back to top

Überstunden, Fußball, Beamte - So steht es um die Bundespolizei wirklich

Statistiken zeigen: ob die Bundespolizei wirklich tausende neue Stellen braucht, ist sehr fraglich. Experten fürchten, sie könnte schon bald zu viele Beamte haben - und dann durch die Hintertür neue Aufgaben bekommen.

Gepostet am
Leon Neil / Getty Images

Der angekündigte Stellenzuwachs bei der Bundespolizei wird zwischen 450 und 550 Millionen Euro pro Jahr kosten – dabei werden die neuen Stellen Experten zufolge nicht gebraucht. Das geht aus Recherchen von BuzzFeed News hervor.

Die Große Koalition hatte beschlossen, die Sicherheitsbehörden des Bundes um 7.500 neue Stellen aufzustocken. BuzzFeed News hat daraufhin eine umfangreiche statistische Auswertung zur Lage der Bundespolizei in den vergangenen Jahren vorgenommen. Das Ergebnis: Der Stellenzuwachs ist offenbar nicht gerechtfertigt.

Weder wurden in den vergangenen Jahren Stellen abgebaut, noch ist die Zahl der offenen Überstunden gestiegen. Zugleich haben sich die Einsatzstunden für Einsätze in den Bundesländern und beim Fußball drastisch reduziert. Auch ist der Anteil angegriffener und verletzter Beamter wieder rückläufig.

Für die Auswertung wurden Jahresberichte der Bundespolizei, mehrere Bundestagsdrucksachen sowie Auskünfte des Bundespolizeipräsidiums und des Bundesinnenministeriums ausgewertet.

Eine Sprecherin des Bundesinnenministeriums bestätigte die Berechnungen von BuzzFeed News. Gleichzeitig begründete sie den Stellenzuwachs mit neuen Aufgaben, die die Bundespolizei zu erfüllen habe und nannte unter anderem wiedereingeführte Grenzkontrollen, die „Migrationslage“ sowie eine „unvermindert hohe Bedrohungslage durch den internationalen Terrorismus“.

Kritiker widersprechen dem und sagen, der Ausbau sei politisch motiviert. Zudem könne die Bundespolizei den Ausbau nutzen, um durch die Hintertür nach und nach mehr Kompetenzen zu bekommen.

Unsere Recherchen zeigen im Einzelnen:

  1. Die Planstellen für die Bundespolizei sind seit Jahren stabil – es gab und gibt keinen Stellenabbau.
  2. Die Einsatzstunden der Bundespolizei für die Bundesländer haben sich von 2011 zu 2016 um 89% reduziert.
  3. Die Einsatzstunden für Fußball haben um 36% abgenommen.
  4. Die Überstunden schwanken über das Jahr, sind im statistischen Mittel aber konstant.
  5. Die Zahl angegriffener oder verletzter Beamter liegt auf konstantem, statistisch betrachtet leicht rückläufigen Niveau.
  6. Es werden viele Stellen nicht besetzt, obwohl sie im Haushalt vorgesehen sind. Abgebaut wurden diese Stellen jedoch nicht.

1. Die Personalstärke ist seit Jahren stabil. Es gibt keinen Stellenabbau.

Via dip21.bundestag.de

Die Bundespolizei hat mehr als 45.000 Mitarbeiter. Zwei Drittel davon sind Polizeibeamte. Beim Bundeskriminalamt arbeiten außerdem rund 5.800 Mitarbeiter, beim Bundesamt für Verfassungsschutz weitere 3.500 Mitarbeiter; der Bestand dort war erst 2016 um eine „hohe dreistellige Zahl“ aufgestockt worden.

Mit dem sogenannten „Pakt für den Rechtsstaat“ im Koalitionsvertrag hatten Union und SPD beschlossen, die Sicherheitsbehörden des Bundes bis 2020 um 7.500 zusätzliche Stellen aufzustocken. Das entspricht einer Steigerung um knapp 14 Prozent.

Eine Sprecherin des Innenministeriums erklärte gegenüber BuzzFeed News, die personelle Vergrößerung der Bundespolizei sei notwendig, nicht zuletzt wegen eines Abbaus „von rund 1.000 Stellen im Bereich der Verwaltung und des fachtechnischen Personals. Die dadurch entstehenden Vakanzen mussten teilweise durch polizeiliches Personal ausgeglichen werden (...)“. Die Bundespolizei habe zudem „resultierend aus der allgemeinen Sicherheitslage“ einen höheren Personalbedarf.

