Der Austauschbare

In der Ukraine gibt es für Ali Saledinov keine Arbeit. Eine kriminelle Vermittlungsagentur schickt ihn nach Deutschland. Er wird verletzt und bedroht.

    Der Austauschbare

    In der Ukraine gibt es für Ali Saledinov keine Arbeit. Eine kriminelle Vermittlungsagentur schickt ihn nach Deutschland. Er wird verletzt und bedroht.

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    Dies ist der dritte Teil einer dreiteiligen Serie über die Ausbeutung ukrainischer Arbeiter in Deutschland und Polen. Hier findet ihr Teil 1 „Die Unsichtbaren“ und Teil 2 „Die Wehrlosen“

    Ali Saledinov hat kein Boot. Er angelt am Ufer des Flusses, da wo die Böschung schlammig ist und man leicht ausrutschen kann. Normalerweise fängt er genug Fische, um welche zu verkaufen, hat er gesagt. An diesem Tag fängt er nichts.

    Immer wieder wirft Saledinov die Angel aus und zieht sie mit rhythmischen Bewegungen ein. Immer wieder verheddert sich die Angelschnur im Gestrüpp. Der kleine Fisch mit Haken, der an der Spitze der Angel befestigt ist, bleibt in den Ästen hängen, wenn er ausholt. Der Fluss gehört zu Marhanets, einer Stadt in der Ostukraine, hier endet Europa. Saledinov grummelt, befühlt den Köder, läuft unruhig von einer Stelle zur anderen. Seine Finger sind geschwollen und dreckig. Seine Beine tun ihm weh.

    Der Grund dafür, liegt 2000 Kilometer und viele Stunden Busfahrt von Marhanets entfernt, in Geesthacht bei Hamburg. Saledinov raucht und redet viel. Darüber, was in Geesthacht passiert ist, im Sommer 2018.

    Eine ukrainische Arbeitsagentur habe ihn dorthin vermittelt – er habe illegal für einen großen norddeutschen Getränkehändler gearbeitet, unter miserablen Bedingungen, wie er sagt. Während seiner Arbeit sei er nicht nur bedroht, sondern auch schwer verletzt worden, sodass er bis heute Teile seiner Füße nicht spüre. Ein Kollege soll ihn angefahren haben. Eine Woche habe er danach ohne medizinische Versorgung in einem Zimmer gelegen.

    Ali Saledinovs Fall scheint nicht mit dem Netzwerk mutmaßlicher russischer und tschetschenischer Krimineller zusammenzuhängen, über das wir bereits berichtet hatten. Aber sein Fall zeigt, wie weit verbreitet die Ausbeutung ukrainischer Menschen in Deutschland zu sein scheint – und wie dramatisch ihre Folgen offenbar sein können. „Sklaverei“ nennt er das, was ihm in Geesthacht passiert sein soll.

    Die Litfaßsäulen in Saledinovs Heimatstadt sind mit Werbeflyern für Kredite übersät, in den kleinen Buden am Straßenrand kostet ein Becher Kaffee sechs Griwna, etwa 20 Cent. Die Fassaden der Häuser sind heruntergekommen, teilweise haben ihre Bewohner die Fenster von innen mit Alufolie abgedichtet. Davor stehen uralte Ladas, die beim Starten scheppern und husten. Es ist Ende November, nass und kalt. Trotzdem tragen viele Menschen zu dünne Kleidung, andere suchen in Müllcontainern nach etwas Verwertbarem. Der Internationalen Organisation für Migration zufolge ist jeder fünfte Ukrainer bereit, ein „riskantes Jobangebot“ im Ausland zu akzeptieren – auch wenn es die Gefahr birgt, in moderner Sklaverei zu enden. In Marhanets versteht man, warum.

    Ali Saledinov ist einer von vermutlich tausenden Ukrainern, die in den vergangenen Jahren so verzweifelt waren, dass sie sich von dubiosen Vermittlungsagenturen nach Deutschland locken ließen und dort ausgebeutet wurden. Das hat eine Recherche von BuzzFeed News gezeigt. Sein Unglück beginnt in einem Bürogebäude in Dnipro, eine Stadt rund eine Autostunde von Marhanets entfernt.

    Anna Schmidt

    Marhanets in der Ostukraine.

