Johannes M. gegen die Stadt Hamburg

2009 besucht Johannes das Schanzenfest in Hamburg. Wenige Stunden später liegt er mit offenem Schädelbruch auf der Straße. Er sagt, das war die Polizei – und muss sich darum seit zehn Jahren mit der Justiz auseinandersetzen.

    10. Jan. 2019

    Johannes M. gegen die Stadt Hamburg

    2009 besucht Johannes das Schanzenfest in Hamburg. Wenige Stunden später liegt er mit offenem Schädelbruch auf der Straße. Er sagt, das war die Polizei – und muss sich darum seit zehn Jahren mit der Justiz auseinandersetzen.

    Es ist fünf vor elf, da kann Johannes M. nicht mehr. „Ich höre nicht mehr, was Sie sagen.“ Richter Kettelhut unterbricht die Sitzung sofort. Seine Kammer verhandelt am Hamburger Landgericht Fälle, in denen es um Amtshaftung geht. Darum geht es heute auch, aber eigentlich geht es um viel mehr. Es geht um die Frage: Wie viel Geld ist ein zerstörtes Leben wert?

    Johannes M. und sein Anwalt Dieter Magsam wissen darauf auch keine Antwort. Sie fordern 230.000 Euro Schmerzensgeld und Verdienstausfall von der Stadt Hamburg. Das soll Johannes M. dafür entschädigen, dass er wohl nie wieder arbeiten gehen wird – und sein altes Leben verloren hat. Darum sitzt er heute hier, am 8. Januar 2019, 10 Uhr, im Saal A 213 des Hamburger Landgerichts, beantwortet unendlich viele Fragen und fragt sich, warum die zehn Jahre später immer noch wichtig sein sollen.

    Johannes M. führt jetzt ein anderes Leben. Ein viel schwereres. Sein altes Leben endet 2009 in Hamburg, in der Nacht auf den 13. September um halb eins in der Eifflerstraße.

    „Ich mag diese ganze Gewalt nicht. Ich war dort, um zu feiern.“

    Johannes M. ist auf dem Schanzenfest. Eine Kissenschlacht auf der Straße, ein bisschen Fußball, der Schanzenflohmarkt, zu Musik auf der Straße tanzen, Bier trinken, mit Leuten reden. Johannes ist mit Freunden dort. Eigentlich wollte er schon nach Hause gehen, seine Freundin Silvia W. hatte ihn überredet, noch zu bleiben. Das sind die letzten Minuten dieses alten Lebens.

    In den ersten Minuten seines neuen Lebens liegt Johannes M. bewusstlos auf der Eifflerstraße. Seine Schädeldecke wurde durchschlagen. Die Vorderwand der Stirnhöhle auch. Der Schlag war so stark, dass sogar die Hinterwand brach – das Hirn liegt offen. In den medizinischen Berichten wird später nicht nur von einem offenen Schädel-Hirn-Trauma die Rede sein, sondern auch von einem Bluterguß am Hinterkopf und am gesamten Schädel. So enorm war der Druck, der mit dem Schlag auf das Gehirn ausgeübt wurde.

    Die Frage, die das Hamburger Landgericht klären muss, ist diese: Kann das jemand anderes gewesen sein, als ein Polizist? Denn kurz vor dem Angriff auf Johannes M. hatte eine Polizeieinheit damit begonnen, den Bereich rund um das Schanzenfest und die „rote Flora“ zu räumen. Das Straßenfest war friedlich, aber kurz vorher war eine Polizeiwache mit Steinen und Böllern beworfen worden. Die Angreifer sollen sich unter die Menschen gemischt haben. Auch sei eine Flasche in Richtung eines Wasserwerfers geflogen. Johannes sagt: „Wenn das damals dort gewalttätig gewesen wäre, wäre ich da nicht gewesen. Ich mag diese ganze Gewalt nicht. Ich war nur dort, um zu feiern.“

    „Und dann dachte ich, ich bin tot.“

    Johannes unterhält sich gerade, als er sah, wie die Menschen plötzlich wegrennen. Reflexhaft rennt er mit. Nur ein paar Meter, sagt er, dann denkt er: „Wieso renn’ ich denn jetzt? Ich hab’ ja gar nix gemacht.“

    Er hebt die Hände, will zur Seite gehen, sich vor eine Häuserwand stellen und die in die Straße stürmenden Polizisten vorbei lassen. Er dreht sich um, um zu sehen, wie weit die noch entfernt sind – „und dann war Feierabend“.

