136 Pflegekräfte berichten gegenüber BuzzFeed News, sexuell belästigt worden zu sein

Fast der Hälfte passiert das regelmäßig. Viele Arbeitgeber kümmern sich nicht ausreichend um den Schutz ihrer Angestellten. Eine Recherche von BuzzFeed News.

    136 Pflegekräfte berichten gegenüber BuzzFeed News, sexuell belästigt worden zu sein

    Fast der Hälfte passiert das regelmäßig. Viele Arbeitgeber kümmern sich nicht ausreichend um den Schutz ihrer Angestellten. Eine Recherche von BuzzFeed News.

    Pflegekräfte sind an ihrem Arbeitsplatz häufig sexualisierter Gewalt ausgesetzt. Das zeigt eine umfangreiche Recherche von BuzzFeed News, für die mehr als 150 Pflegekräfte in ganz Deutschland befragt wurden. Die Täter sind meist Pflegebedürftige, mitunter aber auch Angehörige. Auch wenn die Fälle gemeldet werden, tun Arbeitgeber oft zu wenig, um ihre Angestellten vor Belästigung und Übergriffen zu schützen. In Gesprächen mit BuzzFeed News berichteten mehrere Pflegekräfte, die Pflegedienste kämen ihrer Fürsorgepflicht nicht nach und setzten Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen wissentlich über einen längeren Zeitraum sexualisierter Gewalt und Belästigung aus.

    BuzzFeed News hat deutschlandweit 153 Pflegekräfte aus der stationären und ambulanten Alten- und Intensivpflege befragt. 136 Pflegekräfte geben an, verbale Belästigung und/oder körperliche Übergriffe erlebt zu haben. Das sind fast 90 Prozent aller Befragten.

    Die in der Umfrage von BuzzFeed News geschilderten Vorfälle reichen von wiederholten anzüglichen Bemerkungen über Griffe in den Schritt, an den Hintern oder die Brust bis hin zu versuchter Vergewaltigung.

    Auf die Frage, wann die Vorfälle stattfanden, schreiben rund 40 Prozent der Betroffenen:

    „ständig”, „regelmäßig”, „tagtäglich”.


    BuzzFeed News hat mit Frauen wie Susanne Geiger* gesprochen, die nach einer versuchten Vergewaltigung einfach weiter gearbeitet hat: „Ich hab’ nichts gesagt. Ich hab’ ganz normal meine Arbeit gemacht”, sagt sie.

    Oder Maike Schmitt, der der Ehemann einer Patientin regelmäßig unter das T-Shirt fasste. Als Schmitt ihrem Vorgesetzten davon erzählte, habe der sich „kaputt gelacht”: „Das war ganz schrecklich. Ich musste trotzdem weiter hin und das war jeden Abend dasselbe”.

    Auch der Vorgesetzte von Yvonne Fehn* nahm sie nicht ernst, als sie ihn auf die Akte eines ihrer Patienten hinwies, in der explizit steht: „Nur männliche Pfleger”. „Der hat mich im vollen Bewusstsein zu einem Patienten geschickt, von dem er wusste, dass er mich sexuell belästigen wird”.


    Die Recherche zeigt, dass die MeToo-Debatte nicht nur die Film- und Medienbranche betrifft. Auch in anderen Branchen sind Frauen und Männer mindestens genauso häufig von sexualisierter Gewalt und Belästigung betroffen. In der Pflege werden Übergriffe vielfach als normaler Teil des Berufsalltags wahrgenommen.

    BuzzFeed News hat neben Betroffenen auch mit Berufsgenossenschaften, Arbeitnehmervertretern und Arbeitgeberverbänden der Pflege gesprochen. Die Antworten stützen das Resultat der Umfrage. Sexualisierte Gewalt gegen Pflegekräfte ist für viele Arbeitgeber kein Thema. Die Berufsgenossenschaften kritisieren, es werde häufig bagatellisiert.

    Sind oder waren Sie persönlich von sexuellen Übergriffen oder sexueller Belästigung in Ihrem Arbeitsalltag betroffen?