    Dort sitzt im sechsten Stock die Arbeitsvermittlungsagentur „Individual Euro Group“. BuzzFeed News liegt der Vertrag vom 2. Februar 2018 vor, den Saledinov unterschrieben hat. Darin heißt es, dass er eine Frau namens Katerina Pavlivna Mushtai mit Beratungsdienstleistungen beauftragt, etwa:

    „Beratung und Vorbereitung von Dokumenten für ein polnisches Visum“

    „Beratung über den Prozess des Grenzübertritts nach Deutschland und Polen“

    „Beratung über Krankenversicherung“

    Was in dem Vertrag nicht auftaucht: Der Name „Individual Euro Group“. Das ist der erste Trick, den solche Firmen nutzen. Mushtai ist lediglich als Einzelperson beim Justizministerium registriert. Dort steht, dass sie Dienstleistungen im Bereich Arbeitsvermittlung, Zeitarbeit, Tourismus und Großhandel anbietet. Die Adresse und Telefonnummer, die sie dort angegeben hat, stimmen allerdings mit der von „Individual Euro Group“ überein. Auch ihre Email-Adresse beinhaltet den Namen der Firma.

    Der zweite Trick besteht darin, dass in dem Vertrag nirgendwo ein Satz zu finden ist, aus dem hervorgeht, dass „Individual Euro Group“ oder Mushtai eine konkrete Arbeitsstelle in Deutschland an Ali Saledinov vermitteln. Eine Juristin der Nationalen Hotline gegen Menschenhandel bestätigt in einem Gespräch mit BuzzFeed News, dass diese Art von Verträgen sehr weit verbreitet sei. Oft stünde dort nur „Beratung“, aber nichts weiter. Das ist eine Lücke, die die Agenturen ausnutzen. BuzzFeed News hat Katerina Pavlivna Mushtai detailliert um Stellungnahme zu den konkreten Vorwürfen gebeten. Mushtai hat hierauf nicht geantwortet.

    Ali Saledinovs Anträge auf ein polnisches Visum werden wiederholt abgelehnt. BuzzFeed News liegen Dokumente des polnischen Konsulats in Kharkiv vor, aus denen das hervorgeht. Darin heißt es: „Sie haben bei der Beantragung Ihres nationalen Visums falsche Angaben gemacht oder wahre Angaben verheimlicht oder ein Dokument mit dem Ziel geändert, es als authentisches Dokument weiterzugeben.“ Mit anderen Worten: Die Botschaft scheint zu erkennen, dass „Individual Euro Group“ offenbar versucht hat, Ali Saledinov mit falschen Informationen ins Ausland zu bringen. Mushtai hat zu diesem Vorwurf nicht Stellung genommen.

    Als Saledinov das erkennt, habe er sein Geld zurück gewollt. Die Agentur aber habe ihm stattdessen angeboten, ihn mit einem anderen, einem gefälschten, rumänischen Pass nach Deutschland zu schicken. Saledinov nimmt das Angebot an. Eine Kopie dieses Passes, mit dem Saledinov nach Deutschland eingereist ist, liegt BuzzFeed News vor. Alles in allem habe er umgerechnet 1500 Euro gezahlt, sagt Saledinov. Die Agentur hätte ihm versprochen, dass er in Deutschland „2000 Euro“ verdienen könne – in welchem Zeitraum, das bleibt unklar. Im Vertrag wird die Bezahlung nicht erwähnt. Auch zu diesen Vorwürfen hat Mushtai nicht Stellung genommen.

    Anna Schmidt

    Der gefälschte rumänische Pass von Ali Saledinov.

    2000 Euro sind sehr viel Geld in Dnipro. Die Stadt war in der Sowjetunion ein wichtiges Zentrum für das Raketenprogramm und deshalb eine sogenannte „geschlossene Stadt“. Bis in die 1990er durfte niemand ohne Erlaubnis Dnipro besuchen. Die Raketenfabrik gibt es heute noch, aber viele Jobs seien weg, sagen alle, die wir treffen. Rund um den Bahnhof sind die Wände voller Flyer für Kredite, große Plakate werben für Arbeit in der EU. Darauf stehen Namen wie der, der polnischen Supermarktkette Biedronka, aber auch Mercedes Benz, Bosch, Kaufland. Die Straßen hinter dem Bahnhof sind gesäumt von Pfand- und Leihhäusern.