    „Ich hab’ das beschrieben als ‘Darth Vader’. Für mich war das eine ‘schwarze Wand’.“

    Diese Worte stehen schon so im Protokoll seiner Vernehmung durch die Polizei. Datum: 2. Dezember 2009. Er hat es sich vor Prozessbeginn nicht nochmal durchgelesen, sagt er, das strenge ihn viel zu sehr an. Aber jetzt, vor Gericht, benutzt er die gleichen Formulierungen wie vor fast zehn Jahren. Der Richter will wissen, ob er einzelne Beamte erkennen konnte, Umrisse, eine Hand die nach ihm ausholt? Aber das hat Johannes nicht. „Das ging alles viel zu schnell“, sagt er. Die Beamten hätten schwarze oder dunkle Uniformen getragen, dunkle Helme aufgehabt, und das nächste, woran er sich erinnern könne, sei ein Pflasterstein, der schnell näherkommt.

    Johannes fällt. Mit offenen Augen und Kopf nach vorn. Er hat in diesem Moment nicht den Hauch einer Ahnung, wie wichtig all diese Details – Helme, Uniformfarbe, Pflastersteine – noch werden. Wie auch? Alles, was Johannes in diesem Moment weiß, ist, dass ihn irgendjemand erheblich am Kopf verletzt hat. Er kann noch nicht einmal genau sagen, wie. „Es hätte auch ein Schuss sein können“, beschreibt er das Gefühl vor Gericht.

    Kurze Pause. Johannes zieht die Nase hoch. Reibt sich die Augen. Und dann sagt er ihn. Diesen einen Satz. Den Satz, bei dem sogar der recht nüchterne Vertreter der Stadt Hamburg hörbar durchatmet. Er sagt ihn ganz ruhig. Ganz leise. Ohne Empörung. Ohne Wut. Ohne Theatralik und mit niedergeschlagenen Augen. Johannes sagt: „Ja. Und dann dachte ich, ich bin tot.“

    Er sagt nicht, „Ich hätte tot sein können“ oder „Ich hatte Angst, dass ich sterbe.“ Er sagt: „Und dann dachte ich, ich bin tot.“

    Er wundert sich. Denn eigentlich war er sich sicher, nicht mehr zu leben.

    Johannes M. lag mit schwersten Kopfverletzungen auf der Straße. Minutenlang. In einem früheren Strafverfahren gaben die Polizisten, die dort waren, an, davon nichts mitbekommen zu haben. Nichts von einem Schlag. Nichts von einem Verletzten. Es sind Beamte, die speziell für die Beobachtung und Dokumentation von Straftaten ausgebildet sind.

    Als Johannes wieder zu sich kommt, tragen ihn zwei Zivilisten die Eifflerstraße hoch. Er sieht Blut an seiner Kleidung. Er spürt so etwas Ähnliches wie Kopfschmerzen, und irgendwie wundert er sich auch. Denn eigentlich war er sich sicher, nicht mehr zu leben. Er versteht nicht, was passiert. Irgendwann kommt ein Krankenwagen. Gerufen wurde der, wie sein Anwalt rekonstruiert hat, rund 20 Minuten nach dem Schlag. Schon hier müsste den Sanitätern die enorme Schwere seiner Verletzung und die Infektionsgefahr für das offene Hirn aufgefallen sein. Doch die Polizei hat an den Messehallen ein Zelt aufgestellt, und angeordnet: Verletzte sind zunächst dorthin zu bringen. Die Polizei will ihre Personalien aufnehmen. Also landet Johannes dort.

    Er sagt, dort habe er fast eine Stunde herum gesessen. „Die haben mich immer wieder gefragt, ob ich Drogen genommen habe. Sonst nix.“ Irgendwann kommt er in einen Polizeiwagen und wird ins Krankenhaus Altona gefahren. Er hat Schmerzmittel bekommen, wieder muss er sitzen und warten. „Und dann lief ein Arzt ganz hektisch an mir vorbei, dreht sich plötzlich um, schaut mich an, und sagt: ‘Was ist denn mit Ihnen?’. Ich sage: ‘Ich weiß auch nicht, ich hab’ so Kopfschmerzen.’ Und dann guckt der auf meinen Kopf und sagt: ‘Um Gottes Willen, sofort hinlegen!’“