    Grafik: BuzzFeed News Deutschland

    82,4 Prozent der 153 Befragten gaben an, sexuelle Gewalt oder sexuelle Belästigung in ihrem Arbeitstag erlebt zu haben. Weitere 6,5 Prozent waren sich nicht sicher, ob dass, was sie erlebt hatten so bezeichnet werden könne, gaben aber in einer anschließenden Beschreibung Vorfälle an, die als sexuelle Belästigung verstanden werden, etwa „verbale Belästigung, manchmal mit Anfassen” oder „Griffe in den Schritt”.

    Unsere Recherche zeigt außerdem:

    • Sexuelle Gewalt und Belästigung ist im Berufsalltag von Pflegekräften weit verbreitet.
    • Viele der uns geschilderten Übergriffe sind strafrechtlich relevant oder hätten zur Kündigung des Pflegevertrags führen können.
    • Betroffene geben vielfach an, von Kollegen oder Vorgesetzten nicht ernst genommen worden zu sein.
    • Dadurch seien Konsequenzen für übergriffige Patienten häufig ausgeblieben. Betroffene sind überwiegend Frauen, allerdings geben auch zehn Prozent der von uns befragten männlichen Pflegekräfte an, am Arbeitsplatz sexuell belästigt worden zu sein.
    • Auch wissenschaftlich ist das Thema kaum erforscht. Pflegeforscher, mit denen BuzzFeed News gesprochen hat, gehen von einer „Riesen-Dunkelziffer” aus.

    Sexuelle Belästigung und Gewalt finden überwiegend in Situationen statt, in denen die Pflegekräfte den Pflegebedürftigen zwangsläufig sehr nahe kommen, etwa beim Waschen und Ankleiden oder wenn sie mit dem Bewohner im Zimmer allein sind.

    „Die Hemmschwelle zum Beispiel bei der Intimpflege ist niedriger”, sagt Beate Schywalski von der Arbeitsgemeinschaft „Sexualisierte Gewalt” der Caritas Landesverbände Rheinland-Pfalz und Saarland. Die Arbeitsgruppe hat sich vor rund zweieinhalb Jahren gegründet mit dem Ziel, Mitarbeiter für Gewalt gegen Schutzbefohlene zu sensibilisieren. Einrichtungsleiter der Caritas-Sozialstationen berichteten aber vor allem von Übergriffen auf Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen.

    Wie groß das Problem ist, weiß keiner

    Verlässliche Statistiken existieren keine. Dabei käme sexualisierte Gewalt „mindestens einmal im Berufsleben einer Pflegekraft” vor, sagt Schywalski. BuzzFeed News hat beim Fachverband Altenhilfe des Caritasverbands, bei der Johanniter GmbH, der Diakonie, dem Arbeitgeberverband Pflege (AGVP) und dem Deutschen Pflegeverband nachgefragt, wie häufig sexualisierte Übergriffe und Belästigung gegen Mitarbeiter dort erfasst werden. Doch genaue Zahlen erhebt keiner der Arbeitgeber oder Arbeitgeberverbände.

    Auch wissenschaftlich sei das Thema kaum erforscht, sagt Frank Weidner vom Deutschen Institut für angewandte Pflegeforschung. Die meisten Studien beschäftigten sich allgemeiner mit Gewalt in der Pflege. Die letzte Studie, in der konkret nach unterschiedlichen Arten sexualisierter Gewalt gegen Pflegekräfte gefragt wurde, stammt aus dem Jahr 2009 und wurde vom Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend gefördert. Hierbei gaben 17 Prozent der Befragten an, sexualisierte Belästigung erlebt zu haben. Allerdings wurde dort nur nach Vorfällen in den letzten 12 Monaten gefragt.

    „Das ist ein Thema, das bisher keinen groß interessiert hat”, sagt Weidner. Man müsse von einer „Riesen-Dunkelziffer” ausgehen.

    Daher hat BuzzFeed News die Pflegekräfte selbst befragt. Am häufigsten berichten diese in unserer Umfrage von sexistischen oder sexuell anzüglichen Bemerkungen. Doch es bleibt nicht bei Worten. Die mit Abstand am häufigsten genannte non-verbale Erfahrung ist, dass Pflegebedürftige vor der Pflegerin onanieren oder bei der Intimpflege zudringlich werden.