2. Einsatzstunden der Bundespolizei für die Länder: minus 89 Prozent.

Quellen: Pressestelle Bundespolizeipräsidium (2009-2010), Jahresberichte der Bundespolizei (2011-2016).

Bei Demonstrationen und Großveranstaltungen, Naturkatastrophen, schweren Unfällen oder anderweitigen Bedrohungen der öffentlichen Sicherheit können die Bundesländer Kräfte der Bundespolizei anfordern.

Die Belastung für die Bundespolizei in diesem Bereich ist stark rückläufig. So haben sich die Einsatzstunden der Bundespolizei für die Bundesländer von 2011 zu 2016 um 89 Prozent reduziert.

3. Einsätze für Fußball: minus 36 Prozent.

Polizeigewerkschafter hatten wiederholt auch die Einsätze der Bundespolizei bei Fußballspielen als „nicht mehr tragbare“ Belastung betitelt. Eine Auswertung der „Jahresberichte der Bundespolizei“ in Verbindung mit einer Anfrage von BuzzFeed News an das Bundespolizeipräsidium zeigt jedoch: auch hier sind die Einsatzstunden um 36 Prozent gesunken.

4. Überstunden sind stabil, sinken allerdings auch nicht.

2015: Auskunft Bundespolizeipräsidium, 2016: Bundestags-Drucksache 18/7935, 2017: Bundestags-Drucksache 19/280.

Anmerkung: die Zahlen für 2016 enthalten nicht das Präsidium der Bundespolizei, dürften also real leicht höher sein.

Auch die Zahl der erfassten Überstunden lässt die Schlussfolgerung einer steigenden Überlastung der Bundespolizei nicht zu. Die Zahl der summierten Überstunden hat sich über die vergangenen Jahre nicht wesentlich verändert. Sie pendelt für die insgesamt 45.000 Mitarbeiter der Bundespolizei zwischen 1,64 Mio. und 2,39 Millionen Stunden.

Das entspricht rein statistisch einem Durchschnittswert von 45 Überstunden pro Mitarbeiter.

Mit anderen Worten: Würde die gesamte Bundespolizei rund eine Woche frei bekommen, wäre – rein theoretisch – das gesamte Überstundenaufkommen abgebaut.

Der verstärkte Einsatz der Bundespolizei an den Grenzen 2015 hat hierbei zwar einen negativen, jedoch keinen anhaltenden Effekt gehabt. Das erklärte das Bundesinnenministerium auf eine Anfrage der Grünen-Bundestagsfraktion im März 2016: „Im Zusammenhang mit dem Einsatz zur Bewältigung der Massenmigration an der deutsch-österreichischen Grenze sind keine Fälle bekannt, bei denen im Zeitraum von einem Jahr nach § 3 Absatz 5 der Arbeitszeitverordnung (AZV) die durchschnittliche wöchentliche Arbeitszeit von 48 Stunden überschritten wurde.“

Ebenfalls auf eine Anfrage von Grünen-Abgeordneten erläuterte das Innenministerium im November 2015, dass im Falle von außergewöhnlichen Belastungen ein zeitnaher Überstundenabbau die Regel ist: „An diese Einsätze schließt sich grundsätzlich immer ein Dienstfrei von mehreren Tagen an, um ein Teil der angefallen Mehrarbeit abzubauen.“

Besondere Einsatzlagen nehmen nicht zu

Auch das Argument, die Bundespolizei habe mehr „besondere Einsatzlagen“ zu meistern, lässt sich für die zurückliegenden Jahre nicht belegen. Zum Verhältnis von Grundbedarf – also dem alltäglichen Dienst der Bundespolizei – und besonderen Einsatzlagen schreibt das Innenministerium auf eine Anfrage der Grünen am 21.3.2016: „Es unterlag in den letzten fünf Jahren keiner signifikanten Veränderung.“

Bundesministerium des Innern, Bundestags-Drucksache18/7935, S. 5 / Via dipbt.bundestag.de

5. Leichter Rückgang bei verletzten Beamten

Während die Zahl der Angriffe vor allem in den Jahren 2008 bis 2011 deutlich anstieg, ist sie seitdem tendenziell rückläufig. Auch die Zahl der verletzten Beamten geht seit einigen Jahren wieder zurück.

