27. März 2020

    Anfragen zum halben Preis: Wie Corona die Sexarbeit in Deutschland verändert

    Sexarbeiter*innen sind während der Pandemie besonders schlecht geschützt. Eine Escort erzählt, wie sich ihr Arbeitsalltag und die Branche verändern.

    Vor einem Monat fand ich es noch lustig, mit Kund*innen auf Corona anzustoßen, wenn wir nicht mehr wussten, wer aus welchem Glas getrunken hat. Es ist ja nur eine etwas stärkere Grippe, dachten wir.

    Vorletzte Woche habe ich mein Escort-Profil bearbeitet und Menschen mit Symptomen gebeten, zu Hause zu bleiben. Die anderen habe ich darauf aufmerksam gemacht, dass ich weiterhin – mit viruzidem Desinfektionsmittel in der Tasche – arbeite und Sex von hinten das Ding der Stunde sei.

    Safer Sex, desinfizierte Strap-ons und Toys sind ohnehin Standard und sowas wie Zungenküsse habe ich noch nie angeboten. Meine Kund*innen waren schon ab diesem Zeitpunkt vernünftiger als ich, haben geplante Treffen abgesagt und eine meiner Lieblingskund*innen hat mich mit einer netten Mail darauf aufmerksam gemacht, wie unverantwortlich ich sei. Fair enough.

    Es ist einfach, Menschen Unverantwortlichkeit vorzuwerfen, wenn man selbst Rücklagen hat oder Gewissheit über staatliche Ausfallzahlungen – selbst ich gehöre da noch zu den Privilegierten. Ich habe keine Familie, die auf meinen Verdienst angewiesen ist, dafür eine Krankenversicherung und Freund*innen, von denen ich mir Geld leihen kann. Mit einem Arsch voll Schulden werde ich schon irgendwie durchkommen.

    Vielen Sexarbeitenden droht die Obdachlosigkeit

    Wenn ich mich aber in meinem sexarbeitenden Umfeld so umhöre, klingen viele Kolleg*innen weniger optimistisch. Am meisten Panik lese ich in den Nachrichten, Tweets und SMS von denen, die normalerweise in den Prostitutionsstätten wohnen, in denen sie arbeiten. Die zusätzlich zum fehlendem Einkommen versuchen müssen, jetzt irgendwo anders unterzukommen. Mit der Corona-bedingten Schließung der Bordelle und Laufhäuser droht ihnen die Obdachlosigkeit.

    Auch der Vorschlag, wie viele andere Gewerbe auf Home-Office umzusteigen und Adult Content im Internet anzubieten ist für uns Sexarbeiter*innen nicht so einfach. Neben nicht immer vorhandener Hardware ist digitales Bezahlen für sexuelle Dienstleistungen ziemlich kompliziert: PayPal und andere Online-Bezahldienste verbietet in ihren AGB explizit „Transaktionen bezüglich bestimmten sexuell orientierten Materialien oder Diensten“ – was oft dazu führt, dass volle Konten von Sexarbeitenden auf unbestimmte Zeit eingefroren werden.

    Bei einem so stigmatisierten Beruf gebe ich meine Kontodaten inklusive Klarnamen nicht an unbekannte Internet-Kund*innen heraus – genauso wie ich mich in den entsprechenden Camgirl-Portalen nicht mit meinem Ausweis registrieren möchte. Das musste ich schon 2017, als in Deutschland das umstrittene Prostituiertenschutzgesetz in Kraft trat, was Sexarbeitende eigentlich stärker schützen sollte. Seitdem müssen wir uns bei Ämtern anmelden, und bei der Arbeit einen sogenannten „Hurenausweis“ bei uns tragen.

    Ich fand das schon damals unnötig riskant. Warum sollte ich jetzt meine Anonymität mit einer elektronischen Identifikation auf Portalen wie „streamate“, „my dirty hobby“ oder „adultwork“ noch mehr in Gefahr bringen? Ich habe noch einen anderen Job und ein Großteil meines beruflichen und privaten Umfeldes weiß nichts von meiner Arbeit als Escort. Angesichts des Stigmas, das dieser Job leider noch immer mit sich trägt, soll das auch genau so bleiben.

    Bei der riesigen Auswahl an kostenlosen Online-Angeboten lassen sich Umsatzeinbußen nicht so schnell ausgleichen, wenn eine*r sich auf den entsprechenden Portalen wie bei jeder neuen Stelle erst ein- und hocharbeiten muss. Der Reiz der sexuellen Dienstleistungen, die ich anbiete, liegt eher darin, dass Kund*innen berührt und dominiert werden, als dass mein Körper im Mittelpunkt steht. Da kann ich nicht eben mal mein Sofa abstauben und mir vor laufender Kamera die Klitoris reiben.

    Keine staatlichen Zuschüsse

    Wenn es in Deutschland eine noch strengere Kontaktsperre geben sollte, wird es für die, die jetzt noch auf Straßenstrich und Wohnungsprostitution angewiesen sind, unmöglich, Geld zu verdienen. Neben den bereits laufenden Spendenkampagnen hoffe ich auf Verbände wie den Berufsverband erotische und sexuelle Dienstleistungen e.V., der sich gerade für unbürokratische Ausgleichszahlungen für Sexarbeitende einsetzt – auch für solche ohne festen Wohnsitz und Steuernummer. Immerhin, die ausschließlich in dieser Branche geforderten täglichen Pauschalvorauszahlungen von Steuern werden zur Zeit auf Nachfrage ausgesetzt.