    Grafik: BuzzFeed News

    An dritter Stelle stehen Übergriffe auf den eigenen Körper:

    Grafik: BuzzFeed News Deutschland

    Wie gut oder schlecht Pflegekräfte geschützt werden, hängt dabei entscheidend von Arbeitgebern und Vorgesetzten ab. „In vielen Organisationen besteht gar nicht das Wissen darüber, dass sexuelle Gewalt nicht sein darf, dass der Arbeitgeber eine Fürsorgepflicht hat und Beschäftigte vor sexueller Gewalt schützen muss”, sagt Mareike Adler von der Berufsgenossenschaft für Gesundheitsdienst und Wohlfahrtspflege (BGW). Sexualisierte Gewalt werde häufig „noch tabuisiert und bagatellisiert in den Unternehmen”, sagt Adler.

    Viele Vorfälle werden nicht erfasst

    Die BGW versichert rund 1,7 Millionen Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen in nicht-staatlichen Pflegeunternehmen. Bei staatlichen Einrichtungen übernehmen das die gesetzlichen Unfallkassen. Seit zweieinhalb Jahren beschäftigt das Thema sexualisierte Gewalt gegen Pflegekräfte die BGW intensiver. Unfallversicherer spielen bei der Erfassung von Übergriffen auf Pflegekräfte eine wichtige Rolle. Arbeitgeber müssen ihnen melden, wenn eine Pflegekraft durch einen Arbeitsunfall arbeitsunfähig wird – etwa in Folge von Gewalt und sexualisierter Gewalt.

    Eine Meldung ist allerdings nur dann erforderlich, wenn der Vorfall zu einer Arbeitsunfähigkeit von mindestens drei Tagen führt. Alle Fälle, bei denen das nicht der Fall ist, bleiben damit im Dunkeln. In Interviews mit BuzzFeed News berichteten viele Pflegekräfte, dass sie nach Vorfällen unmittelbar weitergearbeitet haben und sich gar nicht krankschreiben ließen. Der Arbeitgeber hat in diesen Fällen keine Verpflichtung, den Vorfall irgendwo zu vermerken.

    Der Deutsche Berufsverband für Pflegeberufe (DBfK) fordert daher, dass Unternehmen alle Vorfälle von Gewalt dokumentieren müssen, unabhängig von einer Krankschreibung. So könne man zum einen besser erfassen, wie groß das Problem von Gewalt gegen Pflegende überhaupt ist, sagt Johanna Knüppel von der DBfK. Zum anderen sichern sich Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen durch eine Meldung später rechtliche Ansprüche auf Therapien, Kuraufenthalte oder Renten, sollten sie zum Beispiel durch einen Vorfall so schwer geschädigt sein, dass sie längerfristig pausieren oder gar ganz aus dem Beruf ausscheiden müssen.

    Solange es genaue Zahlen nicht gibt, kann man sich ihnen nur nähern. Im Jahr 2016 wurden der BGW aus der Pflegebranche hochgerechnet 1.090 meldepflichtige Arbeitsunfälle angezeigt, die nach der Beschreibung des Unfallhergangs durch Gewalt, Angriff oder Bedrohung verursacht wurden. Wie viele dieser Arbeitsunfälle Folgen sexualisierter Gewalt sind, lässt sich nicht erfassen.

    Arbeitgeber setzen sich mit dem Problem bisher kaum auseinander

    Bei den meisten Arbeitgebern, die BuzzFeed News zu dem Thema angefragt hat, gibt es weder unternehmensweite Präventionskonzepte noch einheitliche Verhaltensstandards für Vorgesetzte oder spezielle Fort- und Weiterbildungen.

    Die Caritas-Arbeitsgruppe mit Beate Schywalski hat für die Sozialstationen in Rheinland-Pfalz und im Saarland einen umfassenden Mitarbeiter-Ratgeber zum Thema sexualisierte Gewalt erarbeitet, der Anfang Februar auf einer Fachtagung vorgestellt wurde und auch in die Bundesgremien der Caritas eingebracht werden soll. Außerdem plane die Caritas in Saarland und Rheinland-Pfalz, das Thema in die Ausbildung mit aufzunehmen, so Schywalski. Doch bis jetzt gibt es noch keine verbandsweiten verpflichtenden Richtlinien. Auch bei den Johannitern und der Diakonie gibt es Handreichungen, die sich allerdings sehr stark auf Schutzbefohlene fokussieren und sich nicht speziell an Pflegekräfte richten.