    Während er das erzählt, steht Johannes M. im Nieselregen vor dem Hamburger Landgericht. Er hat den ersten Verhandlungstag überstanden. Sein Anwalt, seine damalige Begleiterin Silvia M., mit der er noch heute befreundet ist, eine Reporterin der ZEIT und ein Reporter von BuzzFeed News Deutschland sind noch da. Er nimmt seine Mütze ab, streicht sich die Haare aus der Stirn. Die Narbe sieht man noch heute. Man könne sogar eine Delle fühlen, sagt er. Doch überbehalten hat er weit mehr, als nur Narbe und Delle.

    2009 war er gerade in einer Ausbildung als Technischer Zeichner. In seiner Freizeit spielte er Gitarre, in einer Band. Beides musste er abbrechen. An guten Tagen kann er sich heute maximal eine Stunde am Stück konzentrieren, an schlechten Tagen deutlich weniger. Er hat ständig Kopfschmerzen. Auf beiden Ohren pfeift ein Tinitus. Wacht er morgens auf, ist ihm übel. Jeden Tag muss er Tabletten nehmen.

    Die großen Linien dieser Tragödie sind klar. Die Schuldfrage nicht.

    Niemand kann in Johannes M. hineinschauen, aber selbst das Gericht lässt durchblicken: Er wirkt nicht wie einer, der übertreibt. Man könnte auch sagen: Bis hierhin bestehen keine wirklichen Fragezeichen. Die großen Linien dieser Tragödie sind klar. Die Schuldfrage ist es nicht.

    Marius Becker / AFP / Getty Images

    Ein Tonfa-Schlagstock der Polizei im Einsatz. Dem Sachverständigen zufolge passt Johannes' Verletzung exakt zu einem solchen Modell. Demnach war das kurze Ende des Schlagstocks in Johannes' Stirn gerammt worden.

    Natürlich hat Johannes M. nach dem Schlag Anzeige gegen Unbekannt erstattet – wobei es 'Schlag' gar nicht so genau trifft. „Niemand hat ihm einen Gummiknüppel übergezogen. Sondern man hat ihm das kurze Ende eines Tonfa (ein spezieller Polizei-Schlagstock, Anmerkung der Redaktion) von vorn in den Kopf gerammt. Um es mal so salopp zu sagen: Man hat meinem Mandanten das Hirn zermatscht“, sagt sein Anwalt Dieter Magsam. Wenn er „man“ sagt, meint Magsam: Einen Beamten der „Beweissicherungs- und Festnahmeeinheit Blumberg“ der Bundespolizei, kurz BFE.

    Das „Dezernat für Interne Ermittlungen“ behauptet zunächst, es habe an der fraglichen Stelle gar keinen Polizeieinsatz gegeben. Dann taucht doch ein Video des Einsatzes auf, den es angeblich nie gab. Ein paar Sekunden fehlen – es sind genau jene, in denen Johannes niedergeschlagen wurde.

    Die Stadt erwidert, die Verletzung könne auch von einem Sturz oder irgendeinem anderen Schlag stammen. Ein Sachverständiger des Hamburger Instituts für Rechtsmedizin schaute sich das genauer an: Radius, Durchmesser und Form der Narbe stimmen exakt mit dem „Tonfa“-Schlagstock überein, den die Polizei benutzt.

    Nächster Einwurf der Stadt Hamburg: Einen Tonfa könne sich jeder im Internet bestellen. Johannes’ Anwalt recherchiert: Während des gesamten Schanzenfestes hat die Polizei zwar Besucher beobachtet und kontrolliert, nirgends aber einen Bürger mit einem Tonfa-Schlagstock festgestellt.

    Ganze sieben Monate nach dem Vorfall kommen die Ermittler auf die Idee, die Schlagstöcke der Einheit einzusammeln und auf DNA-Spuren zu untersuchen – von Johannes’ DNA findet sich dort nichts.