6. Es gibt unbesetzte Stellen, abgebaut sind diese aber nicht.

Via dipbt.bundestag.de

Quellen: Bundestags-Drucksachen 19/1377 und 18/7935

In den zurückliegenden Jahren sind nicht alle Planstellen der Bundespolizei auch besetzt gewesen. Das Innenministerium erklärte auf eine Anfrage des innenpolitischen Sprechers der FDP-Fraktion, Konstantin Kuhle, dass diese Zahl fünf Jahre in Folge angestiegen sei und seit diesem Jahr wieder sinke, also wieder mehr Planstellen auch besetzt sind.

Die Gründe für unbesetzte Planstellen können vielfältig sein. So dauert die Ausbildung neuer Beamter einige Jahre, so dass diese oft nicht rechtzeitig zur Verfügung stehen. Auch sind sogenannte „Wiederbesetzungssperren“ für Behörden ein gängiger Weg, um Sparauflagen zu erfüllen. Dauerhaft gestrichen sind solche unbesetzten Stellen dann jedoch nicht.


Kosten: 25 Milliarden Euro

Das Bundesinnenministerium rechnet für den Stellenzuwachs mit Mehrkosten von 450 bis 550 Millionen Euro jährlich. Das erklärte eine Sprecherin auf Anfrage von BuzzFeed News.

Zum Vergleich: der Jahresetat des Bundesjustizministeriums beträgt 840 Millionen Euro. Die Summe entspricht den Lohnkosten, die für 18.500 neue Kita-Erzieherinnen oder Pflegekräfte anfielen.

BuzzFeed News hat die Kosten für die neuen Beamten für 40 Dienstjahre hochgerechnet und 15 Jahre Pension mit einem Pensionsniveau von 72 Prozent addiert. Das Ergebnis dieser Schätzung: mit dem Stellenzuwachs bei den Sicherheitsbehörden ist die Große Koalition Kostenverpflichtungen von mehr als 25 Milliarden Euro eingegangen.

Mehr Leute = mehr Aufgaben?

Mit der Bundespolizei wurde in den vergangenen Jahren immer wieder Wahlkampf betrieben. So hatte SPD-Fraktionsvorsitzender Thomas Oppermann 2017 der Union einen „starken Stellenabbau bei der Bundespolizei“ vorgeworfen. Auch die Grünen machten Wahlkampf mit einem angeblichen „massiven Stellenabbau bei der Bundespolizei“. Und Ernst G. Walter, der Vorsitzende der Bundespolizeigewerkschaft, sprach von „immer mehr Aufgaben“, die die Bundespolizei zu übernehmen habe, wozu auch „immer personalintensiver werdenden Fußballeinsätze“ gehörten. Keines dieser Argumente konnte unsere Auswertung bestätigen.

Aus dem Innenministerium hieß es auf Anfrage von BuzzFeed News, der Stellenzuwachs sei dennoch notwendig: „Resultierend aus der unvermindert hohen Bedrohungslage in Deutschland im Hinblick auf die innere Sicherheit, den internationalen Terrorismus und die Migrationslage waren darüber hinaus eine Reihe von Maßnahmen notwendig, welche die Bundespolizei im Rahmen Ihrer Zuständigkeiten aktuell und auf unabsehbare Zeit personell in erheblichen Umfang zusätzlich belasten.“

Prof. Rafael Behr (© Polizei Hamburg) / Via akademie-der-polizei.hamburg.de

Rafael Behr sieht das anders. Er ist Professor für Polizeiwissenschaft an der Akademie der Polizei in Hamburg und war davor selbst 15 Jahre Polizist. „Es ist eine inner-organisatorische Entscheidung, wie ich mein Personal einsetze“, sagte Behr. „Es gibt jetzt zum Beispiel neue Spezialeinheiten. Das heißt, diese ziehen Personal aus anderen Einheiten ab, es geht aber nicht verloren. Das Personal wird ja nicht weniger, die Aufgaben verändern sich.“

Mehr Aufgaben? Oder einfach andere Aufgaben?

An konkreten Mehrbelastungen für die Bundespolizei nannte das Innenministerium zum Beispiel die wiedereingeführten Grenzkontrollen, die Einrichtung neuer Spezialeinheiten oder die Rückführung von Ausreisepflichtigen.

