseev mit dem Auto in Rheine vorgefahren. Sowohl Kateryna als auch Olga erkennen ihn auf einem Foto wieder. Alekseev habe eine Tasche mit Bargeld dabei gehabt. Das Geld habe er den aufgebrachten Arbeitern gegeben – allerdings nur einigen und nicht genug.

    BuzzFeed News hat die Firma texidea care GmbH mit den Vorwürfen konfrontiert. Das Unternehmen hat hierauf nicht geantwortet. Auch Alexander Alekseev hat auf eine Anfrage bezüglich der Schilderungen der Frauen nicht geantwortet.

    Die Alfa Logistik GmbH schreibt auf Anfrage, dass das Unternehmen keinen Vertrag mit der texidea care GmbH oder mit Fiege abgeschlossen habe. Weiter teilt das Unternehmen mit: „Selbstverständlich können Sie davon ausgehen, dass wir nicht Arbeitgeber der von Ihnen beobachteten (und uns nicht benannten und damit uns nicht identifizierbaren) Menschen sind.“ Deshalb könne man zu den Vorwürfen auch nicht Stellung nehmen, das könne nur der Arbeitgeber oder die Arbeitgeberin.

    Kateryna und Olga kommen aus einer ukrainischen Stadt, die früher für Schiffsbau bekannt war und in der es heute kaum noch Arbeit gibt. Sie sind den ganzen Weg mit einem Reisebus gekommen: 1800 Kilometer. „Es gibt direkte Busverbindungen von der Ukraine nach Deutschland. Alle kommen, um hier zu arbeiten“, sagt Olga. „Legal oder illegal, das ist egal. Sie wollen einfach nur weg.“ Der Umstieg ist in Polen, Warschau. „Als ich gefahren bin, waren es acht Busse“, sagt Olga. „Und fast alle Passagiere waren Ukrainer.“

    Wie Kateryna und Olga haben in den vergangenen Jahren hunderttausende Menschen die Ukraine verlassen. Durch den Krieg im Osten des Landes wurden viele Menschen vertrieben, außerdem hat sich die wirtschaftliche Lage durch den Konflikt verschlechtert.

    „Das Problem ist, dass die Leute aufgrund der wirtschaftlichen Krise immer riskantere Angebote annehmen“, sagt die Expertin für die Bekämpfung von Menschenhandel bei der IOM in Kiew, Irina Mydlovets.

    Vor dem Konflikt seien die Menschen ins Ausland gegangen, wenn sie dort umgerechnet 1000 US-Dollar im Monat oder mehr hätten verdienen können, so Mydlovets. Heute würden sie schon für 300 US-Dollar gehen. Der Mindestlohn in der Ukraine liegt seit diesem Jahr bei umgerechnet knapp 160 Euro im Monat. Laut der IOM-Expertin ist fast jede fünfte Person in der Ukraine bereit, ein sogenanntes „riskantes“ Jobangebot anzunehmen, dass sie potentiell in eine Situation von Menschenhandel bringen kann.

    Um Betroffenen zu helfen und Aufklärung zu betreiben, arbeitet die IOM mit der nationalen Hotline zur Bekämpfung von Menschenhandel im westukrainischen Ternopil zusammen. In dem kleinen Büro mit hohen Wänden nehmen die Mitarbeiterinnen circa 1800 Anrufe im Monat an. Eine von ihnen ist Oksana Shliusar. Ihr Telefon klingelt im Minutentakt.

    BuzzFeed News hat alle 58 Hauptzollämter in Deutschland gefragt, wie viele ukrainische Staatsbürger in den vergangenen fünf Jahren bei Razzien oder Kontrollen angetroffen wurden. Ein Sprecher der Generalzolldirektion antwortet für alle Dienststellen, dass die Statistik keine Auswertung nach Herkunftsländern zulasse. Mit anderen Worten: Weder weiß der Zoll, wie groß das Problem ist, noch, ob es schlimmer wird.

    Doch es gibt Hinweise, dass es ein Problem gibt. Das Hauptzollamt Braunschweig schreibt: „In der Tat gibt es regelmäßig Kontrollen, bei denen wir auf ukrainische Staatsangehörige ohne Aufenthalt- und Arbeitserlaubnis stoßen.“ Auch die Bundespolizei meldet regelmäßig, dass Ukrainer mit gefälschten Pässen an der Grenze aufgegriffen werden.