    „Ich soll mich nicht so anstellen”

    So hängt es von der einzelnen Einrichtungs- oder Pflegedienstleitung ab, wie mit Fällen sexualisierter Gewalt und Belästigung umgegangen wird. Unsere Umfrage zeigt, dass hier deutliche Unterschiede bestehen.

    Rund die Hälfte der Betroffenen gibt an, dass sich Vorgesetzte „entsetzt” gezeigt hätten, „verständnisvoll” gewesen seien und je nach Fall entweder das Gespräch mit dem Patienten gesucht, dem beschuldigten Patienten eine andere Pflegekraft zugewiesen oder in Ausnahmefällen sogar den Pflegevertrag gekündigt hätten.

    Die andere Hälfte allerdings berichtet, sie sei nicht ernst genommen oder sogar belächelt worden. Es seien keinerlei Maßnahmen zu ihrem Schutz eingeleitet worden. Betroffene selbst und andere Mitarbeiter hätten weiterhin übergriffige Patienten versorgen müssen.

    „Damit müsste ich klarkommen” – examinierte Pflegekraft in der stationären Pflege über ein Gespräch mit Vorgesetzten.

    „Ich soll mich nicht so anstellen” – examinierte Pflegekraft über ein Gespräch mit Vorgesetzten.

    Finden Sie, Ihr derzeitiger Arbeitgeber tut genug, um Sie vor sexualisierter Gewalt und Belästigung zu schützen?

    Grafik: BuzzFeed News Deutschland

    Auch Präventionsmaßnahmen gibt es kaum. Von allen 153 Personen, die an der Umfrage teilgenommen haben, geben nur 20 (rund 14 Prozent) an, von ihrem derzeitigen Arbeitgeber Informationen zum Schutz vor sexueller Belästigung und sexuellen Übergriffen am Arbeitsplatz erhalten zu haben.

    Die Pflegekräfte mit denen BuzzFeed News tiefergehende Interviews geführt hat, geben an, dass für sie nicht nur der Vorfall an sich belastend gewesen sei, sondern vor allem die Reaktion ihrer Vorgesetzten darauf. So auch im Fall von Maike Schmitt, die seit Jahren als Altenpflegerin bei verschiedenen ambulanten Pflegediensten arbeitet.

    „Der Ehemann einer Patientin ist mir immer, wenn ich Abendbrot gemacht habe, in die Küche gefolgt und ist mir unter mein T-Shirt gegangen”, beschreibt sie einen Vorfall, der 15 Jahre zurückliegt. Schmitt arbeitete damals für ein großes Pflegeunternehmen in Norddeutschland. Ihre Stimme ist noch heute hörbar bewegt, wenn sie darüber spricht.

    „Weil ich alleinerziehend mit vier Kindern war, war ich froh, Arbeit zu finden und habe mich nicht getraut, damals direkt den Chef zu informieren”, sagt sie. „Dann habe ich es aber irgendwann gemacht, und der [also der Chef] hat sich darüber kaputt gelacht, weil der Ehemann war schon 98. Da hab ich mich natürlich ganz schrecklich gefühlt, weil ich gedacht habe, es bringt ja gar nichts, mit dem Chef zu reden. Ich musste trotzdem weiter hin und das war jeden Abend dasselbe.”

    Eine Situation, die kein Einzelfall ist und gefährlich werden kann: „Wenn es sich über einen längeren Zeitraum immer wieder wiederholt, können solche Übergriffe durchaus auch gravierende psychische Folgen haben, die sich lange festsetzen”, sagt Johanna Knüppel vom DBfK. Auch sie spricht aus eigener Erfahrung. In ihrer Ausbildungszeit, 1977, fasste ihr ein Patient unter den Kittel. Das hat sie bis heute nicht vergessen. „Das ist bis heute hängen geblieben. Eigentlich eine ganz banale Situation. Aber daran merkt man, wie tief sowas dann auch festsitzt, als Angriff auf die eigene Persönlichkeit”, so Knüppel.

