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Gianni Jovanovic ist Roma und schwul. Und einer der wenigen in Deutschland, der für die Rechte queerer Roma kämpft

Es sind Menschen, die als Minderheit in der verfolgten Minderheit leben: Queere Roma. Doch wer sind sie?

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Im Juli vor zwei Jahren führte der Rom Gianni Jovanovic die erste Gruppe schwuler Roma an, die es bis dato auf dem Kölner „Cristopher Street Day“ gegeben hatte. Gut 50 Männer und Frauen zogen im Pulk über die Straßen Kölns.

Fragt man Jovanovic heute, wie viele schwule Roma es gibt, grübelt er kurz und sagt: „Ich schätze, dass es 10.000 bis 12.000 sind.“ Fragt man beim „Lesben- und Schwulenverband Deutschland“, kurz LSVD, nach heißt es von dort: „Wir schätzen, gut fünf bis zehn Prozent aller Roma könnten homosexuell sein.

Queere Roma werden mehrfach diskriminiert

Nicht jeder, der in dieser Gruppe schwul ist, genießt automatisch mehr Toleranz. Im Gegenteil, die Abneigung ist stärker, als in anderen Ethnien. Hier schlägt eine Mehrfachdiskriminierung durch“, sagt Helmut Metzner. Der Fachmann hatte zuletzt den jährlich wiederkehrenden Romatag mitorganisiert. „Vorurteile prägen das Bild in der eigenen Community. So gibt es Disziplinierungsmaßnahmen. Das Outing führt zur Ausgrenzung. Entweder trennt man sich von der Familie – oder führt ein Doppelleben“, so der 48-Jährige weiter.

Rückblick: Zu Zeiten des Bürgerkriegs in den zerfallende Staaten Ex-Jugoslawiens kamen etwa 50.000 Roma als Flüchtlinge in die Bundesrepublik, etwa 20.000 von ihnen waren Kinder. Doch mit exakten Zahlen tut man sich auch bei der „Antidiskriminierungsstelle des Bundes“ schwer. Der Grund dafür: „Aufgrund der katastrophalen Erfahrungen im Dritten Reich scheuen sich diese Menschen heute vor dem Kontakt mit den Behörden“, sagt Experte Niklas Hofmann.

Dann wagt auch er ein Zahlenexperiment: Nähme man die Durchschnittswerte der bundesdeutschen Bevölkerung, so könne er sich vorstellen, dass gut fünf bis zehn Prozent der Roma homosexuell seien.

Es erstaunt nicht, dass es keine belastbaren Zahlen über queere Roma gibt. Jene Menschen leben in Angst vor ihrer Entdeckung. Nur wenige trauen sich mit der Lebensgeschichte - so wie Jovanovic - in die Öffentlichkeit. Denn: Roma sind eine Minderheit, die es schwer hat. Viele scheuen sich dazu zu stehen, dass sie Roma sind. Sich dann auch zur Homosexualität zu bekennen, bedeutet für sie ein doppeltes Risiko.

Viele Menschen kommen in Todesangst zu dem Verein "Queer Roma"

Die Kölner NGO „Queer Roma“ setzt sich für ihre Belange ein: „Wir helfen bedrohten, verschüchtern Menschen, die aufgrund ihrer Sexualität angefeindet werden - oder Zuflucht suchen.“ Die Erfolge der Arbeit zeigen sich in eher kleinen Gesten: „Wenn sich ein schwules Paar aus einer konservativen Gesellschaft kommend hier zum ersten Mal in der Öffentlichkeit zitternd an der Hand hält, dann hat sich mein Kampf und die Arbeit gelohnt“, sagt Jovanovic, der den Verein 2015 gründete.

Viele Menschen kämen in Todesangst zu ihm. In den Herkunftsländern drohen ihnen hohe Haftstrafen und die Verfolgung, oft durch die eigene Familie.

Um Öffentlichkeit und Aufmerksamkeit zu schaffen, gibt es von „Queer Roma e. V.“ häufig Podiumsdiskussionen und Impulsreferate. Das Thema soll so in die Öffentlichkeit getragen werden, da die meisten Menschen entweder noch nie von dem Problem gehört haben. Oder schlimmer, enorme Berührungsängste damit haben. Ihr Kampf ist einer um Anerkennung in der deutschen Mehrheitsgesellschaft. Der Traum wäre ein Stück Normalität, eine Akzeptanz des anderen Lebensentwurfes.

Bis dahin ist es noch ein weiter Weg. Beispiel: das Wohnen. Eine Befragung des „Kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsen“ kurz „KFN“ fand heraus, dass 10,5 Prozent der Niedersachsen nicht neben Schwulen und Lesben leben möchten. Sie sind als Nachbarn gleich unbeliebt wie jüdische Bürger oder Italiener.

Kampf gegen Diskriminierung und für Anerkennung

Nun wird es noch verletzender und absurder, denn: Muslime, Türken, oder Sinti und Roma möchte der Niedersachse als Hausbewohner noch viel weniger neben sich erdulden. Den traurigen letzten Platz auf der Skala nehmen Sinti und Roma ein. Mehr als jeder Dritte möchte nicht neben ihnen wohnen.

Wer sich nun vorstellen mag, wie dann die Situation für queere Roma aussieht, bekommt nach der Lektüre der Studie eine Ahnung davon. Das KFN hatte 2016 gut 6.000 Niedersachsen ausführlich nach ihrer Meinung befragt. Doch es ist nicht die einzige Arbeit, die sich damit beschäftigt.

Die Berliner „Hochschule für Medien, Kommunikation und Wirtschaft“ stellte 2016 eine Studie zum selben Thema vor. Im Fokus damals: Geflüchtete und deren Ansichten. Das Ergebnis: 43 Prozent der Menschen, mit denen man sprach, fänden ein LGBT-Paar neben sich als Nachbarn „nicht so gut“. Die Ablehnung findet sich auch in der jüngeren Rechtssprechung wieder.

Noch 1996 erklärte das Amtsgericht Bochum in einem Mietrechtsfall: „Insoweit waren die Kläger nach Ansicht des Gerichts berechtigt, weitere Bemühungen um einen Nachmieter abzulehnen, da die Beklagten einen Zigeuner als Nachmieter anboten. Diese Bevölkerungsgruppe ist traditionsgemäß überwiegend nicht sesshaft und gehört aus Vermietersicht daher offensichtlich nicht zu den geeigneten Mietern mit zutreffender Zukunftsprognose.“ Harter Tobak.

Und auch dieses Jahr wehte in Köln wieder die blau-rot-grün-weißen Flaggen der Queer-Roma-Gemeinde. Am 9. Juli 2017 nahm sie mit einer eigenen Fußgruppe am CSD teil. Das Ziel ist die faire Teilhabe an der Mehrheitsgesellschaft. Bis es so weit ist, zeigen sich die Menschen immer häufiger in der Öffentlichkeit. Ein Verstecken soll es für sie nicht mehr geben.

Contact MatthiasLauerer at m_lauerer@web.de.

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