    • 6. Juli 2019, Ebersbach: Die Polizei kontrolliert einen Kleinbus, in dem fünf Männer und eine Frau aus der Ukraine sowie eine Rumänin sitzen. Sie finden gefälschte Dokumente, die Personen werden ausgewiesen.
    • 16. August 2019, Ludwigsdorf: Zwei Ukrainer werden am gleichen Tag an der Grenze kontrolliert, einer ist mit gefälschten Dokumenten unterwegs und will nach Hamburg. Der andere ist angeblich bei einer polnischen Firma angestellt, ihm fehlt allerdings ein sogenannter Entsendeantrag. Beiden wird die Einreise verweigert.
    • 21. September 2019, Ludwigsdorf: Die Polizei kontrolliert einen ukrainischen Reisebus und trifft auf einen Mann, der mit gefälschtem slowakischen Ausweis einreisen will, weil ein Bekannter ihm einen Job im Baugewerbe versprochen hat. Ihm wird die Einreise verweigert.
    • 1. Dezember 2019, Ludwigsdorf: Sechs ukrainische Staatsangehörige werden von der Polizei in einem Linienbus kontrolliert, sie haben gefälschte rumänische Ausweispapiere dabei. Ihnen wird die Einreise verweigert.


    BuzzFeed News hat in einem Bericht des Bundeskriminalamtes ein Ermittlungsverfahren aus dem Jahr 2016 gefunden, in dem eine Vermittlungsagentur aus Kiew erwähnt wird, die des Menschenhandels mit 25 Ukrainern beschuldigt wird. Laut BKA soll die Agentur ukrainische Staatsangehörige mit falschen Versprechungen über Polen nach Deutschland gebracht haben. Hier seien die Arbeiter teilweise bedroht, geschlagen sowie unter schlechten Bedingungen untergebracht und zur Arbeit gezwungen worden, schreibt das BKA. Ein Lohn sei in den meisten Fällen nicht oder nur in unverhältnismäßig geringer Höhe bezahlt worden. In einigen Fällen seien die Geschädigten mit gefälschten rumänischen Identitätspapieren ausgestattet worden.

    Das Ermittlungsverfahren betrifft nicht die hier genannten Personen und Unternehmen. Aber es lässt sich wie eine Schablone über das legen, was uns Anna sowie acht weitere Ukrainer über ihre mutmaßliche Arbeit bei deutschen Logistikunternehmen berichten.

    „Aus der Ukraine kommen jetzt viel mehr Leute“, sagt auch eine Übersetzerin des Zolls in einem Telefonat mit BuzzFeed News. Die Frau arbeitet seit rund zehn Jahren als vereidigte Übersetzerin für zahlreiche Zolldirektionen in Deutschland und Österreich sowie weitere Behörden. Welche genau, das darf sie nicht sagen. Aber: Die Anfragen an sie hätten sich in den vergangenen Jahren verdoppelt. Sie schätzt, dass sie 2019 mit mindestens 100 Ukrainern gesprochen hat. Aus Sicherheitsgründen dürfe sie teilweise kein Protokoll führen, daher hat sie keine exakte Statistik.

    Wenn die Menschen vom Zoll aufgegriffen werden, seien sie oft sehr verzweifelt. Generell gehe der Zoll freundlich mit den Menschen um, aber die Übersetzerin wundert sich, dass in den Gesprächen nie Hilfe angeboten werde – wie sie etwa für Opfer von Menschenhandel zum Zweck sexueller Ausbeutung besteht.

    Vor allem die Menschen, denen nicht bewusst gewesen sei, dass sie illegal gearbeitet hätten, täten ihr deshalb leid. „In meiner Erfahrung waren alle Leute, außer einem einzigen, von einer Agentur angeworben“, sagt sie. Die Werbung für Arbeit in Deutschland sei in der Ukraine „allgegenwärtig“, sagt die Frau. Sie würde auf Facebook gepostet, in ukrainischen Printmedien geteilt oder auch einfach an Litfaßsäulen geklebt. Deshalb hat die Übersetzerin in einer russischsprachigen Facebookgruppe vor den Tricks der illegalen Vermittlungsagenturen gewarnt. Vor allem die Rekrutierung über Facebook scheint ein neues und bisher unbeachtetes Problem zu sein.

    Anna Schmidt

    Kreditwerbung im ostukrainischen Marhanets.

    BuzzFeed News hat über ein halbes Jahr hinweg mehrere russischsprachige Facebook-Gruppen beobachtet, in denen zahlreiche offensichtlich betrügerische oder ausbeuterische Jobangebote für Deutschland geteilt wurden: Angebliche Arbeit auf einer Erdbeerfarm in der Nähe von Osnabrück, in einem Lager der Deutschen Post, als Lieferfahrer oder in einer Gärtnerei. Die drei größten dieser Gruppen haben jeweils über 30.000 Mitglieder, in einer davon werden oft pro Tag mehr als 400 Posts geteilt.