    Arbeitgeber ziehen zu selten Konsequenzen

    Für Arbeitgeber bestehen eigentlich Vorschriften, wie mit dem Thema umzugehen ist. So verpflichtet das Arbeitsschutzgesetz Arbeitgeber dazu, vorsorglich eine Gefährdungsbeurteilung für drohende psychische Belastungen durchzuführen. Auch eine eventuelle Gefahr sexualisierter Übergriffe müsste hier ermittelt werden. Darauf aufbauend müssen dann Maßnahmen folgen, um diese Gefahr zu minimieren. Das kann bedeuten, die Versorgung bestimmter Patienten so zu planen, dass diese nur von männlichen Pflegern betreut werden, einen Notfallplan für den Fall eines Übergriffs einzuführen oder Ansprechpartner zu benennen, an die sich Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter vertrauensvoll wenden können.

    Außerdem hat der Arbeitgeber die Pflicht, seine Angestellten vor Gefahren für Leben und Gesundheit am Arbeitsplatz zu schützen. Verletzt er diese Schutzpflicht, ist er zum Schadensersatz verpflichtet, muss möglicherweise auch Schmerzensgeld zahlen. Dabei ist es nicht erforderlich, dass eine Gefahr für Leib und Leben des Angestellten auch tatsächlich eintritt, ein „arbeitsschutzwidriger Zustand” ist ausreichend.

    „Sexualisierte Gewalt ist kein Thema, dem man mit dem Verhalten der Beschäftigten begegnen kann, sondern das ist ein gesamtunternehmerisches Thema”, so Mareike Adler von der BGW. Wichtig seien technische und organisatorische Maßnahmen. Der Pflegekraft müssten Fluchtmöglichkeiten oder Rückzugsräume zur Verfügung stehen. Wer alleine im Nachtdienst ist, brauche eventuell ein Notsignal-Gerät, mit dem er Hilfe rufen kann. Auch müsse klar sein, wie auf Vorfälle reagiert wird, wie sie erfasst und ausgewertet werden und wie die Betreuung der Betroffenen abläuft.


    „Ich habe nichts gesagt. Ich hab' ganz normal meine Arbeit gemacht.”

    Der Fall von Susanne Geiger* zeigt, wie viel Handlungsbedarf in diesem Bereich nach wie vor besteht. An einem Freitag im Sommer 2015 ist Geiger, examinierte Pflegekraft bei einem Pflegedienst der Mitglied bei der Diakonie Bayern ist, mit einem Pflegeschüler unterwegs zu einer Patientin. Sie versorgt die Frau bereits seit zwei Jahren, kennt auch den Angehörigen, der mit seiner Frau im selben Haus lebt. Susanne Geiger setzt den Pflegeschüler am Haus der Patientin ab, während sie noch zu zwei anderen Patienten fährt. Als sie wiederkommt, fängt der Angehörige der Patientin sie ab, sagt ihr, sie solle durch den Hintereingang ins Haus gehen. „Wo ich mir halt nichts dabei gedacht habe, weil ich ihn schon lange kannte”, erinnert sich Geiger im Gespräch mit BuzzFeed News.

    Hinter dem Haus dann drückt der Mann sie an die Wand, hält sie fest, fasst ihr an die Brust, in den Schritt, ans Gesäß. Sie sei erstarrt, sagt Geiger – bis sie dann irgendwann die Kraft gefunden habe, um Hilfe zu rufen. Erst leise, dann lauter. Da habe der Mann von ihr abgelassen.

    Sie reißt sich los, will weglaufen, er hält sie am Arm fest und droht, sie solle niemandem davon erzählen. Vor lauter Angst stimmt sie zu. Danach geht sie durch die Vordertür ins Haus. Der Pflegeschüler ist mit der Patientin im Bad. „Ich hab’ nichts gesagt. Ich hab’ ganz normal meine Arbeit gemacht”, sagt sie heute.

    Zwei weitere Patienten versorgt sie noch, dann fährt sie ins Büro, um eine Pause zu machen. Hier spricht sie zum ersten Mal mit ihrer Pflegedienstleitung über das Erlebte - und bricht zusammen. „Meine Pflegedienstleistung war natürlich auch schockiert, hat dann aber auch gesagt, ich soll meine Tour fertig fahren”, so Geiger. Das sei, wie wenn man vom Fahrrad fällt, habe ihre Vorgesetzte gesagt. Man müsse direkt wieder aufsteigen und weitermachen.