    Mittlerweile hat die Firma, mit der Saledinov nach Deutschland gekommen sein soll, ihren Namen geändert. An der Tür steht jetzt nicht mehr „Individual Euro Group“, sondern: „СEPBИC“. „Es gibt viele dieser Firmen in der Ukraine, die einem helfen, Arbeit in Europa zu bekommen“, sagt Saledinov. „Aber niemand kontrolliert sie.“

    Verzweiflung als Geschäftsmodell

    Auch Andrij gibt an, von Frühjahr bis Herbst 2019 in Deutschland gearbeitet zu haben, für ein anderes Unternehmen als Ali. Sein Fall steht möglicherweise in Zusammenhang mit einem mutmaßlichen Netzwerk organisierter Verbrecher, über das BuzzFeed News bereits berichtet hat. Andrij sagt, er habe in Hamburg mit zehn anderen Männern in einer Art Garage neben einem Haus gelebt. Trotzdem habe er 300 Euro dafür zahlen müssen. Er sei geschockt gewesen von den Wohnbedingungen. Andrijs Name ist geändert, weil er Angst vor den Schleusern hat, die ihn nach Deutschland gebracht haben.

    Wir treffen Andrij und seine Frau in einem Café in Dnipro. Sofort als er in Hamburg angekommen sei, habe er anfangen müssen zu arbeiten. In einer Lagerhalle, in der Pakete in Container gepackt worden seien. Alle Männer aus der Garage und dem Haus hätten dort gearbeitet, etwa 30 oder 40 seien es gewesen. Es habe drei Schichten gegeben: Von 6 Uhr bis 12 Uhr, von 14 Uhr bis 22 Uhr und von 22 Uhr bis 6 Uhr. Doch weil es nicht genügend Arbeiter gegeben habe, hätten die Männer teilweise einfach durchgearbeitet. „Es gab zwei junge Männer aus unserer Region, aus Krivoy Rog“, sagt Andrij. „Sie haben mir erzählt, dass sie nach dem Schichtdienst entscheiden mussten: Entweder essen oder schlafen.“ Für beides sei keine Zeit gewesen.

    Andrij sagt, er sei nur eine Nacht geblieben. Am Tag darauf habe er dem Mann, der ihn rekrutiert habe, gesagt, dass er gehen will. Alex habe der geheißen, sagt Andrij. Und dass er Europameister im Boxen gewesen sei. Das hätten ihm die anderen Männer erzählt. Es könnte sich um Alexander Alexeev handeln, über dessen mutmaßliche Verwicklung in die Ausbeutung ukrainischer Arbeiter BuzzFeed News bereits berichtet hat. „Ich weiß nicht mehr genau, was ich ihm gesagt habe. Es ging darum, dass ich fahre, das Gespräch war hitzig“, sagt Andrij. Alex habe ihn gedrängt zu bleiben. Die anderen Männer hätten ihn wegbringen müssen, damit es nicht zu einer Prügelei komme.

    BuzzFeed News hat Alexander Alekseev mit den Schilderungen und Vorwürfen von Andrij im Detail konfrontiert. Alekseev hat auf die entsprechende Email nicht geantwortet.

    Andrij schafft es, Hamburg zu verlassen. Er nimmt sein restliches Geld und fährt nach Stuttgart. Dort arbeitet er noch bis November 2019 illegal. Die Miete in Dnipro, erzählt er, koste 5000 Griwna, umgerechnet etwa 150 Euro. Seine Frau aber verdiene nur rund 4000 Griwna, obwohl sie in der Forschung arbeitet. Auch Andrij hat studiert, ist eigentlich Sportlehrer. Trotzdem habe das Geld nicht gereicht.

    Die Verzweiflung von Menschen wie Andrij und Ali Saledinov ist offenbar das Geschäftsmodell von kriminellen Vermittlern und Arbeitsagenturen wie der „Individual Euro Group“.

    Anna Schmidt

    Das Gebäude der Agentur „Individual Euro Group“ in Dnipro.

    Die Geschichten der beiden Ukrainer ähneln sich sehr. Auch Saledinov sagt, dass er per Reisebus in Hamburg angekommen sei. Die erste Unterkunft, in die man ihn gebracht habe, sei eher eine Baracke gewesen. „Es gab kein Internet, kein Essen, keine SIM-Karten, es gab nichts.“ BuzzFeed News gegenüber gibt er an, dass er für einen Mann namens Wladimir und seine Söhne an verschiedenen Orten rund um Hamburg gearbeitet habe, immer in der Getränkelogistik. Statt den versprochenen 7 bis 10 Euro die Stunde habe er nur 5,50 Euro verdient. Er und seine Kollegen hätten manchmal 14 Stunden am Stück gearbeitet, doch Überstunden seien nicht extra bezahlt worden.