Polizeiwissenschaftler Rafaehl Behr überzeugt das nicht. Es handele sich größtenteils um Aufgaben, die zeitlich begrenzt sind und nicht auf Jahrzehnte angelegt sind – ein Muster, das man immer wieder beobachten könne:

„Es gibt da diesen berühmten Spill-Over-Effekt, also eine Tendenz zur Verselbstständigung. Wenn ich einmal Kräfte für etwas bereithalte, dann wollen die auch arbeiten. Und wenn man jetzt diese Anker-Zentren einrichtet, ja wer wird das machen? Das wird auch die Bundespolizei machen.“

Boris Pistorius, Innenminister von Niedersachsen und Sprecher der SPD-Minister in der Innenministerkonferenz, schrieb auf Anfrage von BuzzFeed News, er halte wenig von dem Gedanken, mit dem Stellenzuwachs auch neue Aufgaben für die Bundespolizei zu verbinden. „Der Stellenaufwuchs bei der Bundespolizei ist natürlich sehr zu begrüßen, aber auch an der Zeit! Im Übrigen geht es dabei nicht etwa darum, Kompetenzen oder Aufgaben der Bundespolizei zu erweitern; diese sind abschließend gesetzlich geregelt. Vielmehr gilt es, auf die aktuellen Herausforderungen im Rahmen der bestehenden Zuständigkeiten zu reagieren und die erheblichen Belastungen – auch der Polizei des Bundes – durch zusätzliches Personal auszugleichen.“

Der Hamburger Polizeiausbilder Rafael Behr warnt davor, falsche Hoffnungen mit dem Stellenzuwachs zu verbinden: „Die Bundespolizei ist keine Polizei, die lokal arbeitet und dem Bürger signalisiert, dass er sich in seiner Umgebung sicher fühlen kann. Mehr Bundespolizei heißt vor allem mehr Personal für geschlossene Einsätze, für Spezialeinheiten, für Truppenpolizei“, sagte Behr. „Die Bundespolizei entwickelt sich zunehmend zur Super-Polizei für Extremlagen. Die gibt es aber nicht jeden Tag.“

Hannibal Hanschke / Reuters

Die Bundespolizei als Wahlkampfhelfer

Im vergangenen Bundestagswahlkampf hatten sich sowohl die SPD als auch die Union für mehr Stellen bei der Bundespolizei ausgesprochen. Auch Burkhard Lischka, innenpolitischer Sprecher der SPD-Fraktion im Bundestag, argumentierte in einer E-Mail an BuzzFeed News mit einem „Aufwuchs an Aufgaben“ bei der Bundespolizei: „Bei der Überwachung von Gefährdern, bei der Bekämpfung der Alltagskriminalität, beim Vorgehen gegen zunehmende rechtsextreme Gewalttaten oder beim Schutz der Grenzen, von der hohen Terrorgefahr ganz zu schweigen. (...) Es braucht schlicht mehr Personal, um die Überbelastung des Personals bei der Bundespolizei zu reduzieren“.

Lischka schrieb außerdem, es habe „in den vergangenen Jahren bei der Bundespolizei sehr wohl einen Stellenabbau gegeben: in den Jahren 2009 bis 2016 gab es keinen Ausgleich für altersbedingt ausgeschiedene Beamte“.

Innenministerium widerspricht SPD-Fraktion

Dem allerdings widerspricht das Innenministerium: „Das trifft so nicht zu“, schrieb eine Sprecherin auf Anfrage von BuzzFeed News. „Die Bundespolizei hat von 2007 bis 2016 insgesamt rund 10.400 Polizeivollzugsbeamte eingestellt und ausgebildet. Sie dienten dabei ausschließlich dem Erhalt der Personalstärke der Bundespolizei, gerade wegen des altersbedingten Ausscheidens von Polizeibeamten.“

Konstantin Kuhle, innenpolitischer Sprecher der FDP-Fraktion im Bundestag, forderte, größere Anstrengung in die Ausbildung bei der Bundespolizei zu stecken. „Die FDP befürwortet einen Stellenaufwuchs bei der Bundespolizei. Dieser sagt allerdings noch nichts darüber aus, wie viele Polizeivollzugsbeamte tatsächlich zur Verfügung stehen. (...) Sollten tatsächlich weitere Stellen geschaffen werden, so gehören auch die Ausbildungskapazitäten auf den Prüfstand. Neue Stellen bei der Bundespolizei eignen sich nicht als Wahlkampfschlager für Horst Seehofer und die CSU.“

