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Die AfD versprach, dieses Wahlplakat nicht mehr zu zeigen – und wirbt jetzt damit auf Facebook

Das arme Ferkel!

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Die AfD wirbt derzeit mit einer Anzeige auf Facebook, obwohl Spitzenkandidat Alexander Gauland erklärt hatte, das Motiv würde nicht benutzt. Das umstrittene Plakat zeigt ein Ferkel sowie den Spruch "Der Islam? Passt nicht zu unserer Küche" – eine Anspielung auf die Tatsache, dass gläubige Muslime kein Schweinefleisch essen.

Der Bild am Sonntag erklärte Gauland vor rund drei Wochen: das Plakat sei "nicht brauchbar", Kinder könnten Mitleid mit dem "niedlichen Schweinchen" haben und "beim Anblick sagen: 'Was? Dieses Schweinchen wollen die schlachten?'" Der Grund für den Rückzug des Plakates waren also nicht die Rücksicht auf religiöse Bräuche.

Nach Informationen von BuzzFeed News, t-online.de und WhoTargetsMe bewirbt die AfD das Motiv nun jedoch auf Facebook. Über ein Profil, das im Impressum als "die offizielle Bundesseite der Alternative für Deutschland (AfD)" bezeichnet wird, wurde es in den vergangenen Tagen etlichen Menschen ausgespielt.

Mittlerweile wurde das AfD-Motiv mit dem Schweinchen 1.300 Mal geteilt, 400 Menschen haben es kommentiert.


Anzeige

Die Verbreitung der AfD-Anzeige ist BuzzFeed News dank eines speziellen Tools aufgefallen, mit dem Nutzerinnen und Nutzer dabei helfen, den Wahlkampf auf Facebook zu beobachten. BuzzFeed News hat dieses Tool gemeinsam mit t-online.de und den britischen Programmierern von WhoTargetsMe entwickelt. Bei dem Projekt kann jeder mitmachen. Die Software liest die Anzeigen auf Facebook aus und analysiert, welche Partei welche Anzeigen für welche Zielgruppe schaltet. Die Reporter von BuzzFeed News und t-online.de werten die gesammelten Daten aus und berichten darüber.

Je mehr Menschen mitmachen, desto mehr Anzeigen können wir auslesen – und desto besser können wir über den geheimen Wahlkampf der Parteien aufklären. WhoTargetsMe hat Erweiterungen für den Chrome- und für den Firefox-Browser gebaut.


Auffällig ist weiterhin, dass sich das Motiv erkennbar von den anderen durch AfD-Accounts verteilten Anzeigen unterscheidet. Denn es trägt kein Logo der Partei oder eines Landes- oder Bundesverbandes.

Der blau hinterlegte Bereich am unteren Rand ist bei Plakaten und Werbeanzeigen der Partei stets für das Parteilogo, Slogans oder Bilder der Kandidaten reserviert.

Hier aber fehlt alles davon:

Streit in der AfD

Hintergrund der unterschiedlichen Plakate könnte ein Streit innerhalb der AfD sein. Denn über die Frage, wie man nach außen auftreten will, gibt es keine Einigkeit.

Dem Stern liegt eine 74 Seiten lange Präsentation vor, über die auf einer Sitzung des AfD-Bundeskonvents gestritten wurde. Dort wurde die Kampagne für den Bundestagswahlkampf vorgestellt. Der Slogan: "Trau dich, Deutschland!"

Das kam so unterschiedlich an, dass sich in der anschließenden Telefonkonferenz die Landesvorsitzenden nicht auf eine gemeinsame Linie einigen konnten. Manchen war sie zu weichgespült, zu konsens-orientiert und damit zu sehr auf Petry-Kurs. Auch Spitzenkandidatin Alice Weidel, so berichtet es der Stern, war nicht begeistert.

Die Folge: die AfD zieht mit zwei unterschiedlichen Kampagnen in den Wahlkampf. Wer die Plakatkampagne des Bundesverbands nutzen möchte, darf das tun. Alternativ ist den Landesverbänden aber auch eine Kampagne erlaubt, die die AfD Bayern entwickelt hat. Diese geht mit Slogans wie "Grenzen schützen!" und "Raus aus dem Euro!" deutlich offensiver vor.

In den Unterlagen, die dem Stern vorliegen, taucht auch unser Schweinchen auf: als Plakatmotiv – und von dort hat es das Ferkel auch in den "AfD-Fanshop" geschafft, einen Online-Shop, in dem sich die Verbände der Partei Werbemittel für den Wahlkampf gegen Geld bestellen können.

Möglicherweise soll das Motiv also weder der einen noch der anderen Kampagne zugeordnet werden und damit, trotz anderslautender Versprechen des Spitzenkandidaten, zum Einsatz kommen, ohne formell Teil der Kampagne zu sein.

Die Pressestelle der AfD hat auf Fragen von BuzzFeed News hierzu bislang nicht geantwortet. Alexander Gauland ließ mitteilen, dass er für unsere Fragen bisher keine Zeit finden konnte. In beiden Fällen tragen wir die Antworten gegebenenfalls hier nach.

Entwickelt hat die Kampagne und damit wohl auch dieses Motiv übrigens der Werber Thor Kunkel mit seiner Agentur Kunkelbakker. Gern hätten wir auch mit Thor Kunkel gesprochen, einem laut Selbstbezeichnung "politisch inkorrekten" Werbestrategen. Kunkel allerdings verlangt für "Austauschgespräche" – so nennt er Interviews – zwischen 368 Euro und 737 Euro.


Unser Projekt zum geheimen Facebook-Wahlkampf

Dark Ads haben geholfen, Trump zum Präsidenten zu machen. Sie haben den Brexit befeuert. Doch spielen diese dunklen Anzeigen auch im deutschen Wahlkampf eine Rolle? BuzzFeed News will den geheimen Wahlkampf auf Facebook transparent machen – und dafür brauchen wir eure Hilfe.

Marcus Engert ist Reporter bei BuzzFeed News Deutschland und lebt in Leipzig und Berlin. Verschlüsselter Kontakt: per Mail mit PGP-Key http://bit.ly/2uy3ai6 oder über die Threema-ID F8H994R7. Signal auf Anfrage.

Contact Marcus Engert at marcus.engert@buzzfeed.com.

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