    „Alles war eine Lüge, eine dreiste Lüge“, sagt er. Die meisten Ukrainer mit denen er nach Deutschland gekommen sei, seien direkt am selben Tag wieder abgereist – und hätten damit all das Geld verloren, dass sie der Agentur zuvor gezahlt hatten. „Ich bin geblieben, ich wollte wenigstens meine 1500 Euro zurück verdienen und Geld für den Weg zurück“, sagt Saledinov.

    „In unserem Haus waren 16 Personen in acht Zimmern. Alle aus der Ukraine.“

    Neben Wladimir habe es noch einen Mann namens Yevgeni gegeben. Die beiden hätten mehreren Getränkelieferanten in der Region Arbeiter vermittelt. An ihre Familiennamen erinnert sich Saledinov nicht. Und weil er kein Deutsch versteht, kann er über einige der Orte nur vage Angaben machen. Ein anderer ukrainischer Arbeiter gibt an, dass die Firma der beiden litauisch gewesen sei. Ein Foto von einem Auto, dass Saledinov uns schickt, hat allerdings ein bulgarisches Kennzeichen. BuzzFeed News konnte nicht verifizieren, wer Wladimir und Yevgeni sind oder wie ihre Firma heißt.

    Etwas aber scheint belegbar: Nämlich, dass Ali Saledinov im Sommer 2018 für den Getränkegroßhändler Quandt in Geesthacht gearbeitet hat. BuzzFeed News liegen Fotos vor, die Saledinov vor dem Eingang der Firma zeigen, außerdem ein Arztbrief auf dem der Name der Firma angegeben ist. Seine Angaben werden auch von einem anderer Mann aus der Ukraine bestätigt, der gemeinsam mit Saledinov dort gearbeitet haben will, im Juli und August 2018. Dieser Mann sagt: „In unserem Haus waren 16 Personen in acht Zimmern. Alle aus der Ukraine.“ Saledinov erinnert sich an rund 30 Ukrainer, die in dem Haus gewohnt haben sollen.

    BuzzFeed News hat die Firma Quandt detailliert mit den entsprechenden Vorwürfen konfrontiert und um eine Stellungnahme gebeten. Hierauf hat sich Quandt bisher nicht zurück gemeldet.

    Nach eigenen Angaben beliefert Quandt mehr als 500 Handelspartner in der Region Hamburg, darunter Edeka und Rewe. Ali Saledinov sagt, dass er bei Quandt Lieferungen ein- und ausgeladen habe. Immer wieder habe es mit Wladimir und seinen Söhnen Streit über die Arbeitsbedingungen und die Bezahlung gegeben. Seine Chefs hätten ihm vorgeworfen, die anderen Arbeiter aufzuwiegeln. Sie hätten ihn, so erzählt es Ali, kurzfristig in ein anderes Wohnheim gebracht, in eine andere Fabrik, in der keine anderen Ukrainer gearbeitet hätten. Quandt hat zu diesen Schilderungen auf unsere detaillierte Anfrage hin keine Stellung genommen.

    Anna Schmidt

    Die Firma Quandt in Geesthacht.

    Als er wieder zurück nach Geesthacht gekommen sei, habe er von seinen Landsleuten erfahren, dass ihnen am Tag zuvor gesagt worden sei, dass sie nur noch für die Hälfte des Gehalts arbeiten sollen. „Sie beugen dich ein bisschen, dann ein bisschen mehr und nach drei Wochen kam jemand und sagte: Du arbeitest jetzt umsonst“, sagt Saledinov. Das habe er nicht akzeptieren wollen.

    Er sei zu Wladimirs Sohn gegangen und habe gesagt: „Wir haben alle Geld in der Ukraine bezahlt, um in Deutschland zu arbeiten. Wenn diese Arbeiten also nicht bezahlt werden, werde ich sie nicht machen.“ Die Situation sei angespannt gewesen. Immer mehr Ukrainer hätten verlangt, dass sie zurück nach Hause fahren können. Dann, an einem Dienstag im August, sei es passiert.