    „Da bin ich in ein Loch gefallen”

    Die Mutter von Susanne Geiger bestätigt die Schilderungen. Direkt nach Feierabend habe sie einen Anruf bekommen, ihre Tochter habe mit „komplett zittriger Stimme” erzählt, dass ein Mann sie gegen die Hauswand gedrückt und bedrängt habe. Sie habe sich dann sofort mit ihr getroffen und ihr geraten, zur Polizei zu gehen.

    Geiger fährt zurück zu ihrem Arbeitgeber, fragt, ob es in Ordnung ist, wenn sie Anzeige erstattet. „Total bescheuert, dass man bei sowas nachfragt”, sagt sie heute. Die Pflegedienstleitung sei mit ihr zur Polizei gefahren. Frei habe sie Susanne Geiger nicht gegeben.

    Am nächsten Tag, ein Samstag, habe Geiger wieder Dienst gehabt, sagt sie. Doch bei jedem Patienten, bei dem Angehörige im Haus gewesen seien, habe sie Panikattacken bekommen. „Ich konnte nicht mehr”, sagt sie. Geiger lässt sich eine Woche krankschreiben. Drei Monate später kommt der Bescheid der Staatsanwaltschaft: Das Verfahren gegen den Mann sei aus Mangel an Beweisen eingestellt worden.

    „Da bin ich in ein Loch gefallen”, sagt sie.

    Illustration: Rikk Minor

    Auch habe es ihr zu schaffen gemacht, dass die Diakonie weiter Pflegekräfte zu der Patientin und dem übergriffigen Angehörigen geschickt habe. „Das Schlimme für meine Tochter war, dass die Kollegen weiterhin dort hin gefahren sind, trotz dieser bekannten und bestehenden Gefahr”, sagt die Mutter. „Was der Susanne dann immer wieder das Gefühl gegeben hat: Du wirst nicht ernst genommen. Das ist für andere lachhaft.”

    Geiger wollte, dass der Pflegevertrag gekündigt wird. Das sei nicht möglich, habe es von ihrer Vorgesetzten geheißen. Der Pressesprecher der Diakonie Bayern erklärt BuzzFeed News am Telefon, dass eine Pflegedienstleitung grundsätzlich dazu befugt sei, einen Pflegevertrag zu kündigen, wenn grobe Verstöße vorliegen.

    Geiger geht zur Mitarbeitervertretung, gibt sich nicht geschlagen. Rund ein Dreivierteljahr nach dem Vorfall habe ein Gespräch zwischen Susanne Geiger, der Pflegedienstleistung, der Mitarbeitervertretung und dem für den Pflegedienst zuständigen Dekan stattgefunden. Geiger gibt an, der Dekan habe ihr darin verboten, über den Vorfall mit anderen zu sprechen, und das mit einer Schweigepflicht begründet.

    Susanne Geiger hat BuzzFeed News gegenüber erklärt, der Forderung des Dekans damals nicht zugestimmt zu haben. Die Schweigepflicht gelte für die Patienten, die sie versorge, nicht deren Angehörige. Es geht ihr weiterhin schlecht, in einem ärztlichen Schreiben wird ihr noch ein Jahr später ein „psychischer Schock” attestiert. Ein auf den 29. Juli 2016 datiertes Attest mit entsprechendem Diagnoseschlüssel liegt BuzzFeed News vor.

    „Ich hab Angst davor gehabt, immer und immer wieder drüber zu reden”

    Susanne Geiger hat für sich die Konsequenzen gezogen: „Ich hab’ ein Jahr lang gekämpft mit dem Arbeitgeber und dann hab’ ich gekündigt, weil ich gesagt hab’: ich kann nicht mehr.” Bis zu dem Vorfall habe sie gerne bei dem Pflegedienst gearbeitet, bei dem sie auch gelernt hatte. Sie habe ein gutes Verhältnis zu ihrer Pflegedienstleitung gehabt. Bei der Kündigung habe sie geweint. „Dass es böse Menschen gibt, das weiß man, aber dass es einen Arbeitgeber gibt, der seine Mitarbeiter so hängen lässt, das hat mich in meinem Urvertrauen beschädigt”, sagt sie.