    In den Facebook-Gruppen stoßen wir auch auf ein Angebot, dass uns bekannt vorkommt – Arbeit in einer Schokoladenfabrik in Deutschland. Das Prinzip ist immer gleich: Einzelne Facebooknutzer oder -gruppen mit Namen wie „Arbeit in Deutschland“ oder „Loggic Work“ verbreiten dutzende solcher „Anzeigen“ und hinterlassen eine Viber- oder Telefonnummer.

    BuzzFeed News hat den oder die Betreiber der Facebookseite „Arbeit in Deutschland“ um eine Stellungnahme gebeten. Laut der Seite steht dahinter eine Arbeitsagentur aus Berlin namens „Job Up“. Im Handelsregister ist jedoch weder an der angegebenen Adresse noch überhaupt eine Firma dieses Namens zu finden. Eine Antwort der Betreiber haben wir nicht erhalten.

    Auf der Seite einer ukrainischen Gewerkschaft finden wir den Kommentar einer Frau vom 15. Februar 2020. Sie gibt, an von einem Nutzer in der Facebookgruppe „Loggic Work“ betrogen worden zu sein. „Ich bin fast in die Sklaverei geraten“, schreibt sie. 400 Euro habe sie verloren, aber wenigsten habe sie entkommen können. Der Arbeitsort sei Bremen gewesen. Den anderen Arbeitern dort seien die Pässe abgenommen worden. „BITTE HELFT MIR SIE ZU BESTRAFEN !!!“, schreibt die Frau. Ein Versuch, die Frau zu kontaktieren, bleibt erfolglos. BuzzFeed News hat den betreffenden Facebook-Nutzer mit den Vorwürfen konfrontiert, jedoch keine Antwort erhalten.

    BuzzFeed News hat bereits im Sommer 2019 mit dem Facebook-Nutzer Kontakt aufgenommen, der offenbar unter verschiedenen Accounts und in der Facebookgruppe „Loggic Work“ Jobangebote geteilt hatte. Der Mann hatte Mitte Juni ein Stellenangebot für einen Erdbeerhof in der Nähe von Bremen verbreitet. Wir sagen, dass wir aus der Ukraine kommen und auf Arbeitssuche sind. Der Mann sagt, wir müssten mit einem Touristenvisum einreisen. „Dann bekommst du eine saisonale Arbeitserlaubnis, du wirst bei der Polizei, bei der Ausländerbehörde und dem Arbeitsministerium registriert.“

    Wir sollen ihm unseren Pass schicken und 250 Euro auf eine Bank in der Ukraine überweisen. Am nächsten Tag rufen wir ihn erneut an, sagen, dass wir Bedenken haben und wollen wissen, ob alles legal sei. Der Mann wird sofort laut. Wenn wir so viele Fragen stellen, sollten wir uns selbst Arbeit suchen.

    „Kein deutscher Arbeitgeber wird sich für dich interessieren, für deinen Papierkram. Du brauchst ihn, nicht er dich.“

    Dann legt er auf. ●

    Mitarbeit: Marcus Engert


    Diese Recherche wurde vom Kartographen-Stipendium der Mercator-Stiftung gefördert.


    Für diese Recherche sind vier Reporter*innen für BuzzFeed News Deutschland über einen Zeitraum von zwölf Monaten mehrfach in Hamburg, Nordrhein-Westfalen, Niedersachen, Polen und der Ukraine gewesen. Die Recherche erscheint auf Deutsch, Englisch und Polnisch. Wenn Ihr solche Recherchen in Zukunft fördern möchtet, könnt Ihr hier Fördermitglied von BuzzFeed News werden.




    Pascale Müller ist Reporterin für Politik und sexualisierte Gewalt. Kontakt: Pascale.mueller@buzzfeed.com

    Contact Pascale Müller at pascale.mueller@buzzfeed.com.

    Contact Eugen Shakhovskoy at pascale.mueller+eugen@buzzfeed.com.

    Contact Anna Schmidt at pascale.mueller+anna@buzzfeed.com.

    Got a confidential tip? Submit it here

    Hat dir dieser Beitrag gefallen? Möchtest du jede Woche von uns hören?

    Dann melde dich bei unserem Newsletter an. Wir schicken dir die besten Recherchen, nicht nur unsere eigenen. Und erklären, wie wir bei BuzzFeed arbeiten. Kostenlos.

    Newsletter signup form