    Saledinov habe gerade auf dem Hof von Quandt leere Flaschen sortiert, erinnert er sich. Es sei sehr heiß gewesen, er habe eine gelbe Warnweste getragen. Von hinten sei ein Gabelstapler auf ihn zugefahren, der Fahrer habe nicht angehalten.

    BuzzFeed News kann nicht belegen, dass der Hergang so war, wie von Saledinov geschildert. Möglicherweise war es auch ein Unfall. Sicher scheint allerdings, dass der Mann aus Marhanets an diesem Tag erheblich verletzt und erst sechs Tage später medizinisch versorgt wurde. So steht es jedenfalls in einem Arztbrief, datiert auf den 14. August 2018, der BuzzFeed News vorliegt und aus dem hervorgeht, dass Saledinov an diesem Tag im Johanniter Krankenhaus in Geesthacht behandelt wurde.

    Der Arzt schreibt:

    „Am 08.08.18 bei der Arbeit bei der Firma Quant [sic!] in Geesthacht soll jemand mit der Ameise (Anm.d.Red.: eine Art Gabelstapler) von hinten gegen den UV gefahren sein. Dieser fiel nach vorne. War drei Tage zuhause mit Schmerzen. Ist wieder zur Firma Quant. Dort hatte man ihn scheinbar entlassen. Kam mit Polizeibegleitung wieder. Nun mit Rettungsdienst Einlieferung zu uns. Laut der Firma Quant bglich versichert gewesen, daher D-Fall.“

    Der Arzt diagnostiziert eine Prellung der Unterschenkel, einen Kapsel-Bandausriss, eine Verstauchung der Sprunggelenke sowie Abschürfungen. Saledinov bekommt eine Impfung gegen Tetanus, Medikamente zur Thromboseprophylaxe und eine Schiene und wird aus dem Krankenhaus entlassen. Saledinov weiß nun nicht mehr, wo er hingehen soll. In der Unterkunft sei er zuvor bedroht und rausgeworfen worden. Die Firma Quandt hat zur Schilderung dieses Vorfalls, wie zu allen anderen Vorwürfen, keine Stellung genommen.

    Anna Schmidt

    Röntgenbild von Ali Saledinovs Füßen.

    „Ich konnte mit meinen Beinen nirgendwo hin“, sagt er. Er findet am Bahnhof eine Plane, auf die er sich setzt, beobachtet die Leute, die ein und ausgehen, die Straßenbahnen, die vorbeifahren. Es beginnt zu regnen. Saledinov sagt, er habe nichts zu Essen gehabt. „Ich saß auf der Plane, stand ab und zu auf im Regen und dachte einfach nach“, sagt er. Am Ende habe er beschlossen, sein letztes Geld zusammenzukratzen und einen Bus nach Hause zu nehmen. „Ich hatte nicht eine Minute vor aufzugeben.“

    Laut Angaben ukrainischer Medien arbeiten rund neun der insgesamt 42 Millionen Ukrainer regelmäßig im Ausland und überweisen pro Jahr etwa zehn Milliarden Euro zurück in die Heimat. Saledinov jedoch kann nichts nach Hause schicken. Er kommt als Invalide zurück.

    Weil seine Bänder so stark beschädigt gewesen seien, habe er nicht richtig laufen können. „Ich habe mich wie auf fremden Beinen bewegt“, sagt er. Er sei über Warschau zurückgefahren, habe Hilfe bei einem Anwalt gesucht, vergeblich. In einem Krankenhaus in der Ukraine sei er abgewiesen worden, weil er nicht habe belegen können, dass er einen Arbeitsunfall hatte – offiziell habe er nie bei Quandt gearbeitet. Das Schlimmste sei jedoch gewesen, dass die Arbeitsagentur „Individual Euro Group“ ihm gesagt habe, er sei überhaupt nicht in Deutschland gewesen. Er könne nichts beweisen.

    All das kann und will Ali Saledinov nicht akzeptieren. Er ist wütend, aber auch tief verletzt, das merkt man auch noch ein Jahr später. Er spricht mit einem lokalen Fernsehsender über das, was ihm passiert sei. So wird der Gewerkschafter Vitaly Mahinko auf ihn aufmerksam. Seit 2009 setzt sich seine Gewerkschaft „Trudova solidarnist“ für die Rechte von ukrainischen Schwarzarbeitern ein, sowohl im In-, als auch im Ausland. „Wir begegnen nirgendwo solcher Grausamkeit wie in Deutschland“, sagt Mahinko.