    Auf Anfrage von BuzzFeed News schreibt der Pressesprecher der Diakonie Bayern: „Gewalt in jeder Form, sei sie wie im beschriebenen Fall sexualisiert oder nicht, stimmt in keinem Fall mit dem Wertekanon und dem Menschenbild der Diakonie in Bayern überein.”

    Dies gelte insbesondere für die Arbeitsbereiche, in denen es um schutzbedürftige Personen beziehungsweise Abhängige ginge, also die Kinder- und Jugendhilfe, die Behindertenhilfe und die Altenhilfe. Gewalt gegen die eigenen Mitarbeitenden, unabhängig von wem sie ausgeübt werde, lehne die Diakonie selbstverständlich ab.

    „Wenn es zu Gewalt in Einrichtungen der Diakonie Bayern kommt, so erwarten wir von den Verantwortlichen, alles zu tun, um im Falle strafrechtlich relevanter Tatbestände entsprechend zu handeln und gegebenenfalls die Behörden einzuschalten, die Hintergründe aufzuklären, gegebenenfalls vertrags-, dienst- und arbeitsrechtliche Konsequenzen zu ziehen, die Betroffenen in der Verarbeitung des Geschehens zu unterstützen und Maßnahmen zu ergreifen, dass sich solche Vorgänge nicht wiederholen”, heißt es von der Diakonie.

    Neben der Aufklärung der Vorgänge und dem Ergreifen entsprechender Konsequenzen müsse stets die Unterstützung der von Gewalt Betroffenen im Vordergrund stehen.

    Um allerdings den Vorwürfen im Fall Susanne Geiger im Einzelnen nachzugehen, sie überprüfen und abschließend bewerten zu können, benötige die Diakonie weitere Informationen. „Ohne zu wissen, bei welchem der rechtliche eigenständigen Träger beziehungsweise deren Einrichtung sich die geschilderten Vorfälle abgespielt haben, können wir den von Ihnen geschilderten Fall nicht vollständig beurteilen”, heißt es.

    Die Namen aller Beteiligten sind BuzzFeed News bekannt. Susanne Geiger allerdings befürchtet persönliche Konsequenzen durch die Geschäftsleitung ihrer ehemaligen Einrichtung. Daher hat BuzzFeed News der Diakonie gegenüber die konkrete Einrichtung sowie den Namen des damals zuständigen Dekans vorerst nicht genannt. Und verzichtet an dieser Stelle auch darauf, Namen der konkreten Einrichtung und des Dekans zu veröffentlichen.

    Geiger hat überlegt, gegen ihren ehemaligen Arbeitgeber zu klagen. Doch ihr habe die Energie dafür gefehlt.

    „Ich hab Angst davor gehabt, immer und immer wieder drüber zu reden”, sagt sie.


    Auch für Yvonne Fehn* war der Umgang ihres Vorgesetzten mit einem Übergriff ein Grund zu kündigen. Fehn arbeitet 2016 bei einem großen Pflegedienstunternehmen in Lüneburg. Sie ist die Jüngste im Team, als sie im Frühjahr 2017 einen neuen Patienten zugeteilt bekommt.

    „Der hat mich zu einem Patienten geschickt, von dem er wusste, dass er mich sexuell belästigen wird”

    In der Pflegedokumentation sei vermerkt gewesen, dass der Mann am Korsakow-Syndrom leide, einer Störung der Psyche und des Verhaltens, häufig in Folge langjährigen Alkoholmissbrauchs. Außerdem, so Fehn gegenüber BuzzFeed News, habe dort noch etwas gestanden: Der Patient solle nur durch männliche Pfleger versorgt werden. Bei Menschen, die am Korsakow-Syndrom leiden und bei Demenzkranken kann es oftmals zu sexueller Enthemmung und damit auch vermehrt zu sexualisierten Handlungen gegenüber Pflegekräften kommen, denen sich die Personen allerdings nicht bewusst sind.

    Fehn habe ihren Vorgesetzten darauf angesprochen, dieser soll auf ihre Bedenken aber nicht eingegangen sein. „Der hat mich im vollen Bewusstsein zu einem Patienten geschickt, von dem er wusste, dass er mich sexuell belästigen wird”, sagt Fehn heute.