    Obwohl der Berufsverband und andere Vereine schon seit Jahren hervorragende Arbeit leisten, werden sie viel zu wenig in Gesetzgebungsprozesse mit einbezogen und ihre Legitimität als Interessensvertretung von Sexarbeiter*innen wird immer wieder grundlos angezweifelt. Stattdessen hat der Bundestag absurde „Rettungsprogramme“ wie das genannte Prostituiertenschutzgesetz ausgearbeitet, die mehr schaden als nützen.

    Notwendige Schritte zur Verbesserung unserer Arbeits- und Lebensbedingungen werden vernachlässigt. Zum Beispiel wäre es in der jetzigen Situation enorm hilfreich gewesen, wenn Programme zur Anerkennung von Sexarbeit als legitime Form von Arbeit schon seit Jahren laufen würden und wir jetzt – wie alle anderen Solo-Selbständigen auch – problemlos und unbürokratisch staatliche Zuschüsse beantragen könnten.

    Corona scheint einmal mehr die Tendenz zu beweisen, dass Menschen, die von einer Krise besonders hart getroffen werden, am wenigsten Hilfe bekommen – egal ob es sich um Menschen in Flüchtlingsunterkünften, auf der Straße, in der Sexarbeit oder in anderen marginalisierten Bereichen handelt. Viele Sexarbeiter*innen sind zudem Migrant*innen, teilweise nicht EU-Bürger*innen. Sie trifft die fehlende staatliche Unterstützung doppelt hart.

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    Das uralte Bild von Sexarbeiter*innen als Übertrager*innen von Seuchen schlechthin

    Zum Beispiel ist es bezeichnend, dass Politiker*innen wie die SPD-Bundestagsabgeordnete Leni Breymaier für die Einführung eines Sexkaufverbots in Deutschland plädieren, das unsere Kund*innen kriminalisieren will: das sogenannte schwedische Modell. In der derzeitigen Lage waren die Kund*innen aber fast die einzigen, die uns finanziell unterstützt haben. Spendenkampagnen für Bordelle und Sexarbeitende wurden gerade besonders unter unseren Kund*innen auf Social Media geteilt und viele Stammkund*innen haben gespendet oder Gutscheine gekauft, weil sie wollen, dass wir gut durch die Krise kommen.

    Wenn es Breymaier wirklich um den sexarbeitenden Teil der Bevölkerung gehen würde, hätte sie auf die Dringlichkeit hingewiesen, uns in dieser Lage zu unterstützen – anstatt sich über Corona als Testphase für das Sexkaufverbot zu freuen. Auf Twitter schrieb die Abgeordnete vor einigen Tagen: „Stuttgart verbietet #Prostitution wegen #Corona. Geht doch. Man(n) kann ja schon mal üben.“ In diesem Sinne ist auch die „Allgemeinverfügung der Stadt Karlsruhe über das Verbot der Prostitution zur Verhinderung der Verbreitung des Corona-Virus“ zu verstehen, die bis auf Widerruf „Prostitution und Sexkauf jeder Art“ verbietet; eine zeitlich unbegrenzte Sonderverfügung, die unabhängig von den bundesweiten Landesverordnungen gilt.

    Ich will die Infektionsschutzmaßnahmen nicht in Frage stellen oder die Gefahren der Pandemie verharmlosen. Aber ich finde es auffällig, dass in Stuttgart „jede Art von Prostitution“ untersagt wurde, noch einige Tage bevor Standesämter, Kindertagesstätten, Schulen und Fitnessstudios dicht gemacht wurden. In dieser Reihenfolge scheint mir doch zu sehr das uralte Bild von Sexarbeiter*innen als die Überträger*innen von Seuchen und Epidemien schlechthin durch. Die Ansteckung, die von ‘kranken Sexarbeiter*innen’ ausgeht und für die ‘gesunde Bevölkerung’ eine Gefahr darstellt, wurde in der Geschichte der Prostitution immer wieder zur Legitimierung repressiver Maßnahmen gegenüber Sexarbeitenden genutzt.

    Treffen zum halben Preis

    Im 19. Jahrhundert sollten mit den „Contagious Diseases Acts“ in Großbritannien Krankheiten innerhalb des Militärs bekämpft werden, Sexarbeiter*innen konnten deshalb verhaftet und zwangsbehandelt werden. Noch in den 80er Jahren waren regelmäßige gynäkologische Pflichtuntersuchungen üblich. Und seit 2017 müssen wir wieder jährlich zum Gesundheitsamt, und dort eine Zwangsberatung in Anspruch nehmen.

    Einen kleinen Vorgeschmack auf das, was mit der Branche passieren könnte, wenn das Kaufen von sexuelle Dienstleistungen dauerhaft in illegale Grauzonen gedrängt würde, bekomme ich seit drei Wochen vermehrt in mein Escort-Postfach: Keine Anfragen, die irgendwie in Frage kommen würden, stattdessen Personen, die Treffen zum halben Preis wegen Corona vorschlagen oder zusätzliche Services verlangen, die ich explizit nicht anbiete, aufdringliche Fragen; offensichtlich hat sich niemand von den Absendern mein Profil wirklich durchgelesen.

    Ich schätze, das sind die Kund*innen, die übrig bleiben würden, wenn Sexkauf dauerhaft verboten und der Ausnahmezustand zur Normalität würde. In diesem Sinne hoffe ich auf eine Zukunft ohne Corona und ohne Illegalisierung von Sexarbeit.

    Noah Name ist das Pseudonym unserer Autorin. Sie arbeitet seit zwei Jahren tagsüber für eine NGO und nachts als queere Sexarbeiterin. Sie lebt in Berlin und twittert unter @travellingpussy. Zur Zeit arbeitet sie aus dem Homeoffice.


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