    Der Gewerkschafter berichtet von einem anderen Fall, der ihn erreicht hat. Ein Ukrainer habe sich bei der Schwarzarbeit in Deutschland das Bein gebrochen, doch anstatt ihn in ein Krankenhaus zu bringen, hätten die Arbeitgeber den Mann nach Polen geschafft – in Deutschland sei er nicht krankenversichert gewesen.

    Schlimmer, als im Mittelalter

    In gewisser Weise sei es heute schlimmer als im Mittelalter, sagt der Gewerkschafter. Damals habe man für einen Sklaven zahlen müssen. Man habe sich darum kümmern müssen, dass es ihm gut gehe und dass er nicht krank werde. Heute aber zahlten die Arbeiter dafür, dass sie arbeiten dürfen. Der Arbeitgeber im Ausland investiere überhaupt nicht, sagt Mahinko. „Und er bekommt einen Arbeitnehmer, der keine Rechte hat, der nichts hat. Wenn einem Arbeiter etwas passiert, bekommt der Unternehmer einen anderen. Der Unternehmer verliert nichts.“

    Mahinkos Gewerkschaft gilt als streitbar, sie war auf dem Maidan und hat in den vergangenen Jahren mehrfach große Streiks organisiert, der größte davon legte 2014 Teile des öffentlichen Nahverkehrs in Kyiv lahm. „Danach haben die ukrainischen Sicherheitsbehörden uns die Schuld an allem gegeben und uns verfolgt“, sagt er. „Sie haben unsere Gewerkschaft in der Ukraine verboten und wir mussten unsere Tätigkeit ins Ausland verlagern, um unsere Arbeitsmigranten im Ausland zu schützen.“

    Seitdem habe die Gewerkschaft kein Büro mehr und operiere nur noch dezentral. BuzzFeed News trifft Mahinko daher an einem sicheren Ort in Kyiv. Auch in der Region Dnipro ist der Gewerkschafter unerwünscht. Nachdem er in einer Uranerzfabrik eine Demonstration organisiert hatte, hätten die örtlichen Behörden Mahinko und seinen Kollegen gedroht. In einem Video hätten sie angekündigt, dass, Mahinko und seine Gewerkschaft-Kollegen Probleme mit der Polizei, dem Inlandsgeheimdienst und der Staatsanwaltschaft bekommen, sollten sie sich jemals wieder in die Region Dnipro trauen.

    Anna Schmidt

    Der Gewerkschafter Vitaly Mahinko.

    Trotzdem arbeitet Mahinko weiter. Ein Facebook-Beitrag der Gewerkschaft über Ali Saledinovs Fall wird tausendfach geteilt, erreicht mehr als eine Million Menschen. Mahinko bekommt viele Nachrichten von Menschen, die angeben, ebenfalls von „Individual Euro Group“ betrogen und ausgebeutet worden zu sein.

    Er bringt Saledinov mit weiteren Männern in Kontakt, die ebenfalls angeben, von „Individual Euro Group“ betrogen worden zu sein. Sie kommen von überall aus der Ukraine, aber berichten alle von ähnlichen, gefälschten Ausweispapieren. BuzzFeed News hat mit einem von ihnen telefoniert. Der Mann heißt Ruslan, seinen Familiennamen will er aus Angst vor persönlichen Konsequenzen nicht angeben. Er habe auch in Geesthacht bei Quandt gearbeitet, angestellt gewesen sei er bei einer litauischen Firma, sagt er. „Die Bedingungen waren schrecklich.“ Ihm sei gesagt worden, dass die Unterkunft umsonst sei, aber in Wirklichkeit habe er 150 oder 200 Euro dafür zahlen müssen. Außerdem hätten die Vermittler Geld für Benzin verlangt.