    Sie fährt in die Wohnung des Patienten, wo es sofort zu Problemen kommt. Der Mann hat, wie bei dieser Krankheit typisch, starke Stimmungsschwankungen, versucht sie „anzubaggern”, wie sie sagt. Als sie im Schlafzimmer das Bett neu bezieht, blockiert der Mann mit seinem Rollstuhl die Tür, versucht, sie zu küssen und sie an der Hand festzuhalten. Fehn will ihn nicht wegschieben, grob werden oder die Pflege abbrechen. „Ich wollte den Mann nicht hilflos in seinen Fäkalien sitzen lassen. Da konnte ich nicht mehr viel tun, außer die Zähne zusammenbeißen”, sagt sie.

    Erst nach langen Diskussionen bringt Fehn den Mann dazu, ihr den Weg freizumachen und verlässt das Haus. Danach habe sie sofort die Kollegin des Bereitschaftsdienst angerufen, geschildert, was passiert sei und darum gebeten, dass die erfahrenere Kollegin den Patienten übernehme. Die Antwort der Kollegin soll gewesen sein: „Das Leben ist kein Wunschkonzert.”

    „Ich musste am nächsten Tag nochmal hinfahren, da gab es das Ganze nochmal”, sagt Fehn. Wenige Monate später kündigt sie, unter anderem wegen des Vorfalls.

    „Die Art, wie meine Chefs damit umgegangen sind, fand ich sehr respektlos”, sagt sie.

    Sexualisierte Gewalt spielt in der Diskussion um bessere Arbeitsbedingungen in der Pflege bisher keine Rolle

    Laut Bundesgesundheitsministerium arbeiten rund 1,1 Millionen Menschen in Deutschland bei Pflegediensten und in Pflegeheimen. Rund 85 Prozent von ihnen sind Frauen. Geht es um die Arbeitsbedingungen in der Pflege wird häufig vom „Pflegenotstand” gesprochen. Während es immer mehr alte Menschen gibt, die gepflegt werden müssen, fehlt es an ausreichend qualifiziertem Personal – Personal wie Susanne Geiger, Maike Schmitt und Yvonne Fehn.

    Bis 2030 werden 300.000 Pflegekräfte fehlen, davon allein 200.000 in der Altenpflege, erwartet der Deutschen Pflegerat. Stationen, Altenheime und ambulante Dienste sind schon heute häufig chronisch unterbesetzt.

    „Das gehört zu unserem Beruf, das hast du doch gewusst”

    Gerade deshalb müsse sexualisierte Gewalt gegen Pflegekräfte „Chefsache” sein, sagt Mareike Adler von der BGW. „Es muss im ureigensten Interesse der Unternehmer sein, gerade in Zeiten des demografischen Wandels und des Fachkräftemangels, Mitarbeiter zu binden, arbeitsfähig zu halten und ihren gesetzlichen Verpflichtungen als Unternehmen nachzukommen”, so Adler.

    „Es fängt schon damit an, dass Vorgesetzte oder Kollegen, an die sich solche Menschen wenden, sie ernst nehmen müssten und nicht sagen: Stell dich nicht so an, das gehört zu unserem Beruf. Das hast du doch gewusst”, sagt Johanna Knüppel vom DBfK. Denn selbst wenn die Übergriffe durch demente Patienten oder solche mit Korsakow-Syndrom verübt werden, hieße das noch lange nicht, dass die Pflegekraft es einfach erdulden müsse.

    Auch in der Umfrage von BuzzFeed News finden sich Aussagen wie „Das gehört halt zur Krankheit” oder „damit muss ich leben”. Diese Haltung vieler Pflegenden, Übergriffe einfach „aushalten zu müssen”, werden ihnen vielfach auch eingeredet, so Knüppel, etwa von Vorgesetzten oder von Kollegen und Kolleginnen.

    „Dagegen muss wirklich vorgegangen werden.”


    * Name geändert

    Pascale Müller ist Reporterin für Politik und sexualisierte Gewalt. Kontakt: Pascale.mueller@buzzfeed.com

    Contact Pascale Müller at pascale.mueller@buzzfeed.com.

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