Ulla Jelpke, innenpolitische Sprecherin der Linksfraktion im Bundestag. / Via ulla-jelpke.de

Deutliche Kritik am Ausbau der Bundespolizei kommt hingegen von der Linkspartei. Ulla Jelpke, innenpolitische Sprecherin der Linken im Bundestag, sagte: „Wir brauchen nicht mehr Stellen bei der Bundespolizei, sondern eine bürgernahe Polizeiarbeit vor Ort, also dort, wo die Bürgerinnen und Bürger einen konkreten Bedarf haben. Ein pauschaler Stellenausbau bei der Bundespolizei hilft dabei nicht. Statt einfach planlos Stellen zu schaffen und Mehrkosten zu verursachen, sollte die Bundesregierung die Polizei erst einmal von völlig sinnloser Arbeit befreien.“ Als Beispiele nannte Jelpke ergebnislose Ermittlungsverfahren wegen angeblich unerlaubter Einreise oder die Entkriminalisierung weicher Drogen.

Die Fraktionen von CDU/CSU, Bündnis 90/Die Grünen und AfD äußerten sich nicht auf unsere Anfrage.

Politisch motivierter Stellenzuwachs?

Ob der Stellenzuwachs bei der Bundespolizei wirklich hilfreich ist, daran hat auch Oliver von Dobrowolski Zweifel. Von Dobrowolski ist selbst Polizist und erster Vorsitzender von „PolizeiGrün e.V.“, einem Zusammenschluss von Polizeiangehörigen, die den Grünen nahestehen. Auf ihn wirkt das Ganze vor allem politisch motiviert – schließlich hatten sowohl SPD als auch Union im Wahlkampf damit geworben.

„Das in jedem Bundestagswahlkampf bediente Thema 'Innere Sicherheit' wird derart bespielt, dass ein Zurückdrängen der Kriminalität und somit mehr Sicherheit für die Bevölkerung über eine personelle Verstärkung 'der Polizei' angepeilt wird. Dass der Bund und die Bundesregierung hier mitnichten aktiv die Polizeien der Länder (also der Polizeikräfte, die vor Ort für die Bevölkerung da sind) beeinflussen können, wird dabei gern unter den Teppich gekehrt.“

Oliver von Dobrowolski / © Linda Köhler-Sandring / Via polizei-gruen.de

Von Dobrowolski weiß aus eigener Erfahrung, dass eine dauerhafte Vergrößerung der Bundespolizei auch die Länderpolizeien entlasten kann, sieht darin aber auch eine Gefahr: „Wenngleich nicht originär zuständig, werden Einheiten der Bundespolizei gern für Unterstützungseinsätze angeboten, vor allem bei Fußballspielen, Demonstrationen und Aufzügen. Für die zuständigen Länder ist dies eine teils enorme personelle Unterstützung, für die Bundespolizei ist es ein perfektes Training unter Echtbedingungen – Win-Win also“, schrieb von Dobrowolski auf Anfrage von BuzzFeed News. „Meines Erachtens werden hier allerdings personelle Defizite bei den Bundesländern überspielt. Gleichzeitig stellt sich die Frage, ob die Bundespolizei so nicht perspektivisch – also wenn die Länder ihren derzeitigen Trend des Personal(wieder)aufbaus konsequent fortsetzen – einen Überbestand an Personal haben wird.“

Mehr Aufgaben durch die Hintertür?

Das könnte nicht nur teuer werden, sondern auch ganz andere Folgen haben. „Denkbar wäre natürlich, diesen Überbestand dann mit einer Ausweitung der Aufgaben und Kompetenzen zu beantworten. Das sehe ich jedoch kritisch, da die Bundespolizei im direkten Vergleich zu vielen Länderpolizeien weniger Kontrolle unterliegt, sowohl parlamentarisch als auch gesetzlich (z.B. durch Kennzeichnungspflicht, externe Beschwerdestellen etc).“

Eine Ausweitung der Aufgaben hält auch Polizeiwissenschaftler Rafael Behr nicht für ausgeschlossen: „Denken Sie mal an 1989, als die Grenzsicherung zur DDR wegfiel. Diese Dienststellen haben auch keine Stellen abgebaut, sondern sich flux andere Aufgaben gesucht. So etwas hat in unserer jüngeren bundesrepublikanischen Geschichte immer stattgefunden. Man hat immer den Bestand erhalten und dann andere Aufgaben gesucht.“