    „Ich habe einen Monat dort gearbeitet“, sagt Ruslan. In dieser Zeit habe er in Schichten von jeweils neun bis zehn Stunden gearbeitet, es habe große Regale mit Bier- und Wasserkästen gegeben, die man zusammenstellen und für die Auslieferung habe fertig machen müssen. BuzzFeed News liegt das Foto eines Lieferscheins vor, den Ruslan fotografiert hat. Außerdem Videos, die ihn bei der Arbeit in der Lagerhalle zeigen. „Es gab kein Internet, ich konnte nicht mit meiner Familie sprechen“, sagt er. Er habe in diesem Monat umgerechnet 300 Euro verdient. Aber auch er habe vorher eine hohe Summe an die Vermittler bezahlen müssen. „Es war ein Verlust“, sagt er. „Ich bin geblieben, weil ich nicht da raus konnte.“ Die Firma Quandt hat auf eine detaillierte Anfrage hierzu nicht geantwortet.

    „Für das, was du getan hast“

    Saledinov und seine Mitstreiter wollen, dass „Individual Euro Group“ schließen muss. Gemeinsam mit der Gewerkschaft protestiert er Ende September 2019 vor dem Bürogebäude in Dnipro. Fotos der Protestaktion liegen BuzzFeed News vor. Sie zeigen Saledinov mit einem Plakat vor dem Haus der Agentur. STOP, steht auf dem Schild. Und „Die Individual Euro Group lügt die Menschen an.“

    Jeder, der an diesem Tag in das Gebäude geht, muss an dem Schild vorbei. Darunter seien auch Männer gewesen, die einen Vertrag mit der Agentur unterzeichnen wollten. Alle hätten ihn gefragt: „Stimmt es, dass sie Betrüger sind?“, sagt Saledinov. Er habe seine Geschichte erzählt. Doch einige hätten ihm nicht geglaubt und gesagt, dass ihnen so etwas sicher nicht passiere.

    Am selben Tag, sagt Saledinov, sei er auch zur Polizei gefahren und habe Anzeige gegen die Arbeitsvermittler erstattet. BuzzFeed News liegen zwei Antwortbriefe der Polizei Dnipro auf diese Anzeige vor. In beiden heißt es, es lägen keine Beweise für eine Straftat vor. Die Auseinandersetzung zwischen Saledinov und Mushtai seien zivilrechtlicher Natur. Die Polizei Dnipro hat auf eine detaillierte Anfrage von BuzzFeed News zum Sachverhalt nicht geantwortet.

    Anna Schmidt

    Dnipro in der Ostukraine.

    Gewerkschafter Mahinko weiß, wie schwer es ist, in solchen Fällen strafrechtlich etwas zu erreichen. Eine einfache Aussage bei der Polizei bringe nichts. Oft würden die Unternehmen ihre Namen ändern. Und dann einfach weitermachen. Er habe sich sogar mit Beamten aus einer Einheit getroffen, die speziell für die Bekämpfung von Menschenhandel zuständig sei, um Saledinovs Fall zu besprechen. „Sie haben deutlich gemacht, dass sie sich in diesen Situationen einfach nicht engagieren wollen“, sagt er.

    Mittlerweile ist die Webseite der Firma nicht mehr erreichbar. Versuche, „Individual Euro Group“ telefonisch zu erreichen, waren nicht erfolgreich. Doch die Unternehmerin, die offenbar dahinter steht, Katerina Pavlivna Mushtai, hat als selbstständige Unternehmerin eine gültige Lizenz bei den ukrainischen Behörden. Mushtai hat auf eine Anfrage hierzu nicht geantwortet.

    Im Februar 2020 wird Ali Saledinov vor dem Bürogebäude seiner ehemaligen Arbeitsvermittlung angegriffen. Das geben er selbst sowie der Gewerkschafter Vitaly Mahinko BuzzFeed News gegenüber an. Saledinov sei gerade dabei gewesen, Flyer zu kleben, als ihn von hinten zwei Männer attackiert hätten, sagt er. Sie hätten auch Pfefferspray eingesetzt. „Für das, was du getan hast“, sollen sie gesagt haben. Passanten seien ihm zur Hilfe geeilt und hätten die Polizei gerufen.

    Doch als Saledinov auf dem Revier habe Anzeige erstatten wollen, hätten sie ihm nicht einmal eine Kopie seiner Anzeige mitgegeben. Lediglich eine Nummer habe er erhalten. Als Saledinov und die Gewerkschaft sich am nächsten Tag nach dem Stand der Anzeige erkundigen wollen, habe es geheißen, unter dieser Nummer sei kein Eintrag zu finden. BuzzFeed News liegt die Nummer vor. BuzzFeed News hat die verantwortliche Polizeibehörde um Stellungnahme zu diesen Schilderungen gebeten. Eine Antwort darauf haben wir nicht erhalten.

