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Dark Ads waren im deutschen Wahlkampf kein Thema, Manipulation aber schon

Soziale Netzwerke verändern unser politisches System, sagt der Politikwissenschaftler Simon Hegelich.

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Nach der Bundestagswahl 2017 gab es ein großes Aufatmen: Keine Anzeichen dafür, dass Parteien Wähler über "Dark Ads" manipuliert haben, kein Großangriff auf die Demokratie durch Fake News und Armeen aus Bots.

Manipulation in sozialen Medien jetzt aber als irrelevant einzuschätzen, hält Simon Hegelich, Professor für Political Data Science der Hochschule für Politik an der Technischen Universität München für falsch. Buzzfeed News hat ihn zum Interview getroffen.

„Es gibt sehr viele social bots, es gibt Fake News, es gibt Verschwörungstheorien“, sagt Hegelich. „Wir haben im letzten Jahr festgestellt, dass sehr viel manipuliert wird, was die Quantität angeht.“ Weniger klar ist aber, welchen Effekt das auf die Wähler hat.

Hegelich untersucht seit 2015 unterschiedliche Manipulationsformen in sozialen Netzwerken und deren Auswirkung auf die politische Landschaft in Deutschland und Europa. Vergangene Woche hat er in München die Ergebnisse seiner Arbeit vorgestellt. „Eine ganz große Gefahr nach der Bundestagswahl ist jetzt zu sagen, nur weil nichts passiert ist, ist das Facebook unwichtig“, so Hegel. Denn soziale Netzwerke hätten politische Kommunikation grundlegend verändert.

„Wir können zeigen, dass soziale Medien im politischen Kontext dazu führen, dass die Menschen immer weiter auseinander driften. Das ist total gefährlich für die Demokratie“, sagt Hegelich. Das liege auch daran, dass Facebook als Plattform für ursprünglich rein private Inhalte nicht auf politische Diskussionen ausgerichtet sei. Damit reduziere sich politischer Diskurs im schlimmsten Fall auf einen Like-Button.

Ein weiteres Ergebnis der Forschung von Hegelich und seinen Kollegen ist, dass es Filterblasen im deutsche Raum so nicht gibt. „Die Leute kriegen mit, was politische Gegner machen“, so Hegelich. Es gäbe keine abgeschlossenen, politischen Cluster in den sozialen Netzwerken. Allerdings bekommen Menschen abweichende Meinungen fast immer schon negativ kommentiert zu sehen, etwa, wenn sie in einer Gruppe gepostet oder von einem Freund geteilt werden, der dann auch noch seine Meinung dazuschreibt.

Keine andere Partei wurde am Wahltag so oft auf Twitter erwähnt wie die AfD.

Besonders in rechten Netzwerken entstehe so eine „Echokammer“. Außerdem haben Hegelich und seine Kollegen Hinweise darauf gefunden, dass sich rechte Gruppen in Deutschland digital immer stärker mit der „Alt-Right“-Bewegung in den USA vernetzen, etwa Strategien ausgetauscht werden.

Nur ein Beispiel ist, dass immer mehr deutsche Twitternutzer auch Links auf der Seite GAB.ai aktiv sind, einer alternativen sozialen Plattform, die in den USA vor allem von der Alt-Right-Bewegung genutzt wird.

Bei der AfD gebe es Hinweise, dass soziale Medien einen Einfluss gehabt hätten, so Hegelich – wenn auch nicht durch „microtargeting“ und „Dark Ads“. Die AfD ist die auf Facebook populärste Partei und wurde am Wahltag so oft erwähnt wie keine andere Partei. Diese Aufmerksamkeit in den sozialen Medien spiegelt sich auch in der medialen Berichterstattung wieder. Und diese wiederum beeinflusst die Umfrageergebnisse der AfD positiv, wie eine Recherche von Buzzfeed News mit dem Lehrstuhl für Political Data Science an der Hochschule für Politik München Ende September zeigte.

„Dieser Effekt ist nur bei der AfD nachweisbar“, so Hegelich. Möglicherweise weil die Partei besonders davon profitiert, dass emotionale Inhalte gut geteilt werden.

Sich daher nach der Bundestagswahl gelangweilt abzuwenden, weil große Manipulationseffekte ausblieben, verkenne was für ein Umbruch im Gange sei. Es fehlen politische Konzepte, wie mit Facebook, vor allem im Wahlkampf, umzugehen sei. „Das bringt uns eventuell in die Situation, dass wir in vier Jahren blank dastehen“, so Hegelich.

Hier geht es zum Videointerview mit Simon Hegelich.

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Pascale Müller ist Reporterin für Politik und sexualisierte Gewalt. Kontakt: Pascale.mueller@buzzfeed.com

Contact Pascale Mueller at pascale.mueller@buzzfeed.com.

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