Das Bundesinnenministerium erklärte auf Anfrage von BuzzFeed News, eine solche Erweiterung sei nicht geplant – zumindest noch nicht. „Eine Erweiterung der von der Bundespolizei zu leistenden Aufgaben im Sinne der Übertragung neuer Aufgaben an die Bundespolizei geht mit dem Stellenzuwachs nicht einher. Vielmehr sind bestehende Aufgaben und Zuständigkeiten der Bundespolizei in dem Umfang angewachsen, dass der Personalkörper der Bundespolizei diesem Aufwuchs angepasst werden muss. Dies schließt jedoch nicht aus, dass der Gesetzgeber der Bundespolizei zukünftig neue Zuständigkeiten übertragen könnte.“


So haben wir an diesem Artikel gearbeitet

BuzzFeed News hat für die Auswertung auf Zahlen des Bundesinnenministeriums, Statistiken aus den Jahresberichten der Bundespolizei und redaktionell abgefragte Informationen des Bundespolizeipräsidiums zurückgegriffen. Als Quellen dienten uns auch diverse Antworten der Bundesregierung auf Anfragen von Bundestagsabgeordeten, die auf dem Dokumentenserver des Deutschen Bundestags öffentlich einsehbar sind. Wir haben außerdem mit Politikern, Behörden und Experten über die Zahlen und daraus abgeleitete Thesen gesprochen und sie nach ihrer Einschätzung dazu gefragt. Insgesamt sind für diese Recherche rund drei Wochen Arbeit angefallen.

Die hier zur Verfügung gestellten Zahlen sind nicht dazu geeignet, die berufliche Belastung einzelner Beamtinnen und Beamten zu beurteilen. Sie sind eine statistische Gesamtbetrachtung.

Unsere Quellen

Alle Daten und Zahlen sowie Quellennachweise für die einzelnen Datenreihen finden Sie in der Gesamtübersicht hier.

  • Quellen für die Zahlen zu den Einsätzen für die Bundesländer und für Fußballspiele sowie für angegriffene und verletzte Beamte sind unter anderem die Jahresberichte der Bundespolizei.
  • Quelle für die Anzahl der Beamtinnen und Beamten: Bundestags-Drucksache 19/534 (S. 5).
  • Quellen für das Verhältnis von Planstellen zu besetzten Stellen sind die Bundestags-Drucksachen 19/1377 (S. 18) und die Antwort des Innenministeriums auf eine Kleine Anfrage des FDP-Abgeordneten
  • Quellen für die unbesetzten Planstellen sind die Bundestags-Drucksachen 18/7935 und 19/1377. Quelle für die Angabe zu den erwarteten Ruheständen ist die Bundestags-Drucksache 18/3366.
  • Quellen für die Angabe der Überstunden sind die Bundestags-Drucksachen 19/280 und 18/7935 sowie Auskünfte der Bundespolizeidirektion auf Anfrage von BuzzFeed News.
    (Die Überstundenzahlen lassen sich nicht mit denen früherer Jahre vergleichen, da erst seit 2016 alle Dienststellen an das System zur einheitlichen Erfassung der Arbeitszeitdaten angeschlossen waren. Ergänzend kann die Bundestagsdrucksache 18/10949 hinzugefügt werden; da die dortigen Angaben jedoch das Präsidium und die Akademie der Bundespolizei nicht mit erfassen, die übrigen Zahlen allerdings schon, ist eine unmittelbare Vergleichbarkeit nicht gegeben. Bei der Auswertung des Überstundenaufkommens ist zu beachten, dass manche Zahlen Polizeibeamte und Verwaltungspersonal gemeinsam abbilden. Wir haben daher versucht, nur solche Zahlen in unseren Artikel aufzunehmen, die die acht Bundespolizeidirektionen und die Bundesbereitschaftspolizei abbilden.)

Marcus Engert ist Reporter bei BuzzFeed News Deutschland und lebt in Leipzig und Berlin. Verschlüsselter Kontakt: per Mail mit PGP-Key http://bit.ly/2uy3ai6 oder über die Threema-ID F8H994R7. Signal auf Anfrage.

Contact Marcus Engert at marcus.engert@buzzfeed.com.

Got a confidential tip? Submit it here.