    „Bei uns kann man die Wahrheit nicht ans Licht bringen“ 

    Vitaly Mahinko und seine Gewerkschaft haben deshalb am 27. Februar den ukrainischen Inlandsgeheimdienst SBU um Hilfe gebeten. In einem Brief, der BuzzFeed vorliegt, wird der Angriff noch einmal geschildert. Außerdem heißt es dort, Ali Saledinov hätte einen der Angreifer an der Stimme wiedererkannt. Der Angreifer gehöre zu einer kriminellen Gruppe um „Individual Euro Group“ und Ekaterina Mushtai, die Ukrainer mit gefälschten Dokumenten nach Deutschland schickten.

    Der Mann habe bereits im Dezember auf Facebook gedroht, Saledinov „den Kopf abzuschlagen“, sollte dieser weiter über die Machenschaften der Agentur informieren. Vier Tage nach dem Angriff seien drei Personen zu Ali Saledinov nach Hause gekommen und hätten ihm körperliche Gewalt angedroht.

    „Die geschilderten Umstände zeigen, dass die ukrainische Nationalpolizei aus uns unbekannten Gründen die Verbrechen gegen Bürger und Bürgeraktivisten durch das internationale, kriminelle Menschenhandels-Netzwerk nicht untersuchen will“, heißt es in dem Brief. Die Polizei Dnipro hat auf eine detaillierte Anfrage von BuzzFeed News dazu nicht reagiert.

    Die Gewerkschaft fordert den SBU deshalb auf, Saledinov und die Gewerkschaft zu schützen und Ermittlungen einzuleiten. Saledinov sagte uns gegenüber bereits im November: „Bei uns kann man die Wahrheit nicht ans Licht bringen. Aber in Deutschland kann man nicht alles verheimlichen.“

    Anna Schmidt

    Ali Saledinov am Fluss.

    Über dem großen Fluss erhebt sich die Silhouette eines Kernkraftwerks. Saledinov brettert mit seinem alten Auto über einen Feldweg. Er will zum Ufer. Im Kofferraum hat er das einzig Wertvolle, was er noch besitzt. Einen Metalldetektor. Früher habe er immer nach Schätzen gesucht, sagt er. Nach Münzen und anderen Edelmetallen. Er finde oft etwas, sagt er. Am Ufer des Flusses soll es eine gute Stelle geben.

    Saledinov steigt aus, schlägt sich durch das hohe, farblose Gras. Neben ihm fällt das Ufer steil zum Dnipro ab. Er baut den Metalldetektor zusammen. Dann fährt er mit ihm über den Boden, es knackt und piepst. Er bewegt den Detektor über einen Grasbüschel; der beginnt zu fiepen. Saledinov gräbt mit den Händen in der Erde. Nichts. Er geht ein Stück, schiebt den Detektor vor sich her, es knackt, es fiept und piepst. Saldeniov gräbt. Er zündet sich eine Zigarette an. Schiebt. Gräbt. Zieht an der Zigarette. Aber in der Erde ist nichts für ihn. Da sind nur Steine.

    Saledinov geht zum Ufer, da wo es steil abfällt. Und schaut über den Fluss hinüber zum Kernkraftwerk. Er zieht an seiner Zigarette. Dann steht er auf und geht. ●


    Diese Recherche ist vom Kartographen-Stipendium der Mercator-Stiftung gefördert worden.


    Für diese Recherche sind vier Reporter*innen für BuzzFeed News Deutschland über einen Zeitraum von zwölf Monaten mehrfach in Hamburg, Nordrhein-Westfalen, Niedersachen, Polen und der Ukraine gewesen. Die Recherche erscheint auf Deutsch, Englisch und Polnisch. Wenn Ihr solche Recherchen in Zukunft fördern möchtet, könnt Ihr hier Fördermitglied von BuzzFeed News werden.

    Pascale Müller ist Reporterin für Politik und sexualisierte Gewalt. Kontakt: Pascale.mueller@buzzfeed.com

    Contact Pascale Müller at pascale.mueller@buzzfeed.com.

    Contact Anna Schmidt at pascale.mueller+anna@buzzfeed.com.

    Contact Eugen Shakhovskoy at pascale.mueller+eugen@buzzfeed.com.

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