    Wegen all dieser Fragezeichen geht es nun vor Gericht auch minutenlang um Dinge, die scheinbar nebensächlich sind. Die Helmfarbe zum Beispiel: Dunkle Helme wären ein Zeichen dafür, dass es sich um Polizisten der Bundespolizei handelte. Die Pflastersteine: An manchen Stellen in der Eifflerstraße sind keine verlegt, an anderen schon. Parkten zum fraglichen Zeitpunkt Autos in der Eifflerstraße oder nicht? Wenn ja, könnte die Stadt argumentieren, die Beamten hätten einen Schlag oder einen am Boden liegenden Mann hinter einem solchen Auto leicht übersehen können. Wenn nein, glaubt Rechtsanwalt Dieter Magsam, kann man das nicht übersehen – „BFE“ sind gezielt darauf ausgebildet, Straftaten in Versammlungslagen zu beobachten und zu dokumentieren.

    Hinzu kommt: Es geht hier nicht um irgendeine Einheit. Die BFE „Blumberg“ wurde in der Vergangenheit mehrfach und zuletzt auch beim G20-Gipfel mit gewalttätigen Ereignissen und angeblich abgesprochenen Aussagen in Verbindung gebracht.

    „Ich hab’ das alles weggepackt, weit weg. Aber jetzt geht’s halt wieder los.“

    So geht das jedenfalls hin und her. Seit Jahren. Allein vier Jahre hat das Hamburger Landgericht gebraucht, um die Schadenersatz-Klage zuzulassen. Auch, weil die Sache juristisch nicht ganz einfach ist. Dieses Verfahren wird nicht mehr am Strafgericht geführt – es geht nicht mehr darum, einen einzelnen Polizisten zu finden und ihm den Schlag nachzuweisen. Dieses Verfahren ist ein zivilrechtliches. Es geht um Amtshaftung. Kommt das Gericht zu der Überzeugung, dass die Verletzungen die Folgen einer polizeilichen Maßnahme sind, muss die Stadt Hamburg haften: Der Stadt waren zum fraglichen Zeitpunkt die Polizisten unterstellt – es gilt das „Bestellerprinzip“.

    Odd Andersen / AFP / Getty Images

    Johannes lebt heute von Erwerbsminderungsrente. Rund 500 Euro hat er monatlich. Ob das bis zum Ende seines Lebens so bleibt, darüber wird nun verhandelt. Vermutlich noch lang. Das Gericht hat bereits signalisiert, einen Gutachter zu den Verletzungen befragen zu wollen. Die Vertreter der Stadt Hamburg brachten die Anhörung von „Gegenzeugen“, also Polizeibeamten ins Spiel. Verliert die Stadt Hamburg, ist ziemlich wahrscheinlich, dass sie die Sache in die zweite Instanz trägt.

    Verliert Johannes M., ist das nicht so sicher. Er kann einen Prozess nicht bezahlen. Das Gericht muss Prozesskostenhilfe bewilligen. Das tut es aber nur, wenn es hinreichende Chancen sieht, dass der Kläger nicht unterliegt. Ob die Richter am Hanseatischen Oberlandesgericht das ihren 100 Meter entfernt sitzenden Kollegen im Landgericht so attestieren, wird man sehen. Ob Johannes die Kraft für ein zweites Verfahren überhaupt aufbringen kann, auch.

    „Ich hab’ seit einer Woche kaum geschlafen, weil das jetzt hier losgeht“, sagt er nach dem ersten Verhandlungstag. Und auf die Frage, ob er wütend ist: „Nee. Ich hab’ das alles weggepackt, weit weg. Auch in meinem Kopf. Aber jetzt geht’s halt wieder los.“


    • BuzzFeed News hat für dieses Portrait mit dem Geschädigten und seinem Anwalt gesprochen, die Gerichtsverhandlung verfolgt und protokolliert und sich auf Auszüge aus den bisherigen Ermittlungsakten gestützt.
    • Um ihre Privatsphäre zu schützen, sind auf Wunsch der Beteiligten ihre Nachnamen hier abgekürzt. Unserer Redaktion sind die vollständigen Namen bekannt.
    • BuzzFeed News hat der Innenbehörde der Stadt Hamburg und der Polizei Hamburg die Gelegenheit zur Stellungnahme gegeben. Beide erklärten, sich in laufenden Verfahren bzw. als Beklagte nicht äußern zu können.

    Über diese Recherche sprechen wir auch in unserem Podcast „Unterm Radar“. Hier hören:

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    Marcus Engert ist Senior Reporter bei BuzzFeed News Deutschland. Verschlüsselter Kontakt per Mail mit PGP-Key: bzfd.it/PGP-engert / Signal oder WhatsApp: bzfd.it/engert / Threema-ID: F8H994R7

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