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In Görlitz interviewt der Polizeisprecher seinen Chef einfach selbst - und die Sächsische Zeitung veröffentlicht es

Wie die Polizei Sachsen sich zwar gern selbst interviewt, sich aber nicht interviewen lassen will.

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In Ostritz bei Bautzen findet am kommenden Wochenende ein großes Rechtsrock-Festival statt. Zwischen 1.000 und 3.500 Besucher und Neonazis werden erwartet, ebenso viele Gegendemonstranten. Eine große Belastung für den kleinen Ort - und die örtliche Polizei.

Das Medieninteresse ist groß. Womöglich zu groß für die kleine Pressestelle der örtlichen Polizeidirektion, die nur einen Pressesprecher hat: Polizeihauptkommissar Thomas Knaup. Und der hat, so sagt er es im Gespräch mit BuzzFeed News, in den vergangenen Tagen immer wieder die gleichen Fragen gehört.

Also dachte man sich in Görlitz kurzerhand: das können wir auch. Und veröffentlichte eine Art „Interview“, bei dem der Pressesprecher der Polizeidirektion Görlitz die Fragen stellt und der Polizeidirektor der Polizeidirektion Görlitz antwortet.

Qualitätsjournalismus ist bei der @szonline, wenn die Polizei die Polizei interviewt. https://t.co/nROLQXR5Uf

Gedacht als Pressemitteilung und in gut gemeinter Absicht, findet das „Interview“ seinen Weg in die Sächsische Zeitung. Und dort sieht das dann plötzlich aus wie redaktionell gemachter Journalismus, nicht mehr wie PR.

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Für Michael Hiller, den Geschäftsführer des Deutschen Journalistenverbands in Sachsen ein Unding:

„Also das ist schon ein starkes Ding. Wir haben ja schon länger das Problem, dass Polizei und Feuerwehr Bildmaterial und O-Töne anfertigen und an Medien geben. Das ist im Einzelfall vielleicht auch okay.

Aber mit solchen Formen ist objektive Berichterstattung nicht mehr möglich, gerade bei so sensiblen Themen. Das ist ja eindeutig vorgeprägt. Da ist sicher guter Wille da, aber das geht eben einfach überhaupt nicht.

Wir lehnen das ab, weil das auch unsere Glaubwürdigkeit als Journalisten einschränkt und wir damit immer mehr in diese Lügenpresse-Richtung rennen, die uns in letzter Zeit so oft vorgeworfen wird.“

Versuch eines Interviews mit dem Polizei-Pressesprecher

BuzzFeed News hat auch das Gespräch mit Thomas Knaup, dem Pressesprecher der Polizei Görlitz gesucht, um den ungewöhnlichen Werdegang des Interviews zu besprechen.

„Der mag für Sie ungewöhnlich sein, für uns ist es das nicht“, sagte Thomas Knaup am Telefon.

Konfrontiert mit den kritischen Gegenargumenten des DJV Sachsen antwortete der Polizeisprecher: „Dann soll sich der Journalistenverband aus Sachsen bei uns melden. Das ist bis dato nicht geschehen. Wir haben unseren Polizeiführer interviewt. Ich wüsste nicht, dass das nicht legitim ist.“

Der weitere Verlauf des Gesprächs war dann das, was man den Versuch eines Interviews nennen könnte:

Wenn jemand ein Problem mit dem Interview habe, solle derjenige sich bei der Polizei Görlitz melden, so der Pressesprecher: „Ganz einfach!“

Genau das versuche man ja gerade, erwidert der Reporter - und wolle wissen, was die Polizei denn dem DJV entgegne.

Der Polizeisprecher, ins Wort fallend: „Herr Engert! Schicken Sie uns bitte eine E-Mail. Wir werden Ihnen dann schriftlich antworten.“

Der Reporter - mit dem Versuch, die Wogen zu glätten - erklärt, man wolle jetzt gar keine so große Sache daraus machen, sondern nur den Gedankengang zu Ende führen. Daraufhin der Polizeisprecher:

„Wir würden uns aber gerne mit den wichtigen Dingen befassen.“

Der Reporter, etwas irritiert, fragt zurück, ob es für einen Pressesprecher denn unwichtig sei, mit der Presse zu sprechen.

Der Polizeisprecher: „Herr Engert! Bitte schicken Sie uns eine E-Mail.“

Letzter Versuch, mit dem Einwand, der Pressesprecher habe schließlich zurückgerufen und man ginge folglich davon aus, dass dann auch zwei Minuten für ein Telefonat zur Verfügung stünden. Die nun nicht mehr überraschende Antwort:

„Schicken Sie uns bitte eine E-Mail!“

Und am Ende des Gesprächs, etwas beleidigt, dann noch: „Sie waren ja auch schon mit dem Ministerium in Kontakt.“

„Eher ungewöhnlich“, sagt das Innenministerium

Tatsächlich hatte BuzzFeed News vorher auch das Sächsische Innenministerium um eine Stellungnahme gebeten. Dessen Sprecher, Alexander Bertram, meldet sich nur wenig später zurück - und bittet um Verständnis:

Die Polizeidirektion Görlitz mache laufend Medienarbeit und „wird da im Moment auch ein bisschen von Anfragen überrollt“. Und die Sächsische Zeitung habe da einfach etwas übernommen, was als Pressemitteilung rausgegangen war.

Dennoch sei die gewählte Form, Informationen der Polizei als fertiges Interview zur weiteren Verwendung zu veröffentlichen, „eher ungewöhnlich und nicht der normale Tenor“.

Natürlich versuche auch die Polizei mit ihrer Medienarbeit, neue Wege zu gehen und nicht immer nur die „stumpfe Pressemitteilung“ anzubieten - auch wenn das eben „manchmal nicht gefällt“.

BuzzFeed News hat auch versucht, zu dem Vorfall mit der Sächsischen Zeitung ins Gespräch zu kommen. Aus der Chefredaktion verwies man zunächst an die Redaktion in Bautzen. Dort gab man unsere Anfrage an die Lausitzer Redaktion weiter. Die wiederum verwies zurück an die Chefredaktion. Dort fand sich bis zur Veröffentlichung kein mit dem Vorgang vertrauter Gesprächspartner.

UPDATE: Sächsische Zeitung bedauert den Vorfall

Inzwischen hat auch die Sächsische Zeitung geantwortet. Auf Twitter schrieb die Redaktion: „PM [= Pressemitteilung] lag vor, aber hätte natürlich nie live gehen dürfen. Wir bedauern. Nicht unser Standard.“

Nach unserer Veröffentlichung hat die Sächsische Zeitung den Artikel gelöscht.


Inspiration hat der Pressesprecher der Polizei Görlitz vielleicht auch von seinem Kollegen in Leipzig bekommen. Auch dort hat sich der Polizeisprecher im vergangenen schon selbst interview - auch dort ohne störende kritische Nachfragen:


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Marcus Engert ist Reporter bei BuzzFeed News Deutschland und lebt in Leipzig und Berlin. Verschlüsselter Kontakt: per Mail mit PGP-Key http://bit.ly/2uy3ai6 oder über die Threema-ID F8H994R7. Signal auf Anfrage.

Contact Marcus Engert at marcus.engert@buzzfeed.com.

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